Sonntag, 19. August 2018
Unser Picknick
Ämne: nochmals ohne Bild
Datum: den 25 augusti 10:52
Liebe Marlena
Eigentlich sollte ich nun meine Dinge vorbereiten für den Montag. Aber
ich schreibe Dir rasch. Ich weiss gar nicht, ob am Samstag irgend ein Mail
ab ist. Alle sind sie wieder zurückgekommen, wenn ich eine Zeichnung
angehängt habe. Es sollte nicht sein. Oder ist doch irgend ein Mail
angekommen?
*
Ja, unser Picknick war eigentlich ganz einfach. Wir hatten die Zeit ab 17h
angesetzt, also noch fast mitten im Nachmittag. Wir kamen etwa um 17.30h an,
und weil ich noch einige Flaschen Wein für einen Apero eingepackt hatte,
nahm ich mir das Recht heraus, bis fast zum Feuerplatz mit dem Auto zu
fahren. Meine Kolleginnen und Kollegen waren schon auf dem Weg und trugen
ihre Campingstühle. Wir haben ihr Gepäck eingeladen, um ihnen den
Spaziergang etwas zu erleichtern.
J. und K. hatten schon ein tüchtiges Feuer vorbereitet und einen grossen
Rost bereitgestellt. So servierte ich den Leuten, die alle fast
gleichzeitig da waren, die 4 Flaschen Chardonnay. Der Tropfen war gut,
eiskalt, wie er sein sollte. Und J. brachte dazu ein Tipe (heisst das so,
schreibt man das so?) und Knabberzeug, wie es sich für eine Stehparty
gehört.
Dann gingen wir allmählich ans Braten. Der Rost war schliesslich voller
saftender Nierstücke, einige Würste und auch einige andere Dinge. Was ich
noch nie vorher gesehen hatte war ein Schlangenbrot, ein klebender Teig, den
man um einen Ast wickelte und so über dem Feuer backen konnte.
Es gab auch zwei kleine Mädchen dabei. B. hatte ihre Tochter und Freundin
mitgebracht. Sie genossen diese Knabbereien besonders und kicherten auf der
Wolldecke herum. S. kam in Krücken an. Sie hatte im Januar einen Unfall
gemacht und ist seither Rekonvaleszentin. Wir haben sie dann mit dem Auto
zurückgenommen, damit sie nicht spätabends noch mehr als eine halbe Stunde
durch die dunkle Nacht hinken musste.
Von unserem Platz gab es eine wunderschöne Sicht hinunter auf Basel un
hinüber ins Elsass. Das Wetter war gut, etwas dunstig, so dass der
Schwarzwald und die Vogeesen nicht allzu deutlich vor der untergehenden
Sonne erschienen.
Ach, es war nicht schlecht, unser Picknick, und es war um vieles besser, als
ich es erwartet hatte. Ich hatte nicht besonders viel Lust an diesem Abend,
noch da hinauf zu fahren. Aber zum Schluss ergab sich ein ziemlich
friedlicher, ruhiger und gemächlicher Abend. Epikuristisch, sozusagen!
Jetzt gehe ich an die Arbeit.
Mit einem sonntäglichen Kuss
...
Samstag, 18. August 2018
Noch 15 Minuten ...
Datum: den 23 augusti 16:29
Liebe Marlena
Jetzt habe ich noch 15 Minuten, dann muss ich weg. Wir haben heute abend
ein Büro-Picknick. Ich habe eine wunderschöne Stelle ausgekundschaftet,
von wo man hinunter nach Basel und ins Elsass sieht. Das Wetter scheint
auch einigermassen mitzumachen.
Mindestens regnet es nicht, und der Boden ist wieder trockener geworden.
Ich glaube, das wird ganz gut. Allerdings muss man vom Parkplatz noch 10
Minuten zu Fuss gehen. Das ist die einzige Hürde. Ich hoffe es wird gut.
Ich habe fast den ganzen Nachmittag Illustrationen gemacht für unsere
Ausstellung. Sie sind nicht schlecht gelungen. Ich glaube, ich war in
einem früheren Leben ein Zeichner ;--)). Ich schicke Dir ein Muster, wenn
es mir gelingt.
Ach ja, die Inkompatibilität, Zerrissenheit eines leidenschaftlichen
Epikuräers. Wenn man dogmatisch denkt, ist das vielleicht ein Widerspruch
in sich selbst. Doch, weshalb sollte man eine Leidenschft nicht geniessen
können. Hat er ja irgendwie gemacht. Im Grunde ist es vielleicht der
Widerspruch zwischen Unersättlichkeit und Mässigung. Das vielleicht ist
der grösste Kontrast in den beiden Vorstellungen. Aber ich glaube, mit ein
bisschen gutem Willen geht das auch zusammen. Man kann eine Frau
leidenschaftlich lieben und das alles auch noch geniessen. Natürlich denkt
Epikur, man kann die Lüste nur geniessen, wenn man sie auch moderiert und
einschränkt. Er war niemals ein ungezügelter Lebemensch, wie man es ihm
von den Gegnern vorgeworfen hat. Also, Marlena, was mich betrifft, so sehe
ich darin kein Problem. Ich geradezu von mir selbst sagen, ich sei ein
épicurien passionné. Oder so ähnlich.
7,5 Minuten sind schon um.
Ja, kann ich mir vorstellen, dass es in Deinem Haus etwas ruhig wird.
Obwohl Anna bestimmt nicht zu laut war. Ich erinnere mich, wie ich als
Junge es liebte, allein im Haus zu sein. Dann hörte ich laute Musik, am
liebsten Opernarien. Wir hatten nur eine oder zwei Platten, aber ich
spielte sie immer wieder und liess mich von dieser Musik bis zur
Zimmerdecke hieven. Auch heute tue ich das oft. Haute habe ich viel
Auswahl, und in unserem grossen Raum klingt das mächtig und mitreissend.
Und bei einem Glas oder zwei ist man dann völlig hin.
Ich habe eine lustige Erinnerung. Als ich noch in Olten gearbeitet habe,
war ich bekannt mit einem katholischen Priester. Er galt als
künstlerischer Typ, war ein Pionier in der Drogenarbeit gewesen, hatte
selbst mit der Gitarre auf der Bühne gestanden, um die Kinder und
Jugendlichen damals mitzureissen. Gleichzeitig wollte er sie von den
Drogen abhalten. Er war ein Mann der grossen Gesten. Wir sassen zusammen
in der Kantonalen Kommission für Drogenfragen, und er konnte ganze Stunden
reden und referieren und erzählen und gestikulieren, so das wir übrigen
die Zeit und die Arbeit völlig vergassen. Und lustig bei all dem war, dass
er mich oft vor der Sitzung rasch beiseite nahm und mir vorschlug, noch
ein Bier zu trinken. Später hörte ich, dass er viel zu viel getrunken
hatte.
Aber nicht das wollte ich erzählen. Als der Eishockey Club Olten einmal in
einer schwachen Phase war und einen Match nach dem anderen zu verlieren
schien, holte man eben diesen Kaplan F. Und was tat der gute Kerl. Er
bombardierte die Spieler vor dem Match mit Beethoven - Musik in äusserster
Lautstärke. Sie sollten nicht mehr miteinander plaudern oder reden können.
Nur die Pointe kann ich nicht erzählen. Denn ich weiss nicht, ob die
Oltener dann gewonnen haben oder nicht. Aber irgendwie wurde mir die
Geschichte als Win-Geschichte erzählt.
So, und nun wünsche ich Dir ein gutes Wochenende. Dann ist Dein Haus ja
auch wieder voll und Du kannst Dich von der Woche erholen.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Mit einem lieben Gruss
...
Das Mail ist von deiner Box nicht akzeptiert worden.
Ich versuche, die Zeichnung in den fotofolder zu legen.
Mittwoch, 15. August 2018
Re: Sempé und Stendhal ... plus Francis Grand Clément
Ämne: Do? Frei?
Datum: den 23 augusti 00:05
Lieber ...,
Wieder einmal spät, leider. Denn je später der Abend desto müder der Kopf.. Ich beneide dich um die Kunst eine Weile schlafen zu können und dann wieder munter zu sein. Wenn ich mich am Tag schlafen lege dann kann ich nicht sofort wieder aufwachen und wenn ich es schliesslich tue dann habe ich nur einen Wunsch, nämlich sofort wieder weiterzuschlafen.
Anna hat die vorige Nacht nur eine Stunde geschlafen, zwischen 5.00 und 6.00 Uhr. Aber sie darf ja nicht den Unterricht verpassen und so hat sie auch heute den ganzen Tag fleissig gearbeitet. Zuviel Kaffee und zu viel Mathematik spät am Abend gab sie die Schuld. Und sie meint sie wäre in den zwei letzten Tagen richtig abgemagert - hätte nun die reinste Wespentaille. Nun ja, das hat sie sich ja immer schon gewünscht aber ich bin doch etwas unruhig dass sie mir bald verschwindet. So habe ich heute Wildfleisch gebraten (Hirsch, Elch und Renntier soll es sein) und die Hälfte davon eingefroren für sie. So braucht sie nicht jeden Tag Zeit fürs Kochen zu verschwenden. Ich sehe ein dass das Wort nicht richtig hierher passt.
Als ich einkaufen war sass wieder einmal Anna G., eine meiner Schülerinnen, die im Juni das Abitur gemacht hat, in der Kasse. Und ich meinte "Was, du sitzt immer noch hier?" und sie sagte dass es nur zufällig sei. Sie hat schon an der Uni begonnen - und studiert - Französisch. Das hat mich wirklich gefreut und ich habe gedacht dass ich schon viele Studenten an die Uni geliefert habe. Und dann lachte sie und sagte dass sie jetzt den "Petit Prince" lesen. Über den hatten wir uns in einer Stunde am Ende gut unterhalten.
Der Mond schaut wieder zum Fenster herein. Diesmal leuchtet er intensiv, aber nicht mehr rot wie gestern.
Es war wieder ein ganz heisser Tag und ältere Herren laufen in kurzen Hosen herum. Das habe ich wirklich noch nie erlebt zu dieser Jahreszeit. Sogar oben in Kalix wo 12 Grad um diese Zeit wohl normal wäre, haben sie bis zu 25 Grad warm. Schade dass ich das nicht erleben kann.
Das Unvereinbare sind "épicurien" und gleichzeitig "passionné". Beide suchen Genuss, aber der frühere hat als Ziel stille Zufriedenheit, der andere zermürbende Leidenschaft. Was denkst du davon? Aber ich glaube du kennst dich auf diesem Gebiet besser aus als ich ;-) Stendhal hat auch ein Buch
über die Liebe geschrieben wo er sie wissenschaftlich untersucht fast wie ein Mathematiker. Vier Sorten von Liebe unterscheidet er. Und die Geburt der Liebe umfasst sieben Phasen: die wichtigste ist die "cristallisation", ein wahres psychologisches Gesetz von S. entdeckt. "on pare l'objet aimé de mille perfections.." Hat nicht Schwanitz genau das beschrieben? Vielleicht ist sein Buch sogar von Stendahls "De l´Amour" (1822) beeinflusst. Und ich denke ich bin in dieser ersten Phase hängengeblieben.. ;-)
Ich habe auch nachgeschaut was in unserem alten Lexikon (vom Beginn des vorigen Jahrhunderts) über Stendhal geschrieben steht und dort wird er als einer der bedeutendsten Psychologen seiner Zeit bezeichnet. Nein, nach Rom ist er nicht gekommen, aber wohl in die Nähe von Rom. Und er hat auch ein Buch über Rom geschrieben. Glaubst du man kann diese alten Bücher in der Bibliothek aufstöbern? Er schreibt keine leichte Sprache, aber sehr intelligent kommt er mir vor. Wenn du hier wärest würde ich dir vorlesen was über ihn steht. Ich danke dir dass du mich wieder auf ihn aufmerksam gemacht hast.
Ich liebe die Zeichnungen von Sempé. Man freut sich wenn man sie anschaut. Auch auf dem einen Bild im Lehrbuch siehst du wie das Auto widerspenstig dagegenhält. Aber warum willst du erst in dem nächsten Leben zeichnen? In diesem Leben solltest du versuchen deine Träume zu verwirklichen.
Du sprichst etwas verringernd über Lehrbücher und natürlich hast du Recht. Aber dieser Verfasser, Francis Grand Clément, war ein besonderer Mensch. Ein wenig wie du, intelligent und humoristisch und warum sollte er in seinem Buch den Schülern das Beste vorenthalten? Sicher war er mit allen Grössen in Frankreich bekannt und sie liessen ihn ihr Material verwenden. Weisst du, sogar die Schüler, die grosse Probleme mit dem Sprachenlernen hatten liebten das Fach Französisch, eben weil das Lehrbuch so genial war. Oder meinst du mein jugendlicher Charme hätte das bewirkt?? ;-)
Oh, so spät schon! Ich muss ins Bett. Sende dir noch einen lieben Gruss und küsse dich Gute Nacht.
Marlena
Sempé nochmals
Ämne: Sempé nochmals ?
Datum: den 22 augusti 15:10
Liebe Marlena
Offenbar möchtest Du mich an meiner nostalgischen
Achilles-Ferse kitzeln, nicht wahr. Diese Zeichnungen im
Französisch-Buch von Sempé sind es, die mich kitzeln. Au
bord de l'ocean, oder wie heisst der Titel schon wieder?
Man muss allerdings auch bedenken, dass die Tatsache,
etwas in einem Lehrbuch erscheinen zu lassen, dessen
Attraktivität schon erheblich mindert. Ich glaube, wir
hatten zuhause ein grosser Bildband voller Cartoons von
verschiedenen Autoren. Und dabei ist mir eben Sempé als
einer der sympathischsten hervorgestochen. Es gibt auch
einige gute Schweizer Zeichner, oder Deutsche, wie Rauch,
oder Oesterreicher, wie Makretsch oder ähnlich, der Namn
fällt mir nicht gleich ein. Er hat lange für DIE ZEIT
gearbeitet. Vielleicht, wenn ich eine Generation später
geboren worden wäre, oder in meinem nächsten Leben
der ewigen Wiederkehr Nietzsches werde ich so ein
Zeichner. Ich hatte immer eine grosse Bewunderung, eine
ganze Lebenssituation auf eine ironische Art in einer
kleinen Zeichnung zu kondensieren. Das ist eine Kust.
Es gibt ja dann auch die Serien, dh. die Comic
Geschichtlein und Geschichten. Das ist auch gut, und
gerade Sempe hat lustige Kurzgeschichten gezeichnet.
Aber im Grunde fand ich immer die Einzelzeichnung
ein Meisterstück. Alles muss auf dieser einen Seite in
diesem kleinen Raum gesagt werden. Das erfordert eine
gute Konzentration und eine geschickte Visualisierung
der Aussage. Ich habe die meisten dieser Zeichner als
vorbildliche Philosophen angeschaut.
Und das habe ich Dir doch sicherlich schon mal erzählt.
In meiner Lizentiatsarbeit an der Universität habe ich
im Exemplar für den Professor auf der ersten Seite eine
Zeichnung gemacht. Sie zeigt, wie der Psychologe ins
Casino geht. Das war eine Anspielung auf den Titel
meiner Arbeit "Spiel und Geschichten in der psycholo-
gischen Diagnostik". Der Professor hatte eine grosse
Freude, meinte, das Casino erinnere ihn an den Zwinger
in Dresden, wo er aufgewachsen war. Und jedesmal, wenn
ich mit meiner Arbeit wieder zur Besprechung kam,
erinnerte er sich dieser Zeichnung und damit auch meiner.
Er hatte damals hunderte von Studenten, mit denen er zu
tun hatte, und es war eine Kunst, sich bei ihm ins
Gedächtnis einzunisten. Allerdings hatte er, nachdem ich
meine Arbeit bereits publiziert hatte, nochmals bei mir
zuhause angerufen und gefragt, ob ich die Zeichnung in
der ganzen Auflage habe drucken lassen. Er war beruhigt,
als ich ihm versicherte, dass ich dies nur für ihn gemacht
hatte. Offenbar machte er sich Sorgen, dass eine solche
Arbeit mit einer komischen Zeichnung nicht mehr allzu
wissenschaftlich erscheinen könnte. Ich weiss nicht,
weshalb sonst er sich Gedanken machen sollte.
*
Heute habe ich mein weekly bei W. Letztes mal war es
nach dem langen Tag und der Beerdigung doch nicht mehr
möglich. Ich hatte es, ehrlich gesagt, abends vergessen.
Aber wir beide sind hier sehr locker und machen uns
nichts aus solchen Ausfällen. Einzige Regel ist, dass die
Regel des Ortswechsels strikte aufrechtgehalten wird.
Wenn ich letztes mal nicht konnte, und die Sitzung bei
ihm stattgefunden hätte, dann findet die heutige Sitzung
sozusagen als Nachholen der letzten bei ihm statt.
Manchmal bin ich etwas faul abends und fände es gut,
wenn er zu mir käme. Aber da sind wir eisern.
Und das ist auch gerecht so: einmal dort, einmal hier.
Ich bin auch gespannt zu sehen und zu hören, wie sie
dort leben ohne den Hund. Vielleicht gibt es immer noch
eine Lücke in der Luft, eine leere Stelle sozusagen? Man
könnte sie dann mit flüssigem Gyps auffüllen....
*
Und nun muss ich an die Arbeit. Ich habe noch einiges
Administratives, und zudem sollte ich längst einige
Zeichnungen machen für unsere Ausstellung, die bald
stattfinden wird. Alle warten auf diese Illustrationen, und
ich ziere mich und halte sie hin. Das hängt wohl auch damit
zusammen, dass ich es geniesse, mit diesen Fantasien und
Vorstellungen in der Fantasie zu spielen, und nicht gleich
anzufangen. Das ist ja fast so wie bei Stendhal fällt mir auf ...
Mit einem lieben Gruss
...
Morgenstund hat Gold im Mund..
Au bord de l'océan
Subject: Morgenstund hat Gold im Mund..
Lieber ...,
Ich habe gestern noch schnell nach Sempé geschaut und ich hätte doch reagieren müssen auf den Namen. Er hat in der Tat eine sehr ähnliche Art zu zeichnen wie du (oder umgekehrt :-) und ich kenne ihn schon lange denn in meinen frühesten Lehrbüchern, die besten die ich je gehabt habe, gab es herrliche Illustrationen von ihm. Auch den "Petit Nicolas" hat er illustriert und ich habe mich immer sehr über seine humoristischen Zeichnungen amüsiert.
Heute bin ich eigentlich früh aufgestanden weil ich noch im Garten giessen will. War zu müde gestern Abend um damit anzufangen. Und die Hitzewelle geht weiter bei uns. Nie sind so viele Leute im Monat August ertrunken wie dieses Jahr.
In den Medien kämpft man um die Gunst der Wähler. Die Liberalen (Mitte) stehlen im Moment Stimmen von den anderen weil sie von den Einwanderern verlangen wollen, dass diese die schwedische Sprache lernen wenn sie hier bleiben wollen. Und dabei denke ich an eine alte Oma aus Usbekistan die vielleicht nicht einmal schreiben kann... Aber auch in den Linken steckt viel Misstrauen gegen die Einwanderer, die wie sie meinen, schöne freie Tage haben mit genau so viel Geld wie sie selbst, die dafür hart arbeiten müssen.
Das war ein kleines Morgenepistel für dich mein lieber ....
Ich wünsche dir einen schönen Tag mit nicht zu viel Arbeit,
G+K
Marlena
Dienstag, 14. August 2018
Donnerstagmorgen
Datum: den 22 augusti 08:53
Liebe Marlena
Ja, gestern hatte ich absolut keine Zeit. Wir hatten eine
Fortbildung und ich war nicht im Büro. Das war nicht
schlecht. Wenigstens konnte ich zuhause mein Mittagessen
einnehmen und nachher noch eine halbe Stunde Mittags-
schlaf machen. Ich glaube, das wäre in unserem Alter
diejenige Errungenschaft, die unsere Lebensqualität mit
einem Schlag mindestens verdoppeln würde. Manchmal
mache ich auch hier im Büro ein Nickerchen. Aber das ist
nicht dasselbe. Ich setze mich in meinen Schaukelstuhl und
versuche, irgend eine Akte, einen Artikel oder sonstwas zu
lesen bis ich nicht mehr anders kann. Dann schlummert es
eine Weile, vielleicht 10 Minuten. Und dann fühlt man sich
wieder frisch. Das ist mein sogenannter IN, mein Instant-
Nap. Wirkliche Medizin! Vielleicht lachst Du darüber, dass
ich einen Schaukelstuhl in meinem Büro halte wie damals
Präsident Kennedy. Er tat es wegen seines Rückenleidens.
Ich habe ihn für die unruhigen Kinder organisiert. Diese
kleinen Knirpse, die einfach nicht still sitzen können und
überall herumklettern: für sie habe ich mir gedacht, sei es
leichter, wenn sie einen Stuhl haben, der ihnen in ihrer
Unruhe quasi mit eigener Unruhe Antwort gibt, und sie
vielleicht damit etwas beruhigt. Und im übrigen war auch
ich selbst weniger irritiert, wenn die Kinder auf diesem
Stuhl herumgeturnt sind, anstatt auf meinem Pult, wie sie
es früher getan hatten.
*
Stehdhals Figuren seien passionierte Epikuräer! Dein Zita
ist m.E. wohl nicht ganz vollständig. Du schreibst: ... ses
héros les plus typiques unissent deux traits de caractère
souvent jugés inconciliables: ce sont des épicuriens
passionés ... Und was soll denn der zweite Zug,
inkonziliable (kein deutsches Wort eigentlich) sein?
Was dieser eine Zug betrifft, so kann ich mir sehr wohl
vorstellen, dass Stendhals Figuren ihn tragen, denn
es ist ein ureigener Zug des Autors selbst. Er war ja ein
sehr unruhiger und ambivalenter Charakter. Wenn man
die Biographie liest, kann man sich kaum vorstellen, wie
aus ihm ein bedeutender Schriftsteller der Weltliteratur
werden konnte. Wohl hat er sein Leben der Liebe und dem
Schreiben gewidmet. Aber er war offenbar ein sehr scheuer
Mensch, hat tausendfach gezögert, eine Frau zu erobern,
um sich im Nachhinein darüber Vorwürfe zu machen. Aber
er hat in seinem Tagebuch solche Situationen in allen
Details analysiert und seine eigene Rolle reflektiert.
Stendhal wollte dichten und hat sich unzählige und riesige
Projekte vorgenommen, die er nie ausführen konnte. Er
wollte in Versen schreiben, wollte Stücke schreiben,
obwohl seine Leidenschaft und sein Geschick eigentlich
in der Prosa gelegen hat. Das hat dieser rührige Stendhal
erst spät in seiem Leben bemerkt. Schon in seinem privaten
Leben gab es eine grosse Ambivalenz. Seine Familie hatte
durchaus aristokratische Ansprüche. Sein Vater sorgte für
einen Privatlehrer, hielt den kleinen Sohn von der Strasse
zurück. Und der begeisterte sich natürlich im Jugendalter
für die Revolution und für die Jakobiner. Aber ein Teil
seiner Person blieb irgendwie eltitär. Er diente in
der napoleonischen Armee, kam nach Italien, nach
Deutschland, ja bis nach Moskau. Von seinem Republika-
nismus war schliesslich nicht sehr viel übrig.
Irgendwo sagte Stendhal offenbar, das beste im Leben sei
das eigene Selbst: le Moi. Darum drehe sich eigentlich alles.
Und damit hat er doch wohl einen modernen Nerv der Zeit
getroffen. In der Liebe suchte er sich die unmöglichsten
Arrangements heraus, zum Beispiel die glücklich verheira-
tete und sittsame Frau seines Vetters, und fantasierte sich
in eine Liebschaft hinein, sah bei ihr dauernd diskrete
Gesten ihrer Zuneigung, unterdrückten Schmerz geheimer
Liebe, gerötete Augen, kleine Signale etc. etc., die ihn in
ständiger Aufregung hielten, die aber im RL absolut keine
Entsprechung hatten. Er lebte sozusagen von fiktiven
Liebesverhältnissen. Dazu hatte er natürlich unzähliche
Affairen, die er in seinem Tagebuch getreulich notierte
und aus denen er sich auch - wie man es von Nietzsche
sagt - die Geschlechtskrankheit holte. Man spricht vom
Tripper. Lues ist nicht sehr wahrscheinlich, den man N.
nachsagt. Aber seine leidenschaftlichsten Lieben waren
wohl - wie gesagt - die unerreichbaren.
Aber er lebte gut, war sehr wohl ein Geniesser, hatte durch
seine Familien Beziehungen zur höheren Verwaltung und
konnte so seine Stellungen bekommen. Er wäre zwar sehr
gerne Konsul in Rom geworden, was ihm nicht gelang. Das
war hart, denn er träumte vom Süden und hatte ganze
Theorien entwickelt, wie sich die natürlichen und der
Kunst aufgeschlossenen Italiener von den schwachen
Franzosen unterschieden. Sein ganzes Leben ist
aufgespannt zwischen solchen und ähnlichen Gegensätzen.
Und diese Dichotomien sind ja doch typisch für das
Bürgertum und heute noch in unserem Denken sehr
virulent. Nietzsche war einer der ersten, der sie
demaskiert hatte.
*
Ich habe in 10 Minuten eine Sitzung und muss los.
Geniesse die Hitze, solange sie da ist. Bald wird es wieder
Herbst und wir werden die wollenen Pullover hervorholen.
Mit einem süssen Kuss
...
Montag, 13. August 2018
Abstinenzsymptome. .
Ämne: Abstinenzsymptome.. Hilfe!
Datum: den 21 augusti 19:17
Ach .., du lässt mich darben! Erst reichst du mir starke Drogen und dann wenn ich ganz süchtig geworden bin verschwindest du.. gerade jetzt wo ich dich so gut brauchen würde.
Hier ist immer noch tropische Wärme. Sogar wenn ich mit dem Rad fahre ist es warm wo doch sonst meist die Luft so angenehm frisch ist. Aber mein Haar flattert heute nicht im Wind. Habe es aufgesteckt weil es mir zu warm ist wenn ich es herunterlasse.
Habe wieder einen hektischen Tag hinter mir. Aber es wird sich bald ändern hoffe ich wenigstens.
Von den Personen bei Stendhal wird gesagt: .. ses héros les plus typiques unissent deux traits de caractère souvent jugés inconciliables: ce sont des épicuriens passionnés ...
Stimmt das?
Ach, diese Stille um mich herum.. ich ertrage sie kaum. Muss mich wirklich erst gewöhnen. Und Issi ist kein guter Gesprächspartner obwohl ich mich manchmal laut mit ihr unterhalte gibt sie selten eine Antwort. Ist schlimm wenn man auf einen Wellensittich als Gesprächspartner angewiesen ist ;-))
Ich werde mir ein bisschen Musik auflegen und die Stille verjagen. Eine CD mit Cornelis Vreeswijk. Ich mag seine männliche Stimme und seine Texte. Würde dir auch gefallen. Da bin ich sicher.
So dann gehe ich wieder. Muss noch die Diagnosen korrigieren für morgen.
Wünsche dir alles Gute,
Marlena
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