Montag, 7. August 2017

Iran III (verlockendes Angebot)



Subject: Iran III
Date: Tue, 15 Aug


Liebe Marlena
Letztes mal habe ich, so glaube ich, die Anrede vergessen. Weißt du, ich habe teilweise zuhause geschrieben, und ich wollte nicht gleich allen zeigen, dass ich meiner Marlena schreibe. Und zum Schluss, beim hineinkopoeren ins Hotmail, habe ich es wohl vergessen. Tut mir leid, meine Liebste. Nimm es nicht tragisch. Machst Du doch nicht, oder?

Heute ist mein zweiter Arbeitstag. Und ich bin immer noch nicht richtig im Geschäft. Ich bin zwar auch heute sehr früh erwacht und schon um 530h im Büro gewesen. Aber es geht alles noch ziemlich harzig. Das ist nich so wie bei Dir. Wenn die die neuen Gesichter siehst, dann packt es dein Herz und du bist wieder Feuer und Flamme für Deinen Beruf. Ich sehe hier fast nur Papier, und das packt mir nicht das Herz.
Habe ich Dir schon erzählt, dass eine Tante von S mir einen Job in Teheran angeboten hat. Sie ist Professorin für Psychologie an der Universität Teheran und sie ist sehr bekannt im Land, weil sie oft an Radio und Fernsehen auftritt. Sie hat gesagt, von den 60 Millionen Persern würden sie mindestens 40 Millionen kennen. Aber du weißt ja, die Perser schneiden manchmal auch ein bisschen auf. Aber trotzdem hat sie mir das Angebot gemacht, zusammen eine Klinik namens Pasdaran zu führen. Pasdaran ist das bürgerliche Quartier, wo wir gewohnt haben. Sie meint, es gebe hier genug reiche Leute und es gebe auch genug Probleme. Ich habe zwar kleine Einwände gemacht, dass man ja doch schon ein bisschen die Sprache sprechen sollte als Psychologe, oder dass man die kulturellen Bedingungen bestens kennen müsste. Aber sie fand, dass sich das alles schon geben würde und dass wir sehr erfolgreich sein könnten. Gerade in Schulpsychologie hätten sie zur Zeit im Land einen grossen Bedarf. Man würde mich sicherlich auch als Berater beiziehen. Und weil sie selbst im Gremium sitzt, das Praxisbewilligungen erteilt, sieht sie überhaupt keine Probleme.

Du siehst, wie es läuft. Es ist schon verlockend, eine solche Möglichkeit zu haben. Schliesslich ist das Leben und vor allem die Arbeit machmal ein bisschen grau hier in Basel. Aber andererseits gibt es hier die Sozialversicherungen, die Krankenversicherungen und all die Dinge, die wir nun schon soviele Jahre bezahlt haben. Ich war ja nie ein allzu grosser Abenteuerer und ich bin auch nicht mehr unbedingt in einem Alter für sensationelle Abenteuer. So haben wir uns zwar sehr begeistert gezeit, aber bedauert, dass unsere Kinder zuerst ihre Studien beenden müssten. Und das braucht nocht 5 bis 7 Jahre. Und das wäre ja dann bald einmal mein Pensionsalter. Dann sehen die Perspektiven wieder anders aus. Da würde ich ein solches Engagement schon wagen, mit einer guten Pension, in Schweizerfranken ausbezahlt. Man könnte sie ja praktisch mit 10 hochrechnen. Da hätte ich Leben wie ein Krösus in Teheran, mit meiner blossen Rente aus der Schweiz. Ich könnte damit noch einen ganzen Haushalt mit Gehilfen und Dienern unterhalten. Das wäre alles kein Problem.
Na ja, Marlena, du siehst, wie man so ins Träumen kommt. S weiss auch zu erzählen, dass viele UNO-Experten, mit denen sie damals zusammengearbeitet hatte, sagten, das Teheraner Klima wäre sehr angenehm. Viele von ihnen wollten sich nicht mehr versetzen lassen.
Es gäbe auch viele andere Möglichkeiten im Iran.
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Und bei Euch oben in Schweden,...

Freitag, 4. August 2017

Persönliches...???

Meine liebe Marlena
Alle erzählen mir hier, dass der Sommer sehr regnerisch und kalt gewesen sei. Das kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen. Doch du hast es auch angedeutet.
Bei uns im Iran war es natürlich absolut heiss. Ich glaube, der Himmel über Teheran war nur einmal an einem Morgen leicht bewölkt. Aber bis Mittag war es dann wieder brennend heiss. Ich weiss, dass Du die Hitze nicht besonders magst. Und es geht mir ebenso. Doch es war einigermassen erträglich, wenn man sich auf leichte Kost konzentriert, tagsüber nur wenn nötig hinaus geht und dann immer möglichst im Schatten geht. Es ist gut, wenn man nicht zuviel Übergewicht hat. Und natürlich ist Air Condition im Auto nicht zu verachten.
Du möchtest gerne Persönliches hören aus meinen Ferien? Na ja, meine Ausführungen waren ein bisschen allgemein. Sozusagen eine allgemeine Einführung in Land und Leute!
Du weißt, dass mein Neffe und seine Freundin, beide Architekten in B. , mit dabei waren. S war viel damit beschäftigt, die ganze Sache zu organisieren und ist immer herumgesprungen. Sie hat letzen Endes nicht allzuviel Ruhe gehabt. Ich glaube, unsere beiden Gäste haben es sehr genossen. Natürlich war es nicht leicht, die beiden im Iran als Freundespaar auszugeben. So hat S manchmal versucht, sie als ihre Kinder hinzustellen. Und manchmal hat es sogar geklappt. Das war im Hotel natürlich ein Preisunterschied. Denn Ausländer mit fremden Pässen müssen mit Dollars bezahlen. Und diese Preise waren doch recht hoch.
Die Perser könnten diese hohen Preise gar nicht bezahlen, denn sie wären auch für einen Gutbetuchten (und deren gibt’s dort natürlich auch) extrem hoch.



Ich glaube, mir selbst hat Isfahan am besten gefallen. Ich bin ja insgesamt jetzt schon zum dritten Mal dort gewesen, aber es ist immer wieder wunderbar. Die Stadt ist nicht so riesig, und damit einigermassen überblickbar. Und die vielen kleinen Läden mit den Handwerkern, denen man bei der Arbeit zuschauen kann, die sind einfach piktoresk. Man entdeckt immer wieder neue Sachen. Und die Menschen sind wirklich sehr freundlich und plaudern gern, auch wenn sie sich nicht sonderlich gut ausdrücken können in Englisch.
Am feinsten ist der Bazar. Er ist natürlich auch in der Mittagshitze einigermassen erträglich. Es ist ein richtiges Biotop. Eigentlich wie eine grosse Familie. Die Händler kennen sich natürlich, mindestens diejenigen in der nächsten Umgebung. Sie helfen sich gegenseitig aus. Aber natürlich stehen sie zueinander auch in direkter Konkurrenz. Aber das lassen sie sich nicht anmerken. Ich hatte nie den Eindruck, irgend jemand wollte mich vom Laden seines Nachbars weglocken und in den eigenen ziehen. Sie sind ziemlich fair, auch wenn sie aus den Augenwinkeln wohl genau beobachten, was beim Nachbar geschieht.
Es gibt im Bazar dann Strassen, die sich auf ihre Spezialprodukte konzentrieren. In einem Teil gibt es nur Teppiche, dort nur Kleider, hier wiederum nur Küchenartikel. Im ganzen Durcheinander gibt es also schon auch eine Ordnung.
Die unterste Schicht im Bazar schienen mir die Träger oder Transporteure. Sie haben etwas unhandliche Wagen auf vier Rädern, mit denen sie irgendwelche Waren herumstossen. Wenn der Bazar voller Leute ist, so ist das eine umständliche Angelegenheit. Sie kommen kaum vorwärts und müssen Sorge tragen, dass sie die Leute nicht stossen. Man konnte es den Männern ansehen, dass sie von der einfachsten Sorte waren. Meist sehr klein, oft auch ein bisschen verkrüppelt. Auch oft ältere Männer. Und im Bazar von Isfahan gibt es da und dort auch noch Stufen. Dann müssen sie mit ihren Wagen die Stufen hinaufhieven, und wenn es nicht anders geht, ein paar Umstehende zu Hilfe rufen. Lastenträger im Bazar von Isfahan, das ist so das letzte, was ich mir im Leben wünschte.
Einmal bin ich auf einer Erkundungstour in eine Medresse, in eine theologische Schule geraten, die sich mitten im Bazar befand. Es war mir schon vorher aufgefallen, dass sich da und dort Mullahs zeigten, während man sie sonst auf den Strassen kaum mehr sah. Jemand erzählte, dass die Bevölkerung genug habe vom religiösen Regime, und dass sie teilweise die Mullahs auf den Strassen anpöbeln. Deshalb seien sie kaum mehr zu sehen.
Auf jeden Fall sah ich plötzlich ein hübsches Portal mit diesen blauen Fliessen und ging hinein. Da war ein Hof, mit Bäumen bepflanzt. Eine ganze Gruppe von Mullahs wandelten dahin. Offenbar hatten sie gerade so etwas wie Pause. Oder vielleicht war es auch ein offizielles Kolloquium. Gleich neben dem Eingang kam ein Mann in mittlerem Alter auf mich zu. Er sagte, ich müsse 2 Minuten absitzen. Umständlich zupfte er aus seiner Hosentasche einen Plastiksack hervor und legte ihn auf den Stein, damit ich mich draufsetzen könnte. Seine Einladung war so ziemlich das einige, was ich verstand. Sein Englisch war eher wirr. Und ich konnte wirklich kaum verstehen, was er meinte. Es schien, als ob er über Khomeini und Rafsanjani schimpfte. Ich hatte plötzlich den Eindruck, er wollte mich animieren, irgend etwas Negatives über die iranische Situation zu sagen. Und da wäre natürlich eine solche theologische Schule der falsche Ort gewesen. Ich suchte also, so gut ich konnte, mit rasch wieder zu verabschieden.
Als ich schon draussen und wieder in den Gängen des Bazars war, kam ein junger, irgendwie mongolisch wirkender Typ auf mich zu. Er sprach nicht schlecht englisch und gab sich als Schüler dieser Schule zu erkennen. Er forderte mich auf, doch hereinzukommen. Er würde gerne mit mir reden. Er war sehr höflich und ich hatte überhaupt keine Ahnung, weshalb er mir gefolgt war. Auf jeden Fall erklärte ich ihm, dass diese Schule für mich der falsche Ort sei, dass ich da einfach nicht hingehörte. Und so verabschiedete ich mich schnell, was er bedauernd hinnahm.
Ich habe zwar niemals irgendwelche auffälligen Situtionen beobachtet. Du Marlena hast auch die Meinung geäussert, der Iran sei gefährlich. Und S hat auch oft gewarnt, dass man als Ausländer - vor allem wenn sie einen als Amerikaner anschauen - in heikle Situationen geraten könne. Ich habe es so verstanden, dass man leicht in einen Disput oder Streit mit jemanden geraten kann, und dass sich dann plötzlich auch Umstehende erhitzen und eingreifen. Dann entsteht so etwas wie eine Massenpsychose, die sehr unberechenbar ist. Sowas kann ich mir schon vorstellen. Aber ich habe sie nie beobachtet. Ich hatte wirklich immer den Eindruck, dass die Perser sehr gerne Kontakt mit Ausländern hätten. Es waren vor allem jüngere Leute, die mich immer wieder angesprochen haben. Die einen konnten fast gar kein Englisch, und mit anderen konnte man dann gut ein paar Worte wechseln.
Mit einem Bachtiari habe ich, weil ich warten musste, ziemlich lange diskutiert. Er war Student und halb während der Sommermonate seinem Onkel im Bazar. Dieser war offenbar spezialisiert auf Nomadenteppiche. Er ging jeweils den Nomaden nach und kaufte ihnen die Dinge ab. Aber weil durch die Landflucht die Zahl der Nomaden stehts abnahm, habe er einen schwierigen Stand. Ich fragte ihn auch über persönliche Dinge, ob er verheiratet sei. Da haben Perser kein Problem. Man kann fast alles fragen. Er gab zu, dass er eine Freundin hätte. Aber seine Eltern wüssten es nicht. Dass Problem sei, dass die Eltern der Freundin ihr schon 4 oder 5 Männer vorgestellt haben, die sie heiraten könnte. Aber sie habe jedes mal abgelehnt. Jetzt sei er ein bisschen unter Druck, denn immer wieder könne sie ja nicht ohne plausible Gründe ablehnen. Das andere Problem sei, dass die Familie der Freundin reich sei. Er sollte, bevor er heirate, ein Haus haben und ein Auto. Das sei das Mindeste. Und als Student sei er eben noch nicht so weit.
Er war sehr offenherzig, der Kerl. Und er war auch eher modern mit seinen Einstellungen. Man konnte deutlich erkennen, dass er mit einer gewissen "westlichen Logik" argumentierte. Das ist nicht selbstverständlich. Manchmal redet man mit Leuten, deren Logik einem ganz und gar fremd vorkommt. Da ist dann wirklich ein cultural gap, das sichtbar wird.
Ach, man könnte in Persien wirklich Feldstudien betreiben und so die Menschen und die sozialen Verhältnisse kennenlernen. Sie sind teilweise sehr verschieden von den unseren, aber doch auch nicht sosehr, wenn wir in Europa ein paar hundert Jahre zurückgehen. Das ist das schöne an diesen Ländern. Wenn man sie besucht, dann geht man wirklich zurück in die Vergangenheit. Es ist wirklich die Vergangenheit. Und wenn Walser sagt, die Vergangenheit sei bloss ein Aspekt der Gegenwart (was eigentlich eine psychologische Definition ist), dann hat er hier vielleicht nicht völlig recht. Es gibt in diesen sozialen und kulturellen Tatsachen durchaus Ungleichzeitigkeiten des Gleichzeitigen. Und bei uns gibt es das auch, wenn vielleicht nicht so deutlich.

Wir haben ein bisschen Pech gehabt mit unserem Gepäck. Eine Tasche fehlt noch immer. Und leider ist es gerade die Tasche, worin ich mein Buch verstaut habe. Ich habe in Teheran ein französisches Nachschlagewerk für Proverbes und Maxime gefunden. Ich glaube, es hat mir nur wegen Dir, Marlena, so gut gefallen. Alle Redensarten und Zitate waren in Französisch. Aber sie stammten aus unterschiedlichen Provenienzen: Deutsch, Englisch, auch Persisch, Irisch, Afrikanisch etc. Sie waren nach Themen geordnet und es war lustig und interessant, zu sehen, wie verschiedene Kulturen ihre Sachverhalte darstellten und formulierten.
On revient toujours à ses premières amours.
Den habe ich auch gefunden. Ich kann mich erinnern, dass ich Dir diesen Satz einmal zitieren wollte, aber nicht mehr genau wusste. Hier hatte ich ihn gefunden. Ich hoffe, dass sie die Tasche noch finden und uns bringen werden. Es wäre schade um das Buch und einen Samovar, den ich auch dort eingepackt hatte. Ach, es wäre Sünd und Schande.

Ich hatte gestern absolut keine Zeit. Der Montag nach den Ferien ist die reine Hölle. Ich hasse das eigentlich. Man sieht nur noch Berge von Arbeit und von Schwierigkeiten. Und heute bin ich auch etwas früh aufgewacht. Und so habe ich die Gelegenheit benutzt, Dir zu schreiben. Es ist einfach ein bisschen improvisiert. Aber das ist doch persönlich, nicht wahr? Es ist ja auch Vollmond. Und wie du sagst, kann man dann nicht die ganze Verantwortung über das Geschriebene übernehmen.
Schreib mir auch, meine Liebe, ich möchte so gerne von Dir hören.
Ich küsse Dich, wie immer. Es geht mir ähnlich wie Dir. Auch ich hatte das Gefühl, ich sei wieder daheim, als ich wieder von Dir hörte, von Dir, meiner fernen Mausgeliebten.
KKK
...

Donnerstag, 3. August 2017

unsere Ferien im Iran


Teheran

Subject: Re: Iran I
Date: Sat, 12 Aug 16:32

Liebe Marlena
Vielen Dank für dein Mail. So ein langes Mail habe ich von Dir noch nie erhalten. Was bringt Dich zu solchen Hochleistungen?? Es ist wirklich sehr eindrücklich und ich kann sehen, wieviel Dir die Natur bedeutet. Die Beeren habe ich wohl noch nie gegessen. Aber sie schauen ein bisschen aus wie Maulbeeren, die wir im Iran viel gekostet haben. Und es gab noch eine andere Art von Beeren, sie nennen sie Beere der Beeren, und sie wachsen auf Bäumen. So ähnlich sehen die deinen aus. Die Maulbeeren sind auch hellgelb, wenn sie reif sind, und sie schmecken wie Honig. Wir haben oft getrocknete anstelle von Zucker zum Tee genommen.
Du bist ein Schatz, mir ein solch schönes Mail zu schreiben. Ich kann sehen, dass es wirklich sehr sorgfältig gemacht ist. Sicherlich hast Du lange daran gearbeitet. Und hast es dann in Reserve gelegt, für die Zeiten in der Wüste, wenn Kamele hungrig und durstig und unwillig werden. Du bist süss. Lass mich dich dafür küssen, mit den hönigsüssen und zuckergelben. Und auf dem Bild kann man wirklich eine Ahnung von der Frucht bekommen, so dass man am liebsten zugreifen würde.
*
Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. Simine ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch B hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es Simine immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Engehlab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht soserh auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert u nd geschwitzt.




Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.

Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
...


Juli im Norden



Lieber ... ,
So um den 20 Juli herum ist es so weit. Schon lange haben wir an diesen Tag gedacht. Mit Freude und mit Angst. Es ist Zeit für die Multbeeren. Wir haben bereits eine Tour in den nahen Wald gemacht und vom Auto nachgesehen ob sie reif sind. Hier und da leuchtet es ein wenig rot und an manchen Stellen sogar gelb, ein Zeichen dass man sie nun pflücken kann. Morgen geht es los. Wir hoffen auf einen frischen Tag mit Wind, damit die Mückenplage nicht zu gross wird und die Kriebelmücken: so ganz kleine Fliegen, die einen ganz schrecklich beissen und die sich mit Vorliebe in die Augen begeben wo man sich nicht mit Mückenöl einreiben kann.
Am Morgen müssen wir feststellen dass es zwar schön sonnig ist aber leider ganz windstill. Wir kleiden uns wie üblich für diese Aufgabe. Jeans, Gummistiefel, ein leichtes T-shirt und darüber etwas langärmeliges. Ich nehme immer ein altes Hemd aus Baumwolle das meinem Schwiegervater gehört hat. Um diese Zeit denke ich besonders viel an ihn. Als er noch lebte war das ganze mit einem Zeremoniell umgeben, das fast ein bisschen magisch wirkte. Bevor man endlich startete wurde mindestens eine Stunde lang diskutiert auf welchem Moor man am sichersten eine gute, ungerührte Stelle finden könnte. Namen wurden genannt die für mich einen exotischen Klang hatten. Manchmal wurde ich ungeduldig und versuchte sie zu beschleunigen. Nun denke ich mit Wehmut zurück an diese Zeit.
Genau wie damals trage ich auch heute einen gelben Stoffhut um mich gegen Bremsen zu schützen, vor denen ich mich am meisten fürchte. Man hört sie und weiss dass sie einen nicht verlassen bevor sie Blut getrunken haben und man weiss auch wie weh sie tun, die schmerzenden Beulen, die sie auf der Haut hinterlassen.
Nun, noch schnell diskret alle Eimer ins Auto und den Picknickkorb und dann geht's los. Eine Fahrt zu einer Multbeerenstelle ist immer ”secret mission”.
Seit einigen Jahren haben wir eine Lieblingsstelle wo wir diese Beeren pflücken. Ein richtiger Tresor! Zwar liegt es ein paar Meilen entfernt, aber was macht das schon. Die Natur ist so schön! Die Fahrt geht durch Wald und Felder, durch eine sehr dünn besiedelte Gegend. Immer wieder fragen wir uns was für Leute es aushalten so isoliert zu leben, besonders im Winter.
Nach ungefähr 40 Minuten sind wir am Ziel. Nun rasch aus dem Auto, die Eimer heraus und über den Graben in den Wald. Es muss alles sehr schnell gehen. Denn eine gute Multbeerenstelle ist wie eine Goldader die man gefunden hat. Man will nicht dass alle davon wissen.
Hier hat schon jemand gepflückt, können wir sofort feststellen. Ist aber nicht schlimm.. An dieser Stelle sind schon nach einem Tag so viele nachgereift dass man mehr als genug findet. Ausserdem gibt es immer Teile die noch ungerührt sind.
Es ist ein zeitweise strüppiges Gelände. Aber ich wage mich auch auf die offenen Stellen. Ich bin es gewöhnt. Ich weiss wohin man treten darf. Und doch passiert es mir plötzlich. Blitzschnell, bevor ich weiss was passiert, ist mein linkes Bein bis zum Knie im Moor versunken und als ich es rausziehe ist der ganze Stiefel voll Wasser.
Doch ich muss es leiden. Und was macht es schon. Ich freue mich über die Beeren die überall so schön leuchten. Wie Honig sind sie. ”Das Gold des Waldes” nennt man sie und sie lassen mich die Strapazen vergessen. Aber dann brennt wieder die Sonne. Es ist es ganz windstill. Auch nähert sich die Zeit wo die Blutsauger besonders aktiv werden. Es surrt und brummt um mich herum.
Ich bewege mich gebeugt über das Moor. Wie warme Wellen steigt die Luft empor in mein schon vorher erhitztes Gesicht. Ich habe das Gefühl dass mein Körper zu kochen beginnt. ”Wenn es eine Hölle gibt” denke ich, ”dann muss es so sein”. Und es gibt keinen Ausweg. Du musst es ertragen. Nur der Gedanken, dass es zeitbegrenzt ist, schenkt mir ein wenig Trost. Bald werden wir an einer offenen Stelle wo der Wind weht, unseren mitgebrachten Kaffee trinken und dann werden wir im Auto sicher unterwegs sein zu unserem kühlen Fluss wo wir uns erfrischen können. 



Zufrieden, wie wenn man Schwerarbeit geleistet hat, kommen wir zu Hause an. Mindestens 15 Liter haben wir in zwei Stunden gepflückt. Bis spät in die Nacht koche ich den köstlichen ”Hjortronsylt” (=eingemachte Multbeeren laut Lexikon :-)




Das ist ein typisches, ständig wiederkommendes Ereignis in unserem Sommeraufenthalt oben in Nordschweden. Wenn man dann Besuch bekommt ist immer eine Frage: Habt ihr schon Multbeeren gepflückt? Dieses Jahr hatten alle den Eindruck, dass es sehr viele Stellen gab, die noch ziemlich ungerührt waren.. Wir glauben dass viele Leute, die es gewöhnt sind diese Beeren zu pflücken, nun schon zu alt geworden sind für diese Strapazen und die junge neue Generation ist zu bequem für solche anstrengende Aktivitäten.
*
Als ich meinen Nachbarn ein paar Liter als Dank überreichte sagte ich etwas von der Hölle auf dem Moor. Der Biologe lachte und meinte, ich sei nicht der erste der diesen Vergleich gemacht hätte und zeigte mir ein Buch mit dem Titel: Lapplandsreise im Jahr 1732 von Carl Linnaeus. Darin schreibt er von dem Moor: ” Hinc vocavi Styx. Aldrig kan prästen så beskriva helvete, som detta ej är värre”      ( ..... Nie kann der Priester so die Hölle beschreiben, dass dies nicht schlimmer wäre).
*
Keine Angst, es gibt Grenzen dafür was ich dir zutrauen würde. Du brauchst nicht mitzukommen aufs Moor ;-)

Mittwoch, 2. August 2017

Re: Wenn Fliegen fliegen ..







Lieber ...!
Ich konnte kaum meinen Augen trauen als ich deine Mails entdeckte. Ich kam gerade, in ein Badehandtuch gewickelt, aus dem Badezimmer und Anna fragte: soll ich was nachschaun bevor ich rausgehe (aus dem Internet). ”Kannst du ja machen... aber es ist noch nichts da..” Und dann waren da plötzlich diese kleinen roten Pfeile vor deinem Namen und ich konnte es fast nicht glauben.

Ja, ich verstehe, dass die Umstellung für dich nun ziemlich gross sein muss. Und vielleicht sollte ich dir erst etwas Ruhe lassen ;-) bis du dich wieder eingearbeitet hast. Doch ich kann es nicht. Habe dich so lange vermisst. Deine schönen lieben Mails, all diese Worte die so tief in mein Inneres dringen.. dein wunderbarer Humor, der mich lächeln und lachen lässt. Wie könnte ich freiwillig darauf verzichten. Auch habe ich das Bedürfnis mit dir zu ”sprechen”. Es ging einigermassen gut oben im Norden, aber als ich wieder nach Hause kam wurde es immer schlimmer..

Du hast richtig gesehen. Im Liegestuhl mit einem guten Buch.. aber nicht nur das. Ich werde dir dann mehr darüber erzählen. Die letzten drei Tage meiner Ferien habe ich sehr genossen und ganz zu meinem Eigentum gemacht. (K war schon seit Montag weg). Das Wetter war so herrlich, mit strahlender Sonne und wir sind an einen See gefahren und erst immer spät am Abend zurückgekehrt. Kannst du dir das vorstellen, vier Personen in Liegestühlen, jeder tief in ein Buch vertieft (ich liebe diese stille Gemeinsamkeit sehr) und wenn man aufschaut ist es da, das glitzernde Wasser und die schöne grüne Natur.


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Am Donnerstag ging es los. Es war ein Tag mit verschiedenen Vorträgen. Man ist es nicht mehr gewöhnt so lange still zu sitzen. Zum Glück kann man sich schriftlich mit dem Nachbarn unterhalten ;-)
Erst am Dienstag kommen dann die ersten Schüler und die wirkliche Arbeit beginnt. Vorher kann ich manchmal etwas nervös sein, so wie ein Pferd dass auf die Rennbahn muss. Aber wenn ich sie dann sehe, die jungen Leute, ist alles wie es sein soll. Man hat mir aus Versehen (glaube ich) ein bisschen zu viel Stunden gegeben und ich werde versuchen eine Klasse einem Kollegen zu überlassen sonst weiss ich dass ich überhaupt keine Freizeit mehr haben werde.
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Bevor ich dich kennenlernte, wusste ich sehr wenig von Iran und nun habe ich fast den Eindruck das ich dort gewesen sei. Du hast meine Welt wieder grösser gemacht, meinen Horizont erweitert. Ich möchte dir auch dafür danken.
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Was für Worte machen dich traurig, mein Liebling? Ich will doch nur etwas Positives in deinem Leben sein. Vielleicht hast du manchmal Angst dass ich mehr will als du geben kannst. Aber so ist es nicht. Ich kenne unseren Turm so gut. Ich kenne die §§§ die unsere ”Mausfreundschaft” umgeben (obwohl es mir auch Spass macht sie manchmal zu ignorieren). Ich kenne sie doch, diese unausgesprochenen, heimlichen Grenzen. Du musst dir keine Sorgen machen deswegen, chéri. Manchmal tut es sehr weh.. aber es ist es doch wert.
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Ich habe dir schon vorige Woche geschrieben. Eigentlich wollte ich das Mail aufheben für später, für einen Tag an dem ich nicht zum schreiben komme, damit du deinen bekannten ”Hunger” stillen kannst. Aber es gehört irgendwie mit deinem ”Fliegen-mail” zusammen und so hänge ich es hier unten dran.
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Ich werde besser aufpassen müssen, dass ich dir nicht gleich wieder dein neues ”nüchternes” Leben mit einem Doppelten Grogg verderbe. ;-)

Vai Khodah! Ich liebe dich!
Marlena

Dienstag, 1. August 2017

Wenn Fliegen fliegen ...





Subject: Wenn Fliegen fliegen, fliegen Fliegen Fliegen nach ...
Date: Fri, 11 Aug 20:14


Liebe Marlena
Irgendwie weiss ich gar nicht, wie beginnen. Es gibt so grosse Lücken und Leerstellen, dass es viel aufzuholen gäbe. Eigentlich habe ich eine Art Tagebuch geführt. Ich habe aus dem Büro eine alte, leere
Agenda aus dem Jahre 97 mitgenommen. Und darin habe ich die Tage einigermassen reflektiert. Es ist ja sonderbar im Iran.
Sie haben diese wunderschöne Erfindung des Schläfchens nach dem Mittagessen. In Italien nennen sie es Siesta. Die Perser haben dafür nicht ein eigenes Wort. Umso mehr geben sie sich diesem süssen Schlümmerchen hin. Es ist die beste Erfindung, die ich kenne, vielleicht neben der Erotik und der Hendune, der süssen, roten Wassermelone. Es gib im Iran etwa um 14 Uhr Mittagessen. Vielleicht auch um 1330h, je nachdem. Und nach dem Essen, meist irgend eine Speise mit Reis, kommt automatisch diese Schwere, die dich aufs Bett legt. Und langsam und gemächlich lässt du dich in diesen süssen Schlummer gleiten. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, er erfasst Dich mit sanfter Hand und führt dich hinüber.
Zum Schlümmerchen legt man sich auf ein Bett, oder eine Matratze irgendwo im Haus. Man kann sich auch bloss auf den Teppich legen, vielleicht vor die Air Condition, wovon die Schwiegermütter vehement abraten.
Gegen dieses Schlümmerchen gibt es nur einen ernstzunehmenden Feind: die gemeine Stubenfliege. Kannst du dir vorstellen, wie so etwas läuft? Du liegst da und bist gleich weg in den süssen Schlummer, und dann setzt sich dieses Miststück auf deine Wange. Es ist die reine Provokation. Und mit einem unwilligen Wisch verscheuchst du sie. Du hört sie wegfliegen, dann bist du gleich wieder am Eingangstor des Schlafes. Doch dieses Mal und genau berechnete circa 5 Minuten später setzt sie sich exakt auf deine Nase. Du zögerst, deiner Hand einen entsprechenden Räumungsbefehl zu geben, es könnte ja alles auch ein neckischer Traum sein. Aber nein, sie stolziert kreuz und quer und gespreizt auf deiner Nase herum. Du hast keine andere Wahl, du musst reagieren und sie verscheuchen, andernfalls untergräbt sie deine Autorität vollständig. Und natürlich schaffst du es, dass sie sich dir unterwirft und schliesslich abdüst. Und so versuchst du dich - schon etwas unruhig und verärgert - zu entspannen und mit Hilfe schöner Vorstellungen von Neuem in den Schlaf zu wiegen. Du stellst dir vor, du stehst am Eingang des Golestan (Rosengarten) und hinten sitzt er, dein Edelgeliebter. Langsam näherst du dich ihm, mit einiger Beklemmung und ganz langsam und wohltemperiert. Und schliesslich nimmst du deinen Mut zusammen und fasst seine Hand und - verwegen wie du bist - suchst du mit deinen Lippen die Seinen. Ach wie süss, der feine Hauch durchfährt deinen ganzen Körper. Ein feiner Reiz auf der Lippe durch zieht deinen ganzen Körper wie eine elektrisierende Welle. Doch es artet aus in ein Kitzeln und es wird stärker und lästig gar. Und schliesslich stehst du ärgerlich da und reibst deine Lippen und beisst sie unwirsch, auf denen gerade noch dieses unverschämte Insekt auf- und abflaniert war. Das ist wirklich die Höhe, denn mit dem süssen Kuss für den Edelgeliebten war wohl nichts gewesen. Es war alles die reine Illusion, und dies nur wegen dem lästigen Ding. Mittlerweile ist dein Ärger so angestiegen, dass du dich nicht mehr niederlegst, sondern gleich in die Küche schleichst, um dich mit einen starken Tee wieder völlig wach zu kriegen.
Deshalb heisst die einserne Regel für den Mittagsschlaf, liebe Marlena: nimm ein Leintuch mit, oder einen durchgeladenen Revolver. Das Leintuch ist insofern bequemer, als es dich auf einfache und konventionelle Weise vor lästigen Insekten schützt, indem du es über deinen ganzen Körper ziehst. Der Revolver, zugegeben, ist etwas umständlicher und manchmal auch gemeingefährlich! Aber zur Not auch dies eine durchaus diskutable Variante!
KUSS
...

Re: Willkommen



Subject: Re: Willkommen
Date: Fri, 11 Aug 18:21

Liebe Marlena
Ach, meine Liebe, manchmal machst du mich ein bisschen unsicher oder verzweifelt. Du fürchtest, dass ich mich von Dir entfernt habe??
Es ist doch so schön, nach dieser langen Zeit wieder von Dir zu hören, Marlena!!
Ich habe oft an Dich gedacht. Und vielleicht ist es das Geheimnisvolle, das mich zu Dir zieht? Dass Du Bücher über den Iran oder über Rom liest, das zeigt mir, dass wir im gleichen Wasser schwimmen. Es beweist mir, wie Du offen bist und Nähe suchst, auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, du bist sehr auf Dich selbst (oder vielleicht Deine Familie) bezogen und weit weg. Doch das könnte ja auch an mir selbst liegen. Wer weiss das schon so genau?
Ich glaube, wir haben einen schönen und gemeinsamen Grund, Marlena, deshalb solltest Du nicht zweifeln an unserer Freundschaft. Du hast sehr feine und innige Gefühle, das merke ich immer wieder, und das mag ich sehr. Und manchmal fühle ich mich Dir gegenüber fast etwas grob, wenn ich wild und ausfahrend reagiere.
Ich umarme Dich, meine liebe Marlena, und ich tue es sehr zart, denn ich weiss, dass Du eine äusserst feine und - wie soll ich sagen - auch noble Frau bist.
Manchmal machen mich Deine Gedanken traurig. Ich kann Dir nicht genau sagen, was es ist. Aber das macht nichts. Das gehört auch zu einer guten Beziehung.
Du siehst, Marlena, ich komme weit her, aus dem Orient. Und ich brauche wieder ein bisschen Zeit, mich hier einzuleben. Deshalb ist dieses erste Mail vielleicht ein bisschen steif. Vielleicht ist es auch nicht. Ich war in diesen heissen Tagen in der Tat oft in Gedanken bei Dir. Und ich hätte gerne gehört, wie es Dir und Deinen Lieben geht.

Ich werde Dir bald von meiner Seite erzählen.
Ich küsse Dich "wie immer" (welch neue Formulierung!!)
...

Dein letztes Mail ist zweimal gekommen. Das wirkt dann ja wie ein doppelter Cognac (ich habe 4 Wochen keinen einzigen Schluck Alkohol gehabt, musst Du wissen).