Meine liebe Marlena
Alle erzählen mir hier, dass der Sommer sehr regnerisch und kalt gewesen
sei. Das kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen. Doch du hast es
auch angedeutet.
Bei uns im Iran war es natürlich absolut heiss. Ich glaube, der Himmel
über Teheran war nur einmal an einem Morgen leicht bewölkt. Aber bis
Mittag war es dann wieder brennend heiss. Ich weiss, dass Du die Hitze
nicht besonders magst. Und es geht mir ebenso. Doch es war einigermassen
erträglich, wenn man sich auf leichte Kost konzentriert, tagsüber nur
wenn nötig hinaus geht und dann immer möglichst im Schatten geht. Es ist
gut, wenn man nicht zuviel Übergewicht hat. Und natürlich ist Air
Condition im Auto nicht zu verachten.
Du möchtest gerne Persönliches hören aus meinen Ferien? Na ja, meine
Ausführungen waren ein bisschen allgemein. Sozusagen eine allgemeine
Einführung in Land und Leute!
Du weißt, dass mein Neffe und seine Freundin, beide Architekten in B. ,
mit dabei waren. S war viel damit beschäftigt, die ganze Sache zu
organisieren und ist immer herumgesprungen. Sie hat letzen Endes nicht
allzuviel Ruhe gehabt. Ich glaube, unsere beiden Gäste haben es sehr
genossen. Natürlich war es nicht leicht, die beiden im Iran als
Freundespaar auszugeben. So hat S manchmal versucht, sie als ihre Kinder
hinzustellen. Und manchmal hat es sogar geklappt. Das war im Hotel
natürlich ein Preisunterschied. Denn Ausländer mit fremden Pässen müssen
mit Dollars bezahlen. Und diese Preise waren doch recht hoch.
Die Perser könnten diese hohen Preise gar nicht bezahlen, denn sie wären
auch für einen Gutbetuchten (und deren gibt’s dort natürlich auch)
extrem hoch.
Ich glaube, mir selbst hat Isfahan am besten gefallen. Ich bin ja
insgesamt jetzt schon zum dritten Mal dort gewesen, aber es ist immer
wieder wunderbar. Die Stadt ist nicht so riesig, und damit einigermassen
überblickbar. Und die vielen kleinen Läden mit den Handwerkern, denen
man bei der Arbeit zuschauen kann, die sind einfach piktoresk. Man
entdeckt immer wieder neue Sachen. Und die Menschen sind wirklich sehr
freundlich und plaudern gern, auch wenn sie sich nicht sonderlich gut
ausdrücken können in Englisch.
Am feinsten ist der Bazar. Er ist natürlich auch in der Mittagshitze
einigermassen erträglich. Es ist ein richtiges Biotop. Eigentlich wie
eine grosse Familie. Die Händler kennen sich natürlich, mindestens
diejenigen in der nächsten Umgebung. Sie helfen sich gegenseitig aus.
Aber natürlich stehen sie zueinander auch in direkter Konkurrenz. Aber
das lassen sie sich nicht anmerken. Ich hatte nie den Eindruck, irgend
jemand wollte mich vom Laden seines Nachbars weglocken und in den
eigenen ziehen. Sie sind ziemlich fair, auch wenn sie aus den
Augenwinkeln wohl genau beobachten, was beim Nachbar geschieht.
Es gibt im Bazar dann Strassen, die sich auf ihre Spezialprodukte
konzentrieren. In einem Teil gibt es nur Teppiche, dort nur Kleider,
hier wiederum nur Küchenartikel. Im ganzen Durcheinander gibt es also
schon auch eine Ordnung.
Die unterste Schicht im Bazar schienen mir die Träger oder
Transporteure. Sie haben etwas unhandliche Wagen auf vier Rädern, mit
denen sie irgendwelche Waren herumstossen. Wenn der Bazar voller Leute
ist, so ist das eine umständliche Angelegenheit. Sie kommen kaum
vorwärts und müssen Sorge tragen, dass sie die Leute nicht stossen. Man
konnte es den Männern ansehen, dass sie von der einfachsten Sorte waren.
Meist sehr klein, oft auch ein bisschen verkrüppelt. Auch oft ältere
Männer. Und im Bazar von Isfahan gibt es da und dort auch noch Stufen.
Dann müssen sie mit ihren Wagen die Stufen hinaufhieven, und wenn es
nicht anders geht, ein paar Umstehende zu Hilfe rufen. Lastenträger im
Bazar von Isfahan, das ist so das letzte, was ich mir im Leben wünschte.
Einmal bin ich auf einer Erkundungstour in eine Medresse, in eine
theologische Schule geraten, die sich mitten im Bazar befand. Es war mir
schon vorher aufgefallen, dass sich da und dort Mullahs zeigten,
während man sie sonst auf den Strassen kaum mehr sah. Jemand erzählte,
dass die Bevölkerung genug habe vom religiösen Regime, und dass sie
teilweise die Mullahs auf den Strassen anpöbeln. Deshalb seien sie kaum
mehr zu sehen.
Auf jeden Fall sah ich plötzlich ein hübsches Portal mit diesen blauen
Fliessen und ging hinein. Da war ein Hof, mit Bäumen bepflanzt. Eine
ganze Gruppe von Mullahs wandelten dahin. Offenbar hatten sie gerade so
etwas wie Pause. Oder vielleicht war es auch ein offizielles Kolloquium.
Gleich neben dem Eingang kam ein Mann in mittlerem Alter auf mich zu.
Er sagte, ich müsse 2 Minuten absitzen. Umständlich zupfte er aus seiner
Hosentasche einen Plastiksack hervor und legte ihn auf den Stein, damit
ich mich draufsetzen könnte. Seine Einladung war so ziemlich das
einige, was ich verstand. Sein Englisch war eher wirr. Und ich konnte
wirklich kaum verstehen, was er meinte. Es schien, als ob er über
Khomeini und Rafsanjani schimpfte. Ich hatte plötzlich den Eindruck, er
wollte mich animieren, irgend etwas Negatives über die iranische
Situation zu sagen. Und da wäre natürlich eine solche theologische
Schule der falsche Ort gewesen. Ich suchte also, so gut ich konnte, mit
rasch wieder zu verabschieden.
Als ich schon draussen und wieder in den Gängen des Bazars war, kam ein
junger, irgendwie mongolisch wirkender Typ auf mich zu. Er sprach nicht
schlecht englisch und gab sich als Schüler dieser Schule zu erkennen. Er
forderte mich auf, doch hereinzukommen. Er würde gerne mit mir reden.
Er war sehr höflich und ich hatte überhaupt keine Ahnung, weshalb er mir
gefolgt war. Auf jeden Fall erklärte ich ihm, dass diese Schule für
mich der falsche Ort sei, dass ich da einfach nicht hingehörte. Und so
verabschiedete ich mich schnell, was er bedauernd hinnahm.
Ich habe zwar niemals irgendwelche auffälligen Situtionen beobachtet. Du
Marlena hast auch die Meinung geäussert, der Iran sei gefährlich. Und S
hat auch oft gewarnt, dass man als Ausländer - vor allem wenn sie einen
als Amerikaner anschauen - in heikle Situationen geraten könne. Ich
habe es so verstanden, dass man leicht in einen Disput oder Streit mit
jemanden geraten kann, und dass sich dann plötzlich auch Umstehende
erhitzen und eingreifen. Dann entsteht so etwas wie eine Massenpsychose,
die sehr unberechenbar ist. Sowas kann ich mir schon vorstellen. Aber
ich habe sie nie beobachtet. Ich hatte wirklich immer den Eindruck, dass
die Perser sehr gerne Kontakt mit Ausländern hätten. Es waren vor allem
jüngere Leute, die mich immer wieder angesprochen haben. Die einen
konnten fast gar kein Englisch, und mit anderen konnte man dann gut ein
paar Worte wechseln.
Mit einem Bachtiari habe ich, weil ich warten musste, ziemlich lange
diskutiert. Er war Student und halb während der Sommermonate seinem
Onkel im Bazar. Dieser war offenbar spezialisiert auf Nomadenteppiche.
Er ging jeweils den Nomaden nach und kaufte ihnen die Dinge ab. Aber
weil durch die Landflucht die Zahl der Nomaden stehts abnahm, habe er
einen schwierigen Stand. Ich fragte ihn auch über persönliche Dinge, ob
er verheiratet sei. Da haben Perser kein Problem. Man kann fast alles
fragen. Er gab zu, dass er eine Freundin hätte. Aber seine Eltern
wüssten es nicht. Dass Problem sei, dass die Eltern der Freundin ihr
schon 4 oder 5 Männer vorgestellt haben, die sie heiraten könnte. Aber
sie habe jedes mal abgelehnt. Jetzt sei er ein bisschen unter Druck,
denn immer wieder könne sie ja nicht ohne plausible Gründe ablehnen. Das
andere Problem sei, dass die Familie der Freundin reich sei. Er sollte,
bevor er heirate, ein Haus haben und ein Auto. Das sei das Mindeste.
Und als Student sei er eben noch nicht so weit.
Er war sehr offenherzig, der Kerl. Und er war auch eher modern mit
seinen Einstellungen. Man konnte deutlich erkennen, dass er mit einer
gewissen "westlichen Logik" argumentierte. Das ist nicht
selbstverständlich. Manchmal redet man mit Leuten, deren Logik einem
ganz und gar fremd vorkommt. Da ist dann wirklich ein cultural gap, das
sichtbar wird.
Ach, man könnte in Persien wirklich Feldstudien betreiben und so die
Menschen und die sozialen Verhältnisse kennenlernen. Sie sind teilweise
sehr verschieden von den unseren, aber doch auch nicht sosehr, wenn wir
in Europa ein paar hundert Jahre zurückgehen. Das ist das schöne an
diesen Ländern. Wenn man sie besucht, dann geht man wirklich zurück in
die Vergangenheit. Es ist wirklich die Vergangenheit. Und wenn Walser
sagt, die Vergangenheit sei bloss ein Aspekt der Gegenwart (was
eigentlich eine psychologische Definition ist), dann hat er hier
vielleicht nicht völlig recht. Es gibt in diesen sozialen und
kulturellen Tatsachen durchaus Ungleichzeitigkeiten des Gleichzeitigen.
Und bei uns gibt es das auch, wenn vielleicht nicht so deutlich.
Wir haben ein bisschen Pech gehabt mit unserem Gepäck. Eine Tasche fehlt
noch immer. Und leider ist es gerade die Tasche, worin ich mein Buch
verstaut habe. Ich habe in Teheran ein französisches Nachschlagewerk für
Proverbes und Maxime gefunden. Ich glaube, es hat mir nur wegen Dir,
Marlena, so gut gefallen. Alle Redensarten und Zitate waren in
Französisch. Aber sie stammten aus unterschiedlichen Provenienzen:
Deutsch, Englisch, auch Persisch, Irisch, Afrikanisch etc. Sie waren
nach Themen geordnet und es war lustig und interessant, zu sehen, wie
verschiedene Kulturen ihre Sachverhalte darstellten und formulierten.
On revient toujours à ses premières amours.
Den habe ich auch gefunden. Ich kann mich erinnern, dass ich Dir diesen
Satz einmal zitieren wollte, aber nicht mehr genau wusste. Hier hatte
ich ihn gefunden. Ich hoffe, dass sie die Tasche noch finden und uns
bringen werden. Es wäre schade um das Buch und einen Samovar, den ich
auch dort eingepackt hatte. Ach, es wäre Sünd und Schande.
Ich hatte gestern absolut keine Zeit. Der Montag nach den Ferien ist die
reine Hölle. Ich hasse das eigentlich. Man sieht nur noch Berge von
Arbeit und von Schwierigkeiten. Und heute bin ich auch etwas früh
aufgewacht. Und so habe ich die Gelegenheit benutzt, Dir zu schreiben.
Es ist einfach ein bisschen improvisiert. Aber das ist doch persönlich,
nicht wahr? Es ist ja auch Vollmond. Und wie du sagst, kann man dann
nicht die ganze Verantwortung über das Geschriebene übernehmen.
Schreib mir auch, meine Liebe, ich möchte so gerne von Dir hören.
Ich küsse Dich, wie immer. Es geht mir ähnlich wie Dir. Auch ich hatte
das Gefühl, ich sei wieder daheim, als ich wieder von Dir hörte, von
Dir, meiner fernen Mausgeliebten.
KKK
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