Ämne: momo
Datum: den 30 september 08:44
Liebe Marlena
Langsam fange ich an, dieses Surströming zur Kenntnis zu
nehmen. Das ist offenbar ein uraltes Ritual (Anfang der
biologischen Kriegsführung), das die Schweden erfunden
haben, um wenigstens einmal im Jahr allein und unter sich
zu sein. Verstehe. Dass sie damit den Dreissigjährigen Krieg
gewonnen haben sollen, wird mithelfen, den Mythos
aufrecht zu erhalten, wenn nicht noch zu erhöhen. Das
wusste ich wirklich nicht, dass es in Schweden solch hohe
undpraktisch undurchlässige Einreisebarrieren gibt. Ich
meine, bei uns in der Schweiz machen sie pedantische
Grenzkontrollen, untersuchen neben Paas und Koffer alle
weiteren Papiere, die die Chance erhöhen, dass man
jemanden NICHT einreisen lassen kann. Aber die
Schweden, die machen einmal im Jahr ein solch schwer
abartiges Essen, bei dem sich ganz von allein scheiden
wird, wer ein echter Schwede ist, und wer solches nur
vorgibt. Ist das so, Marlena? Langsam kapiere ich, wie
raffiniert ihr Schweden seid. Es ist wirklich kaum zu fassen.
Und auf einer Site, die Du mir geschickt hast, habe ich auch
gleich und zum ersten Mal die schwedischen Prinzen und
Prinzessinen nebeneinander gesehen: Victoria, Carl,
Madeleine.
Du weißt, und es ist ja schon mehrmals zum Ausdruck
gekommen, dass wir Schweizer, und ich im besonderen,
wenig Verständnis und Zuneigung zu königlichen Familien
haben. Nur S hat hier ein genuines Interesse, bei
Königsklatsch und Hofgeschichten aus den gelben Heften
hinzuhören. Auch Perser sind noch darauf konditioniert,
sich über Prinzen und ihre Heiratsschancen mehr Sorgen
zu machen als übers eigene Kind. Seit Jahren verzehren
sie sich in Aerger, wie sich Stephanie von Monaco vertut
und immer wieder an falsche gerät, an Bodyguards,
Zirkusdirektoren und andere Vagabunden. Seit ewig
machen sie sich echt Sorgen, wo Farah wohl lebt und
wie es ihr gehen mag. Und natürlich hoffen die vielen
Royalisten in Los Angeles, dass der Kronprinz (ich weiss
nicht mehr, wie er heisst), wie ein Erlöser ins Land
zurückkehrt, die arroganten Mullahs verdrängt und
alles zum Guten wendet.
Ach, wie bin ich eigentlich auf ein solches Thema
abgekommen. Ach ja, ich erinnere mich, es war dieses
süsse Foto der süssen schwedischen Königsfamilie.
Und immer wieder sträubt sich in mir etwas gegen die
Tatsache, dass es immer noch Menschen gibt, die allein
durch Geburt ein privilegiertes Leben führen können.
Das ist es, was ich als enormen Anachronismus verstehe.
Im übrigen kann ich für Victorias Legasthenie
durchaus auch ein bisschen Mitleid empfinden. Aber
nicht für eine Prizessin, sondern für einen Menschen.
Du siehst Marlena, ich kann mit diesem Thema ziemlich
heiss laufen. Es kommt einfach hoch, obwohl ich noch nie
durch einen echten König beleidigt worden wäre, oder
durch eine Königin hinters Licht geführt. Ich habe
eigentlich persönlich keinen Grund, eine solch prägnante
Stellungnahme abzugeben, umso mehr, als wir hier in der
Schweiz von Königen und ihrem Anhang ganz und gar
nix wissen. Ich erinnere mich an meinen Sprachaufenthalt
in England. Damals, in diesen gemütlichen Lektionen am
späteren Vormittag, vor dem kurzen Mittags-Sandwhich
mit Ei und Salat, vor der Fahrt mit dem Bus zum Strand,
wo die kühle Brise wehte und die englischen Männer ihre
Tatoos gesonnt und die riesigen Tageszeitung in den Wind
gestreckt haben, damals haben wir zur Übung unserer
englischen Konversationsfähigkeit über das englische
Königshaus diskutiert. Und der Lehrer, vielleicht ein
verkappter Adeliger, wie mir schien, der Lehrer hat das
Haus Windsor auf jede erdenkliche Weise in Schutz
genommen und argumentiert, sogar wirtschaftlich würde
sich die Königsfamilie für die Nation noch rentieren,
wenn man an all die Touristen denkt, die jahrausjahrein
daherkommen, um den Buckingham Palast, die Wache
und den königlichen Firlefanz zu fotografieren. Es gab
Franzosen, die als die Erfinder der echten und richtigen
Revolution hart gegen solche Denkweise gekämpft haben.
Es gab Deutsche, die mit stumpfem Rationalismus dagegen
angingen. Und sogar ein Italiener, so erinnere mich, konnte
sich gegen die Königin ereifern, indem er ihr Sophia Loren
entgegenhielt. Aber wir, die paar Schweizer, die wir auch
in dieser Klasse sassen, verhielten uns mehr oder weniger
neutral und meinten, wenn die Engländer eine Königin
haben wollen, dann sollen sie sie behalten. So etwa.
Und die Italiener sollten ihre Loren umschwärmen.
Die Franzosen hatten ja ihren Präsidenten, der mehr
oder weniger beinahe auch wie ein König war. Und die
Deutschen sollten ihr Sauerkraut zu Ende essen und im
übrigen die Schnauze halten.
*
Heute also ist Montag, ein schöner sonniger
Montagmorgen. Die Kinder sind ausgeflogen. Alle
geniessen ihre Herbstferien. Und das ist gut so. Ich
werde die Gelegenheit nutzen, um meine Pendenzen
zu bearbeiten und wieder einmal etwas aufzuräumen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag. Habt ihr auch
Ferien jetzt?
Mit einem lieben Gruss
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