Donnerstag, 6. Juli 2017

In einem Wüstendorf



Liebe Marlena
Sind Kamele Wiederkäuer? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube,
sie könnten es schon sein. Ich habe sie in Erinnerung, wie sie
daliegen und kauen. Sie haben also nicht bloss den Vorteil, dass sie
Reserven speichern können, sie können sich auch noch mit sich selbst
beschäftigen, sie können daliegen und vor sich hinkauen wie ein
amerikanischer Base-Ball-Spieler, der seine Mannschaft soeben in
Führung gebracht hat. Sie sehen ja so zufrieden aus, die Kamele. Es
gibt in Persien auch Kamele, aber sie sind eigentlich nicht heimisch.
Wenn es sie hat, kommen sie aus dem arabischen Raum.

Ich habe einmal ein paar Tage in einem persischen Wüstendorf gelebt.
Das war mit dem deutschen UNO-Experten und dem persischen
Übersetzer. Wir konnten bei einer Familie, ich glaube, es war die
Familie des Dorfvorstehers, wohnen. Die Frauen und Töchter haben
uns das Essen bereitet. Das war sehr einfach. Aber während des Essens
sind die Frauen in der Küche verschwunden. Du hast sie immer nur im
Türrahmen gesehen. Und es hat mich manchmal merkwürdig berührt,
wenn sich die Blicke ab und zu kurz begegnet sind. Man merkte, es ist
eine intelligente Person, aber sie wird hier nicht als Person zugelassen.
Und dann kann man sich überlegen, was eine solche Person wohl
denken mag, ob sie sich ihrer Situation bewusst ist. Es gab nicht soviele
solche Blicke. Bei den meisten konntest du sehen, dass sie sich in
ihre Situation geschickt haben. Sie wissen nichts anderes und nehmen
es, wie es kommt. Aber manche Blicke waren ein bisschen anders. Und
da hatte ich manchmal das Gefühl: sie weiss es, dass es ungerecht ist!
Aber wenn man es sich wirklich überlegt, wussten auch diese es nicht.
Sie wussten vielleicht ein bisschen mehr. Aber wirklich wussten sie es
nicht. Denn es ist nicht primär eine Sache des Wissens, sondern eher
der Lebenspraxis. Und die war ja wohl eindeutig.
Doch ich wollte Dir von diesem Wüstendorf erzählen, das mir durch
die Kamele in den Sinn gekommen ist. Wir waren dann abends oben
auf dem Dach. Sie haben uns Tee gereicht in diesen kleinen Gläsern
mit einer Untertasse, die sehr tief ist. Der Tee ist ja immer brandheiss.
Und wenn man so sehr Durst hat, dass man sofort trinken möchte,
dann schüttet man ein bisschen Tee in die Untertasse und schwenkt
sie kurz, damit er abkühlt und gerade trinkwarm wird. Aber noch so
schlürft man den Tee in kleinen Zügen. Es sind nicht die grossen
Schlücke, die wir hier nehmen. Und dazu halten sie dir eine Dose
mit Zuckerstücken hin. Die stammen von gebrochenen Zuckerstöcken
und sind sehr hart. Die legst du auf die Zunge und lässt jetzt den Tee
darüberrieseln. Das schmeckt sehr fein, weil nicht jeder Schluck gleich
schmeckt. Manchmal erwischt man eine Welle der Süsse, und
manchmal wieder dringt mehr der leicht bittere Geschmack des
Schwarztees durch. Das ist also ein richtiges Zeremoniell. Wenn
man so zusammensitzt und redet und Tee trinkt, dann holen sie
immer wieder. Man trinkt ja dann ganz langsam. Und dieses
kleine Teeglas mit der Untertasse, das du in Händen hälst, bietet
dir jede Menge Möglichkeiten, mit Gesten zu spielen, auch die
Wertschätzung dem Gastgeber gegenüber zu zeigen. Du stellst
das leere Glas ja nicht einfach wieder so zurück auf den Boden,
sondern du tust das, als ob es das Wertvollste Ding auf der Welt
sei, als ob der kleinste Kratzer die grösste Katastrophe der Welt wäre.
Ich glaube, es ist ein ganzer Kanon, der hier spielt, ein Zusammen-
spiel von Regeln. Und erst jetzt, da ich Dir davon erzähle, wird es
mir mehr bewusst, wie ich auch mitmache, ohne die Regeln so
bewusst zu kennen, einfach, weil ich die umgebenden Menschen
imitiere.
Als wir in diesem Dorf eingetroffen waren, sind wir im Wohnraum
zusammengesessen. Und sie haben für jeden von uns eine kleine
Flasche Pepsi Cola hingestellt. Ich hatte einen riesigen Durst, und
ich hatte das Gefühl, ich brauchte mindestens eine Literflasche Pepsi.
Aber das Fläschchen war nicht gekühlt, denn sie haben dort keine
Kühlschränke (wenn ich mich richtig erinnere). Doch ich habe alle
meine Willensstärke zusammengenommen und dieses Pepsi, das
ich mit einem Zug hätte austrinken mögen, ich habe es stehen lassen.
Diese Menschen haben praktisch kein Geld. Und ein Pepsi ist für sie
der absolute Luxus. Es ist eigentlich viel zu teuer, dieses braune
Zuckerwasser. Es ist schon bei uns viel zu teuer. Aber für diese
Menschen ist es vielleicht so, wie für uns eine gute Flasche Bordeaux.
Sie haben auch selbst keines getrunken. Es war nur für die Gäste, weil
es so exklusiv war. So habe ich es stehen gelassen, und habe mit
Sehnsucht auf den Tee gewartet, den sie später serviert haben.

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Mittwoch, 5. Juli 2017

Re : Abschied


Ach, meine liebe Marlena
Du schreibst so innig und herzlich schön. Es macht mich fast etwas sprachlos, genau so, wie du es immer gesagt hast, dass es dir geschehe.(---)

Und heute? Ach Marlena, ich weiss, wie dieses Gefühl uns gegenseitig ausliefert und wie wir verletzbar werden. Du hast mich ja gehört kürzlich, wenn meine Gefühle etwas an die Wand projiziert und vergrössert werden. Es ist kaum mehr anzuhören. Aber die Gefühle machen auch stark und sie verzaubern als unsere Maladi die Welt, die wir erleben. Du hast mir wieder gezeigt, wie man das macht.
Ich bin Dir auch sehr dankbar, Marlena. Ich weiss, dass es für Dich oft auch ein bisschen ansrtrengend ist. Du weißt, dass ich ungeduldig werde. Und du gibst dir soviel Mühe, dass das Kamel sein Futter hat. Und daneben, das weiss ich doch, wirst du von allen in deiner Familie immer wieder gerufen. Sie brauchen dich sosehr. So bin ich ja manchmal fast eine Belastung für dich. Wie jemand, der zu Gast ist und für den man auch noch einige Arbeit tun muss.
Es ist jetzt nur ein halbes Jahr. Du fragst mich, wieviele Seiten denn unser Roman habe. Ich weiss es nicht. Es sind unendlich viele. Und warum a la recherche de l'avenir perdu, warum perdu? Warumg nicht gagné??? Oder noch besser gagnant? Das wäre doch ein Titel für unseren Roman: à la recherche de l'avenir gagnant!
Ja, sag mir mal, worin ich mich von Proust unterscheide. Vielleicht findest du noch einige Punkte, die ich nicht schon selbst gefunden habe. Ich hoffe doch nicht, dass ich so ein Sissi bin, auch wenn ich Rilke mag, der ja auch ein Softy war. Als Junge habe ich mich oft geniert, weil ich mehr geweint habe als mein jüngerer Bruder, oder weil ich Heimweh gehabt habe, während er nicht mit der Wimper zuckte. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich ein bisschen zu weich sei. Aber das hat sich mit der Zeit gelegt. Und in den letzten Jahren bin ich fast ein bisschen hart geworden, habe ich jetzt den Eindruck. Jetzt nämlich, wo du mich wieder etwas aufgewärmt hast, meine liebe Marlena.
Ich danke Dir für deine lieben Worte. Ich werde sie aufbewahren. Das Schlüsselein ist ja ohnehin verloren, wie du weißt. Ich werde sie mit mir nehmen. Ich glaube, du bist nicht nur eine grosse, du bist eine grossartige Geliebte. Ich möchte diese letzte Nacht nahe bei dir sein. Das möchte ich am allerliebsten. Nichts weiter, es müsste nicht mehr sein. Nicht so, dass du am morgen halb unausgeschlafen die Reise antreten müsstest.
Also, so legen wir uns denn, meine grossartige, blutrote Geliebte und mein Mausschatz, für diese letzte Nacht. Und ich weiss, dass du ganz ausgeruht und frisch morgen die Reise beginnen kannst. Fährst du auch, dh. wechselt ihr euch ab? Das ist ja gut, dann kommt man schneller und sicherer voran.
Gott möge Euch alle behüten.

...





Dienstag, 4. Juli 2017

"Zum Abschied"



John William Waterhouse - Ulysses and the Sirens


Subject: Re: Ti voglio molto bene

Lieber ...,
Als ich neulich in den Fahrwassern Odysseus war, hörte ich wieder von den gefährlichen Sirenen, vor denen du mich schon früh gewarnt hast. Nun, leider habe ich deine Warnungen nonchaliert. Ich war ganz sicher dass ich selbst bestimmen könnte, ob ich mich verzaubern liesse oder nicht. Und nun sehe ich ein, dass du recht hattest.. schon damals ... und obwohl ich weiss, dass alle Sirenen in Felsen verwandelt sind (habe sie doch selbst gesehen), so kann ich ihrem Einfluss nicht mehr entkommen.

Jetzt hast auch du bald deinen wohlverdienten Urlaub, und ich nehme an dass du in Gedanken schon mit Vorbereitungen für deine interessante Reise beschäftigt bist. Unsere Nachbarn kommen heute von ihrem 14-tägigen Aufenthalt in Naxos nach Hause... und so können wir losfahren.  Es muss höllisch warm dort gewesen sein in letzter Zeit und sie werden die Frische hier geniessen.

Ja chéri, ich hab dir in letzter Zeit viel geschickt, aber es soll ja mein ”Kamel” einen ganzen Monat in der Wüste ernähren. Ich werde mir wieder ein paar mails von dir mitnehmen. Sie sind alle so schön und inhaltreich und ich kann sie immer wieder lesen und geniessen. Weisst du übrigens wieviel Seiten unser ”Roman” bis jetzt schon hat? Er wird wohl so dick wie Prousts ”À la recherche du temps perdu” und vielleicht nennen wir ihn ”À la recherche d’un avenir” ;-) Oder warum nicht ”. d’un avenir perdu”. Was meinst du mon chéri?
*
Heute scheint hier die Sonne und meine Vögel singen laut. Am lautesten singen sie, wenn ich am Telefon bin ;-) Ich wollte dich übrigens gestern nochmals anrufen, aber ich hatte Angst dass ich dann vielleicht dem Teufel in die Hände spielen würde und deshalb wagte ich es nicht zu tun. Hoffentlich hat es sich nun wieder beruhigt bei dir im Büro.
*
Oh, mon amour, j’aimerais tant te faire savoir combien je t’aime. En quelques mois seulement tu es devenu tout pour moi. Je ne peux plus m’imaginer une vie sans toi et j’ai peur quand je vois que tout mon bonheur dépend de toi. Je ne me suis jamais sentie aussi vulnérable.
*
Ich war vorhin im ST und  habe dort dein kleines liebes Mess gefunden. Es freut mich so sehr wenn du so schöne Worte schreibst. Auch du  bist meine letzte grosse Liebe. Und nun müssen wir eine Zeit ohne einander leben und ich weiss dass ich dich sehnsuchen werde, wo immer ich bin.
*
Ich wünsche dir noch eine gute Zeit zu Hause und dann viele schöne Erlebnisse in Iran. In meinen Gedanken werden wir oft zusammanen sein.

Lass mich dich ”zum Abschied” umarmen und küssen, du mein allerliebster Ferngeliebter.
Mit tausend Ks, unendlich vielen SSSSS und einer sehr langen U
Für immer
Deine Marlena



Montag, 3. Juli 2017

Re: Ankunft ...

im Norden - im Iran

Liebste Marlena
Das ist ein so schönes und ruhiges und liebes Mail, dass ich noch ganz gerührt bin. Ich habe es heute morgen rasch gelesen, dann musste ich los an die Sitzung mit dem Redaktor. Und jetzt ist es 1900h und ich bin zurück. Ich danke Dir herzlich, und ich möchte Dich küssen. Ich fühle, dass es die Abschiedsstimmung ist, und die macht mir immer ein bisschen Sorgen, wie du ja weißt.
Die vielen Fische, ach, ich beneide Euch um die Fische. Ich mag sehr gerne Fisch. Und wenn man noch weiss, dass sie aus gesunden und sauberen Gewässern kommen, dann kann man davon leben und braucht fast nichts dazu. Und wenn man sie - last but not least - selbst gefangen hat, dann ist es das höchste der Gefühle und der beste Geschmack.
*
Ich weiss, dass Du diesen Norden sehr liebst und dass er Dir alles bedeutet. Im Iran ist es im Moment 42°, wie mir mein Neffe gester gemailt hat. Also, sei glücklich mit Norrland. Im Iran muss man ständig in der Nähe der Air Condition liegen und darf sich kaum bewegen tagsüber, um nicht gleich in einem Schweissbad zu enden. Doch es gibt auch dort einige Ausweichmöglichkeiten. Man kann in die Berge fahren, wo unsere Schwiegermutter ein Wochenendhaus hat. In den letzten Jahren waren sie während des Sommers meist dort oben. Und die Nàchte sind dort geradezu kühl. Oder man kann in die höchsten Lagen der Stadt fahren, wo die superreichen Leute wohnen. Dort oben gibt es etliche Restaurants und auch Pärke, wo man spazieren kann. Und dann haben wir das Bassin im Garten. Die Schwiegermutter hat zwar nur eine Wohnung in einem Block. Aber letztes Jahr hat sie das Wasser für das Bassin finanziert, weil sich das sonst kaum jemand leisten konnte. Und dieses Jahr wird es ähnlich sein, und dann ist das Bad für uns reserviert. Sie hat eine Rente der Uno, weil Nasser Khan bei der Uno in Teheran gearbeitet hatte. Und weil die Inflation im Iran recht hoch ist, steigt ihre Rente praktisch jeden Monat. Sie kann sehr gut damit leben. Aber sie hat auch ein gutes Herz und gibt viel für Verwandte und arme Leute. Sie ist gläubig, und im Islam ist man verpflichtet, einen Teil seines Vermögens an die armen Menchen zu geben. Und sie tut es sogar für uns auch, hat mir S einmal erzählt, dh sie verschenkt auch soviel, wie wir - wenn wir denn islamisch leben würden - geben müssten.
Sei also zufrieden, Marlena, nach Norrland gehen zu können. Und es ist doch gut für Euch als Familie. So wie du es schilderst ist es ein richtiges Auftanken von Lebensenergie dort oben. Und so wie ich dich kenne, meine Liebe, wirst du das nicht so leicht aufgeben können. Sieh dich also vor, wenn du nach Brasilien auswanderst. Norrland ist dann weit weg. Auf den Fotos konnte ich sehen, wie K den Deckel vom Kamin hebt. Und auf einem älteren Foto wart ihr gerade am Gras mähen und heuen. Und dann eben sieht es aus wie in einem schönen Park und man fühlt sich wohl und zufrieden. Es ist sehr erholsam, das einfache Leben. Es ist sozusagen wie eine kulturelle Fastenkur. Man findet zu den Menschen zurück, nimmt sich Zeit für Kontakte und für die Erinnerungen an alte Tage. Und wenn K dort aufgewachsen ist, wird er das natürlich alles tief in sich hineinnehmen. Ja, das kann ich mir alles ein bisschen vorstellen.
Unsere Mutter hat auch oft diese einfache Lebensweise gesucht in den Ferien. Wir sind dann in irgend eine Ferienwohnung in einem Bergdorf gewesen. Und einmal hat sie mit den jüngeren zwei Geschwistern einen ganzen Sommer in einer Alphütte oben in den Bergen gelebt. Das muss ungefähr so gewesen sein, wie man es in der Geschichte von "Heidi" lesen kann. Kennst du diesen Kinderroman?
Und wenn du dabei "Nicht ohne meine Tochter" liest, so - verzeih mir diese Bemerkung - so passt das nicht ganz in diese Umgebung. Ich glaube, ich habe dir erzählt, dass ich es nicht gelesen habe. S hat immer wieder geschumpfen wärend der Lektüre und sie hat gedacht, das sei eine absichtliche Verunglimpfung der Perser und ihrer Kultur. Ich habe nur den Film gesehen. Und danach habe ich mir gesagt: doch, so oder ähnlich kann es schon gewesen sein. Es ist möglich, dass ein Perser, ein Arzt in Amerika ganz anders denkt als dann, wenn er nach Hause kommt. Dann gliedert er sich wieder in seine Familie und den Clan ein. Und dann ist er nicht mehr frei zu entscheiden.

Wir haben gelegentlich überlegt, ob wir nicht im Iran leben sollten. Ich aber wollte nicht zuletzt aus diesen Gründen nicht. Die Familie hat absolute Priorität. Sie können Dich jederzeit besuchen und du musst dich so verhalten, als ob du seit Wochen auf sie gewartet hättest. Alles musst du fallenlassen, nur für sie, und du musst ihnen alles offerieren, was du gerade im Haus hast. Und wenn du erfolgreich bist, fängt es an, ihnen so zu gefallen, dass sie gar nicht mehr heimwollen. Und dann offerierst du ihnen auch noch ein Bett. Ach, du kannst dich ruinieren dabei. So ein Leben hätte ich mir schwerlich vorstellen können. Ich brauche viel Ruhe und eine ungestörte Atmosphäre.
Die Familie ist wirklich eine Macht, und sie bildet ein enges Netz, innerhalb dessen du dich bewegen musst. Man muss wirklich rundum Rücksicht nehmen. Damit fühlt man sich vielleicht geborgen und sicher, man nimmt Anteil an den Sorgen und Freuden der anderen Familienmitglieder. Aber man ist nicht mehr frei, wie wir es hier in Europa sind. Und schliesslich sind die Familie nicht nur Eltern und Kind, nein, auch Grosseltern, Tanten und Onkel, Vetter und Basen. Ach ja, es hat gar kein Ende. So war es bei uns auch noch vor ein oder zwei Generationen. Damals hatte man vor allem Kontakt mit den eigenen Verwandten. Man hat sich besucht und man hat sich gegenseitig unterstützt und man hat auch leidenschaftlich gestritten.
Wenn ich also S erzählen würde, dass hier eine nette Schwedin Iran über das Buch von Mahoody kennen lernen will, dann wäre sie hell entsetzt. Und sie würde dir Bücher vorschlagen von Saadi, von Hafez, von diesen alten Klassikern oder vielleicht auch von ein paar jungeren Schriftstellern. Aber bestimmt nicht dieses Buch. Sie würde denken, du lernst Persien von der schlechtesten Seite und auf eine falsche, dh nicht sehr wahre Art kennen. Sie meint, wenn denn etwas daran wahr sei, dann sei es eine sehr einfache, sehr fundamentalistisch religiöse und unkultivierte Familie.
Aber wie gesagt, ich behaupte, es kann wahr sein. Und ich weiss auch, dass eben alte Gesellschaften sehr hart sein können, dass sie strenge Mechanismen haben, um den Zusammenhalt zu schaffen. Es ist fast wie der Kampf in der Natur, der ja auch brutal sein kann. Wenn ein persisches Ehepaar scheidet, dann kommen die Kinder zum Mann. Das ist islamisches Gesetz. Und eine Ausnahme kann nur der Mann selbst entscheiden.
Ich habe ein anderes Buch über den Iran gelesen. Es ist von einer jungen Perserin geschrieben, die in den USA studiert hatte und dann zurück in den Iran ging. Sie hat dort die Revolution erlebt. Sie hat sehr schlimme Dinge erlebt. Aber sie hat das alles beschrieben mit einer unerhörten Gelassenheit. Das fand ich sehr kultiviert. Vielleicht kann ich herausfinden, wie der Titel dieses Buches ist. Vielleicht für nächsten Sommer in Norrland?
*
Ich glaube, das ist eines der letzten Mails, das du hier und jetzt in Stockholm bekommst. Du weißt, ich weiss nicht, was ich im Iran ausrichten kann. Am besten rechnest du mit gar nichts. Und sollte mal was ankommen, dann ist es eine Überraschung. Ich hoffe einfach, dass ihr eine gute Reise habt. Es ist ja lange, zwei Tage. Und dass ihr es schön habt und Energien und Lebensfreude tanken könnt in Norrland. Die Natur ist ja doch eine der wirksamsten Quellen der Energie. Und ich hoffe, dass alles gut läuft und dass ihr jede Menge Fische bekommt.
Und natürlich, liebste Marlena, hoffe ich, dass wir uns Mitte August wieder treffen. Und dass wir uns viel zu erzählen haben und wieder voller Freude Kontakt haben werden.
Und dass ich mich kürzlich "daneben benommen" habe, dafür bitte ich Dich um Entschuldigung. Ich schäme mich wirklich ein bisschen dafür, weil ja auch etwas Alkohol im Spiel war. Das ist nicht gerade gentleman-like!! Es ist wahr, wenn du sagst, du hättest das nicht verdient. Das hast du wirklich nicht. Du hast dich wirklich noch nie "daneben benommen", auch wenn du dich kürzlich für irgendwas entschuldigt hast.
Ich umarme dich und küsse dich ...
Bleib meine Marlena
Dein ...

Ankunft im hohen Norden




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Wenn wir am zweiten Tag der Reise so gegen 14.00 Uhr ankommen, haben wir sofort unsere bestimmten Aufgaben die schnell erledigt werden müssen. Wenn das Gras sehr hoch ist (es kann einen halben Meter sein im schlimmsten Fall) nimmt K die Sense. Erst verstauen wir natürlich all unser Gepäck im Haus. Dann trage ich alle Matratzen hinaus in die Sonne da sie vom Winter etwas feucht sind und schliesslich klettert K aufs Dach um den Deckel vom Schornstein abzunehmen damit wir im Ofen Feuer machen können. Wasser wird im Brunnen geholt. Die alte Wanduhr wird aufgezogen. Sie tickt so gemütlich. Die Vögel werden auf ihren Platz gestellt. Es scheint ihnen sehr gut zu gefallen in der grossen hellen Bauernküche wo von allen Seiten das Licht hereinstrahlt. Und dann zuletzt, pflücke ich auf der Wiese den Blumenstrauss, der in einem kleinen Korb neben der Tür verkünden soll dass wir nun zu Hause sind und alle herzlich willkommen heissen. Und man kommt. Von nah und fern. Die meisten jungen Leute sind doch in den Süden ausgewandert. Aber im Sommer kommen sie ”nach Hause” und dann tauchen sie auf, Ks Freunde aus seiner Kindheit u.a. (einige haben auch in Uppsala studiert) und man erzählt sich bei einer Tasse Kaffee was man in dem vergangenen Jahr erlebt hat oder spricht von Erinnerungen aus der Kindheit. Jedes Jahr werden wir auch von Kusinen und Nachbarn eingeladen und mein Verehrer ;-)) steht immer bereit wenn ich die Post hole um ein paar Worte zu wechseln. Manchmal kommt auch jemand aus dem Süden zu Besuch und bleibt dann meistens so eine Woche. Es ist ein stilles erholsames Leben und es ist komisch, obwohl man fast nichts zu tun hat, fliegen die Tage nur so dahin. Übrigens haben wir früher auch immer Tennis gespielt in Kalix aber im letzten Jahr sind wir etwas faul gewesen. Vielleicht auch das Alter ;-))

Ich darf nicht vergessen zu sagen dass wir auch viel am Fluss unten sind. Anna schwimmt jeden Tag in dem meistens eiskalten Wasser und K geht abends runter um ein paar ”Harre” (wie sie nun wieder auf Deutsch heissen können?) zu fischen. Es ist ein kleiner Lachsfisch der sogar den Lachs übertrifft im Geschmack. Nur soll man ihn so frisch wie möglich essen und manchmal können wir es nicht lassen und braten sofort ein paar, leicht paniert in Butter, wenn K damit vom Fluss kommt. Ich habe früher auch viel gefischt und vielleicht werde ich es diesen Sommer wieder mal versuchen.


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Sonntag, 2. Juli 2017

Am Packen


Liebster

Leider habe ich heute gar keine Zeit gehabt zu packen aber ich werde versuchen dieses Jahr meinen Vorsatz einzuhalten nur ein zehntel soviel mitzunehmen wie sonst. Dafür vielleicht ein paar extra Bücher diesmal. Es gibt übrigens in Kalix eine sehr schöne grosse Bibliothek wo man auch frei ins Intenet gehen kann.

Du brauchst mich nicht zu beneiden um mein Reiseziel denn ich würde es gern gegen deines austauschen. Aber das schönste wäre wenn man wechseln könnte. Ein paar Tage die Kultur imIran mit vielen Menschen und dann die stille einsame Natur im Norden. Nun still ist sie ja nicht ganz. Der Strom rauscht sehr stark. Auf den Bildern sieht man wohl nicht so deutlich dass wir eine Stromschnelle gerade unterm Haus haben.



Der Mann rechts, in der gelben Hose (der Boss in der Gruppe), ist ein entfernter Verwandter von K. Vor mehr als 20 Jahren hat er meinen Schwiegervater um die Erlaubnis gebeten, dort unten dieses ”notdragning” betreiben zu dürfen. Die ersten Jahre waren sie sehr fleissig dabei und machten sich grosse extra Verdienste im Sommer (sie haben sonst ganz andere Arbeiten). Manchmal bekommen sie auch Riesenlachse im Netzt aber die müssen sie schweren Herzens wieder zurückwerfen weil es verboten ist Lachse mit Netz zu fangen.
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Wenn wir am zweiten Tag der Reise ...




Samstag, 1. Juli 2017