Mittwoch, 15. Januar 2020

Friedhof Montparnasse




Liebe Marlena 

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Als wir vor einigen Jahren die ganze Familie in Paris
weilten, besuchte ich den Friedhof Montparnasse.
Allerdings allein, denn zu einem solchen Unternehmen
konnte ich schwerlich die ganze Familie mitnehmen.
Ich fuhr also mit der Metro zur Gare Montparnasse und 
fand bald darauf die hohe Friedhofmauer. Sartre und die
Beauvoir hatten eine zeitlang hier in der Nähe gewohnt.
Vor allem aber wollte ich das Grab sehen, wo sie beide
liegen. Das war etwas merkwürdig, weil ich ja sonst
kaum auf einen Friedhof gehe. Man ist ein bisschen
unsicher in der Gefühlslage. Soll man bedrückt dahin-
wandeln, oder kann man durchaus vergnügt und
selbstverständlich durch die schmalen Kieswege
gehen und nach den Gräbern Ausschau halten wie
nach alten Freunden.
Ich habe sie gefunden, Sartre und Beauvoir, sie liegen
gleich beim Eingang rechts, an der Mauer. Das Grab
ist sehr einfach. Doch weil ich schon einmal dort war,
suchte ich auch das Grab von Becket, und fand
nebenbei noch jenes von Gainsbourg.
Dort, rund um einen riesigen Marmorblock, turnten
nämlich ein Paar junge Mädchen herum und rauchten
wie die Kamine. Sie passten echt zum dekadenten 
Gainsbourg. Kennst du seine Musik, Marlena? Sie ist 
ja sehr sensibel und kreativ, muss ich zugeben. Aber
als Typ war er ein bisschen verdorben, zu artistisch.
Es war ihm geradezu ins Gesicht geschrieben.
Und ein paar Schrittte weiter lag ein einfaches Grab
von Samuel Becket, einem der grössten Dramatiker
unserer Zeit. Es kam mir vor wie eine grosse, kühle
Schutzhülle, etwas abweisend und still vor sich hin
liegend.
Sartre war also ein Ziel. Du kennst vielleicht
die Sehnsüchte und Vorstellung von pupertären
Gymnasiasten. Ich habe mir damals nie und nimmer
vorgestellt, dass ich einmal so konventionellerweise
arbeiten würde, so von 8 bis 12 und von 14 bis 18
Uhr. Nie im Leben, doch nicht ich. Aber so etwas
wie Sartre getan hat, so etwas hätte ich mir vorstellen
können. Lesen, schreiben, lieben, protestieren, reisen,
wieder schreiben, wieder lesen und so weiter, immer
im Kreis herum.

Und jetzt sitze ich hier in einem Büro (nun ja, sagen wir
eine kleine Bibliothek) der öffentlichen Administration,
des öffentlichen Dienstes, wie es in Deutschland so schön
heisst, und arbeite von 8-12 und von 14bis 18Uhr. Und
alles ist so gewöhnlich und so grau wie rundum hier,
ausser dass ich eine sensationelle geheime Mailfreund-
schaft habe, die mich lebendig und am Leben behält.
Ach, sowas hatten wir uns vorgestellt: Schriftsteller,
Philosoph, Journalist, öffentliche Figur, dessen Meinung
die Leute in Aufregung und Politiker in Nervosität bringt.
Ein romantisches und kreatives Leben, so habe ich es
mir ausgemalt, wenn ich es mir überhaupt ausgemalt
habe. Ein Leben in den Cafés, zwischen Whisky und
einer intellektuellen Geliebten hin und her pendelnd,
gut aussehend und schlimm lebend, bleich, aber
interessant. Wenn ich heute daran zurückdenke, muss
ich lachen. Es waren natürlich wunderbare Zeiten.
Aber wir waren nicht von dieser Welt. Wir hatten keine
Ahnung vom Leben. Wir waren kleine Träumer.

Und jetzt soll es eine Sartre Revival geben. Sie
entdecken ihn wieder, wie auch seinen Gegenspieler
Camus. Der Ernst des engagierten Lebens kehrt wieder.
Man hat Sartre zwar unterdessen einiges vorgeworfen,
dass er ein Antisemitismus-Gewinnler wäre, und dass
die Résistance immer auch ein bisschen kollaboriert
habe. Aber Sartre wurde doch nie zu einem französischen
"Fall Heidegger".
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