Donnerstag, 9. November 2017
Dienstag, 7. November 2017
Re: Mausleben..
Chère, voilà une confession sans retenue aucune ... (Rilke)
Liebe Marlena
Dein Sonntags Mail ist schön, ein bisschen nachdenklich, aber schön. Und ich hoffe, dass die sonnigen Grüsse nicht nur vom Wetter, sondern von dir direkt stammen, also von deinem sonnigen Gemüt.
Ach, das Rilke Gedicht ist wirklich sehr dramatisch, eine Dramatisierung der platonischen Liebe. Sie ist stärker als der Körper, sie braucht den Körper nicht. Sie ist die absolute Vergeistigung, schon in der Nähe des Religiösen. Der Gedankengang scheint mir natürlich auch etwas masochistisch. Und er scheint mir feminin. Liege ich da richtig?
Weißt du, dass Rilke eine Schwester hatte, die aber früh, kurz nach der Geburt schon gestorben war? Offenbar hatte seine Mutter ihn dann bis ins 5. Lebensjahr wie ein Mädchen gekleidet und erzogen. Er hat doch schon sehr feminine und sensitive Züge.
Wenn ich das Gedicht lese und mir vorstelle, dass du es sagst, zitierst, dann wird es mir etwas komisch ums Herz. Einerseits ist es so intensiv in der Konsequenz des Gedankengangs und der Selbsthingabe bis hin zum verbrannten Hirn, so dass nur noch Blut bleibt. Andererseits denke ich an dich, wie ich dich auf den zwei Bildern sehe. Also, diese zwei Vorstellungen möchte ich nicht zu nahe zusammen bringen. Ich sehe dich lieber blühen, Marlena. Nun ja, die eine Vorstellung ist eben 100% platonisch und die andere ist zu einem schönen Teil Fleisch und Blut, also ziemlich lebendig.
Was mich amüsiert hat ist die Tatsache, dass du nach dem Gedicht gesucht hast, wie ich fast gleichzeitig nach meinen Büchern gesucht habe. Gibt es wirklich solche Parallelen zwischen Stockholm und Basel? Du hast dieses schöne Gedicht gefunden und ich habe gefunden:
2 Bände Rainer Maria Rilke Chronik seines Lebens und seines Werkes
Rainer Maria Rilke Duineser Elegien
Letzteres ist ein kleines dünnes Büchlein. Ich habe es erst im August 98 gekauft. Ich kann mich noch gut erinnern. Ich wusste sehr wohl, dass ich diese Duineser Elegien schon zuhause hatte. Trotzdem habe ich das Büchlein in jenem Sommer gekauft. Ich fand, es sei so schön klein und man könne es überall mitnehmen.
Und die 2 Bände habe ich mal in einem Antiquariat billig gekauft. Es ist eine minutiöse Chronik seines Lebens und man kann praktisch für jeden Tag sehen, wo er gerade war und an wen er Briefe geschrieben hat. Er war ja ein grosser Briefeschreiber.
Ich will mal suchen, wann er in Ronda war und was er dort geschrieben hat. Er schreibt über Ronda am 31. Dezember 1912 an Rodin in Paris:
"Ronda où je suis à présent est un pays icomparable, un géant de rocher qui supporte sur les épaules une petite ville blanchie et reblanchie à la chaux et qui, avec elle, fait un pas sur la mince rivière, tout comme Saint Christophore avec l'enfant Jésus; je comprends qu' on trouve partout ici son image dans les églises; et il est tout fait pour en être le Patron".
Oder am 17. Dezember schreibt er an Fürstin Turn und Taxis von Ronda:
"Hier wäre nun freilich auch der Ort, recht spanisch zu leben und zu wohnen, wäre nicht die Jahreszeit...zum Überfluss hat der Teufel den Engländern eingegeben, hier ein wirklich ausgezeichnetes Hotel zu bauen, in dem ich natürlich nun wohne, neutral, theuer und wie es sich der und jener wünschen würde, und dabei bin ich schamlos genug, zu verbreiten, dass ich in Spanien reise".
Oder weiter "...ich bin seit Cordoba von einer beinah rabiaten Antichristlichkeit, ich lese den Koran, er nimmt mir, stellenweise, eine Stimme an, in der ich so mit aller Kraft drinnen bin, wie der Wind in der Orgel. Hier meint man in einem Christlichen Lande zu sein...Jetzt ist hier eine Gleichgültigkeit ohne Grenzen, leere Kirchen, vergessene Kirchen, Kapellen die verhungern."
Auch in seinen Briefen ist Rilke sehr bildhaft, originelle Bilder, finde ich.
*
Du sagst, es sei wie Heroin, und später die Frage, ist es real life oder ist es virtual life. Und dann erwartest du noch dazu, dass ich streng sei und dir ins Gewissen rede. Ach Marlena, ich bin überhaupt kein strenger Mensch. Dazu eigne ich mich nicht sonderlich. Ich bin large, manchmal sehr, auch mit mir selbst.
Was real und was imaginativ ist, daran bin ich auch am Überlegen, meine liebe Mausfreundin. Ich glaube, wir sind noch sehr dazu erzogen worden, Realität und Fantasie zu trennen. Die heutige Jugend sieht Science Fiction Filme, Horror Filme, realistische Filme, alles durcheinander. Ich glaube, sie unterscheiden nicht mehr so genau zwischen Vorstellungen und Wirklichkeiten. Das ist wohl auch eine Folge des Wohlstandes. Nur materieller Wohlstand erlaubt zu träumen, von den paar Dichtern einmal abgesehen, die trotz Armut geträumt haben.
Ich finde auch, dass Vorstellungen sehr wirklich, vielleicht müsste man sagen wirksam sein können. Oder die Worte, wie du feststellst. Alles geht im Kopf ab. Die Skirennfahrer machen Mental Training, die Generaldirektoren machen psychologische Kurse, die Leute machen jetzt Telefonsex (ich sage zu S. im Spass, ich wünsche mir mal Telefonsex, das sei wirklich etwas, was ich noch nicht kenne. Aber ich habe noch nicht das passende attraktive Telefon gefunden! Die Handys sind mir zu dünn und das Telefon in der Stube ist mir zu hart).
So kann man sich auch eine unterhaltsame Stunde machen, indem man Wäsche bügelt. Es gibt doch diese wunderbare Szene bei Tom Sawyers, als er für Tante Polly den Zaun streichen muss. Sicherlich kennst du sie, Marlena, von Mark Twain. Das ist sehr psychologisch gemacht. Hat mir als Junge immer gut gefallen. Vielleicht war es sogar ein Motiv-Grund (eines unter mehreren) für mich, Psychologie zu studieren. Was ist really real, und was ist not really real. Ach, wer könnte das beantworten?
*
Doch, ich kann dir etwas dazu sagen. Es ist mir vor ein paar Tagen eingefallen, und ich wollte es dir bei Gelegenheit schreiben. Jetzt schreibe ich etwas früher, obwohl es vielleicht gut gewesen wäre, dies oder jenes noch kurz nachzulesen. Es gibt in der deutschen Literatur den grossen Dichter der Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing. Schon sein Name ist Musik. Er hat im 18. Jahrhundert gelebt und viel geschrieben, unter anderem ästhetische Schriften (Laokoon) und Musterdramen (Emilia Galotti). Das bekannteste dieser Dramen ist Nathan der Weise. In diesem Drama, nach der aristotelischen Regel der Einheit von Ort, Zeit und Handlung geschrieben, kommt es zur Frage, welche Religion die wahre sei: Christentum, Judentum oder Mohammedanismus? Und die Frage wird anhand einer Parabel gelöst, die Lessing aus dem Decamerone von Boccacio hat. Es ist die sog. Ringparabel. Ein Mann hat drei Söhne und gedenkt vor seinem Tod, seinen wunderschönen Ring dem Ältesten zu vererben, denn er ist edel und gut. Er spricht mit dem zweiten Sohn und bemerkt, dass er ihn als Vater ebenso liebt. Und beim dritten desgleichen. Und so entschliesst er sich, zwei Duplikate des Ringes machen zu lassen und jedem seiner Söhne einen zu vererben. Und jeder der drei Söhne meint, er hätte den einzigen und echten Ring.
Ich glaube, Lessing treibt die Geschichte noch weiter, indem es heisst, die Söhne streiten sich, wer den echten Ring hat. Und der Vater sagt ihnen, am Leben und der Art, wie sie edel und gut sind, wird man erkennen, wer von ihnen den echten Ring habe.
Ist das eine Antwort, meine Liebe? An der Serenität im Alltag wird man erkennen, ob die Mausfreundschaft real ist. Ich glaube, bei mir wirkt es schon ein bisschen. Willst du wissen wie? Früher, wenn ich mitten in der Nacht aufgewacht bin, habe ich mich oft geärgert, weil ich schon an den Morgen dachte, da ich wieder früh aus den Federn muss. Heute geniesse ich es, im Bett nachzudenken, was wir reden, was ich dir erzählen kann, nun ja, du weißt, die Kilometermails, die nie geschrieben werden. Oder am Morgen katapultiere ich mich um 530h aus dem Bett mit der Vorstellung, dass im Büro ein Mail auf mich wartet. Jetzt verstehst du vielleicht meinen Hilferuf nach einem Bergarbeiter-Steak.
Aber Marlena, lass mich auf diesen Punkt kommen. Vielleicht magst du das nicht. Aber irgendwie muss ich. Du kannst mir sagen, falls du nicht darüber reden willst. Ich habe den Eindruck, du hast Schuldgefühle. Und ich habe den Eindruck, dass für dich irgendwo ein grosses Problem ist. Ich vermute, es liegt zwischen dir und deinem Mann? Ach, ich wollte dich nie so direkt fragen. Aber es taucht in deinen Briefen immer wieder irgendwie auf. Ich habe mal gedacht, es sei wie ein Seufzer, der durch deine Zeilen geht.
Wenn ich jetzt könnte, würde ich gerne mit ein paar Rilke Zeilen enden. Aber ich weiss nicht, ob es mir so gut gelingt wie dir?
Ach, wen vermögen wir zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, dass wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Strasse von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
Aus der 1. Elegie, und es geht für mich dabei um die Vergänglichkeit, ob der ich ziemlich in Melancholie geraten kann. Doch Melancholie ist nicht Trauer, oder?
Ich umarme dich in Gedanken
G&K
Montag, 6. November 2017
Samstag, 4. November 2017
"Ein Mausleben" - real life?
Mein lieber Mausfreund!
Vielleicht wartest du auf ein langes Mail von mir und weisst nicht dass ich mich schon seit Stunden mit dir unterhalte in meinen Gedanken. Ich spreche mit dir, erzähle dir alles Mögliche, stelle dir Fragen (die man nur einem Mausfreund stellen kann) und nun endlich sehe ich ein, dass du davon nichts wissen kannst wenn ich mich nicht wirklich an den PC setze. Diese kleine Geste aus dem realen Leben braucht es doch um ein Mausleben führen zu können.
Ein Gedicht von Rilke ist mir heute öfters in den Sinn gekommen. Ich erinnerte mich nur an einige Strofen und natürlich an den Rythmus, der es irgendwie atemlos und dramatisch macht. Nach einigem Suchen habe ich es wiedergefunden. Es ist sehr schön und doch musste ich plötzlich lachen als ich dachte was du wohl denken würdest wenn ich es dir schicke. "Brich mir die Arme ab.." Ich will ja schliesslich nicht dass du mich verstümmelst .. ;-)
Aber abgesehen davon ist das Gedicht sehr schön:
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füsse kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.
*
Es ist bald Abend. Anna hat heute den ganzen Tag Generalprobe gehabt und jetzt ist sie bei der ersten Vorstellung des Musicals in dem sie Klavier spielt im Orchester. K sieht sich Pferderennen an und ich wollte eigentlich (das Los der Frauen) einen Haufen Wäsche bügeln. Zum Glück gibt es einen Mausfreund damit ich es noch etwas hinausschieben kann.
Deine Mails sind so schön! Ich kann nicht genug kriegen davon. Immer wieder suche ich nach neuen Mails von dir. Manchmal komme ich mir vor wie eine Harroinsüchtige die fiebrig auf die nächste Droge wartet. Ich weiss, du hattest mich gewarnt..
*
Es ist erstaunlich welche Macht Wörter haben. So bin ich dir z.B. dankbar dass du das Wort "Mausfreund/in" erfunden hast. Ein Mausleben kann doch nichts anderes als schön, leicht und unkompliziert und erlaubt sein.. Es ist wie ein Lieblingsbuch auf dem Nachttisch. Man kann hineinschlüpfen und den Alltag für eine Weile vergessen. Man kann ein Kapitel darin lesen und nachher gestärkt in das "real-life" zurückkehren. Ist es so für dich?
(Oder ist mein "real-life" das Buch, in dem ich ab und zu ein Kapitel lesen muss? Sicher wird dich diese Frage provozieren und du wirst mir eine strenge Rede halten :-)
Aber sag mir. Was ist mein wahres Leben? Wenn ich z.B. wäsche bügle und dabei in Gedanken mit dir die Champs-Elysées runtergehe, wer könnte dann behaupten mein Leben sei langweilig? Welche von den beiden Aktivitäten gilt?
*
Es ist inzwischen Abend geworden. Anna ist wieder zu Hause von dem Musical. Es war wieder ein grosser Erfolg. Morgen werden noch zwei Vorstellungen gegeben.
K spielt seine Musik (im Moment solche die du nicht magst). Sie gefällt mir, aber sie passt nicht zu meiner Stimmung und ich kann mich nicht dagegen abschirmen denn es gibt keine Tür zu schliessen. Das "Allrum" ist nur durch eine Treppe mit der unteren Etage verbunden. Ich liebe solche offene Planlösungen aber es hat nicht nur Vorteile. :-)
*
Sonntag Morgen.
Ich war gerade im ST und habe ein kleines Mess von dir gefunden. Genau eine halbe Stunde nach dir. Dabei erinnerte ich mich dass du ja jetzt deinen Laptop zu Hause hast und vielleicht ein Mail von mir erwartest.
So schicke ich diese erste Hälfte (?) meines Mails jetzt schon ab.
Fortsetzung folgt..
Liebe sonnige Grüsse
Marlena
Cafés in Zürich anno dazumal
---
Es war ein schönes und stilles Vergnügen, in den
verschiedenen Buchhandlungen und Antiquariaten
(die im allgemeinen ziemlich düster und staubig
waren) herumzustreichen und nach irgendwelchen
Neuerscheinungen zu suchen. Gelegentlich traf man
dabei irgend eine Kollegin oder einen Kollegen.
Oder wenn ich dann irgend eine Jagdtrophäe erobert
hatte, pflegte ich mich in eines der kleinen Cafés zur
Lektüre zurückzuziehen. Schön war beispielsweise das
Weggen auf der anderen Flusseite. Das Café war ziemlich
diskret in einer schmalen Gasse versteckt. Und wer es nicht
kannte, konnte kaum per Zufall drauf kommen. Es war
modern möbliert, mit unterschiedlichen hölzernen und
farbig gestrichenen Stühlen. Und rechts in einer Nische
stand ein Ledersofa, in das man sich sinken lassen konnte.
Diese Ecke hatte ich immer bevorzugt. Sie war wirklich sehr
bequem. Und dazu gab es im Weggen eine hübsche und
sympatische, schon etwas ältere Servierin, die immer
modisch gekleidet und freundlich daherkam.
Das Café war klein, wohlgemerkt. Insgesamt gab es
vielleicht 5 oder 6 Tischlein mit normalerweise 2 Stühlen.
Oder dann ging ich in jenes kleine Restaurant neben dem
Storchen, das wohl kaum jemand kannte in Zürich. Es lag
für die meisten Zürcher nicht am Weg, weil es gegenüber
des Limmatquais lag. Mir war es aufgefallen, weil man
durch die grossen Fenster eine wunderbare Sicht über
die Limmat hinweg auf den Limmatquai und auf das
Grossmünster hatte. Es war die allerbeste Sicht. Aber das
Lokal an sich war nicht schön. Es verkehrten wenig Leute.
Und an irgend ein bekanntes Gesicht kann ich mich
überhaupt nicht mehr erinnern. Aber ich hatte immer
die Vorstellung, dass man hier in aller Ruhe bei einer
Tasse Kaffee einen Roman schreiben könnte.
Die echten Schriftsteller frequentierten aber damals
immer noch das Odeon am Bellvueplatz. Es war das
bekannte und grosse Wienercafé, das sich in der
Kriegszeit als Flüchtlingsnest einen Namen gemacht
hatte. Dort gab es an den Fenstern vorne kleineTische.
Und der Vorhang hing erst dahinter. Ein Schriftsteller
konnte also den Vorhang ziehen und war dann gegenüber
dem Betrieb im Lokal abgeschirmt. Er schien sozusagen
auf der Strasse zu sitzen, war aber durch die Scheibe von
den Passanten geschützt. In diesen Nischen sind wohl
einige Romane Zürichs entstanden. Und man sagt, dass
auch Max Frisch früher das Café Odeon oft besucht hätte.
Zu meiner Zeit war dem nicht mehr so. Zu meiner Zeit
hatte Frisch schon einigermassen Geld und pflegte sich
ins noble Restaurant gegenüber zurückzuziehen.
Gelegentlich besuchte ich mit einem neuen Buch das Café
am Rindermarkt ganz in der Nähe des Kunstmuseums und
des Schauspielhauses. Das war ein grosses, übersichtliches
Café, das regelmässig gut besucht war. Die Universität
war nicht weit, und es verkehrten auch Studenten dort.
Und gleich im Stock oberhalb war das Sozialarchiv
untergebracht, wo wir gelegentlich nach Literatur
suchten.
...
Freitag, 3. November 2017
auf dem Dach gegenüber
---
Bei mir hier sitzen die Tauben gelangweilt oben auf dem
hohen Dach gegenüber und feilen an den Fingernägeln.
Manchmal geht eine Bewegung durch die Reihe, die nur
mit Erotik oder vielleicht Eifersucht zu tun haben kann.
Dann fliegt eine weg, steuert irgend einen hohen Punkt an,
den ich nicht mehr übersehen kann, wo sie sich schmollend
niederlässt und lässt so in der wohlkalkulierten Reihe eine
Lücke zurück. Aber ich bin überzeugt, Tauben sind ziemlich
monogam und beobachten eifersüchtig, was in ihrer
Gruppe da oben geschieht. Wahrscheinlich sprechen sie
miteinander mit den Augen, schauen nachsichtig oder
scharf in die Welt und versuchen sich so, es ihren Nächsten
verständlich zu machen. Manche sind auch ziemlich eitel.
Sie putzen und scheuern sich stundenlang. Aber gelegent-
lich stehen sie auch bloss dort oben, krallen sich an die
Dachziegel und schauen auf die kleinen Menschlein
hinunter.
Ich weiss nicht, was sie tun. Vielleicht zählen sie die Autos?
Vielleicht suchen sie eine spezielle Marke heraus, etwa
Volkswagen oder Merzedes, und verfolgen sie bis an
den Horizont. Oder vielleicht ist es schieres Mitleid,
das sie für Fussgänger haben, die sich eilig durch den
Verkehr quälen.
Wenn Kästner meint, die Möwen schauten aus, als ob sie
Emma hiessen, dann heissen die Tauben wohl Maria.
Und wenn sie oben auf der Dachkante hocken, spielen
sie Rosenkranz.
Bei mir hier sitzen die Tauben gelangweilt oben auf dem
hohen Dach gegenüber und feilen an den Fingernägeln.
Manchmal geht eine Bewegung durch die Reihe, die nur
mit Erotik oder vielleicht Eifersucht zu tun haben kann.
Dann fliegt eine weg, steuert irgend einen hohen Punkt an,
den ich nicht mehr übersehen kann, wo sie sich schmollend
niederlässt und lässt so in der wohlkalkulierten Reihe eine
Lücke zurück. Aber ich bin überzeugt, Tauben sind ziemlich
monogam und beobachten eifersüchtig, was in ihrer
Gruppe da oben geschieht. Wahrscheinlich sprechen sie
miteinander mit den Augen, schauen nachsichtig oder
scharf in die Welt und versuchen sich so, es ihren Nächsten
verständlich zu machen. Manche sind auch ziemlich eitel.
Sie putzen und scheuern sich stundenlang. Aber gelegent-
lich stehen sie auch bloss dort oben, krallen sich an die
Dachziegel und schauen auf die kleinen Menschlein
hinunter.
Ich weiss nicht, was sie tun. Vielleicht zählen sie die Autos?
Vielleicht suchen sie eine spezielle Marke heraus, etwa
Volkswagen oder Merzedes, und verfolgen sie bis an
den Horizont. Oder vielleicht ist es schieres Mitleid,
das sie für Fussgänger haben, die sich eilig durch den
Verkehr quälen.
Wenn Kästner meint, die Möwen schauten aus, als ob sie
Emma hiessen, dann heissen die Tauben wohl Maria.
Und wenn sie oben auf der Dachkante hocken, spielen
sie Rosenkranz.
Mittwoch, 1. November 2017
Métro, alt werden und Arc de Triomphe
Lieber ...
...
Ja, die Musik unten in der Métro. Es ist wahr, mein
Herz wäre beinahe zersprungen, als ich das Concierto
de Aranjuez hörte, das ein Musiker dort auf seiner Oboe
spielte. Es war himmlisch schön. Und man vergass darüber
die langen mühsamen Gänge. Die Akustik ist auch sehr
gut dort.
Wir konnten direkt von Boulogne mit der Metro ins
Zentrum fahren. Einmal, als ich abends allein in der Stadt
war, bin ich aus Versehen in Richtung Gare du Nord
gefahren. D.h. die richtige Linie aber die falsche Richtung.
Und als ich zurückfuhr war so gut wie der ganze Wagen voll
von Schwarzen. Ich schätze es müssen mindestens 80 %
gewesen sein. Zum grossen Teil elegante gepflegte
Menschen.
An dem Nachmittag habe ich mir zum ersten Mal Paris vom
Arc de Triomphe angesehen. Und während ich zusammen
mit Japanern, Russen, Spaniern u.a.m. in alle Richtungen
geschaut habe, fand unten am Grab eine Zeremonie statt
mit den "ancien combattants". Uniformiert, mit Medaillen
dekoriert und Fahnen in der Hand und natürlich passende
Musik dazu. Eigentlich genau wie damals, als ich um die 20
war. Doch auch die Herren waren um einiges jünger
damals. Vielleicht waren es dieselben. *s*
A propos Alter. Du schreibst nun oft, dass du dich wie rund
50 fühlst.. oder in den Augen der anderen erscheinst. Ist
das denn so wichtig? Ich finde je älter ein Mann ist, desto
interessanter ist er. Na ja, kommt vielleicht darauf an zu
was man ihn haben will. ;-) Aber als Gesprächspartner sind
sie den jüngeren überlegen. Jüngere Leute haben so viel zu
tun. Sie haben eigentlich keine Zeit über das Leben
nachzudenken.
Haha… ich plaudere so dahin… und diese dumme Sprache
(es ist kein Whisky involviert, aber danke für den Tip). Ich
frage mich ob man überhaupt das Wesen eines Menschen,
der nicht seine Muttersprache verwendet, richtig kennen-
lernen kann. Dabei denke ich auch an dich und S.
Ja, die Musik unten in der Métro. Es ist wahr, mein
Herz wäre beinahe zersprungen, als ich das Concierto
de Aranjuez hörte, das ein Musiker dort auf seiner Oboe
spielte. Es war himmlisch schön. Und man vergass darüber
die langen mühsamen Gänge. Die Akustik ist auch sehr
gut dort.
Wir konnten direkt von Boulogne mit der Metro ins
Zentrum fahren. Einmal, als ich abends allein in der Stadt
war, bin ich aus Versehen in Richtung Gare du Nord
gefahren. D.h. die richtige Linie aber die falsche Richtung.
Und als ich zurückfuhr war so gut wie der ganze Wagen voll
von Schwarzen. Ich schätze es müssen mindestens 80 %
gewesen sein. Zum grossen Teil elegante gepflegte
Menschen.
An dem Nachmittag habe ich mir zum ersten Mal Paris vom
Arc de Triomphe angesehen. Und während ich zusammen
mit Japanern, Russen, Spaniern u.a.m. in alle Richtungen
geschaut habe, fand unten am Grab eine Zeremonie statt
mit den "ancien combattants". Uniformiert, mit Medaillen
dekoriert und Fahnen in der Hand und natürlich passende
Musik dazu. Eigentlich genau wie damals, als ich um die 20
war. Doch auch die Herren waren um einiges jünger
damals. Vielleicht waren es dieselben. *s*
A propos Alter. Du schreibst nun oft, dass du dich wie rund
50 fühlst.. oder in den Augen der anderen erscheinst. Ist
das denn so wichtig? Ich finde je älter ein Mann ist, desto
interessanter ist er. Na ja, kommt vielleicht darauf an zu
was man ihn haben will. ;-) Aber als Gesprächspartner sind
sie den jüngeren überlegen. Jüngere Leute haben so viel zu
tun. Sie haben eigentlich keine Zeit über das Leben
nachzudenken.
Haha… ich plaudere so dahin… und diese dumme Sprache
(es ist kein Whisky involviert, aber danke für den Tip). Ich
frage mich ob man überhaupt das Wesen eines Menschen,
der nicht seine Muttersprache verwendet, richtig kennen-
lernen kann. Dabei denke ich auch an dich und S.
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