Sonntag, 5. Januar 2020

3. Januar



Datum : Thu, 03 Jan

Liebe Marlena
Nun hat das neue Jahr endgültig begonnen. Und es ist
schön zu hören, wie feierlich und vergnügt ihr diesen
Übergang geschafft habt.
(...)
Und jetzt bin ich  bereits um 0615h im Büro. Es wird auch heute noch
einen ruhigen Tag geben, denn gestern waren doch noch viele Geschäfte geschlossen und so auch die Büros der Verwaltung. Ich hätte also ruhig zuhause bleiben können. Aber ich mag es besonders, an solch ruhigen Tagen hier zu sein und in aller Ruhe Artikel und Papiere zu lesen, für die ich sonst niemals Zeit hätte. Ich habe den Eindruck, die intellektuelle Arbeit verträgt nicht viel Zeitdruck. Man sieht es an unseren Zeitungen. Sie entstehen unter soviel Pressionen, was die Zeit und was das Angebot an Infos betrifft. Das hat mit Intellektualität wenig mehr zu tun. Es ist mehr ein Selbstverteidigungskampf. Und ein Markt dann ebenso.
Es ist lustig, ich habe oft ein Bild aus meinen Jugendzeiten, das mir aufkommt. Wir hatten in der Schule in Brig im alten Kollegiumsgebäude einen langen grossen Gang. Er war vielleicht mehr als 2m breit, mit einem Granitbogen. Und die tiefen Fensternischen bildeten je ein kleines Abteil, wo wir am Morgen früh, um nicht in der Kälte stehen zu müssen, am Fensterbrett lehnten und unsere Lateinvokabeln repetierten. Es ist eine Atmosphäre, wie man sie oft in den Wandelgängen der Klöster findet, einen architektonischen Typus, den ich überaus gerne mag.

Kollegiumskirche Brig
In diesem Gang, an dessen Ende eine Tür in die Sakristei der Kirche führte, wie ich annahm (durch die ich in meinem Leben aber nie gegangen bin; was sollte ich auch in einer Sakristei der Kollegiumskirche?), und durch die die Internatsschüler am frühmorgens um 0600 - vor dem Morgenstudium - wohl jeweils in Zweierkolonne in die Frühmesse geführt worden waren, in diesem Gang gingen oft einzelne Lehrer, also Patres, in gemächlichem Schritt auf und ab, um das Brevier zu lesen. Es gab gleich vor dem Gebäude und parallel zu diesem Gang im Garten noch einen mit einem Rosenspalier gesäumten Weg, den sie in den Sommermonaten benutzten. Dieses kontemplative peripathetische Gehen kam mir anfangs als Junge komisch vor. Doch insgesamt hat es mich wohl tief beeindruckt als eine Geste der Zwiesprache mit sich selbst. Und wenn ich irgend ein Problem oder eine Frage zu wälzen habe, dann liebe ich es heute überaus, auf und ab zu gehen. Ich hasse kleine Räume und bin überzeugt, dass in kleinen Räumen keine grossen Ideen entstehen können. Ich gehe auf und ab auf dem Bahnhof, wenn ich auf den Zug warte. Ich gehe im Büro, diagonal, auf und ab. Ich tue dasselbe in unserer Stube. Ich mag es, wenn ich am Donnerstag beim Weekly mit Walter zusammen sitze, plötzlich aufzustehen, und für eine Weile auf und ab zu gehen. Ja ich habe manchmal, wenn ich lese und einen spannenden Gedanken finde, plötzlich das starke Verlangen, auf und ab zu gehen. Es muss einer meiner Tics sein, dieses Auf- und Abgehen. Eine kleine Manie.
Und früher, als es noch Sekretärinnen gab, denen man Briefe und Texte diktieren konnte, da gab es die sinnvolle Gelegenheit, auf und ab zu gehen. Das waren noch herrliche Zeiten, und damals waren Briefe noch hübsch und byzantinisch formuliert. Dieses habe ich mir zwar immer als eher komische Situation fantasiert: der Chef, der im Büro auf und ab geht und die Sekretärin, die in Eile seinen Gedankenfluss protokollieren soll. "Zum Diktat", das war damals für Sekretärinnen ein finster klingender Drohruf und Grund genug, um nervös nach Stenographieblock und Stift zu suchen. Ich glaube, die Generation meines Vaters war mit solchen Situationen durchaus noch vertraut. Und meine erste Sekretärin, ich wette darauf, hatte in ihren früheren Jahren noch Diktat beim Chef. Die Männer sassen noch nicht am PC, wie wir das tun. Sie hätten so etwas als absolut "weibisch" und als eines Mannes unwürdig empfunden. Denn die Arbeitsteilungen waren absolut klar und geradezu feudalistisch.
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Heute ist das Tea Room gegenüber wieder offen. Der Zahnarzt von gegenüber sitzt in der Ecke am Fenster, trinkt seinen Kaffee, raucht seine erste Zigarette und blättert in der Zeitung. Kürzlich, als er mich am Fenster erwischt hat, habe ich ihm zugewunken. Ich war erstaunt, dass er realisiert hat, dass ich ihn meinte. Er war früher einmal für eine kurze Zeit als Präsident der Liestaler Schulbehörde tätig. Damals hatten wir gelegentlich zusammen zu tun. Und seine Frau, eine Juristin, war über einige Jahre im Regionalparlament als Abgeordnete und war auch Präsidentin der GPK, einer Kommission, die die Aufgabe hat, die Verwaltung zu kontrollieren. Doch heute arbeitet sie als Gerichtspräsidentin. Wahrscheinlich hat sie ihrem guten Ehemann verboten, morgens schon in der Küche eine Zigarette zu rauchen. Deshalb wohl weicht er ins Tea Room aus. Und einige Minuten vor 0800h eilt er dann hinüber in seine Praxis, wo seine hübschen Assistentinnen alles bestens und sorgfältig vorbereitet haben, und wo der Patient auf dem Marterstuhl schon mit offenem Mund wartet. Ach, Zahnarzt sollte man sein. Gerade jetzt, um 0750h, verlässt er das Tea Room und geht!
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Ich glaube, heute ist doch ein regulärer Arbeitstag. Hier bei uns ist die erste Sekretärin eingetrudelt. Und soviel ich weiss, haben die Schulen heute ihren Betrieb wieder aufgenommen. Schön gesagt, nicht wahr "den Betrieb aufnehmen".
Ich hoffe, Du hast diese Woche noch frei und fängst erst am Montag an. Ich beneide Dich, wie Du dich frei und erlöst fühlen kannst. Das tue ich eigentlich kaum. Es geht weiter, wie es vorher war. Ich sehe da mit dem neuen Jahr keinen Unterschied.
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So wünsche ich Dir noch einige ruhige und kalte Sonnentage.
Mit einem lieben Gruss
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