Montag, 10. Februar 2020
Thema Gewalt
Lieber ...
Schon wieder dieser wild herumflatternde Engel, der dich
bei der Arbeit stört. Sorry! Ich möchte das doch wirklich nicht.
Aber es ist ein grosses Abtenteur in dieses "... temps perdu"
hinunterzusteigen. Und ich glaube, genau wie Prousts Roman
immer noch die Menschen fesselt, so würde sie auch diese
etwas modernere "Recherche .. " interessieren können.
Ich finde so viel Schönes bei diesem Vorhaben.
Um das Datum eines Mails zu sehen, muss ich es jeweils
öffnen.. und dabei bleibe ich manchmal etwas hängen und
geniesse.. ja das ist das richtige Wort. Es tut richtig gut das
wieder zu lesen. Hätte ich nicht gedacht. Hier nochmals eine
kleine kostprobe, diesmal von dir:
"Manchmal halte ich mich auch in diesen meinen besten Jahren
noch für ziemlich dumm. Ich meine, einfach ungeschickt, unvoll-
kommen, anfängerhaft! Das ist ja kein besonders gutes Gefühl,
aber ich glaube, das geht allen Menschen, die mit sich ehrlich
sind, mehr oder weniger so. So wünsche ich Dir zur neuen Runde
der Klugheit alles Gute, meine liebe Marlena, und ich hoffe, dass
wir mit maximal einem Streit pro Jahr im Durchschnitt durch-
kommen. Das ist nicht zuviel und belebt die Gefühle. Du wirst
lachen auf den Stochzähnen, nehme ich an, denn ich erinnere
mich, wie Du einmal ungläubig reagiert hast, als ich gesagt hatte,
wie harmoniebedürftig ich eigentlich sei. Und das ist wirklich so.
Ich streite sehr ungern, obwohl ich mich dann doch sehr leicht
hineinsteigere, und ich es nicht bei der nüchternen, kleinen
Aggression belasse, die eigentlich sehr wohl genügen würde.
Apropos Streit. Ich lese gerade ein Büchlein für Jugendliche
über Gewalt. Der Autor macht eine scharfe Trennung zwischen
Aggression und Gewalt. Das ist zwar nicht ganz neu für mich,
in dieser Klarheit aber eben doch bemerkenswert. Aggression
bezeichnet er für das Bemühen, die eigenen Grenzen zu vertei-
digen. Es geht also um mich und um sog. Ich-Botschaften. Ich
versuche zu sagen, weshalb ich ein Verhalten des anderen nicht
akzeptieren kann, weshalb es mich ärgert, weshalb ich mich
verteidige. Dabei kann ich auch laut und eben aggressiv werden.
Aber ich brauche den anderen deswegen nicht anzugreifen. Ein
Angriff würde in den meisten Fällen eine Eskalation bringen.
Das wäre Gegengewalt auf Gewalt. Aber Aggression ist legitim
und wichtig, um die eigene Souveränität zu bewahren. Einziges
Problem liegt darin, dass viele Leute Aggression schon wieder
als Gewalt betrachten, und darauf hilflos reagieren.
Du siehst, ich bin immer noch beim Thema Gewalt. Ich muss den
Artikel dieses Wochenende schreiben. Aber weil ich gestern noch
ca. 40 Bücher zu rezensieren geholt habe und weil darunter dieses
kleine Aufklärungsbuch über Gewalt war, so bin ich immer noch
daran, zu lesen und Material zu sammeln."
*
Grüsse dich nochmals lieb
Sonntag, 9. Februar 2020
Auslöschen
Lieber ...,
Du kannst dir garnicht vorstellen welch merkwürdiges und genussvolles Gefühl es ist diesen Dokumentzerstörer zu betätigen. Dabei wünsche ich man könnte dasselbe mit einigen Erinnerungen tun. Und so ist es ja fast auch. Einiges, was ich nun auf Papier wiederfinde und ins Gedächtnis zurückhole, wird dann für immer ausgelöscht sein. Und es rasselt so herrlich... :-) Ich habe den Eindruck, dass ich ein wildes Tier füttere. ...
...
Re: Zerstörer
Liebe Malou
Ja, du lobst deinen Shredder. Und du weisst vielleicht nicht, dass ich in einem ähnlichen Fahrwasser treibe. Ich muss ja doch zuhause aufräumen. Und ich muss im Büro aufräumen. Und damit meine ich jetzt nicht bloss, die Dinge in Ordnung bringen, sondern recht eigentlich sichten und nur die wichtig- sten Dinge behalten. Wirklich nur die allerwichtigsten. Und welche sind die Wichtigsten? Es ist einfach enorm, wie man mit der Zeit an diesen Dingen hält und immer das Gefühl hat, man könne dieses oder jenes noch brauchen. Nein, ich muss wirklich radikale Häutungen vornehmen. Ich brauche eine neue Haut. Es geht nicht anders. All das Zeug wiegt so schwer. Ein leeres Büro wäre eine Wohltat. Ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, wie das aussehen würde.
Deshalb beneide ich dich ein bisschen um deinen "Zerstörer", auch wenn das Wort ganz kriegerisch und eben zerstörerisch klingt. Es klingt unheilvoll. Desktruktiv. Shredder ist doch besser als Wort.
Heute haben wir hier nahezu Frühlingswetter. Es riecht so wie rund um die Fasnachtszeit. Aber es ist warm, um die 15° habe ich gehört. Irgendwie ist es schade, dass es keinen richtigen Winter mehr gibt. Und das nicht wegen des Winters, sondern wegen des Sommers. Man schätzt doch den Frühling ganz anders, wenn man lange auf ihn gewartet hat. Nein, es ist ganz unheilvoll mit diesen neuen Temperaturen.
Und jetzt willst du mir Standard-Tagebuch schicken. Ein Commouniquée??
Mit lieben Gs und Ks und im Qs Umfang
...
Samstag, 8. Februar 2020
Ausrede ? :-)
subject Ausrede? :-)
Lieber ...,
Nur allzu gern hätte ich gestern den von dir vorgeschlagenen Spaziergang mit dir gemacht. Uns bleibt aber nur diese Chatvariante. Das ist auch nicht schlecht, aber nachher fühle ich mich meistens ziemlich traurig, denn ich glaube nicht, dass ich die Möglichkeit habe "etwas zu retten", wie du es nennst. Und was wolltest du sollte ich retten? Deine Ehe? Deinen Wunsch getrennt zu leben? Es wäre bedeutend leichter für mich, wenn ich nur DEIN Bestes vor Augen hätte und vielleicht sollte ich dich in deinen eigenen Wünschen mehr unterstützen. Aber ich kann nicht deine Familie vergessen. Auch sie leidet sehr unter der gegenwärtigen Situation. Bitte, sag mir was du von mir erwartest.
Ich danke dir für alle schönen Worte zu meinem französischen Mail. Genau so möchte ich alle Mails bezeichnen, die du mir in den Jahren gesandt hast.. na ja, bevor du "mental ausgewandert" bist. Es ist wirklich etwas erstaunlich, wie eine Sprache auch unser Denken beeinflussen kann. Sie ist nicht nur ein Werkzeug unsere Gefühle zu vermitteln, sie ist auch mitschöpferisch.
Ja, ich weiss, mein Deutsch ist sehr nüchtern und prosaisch. Ich habe es einmal sehr bemerkt, als ich dasselbe erzählt habe auf Schwedisch, Deutsch und Englisch (nicht einmal Französisch ;-) und ich habe gedacht, diese Briefe sind als wären sie von ganz verschiedenen Personen geschrieben. Im Deutschen fehlen mir die idiomatischen Ausdrücke, die dem Bild Farbe und Intensität verleihen. Manchmal suche ich im Wörterbuch nach solchen, aber sie sind nicht leicht zu finden, denn jede Sprache hat ihr eigenes Gut.
OK... wenn ich nicht gerade in Eile wäre, hätte ich vielleicht auch diesen Text etwas anders gestaltet.
Schreib mir, ... . Lass bitte bald wieder von dir hören.
Ich wünsche dir einen schönen angenehmen Tag.
Mit GuK
Marlena
Sonntag, 2. Februar 2020
Bald Fasnacht
Liebe Malou
(---)
Jetzt ist die Direktionssitzung
vorbei. Es war etwas viel Gerede. Ich glaube, der Chef geniesst es ab
und zu, mit seinen Leuten zusammenzusitzen um ein Gefühl der Gemeinsamkeit entstehen zu lassen. Er macht dann viele komische
Bemerkungen und die Lacher seiner Mitarbeiter sind dann wie Medizin für
ihn. Natürlich gibt es Leute, die immer besonders früh und besonders
laut lachen. Ich gehöre nicht dazu. Aber wenn es wirklich lustig ist,
lache ich durchaus und gerne mit. Nicht immer aber ist es lustig.
---
Heute ist es regnerisch hier im Raum Basel, aber nicht sonderlich kalt. Irgendwie merkt man in der Luft, dass die Fasnacht nicht allzu weit ist. Liegt es am Licht? An den Temperaturen? An den Menschen? Es scheint mir ganz deutlich, dass die Tage wieder länger werden und die Temperaturen ansteigen, obwohl, wie wir wissen, diese Temperaturen schon generell etwas zu zu hoch sind. In einer Woche machen die Basler ihre Fasnacht.
Heute ist es regnerisch hier im Raum Basel, aber nicht sonderlich kalt. Irgendwie merkt man in der Luft, dass die Fasnacht nicht allzu weit ist. Liegt es am Licht? An den Temperaturen? An den Menschen? Es scheint mir ganz deutlich, dass die Tage wieder länger werden und die Temperaturen ansteigen, obwohl, wie wir wissen, diese Temperaturen schon generell etwas zu zu hoch sind. In einer Woche machen die Basler ihre Fasnacht.
Vielleicht stehe ich früh auf und
schaue mir den Morgenstreich an. Ich habe ihn erst einmal im Leben
gesehen. Damals war ich mit meinem Vater von Visp nach Basel gereist.
Hat mir aber wegen der vielen Menschen und dem Gedränge nicht gefallen.
Es gab soviele Leute, dass die Schaufensterscheiben eingedrückt worden
sind. Und ich als kleiner Knirps war irgendwie mitten im Getümmel und
tief unten zwischen den Hintern und Bäuchen anderer Leute. Das war
wirklich nicht besonders.
Und bei euch. Habt ihr Fasnacht? Ich
glaube nicht, dass du davon je erzählt hättest. Nicht wahr? Jedenfalls
wünsche ich dir eine gute Zeit.
Liebe Gs und Ks
...
Dienstag, 28. Januar 2020
Dunkelstunden

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.
Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Aus: Das Stundenbuch / Buch vom Mönchischen Leben (1899)
Sonntag, 26. Januar 2020
Mittwoch, 15. Januar 2020
Friedhof Montparnasse
Liebe Marlena
---
Als wir vor einigen Jahren die ganze Familie in Paris
weilten, besuchte ich den Friedhof Montparnasse.
Allerdings allein, denn zu einem solchen Unternehmen
konnte ich schwerlich die ganze Familie mitnehmen.
Ich fuhr also mit der Metro zur Gare Montparnasse und
fand bald darauf die hohe Friedhofmauer. Sartre und die
Beauvoir hatten eine zeitlang hier in der Nähe gewohnt.
Vor allem aber wollte ich das Grab sehen, wo sie beide
liegen. Das war etwas merkwürdig, weil ich ja sonst
kaum auf einen Friedhof gehe. Man ist ein bisschen
unsicher in der Gefühlslage. Soll man bedrückt dahin-
wandeln, oder kann man durchaus vergnügt und
selbstverständlich durch die schmalen Kieswege
gehen und nach den Gräbern Ausschau halten wie
nach alten Freunden.
Ich habe sie gefunden, Sartre und Beauvoir, sie liegen
gleich beim Eingang rechts, an der Mauer. Das Grab
ist sehr einfach. Doch weil ich schon einmal dort war,
suchte ich auch das Grab von Becket, und fand
nebenbei noch jenes von Gainsbourg.
Dort, rund um einen riesigen Marmorblock, turnten
nämlich ein Paar junge Mädchen herum und rauchten
wie die Kamine. Sie passten echt zum dekadenten
Gainsbourg. Kennst du seine Musik, Marlena? Sie ist
ja sehr sensibel und kreativ, muss ich zugeben. Aber
als Typ war er ein bisschen verdorben, zu artistisch.
Es war ihm geradezu ins Gesicht geschrieben.
Und ein paar Schrittte weiter lag ein einfaches Grab
von Samuel Becket, einem der grössten Dramatiker
unserer Zeit. Es kam mir vor wie eine grosse, kühle
Schutzhülle, etwas abweisend und still vor sich hin
liegend.
Sartre war also ein Ziel. Du kennst vielleicht
die Sehnsüchte und Vorstellung von pupertären
Gymnasiasten. Ich habe mir damals nie und nimmer
vorgestellt, dass ich einmal so konventionellerweise
arbeiten würde, so von 8 bis 12 und von 14 bis 18
Uhr. Nie im Leben, doch nicht ich. Aber so etwas
wie Sartre getan hat, so etwas hätte ich mir vorstellen
können. Lesen, schreiben, lieben, protestieren, reisen,
wieder schreiben, wieder lesen und so weiter, immer
im Kreis herum.
Und jetzt sitze ich hier in einem Büro (nun ja, sagen wir
eine kleine Bibliothek) der öffentlichen Administration,
des öffentlichen Dienstes, wie es in Deutschland so schön
heisst, und arbeite von 8-12 und von 14bis 18Uhr. Und
alles ist so gewöhnlich und so grau wie rundum hier,
ausser dass ich eine sensationelle geheime Mailfreund-
schaft habe, die mich lebendig und am Leben behält.
Ach, sowas hatten wir uns vorgestellt: Schriftsteller,
Philosoph, Journalist, öffentliche Figur, dessen Meinung
die Leute in Aufregung und Politiker in Nervosität bringt.
Ein romantisches und kreatives Leben, so habe ich es
mir ausgemalt, wenn ich es mir überhaupt ausgemalt
habe. Ein Leben in den Cafés, zwischen Whisky und
einer intellektuellen Geliebten hin und her pendelnd,
gut aussehend und schlimm lebend, bleich, aber
interessant. Wenn ich heute daran zurückdenke, muss
ich lachen. Es waren natürlich wunderbare Zeiten.
Aber wir waren nicht von dieser Welt. Wir hatten keine
Ahnung vom Leben. Wir waren kleine Träumer.
Und jetzt soll es eine Sartre Revival geben. Sie
entdecken ihn wieder, wie auch seinen Gegenspieler
Camus. Der Ernst des engagierten Lebens kehrt wieder.
Man hat Sartre zwar unterdessen einiges vorgeworfen,
dass er ein Antisemitismus-Gewinnler wäre, und dass
die Résistance immer auch ein bisschen kollaboriert
habe. Aber Sartre wurde doch nie zu einem französischen
"Fall Heidegger".
---
Abonnieren
Posts (Atom)

