Liebe Malou
Ich bin noch nicht in Tagesform und
möchte mich ein bisschen warm-schreiben. Deine Mails sind so
unregelmässig geworden, dass ich mir schon langsam Sorgen mache. Aber du
wirst bestimmt deine Gründe haben.
Heute Morgen ist in unserer kleinen
Küche das Thema: Fussball. Die Engländer sind offenbar rausgefallen.
Hast du das mitbekommen Malou? Und die Schweden sind dabei, das hatte
ich auch gehört. Unsere Helen vom Sekretariat ist nahe dran, den
Notstand auszurufen. Nein, eigentlich hat sie ihn schon ausgerufen. Sie
denkt, eine WM ohne Engländer sei keine WM. Ich kann ihre Sorgen ein
bisschen nachempfinden. Als die Meldung gestern über das Radio kam, war
eigentlich mein erster Gedanke auch, dass die Engländer doch sonst immer
vorne mitgemischt haben. Aber ich bin nicht gut informiert.
Dabei erinnere ich mich an AT,
meinen Banknachbar in vielen Jahren im Gymnasium. Er hatte einen langen
Schulweg, mindestens 30 Minuten Bahnfahrt. Und das brachte es mit sich,
dass er morgens, wenn wir noch etwas verschlafen in unseren Bänken
sassen, AT immer schon alle Sportresultate der englischen Liga wusste.
Er hat während der halben Stunde von Goppenstein über Hotenn,
Ausserberg, Lalden bis Brig den 'Sport' gelesen, die Zeitung mit allen
möglichen Sportresultaten. Und dabei hat er schon geraucht wie wild. Er
war eigentlich selbst gar kein Sportler, war klein, hager und stand im
Turnen, wenn wir uns zu Beginn aufstellen mussten, am Schluss der Reihe.
Aber er hatte ein gutes Organ. Ich habe dir schon mal erzählt, dass er
meine Witze und Kommentare zum Unterricht, die ich ihm zuzuflüstern
pflegte, lautlachend in die Klasse hinausposaunte.
Ich habe Helen versprochen, dass wir
eine Lösung suchen würden. Und dabei sind mir die Emissionszertifikate
des Umweltschutzes in den Sinn gekommen. Man fängt doch jetzt an, damit
zu handeln. Firmen, die weniger CO2 ausstossen, können ihre Zertifikate
verkaufen an umweltverschmutzendere Firmen. Und so sollte es doch
möglich sein, dass die Schweiz, die ja offenbar 08 automatisch an den WM
dabei sein soll, ihr Recht der Teilnahme an die Engländer
weiterzuverkaufen. Gegen gutes Geld, versteht sich. So sind wir
Schweizer! Aber vielleicht würden mich meine Kompatrioten auch lynchen,
wenn sie hören, was ich hier denke. Nun ja, Fussball ist nicht so
wichtig, auch wenn unser Sepp Blatter da ganz vorne dabei ist und viel
Geld verdient.
Heute Morgen habe ich eine Sitzung
in der Finanzdirektion. Sie liegt ein bisschen weiter unten an der
Rheinstrasse. Und die Eingänge sind gesichert. Es kann also nicht jeder
Passant einfach hinein. Bei unserer Direktion ist das möglich. Nach
diesen tragischen Ereignissen in Zug, als ein Irrer im vollbesetzten
Parlamentsraum herumgeschossen hat, hatte man sich schon Überlegungen
gemacht, wie die Verwaltung zu sichern sei. Aber ich glaube, das ist
alles wieder ein wenig eingeschlafen. Ich werde mich in nächster Zeit
mit einem Psychologen treffen, der sich auf Deeskalation spezialisiert
hat. Bei uns geht es vor allem darum, dass wir wissen, wie wir Leute
beruhigen können, die sich wegen irgend einer Frage erregt haben. Ich
denke, ich organisieren mal einen Kurs für meine Leute.
Eigentlich ist es fahrlässig, keine
Sicherung einzubauen. Irgend einmal wird wieder ein Irrer auftauchen und
eine Katastrophe veranstalten. Man kann das heute nicht mehr
ausschliessen. Es leben auch viele Leute hier in der Schweiz, die Krieg
und Greuel erlebt haben. Für sie sind solche Ereignisse nicht dasselbe
wie für uns. Ich meine, für sie sind blutige Katastrophen Teil ihres
innersten Seelenlebens. So müsste man es irgendwie sagen. Und das macht
sie gefährlich.
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Ich wünsche dir einen schönen Tag.
Liebe Gs und Ks in Qs
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