Mittwoch, 24. Mai 2017

"Auffahrt" und Banntag


Liebe Malou

(---)

Heute haben wir Mittwoch. Das Wetter ist ziemlich freundlich, eigentlich gutes Maiwetter. Und ab Morgen haben wir doch schon Wochenende. Ist es nicht toll, dass er 'aufgefahren' ist? Davon stammt ja doch die 'Auffahrt'. Schade, dass nicht mehr Menschen zu verschiedenen Tagen im Jahr echt aufgefahren sind. Das hätte uns mehr Feiertage gebracht. Es gibt doch schöne Gemälde, die Marias Himmelfahrt zeigen. Die haben mir immer gut gefallen. Und ich hatte den Eindruck, dass die Weltraumfahrt und all die NASA Dinge eigentlich uralt seien. Vor allem mag ich jene Bilder, die noch um die ominöse Wolke, mit der Maria aufsteigt, rund viele Menschen und Figuren zeigen, die die Auffahrt zu einem echten Happening machen.
Und am Freitag sind dann die Büros der Verwaltung offiziell geschlossen. Man darf natürlich arbeiten, aber für das Publikum sind sie geschlossen.
In unserer Gegend finden an Auffahrt in vielen Gemeinden Banntage statt. Da gehen die Bewohner der Gemeinde in einem folkloristischen Zug rund um und schreiten die Gemeindegrenzen ab. Ich glaube, diese Tradition kommt aus einer Zeit, als die Grenzsteine gerne versetzt wurden, um damit die eigenen Äcker zu vergrössern. Heute ist das nicht mehr der Grun. Übrigens hat Liestal seinen Banntag am Montag gehabt, eine Ausnahme, auf die sie sehr stolz sind.

Obwohl ich jetzt ungefähr 25 Jahre hier wohne und arbeite, war ich nie an einem solchen Anlass gewesen, obwohl immer wieder Männer die Bemerkung gemacht haben, sie würden mich einladen. In Liestal muss man dazu eingeladen werden. Und man muss Mann sein. Das weibliche Geschlecht ist nicht zugelassen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie auf eine solche Einladung eingegangen bin. Der Abmarsch der Männer in Viererkolonne, das Knallen mit alten Gewehren, das singen von vaterländischen Liedern: ich hatte mir das nie als sehr erstrebenswert vorgestellt. Doch andererseits gibt es Leute, die behaupten, um in Liestal Kontakte zu schaffen, müsse man am Banntag teilnehmen. Das hingegen kann ich einsehen. Es ist wie im Wallis. Wenn man mal mit jemandem ein Glas zuviel getrunken hat, ist man auf ewig sozusagen miteinander verbunden.

Ich habe beinahe vergessesn, das Ding zu versenden. Man wird hier so leicht abgelenkt.

Ich wünsche dir schöne Auffahrt. Aber bitte, fahr nicht zu hoch ...

MLG

...



subject: Gut geschützt




Ach,  mein lieber lustiger Mausfreund!

Da finde ich wieder ein so humoristisches Mail, das mir den Tag
verschönert. Na ja, nicht nur humoristisch sondern auch ein wenig
lästerlich. Aber wie du ja weisst, vertrage ich ziemlich gut auch
Spass über solche Dinge (schon von K daran gewöhnt ;-)

So so, du steckst sie wirklich ins Gefrierfach, deine heissen Briefe..
und nachher legst du sie wohl in die Microwelle?

Ich schliesse meine ein, in ein kleines Schmuckkästchen, das ich in
meinem Herzen trage. Dort sind sie gut geschützt gegen alle Angriffe
der Zeit. Der Inhalt bleibt intakt. Klingt das nicht schön? Eine Liebe
die nie verdirbt?

Ja, wir haben schon wieder Feiertage. K kommt heute nach Hause. Wenn
das Wetter etwas besser wird, werden wir uns im Garten zu tun machen.
Sonst haben wir nichts Besonderes vor.

Der Verlust meiner wertvollsten Bilder schmerzt mich immer noch, aber
jetzt wie ein Dorn in der Haut, nur wenn ich ihn berühre. Du könntest
meine Pein ein wenig lindern, indem du mir die deinen nochmals
schickst.

Ich muss mich jetzt ein wenig hier beschäftigen. Wenn mir Zeit übrig
bleibt, schicke ich dir noch ein paar Zeilen.

Bis dahin alles Liebe,
Malou




Donnerstag, 18. Mai 2017

Freitag, 12. Mai 2017

Early morning ..





date 11 May  06:19
subject Early morning..



Lieber ...,
Eigentlich schon vorbei.. ich meine der "early morning". Doch ich war
schon um 5.30 auf und klein Pojki hat mich vorwurfsvoll angesehen,
weil er neues Futter brauchte. Er ist ganz still bis man das Radio
anstellt. Dann beginnt er zu singen und zu schwatzen.

Und im Radio hört man die sensationelle Nachricht, dass man nun in
Schweden schon in der 7. Klasse Zeugnisse einführen will. Bisher
bekommt man sie erst in der 8. Klasse. Da man in Schweden mit 7 Jahren
die Schule beginnt bedeutet das, dass man erst als 15- jähriger seine
ersten Zugnisse erhält. Bisher war es sogar verboten für einen Lehrer
sich in den "Elterngesprächen" so zu äussern, dass es an Zeugnisse
erinnern könnte. Kein Wunder, dass schwedische Schüler in allem
absacken und in grossen Untersuchungen schon ganz unten liegen.
Ausserdem will man, höre und staune, schon in der 5. Klasse gewisse
Ziele aufstellen in Mathematik und Schwedisch. Unglaublich! Womit
hat man sich denn bisher beschäftigt???
*
Ach, so viel Adrenalin schon am frühen Morgen. Der Himmel ist grau,
aber noch regnet es nicht. Zum Glück habe ich gestern das Gras gemäht
und so dürfen ruhig ein paar Tropfen vom Himmel fallen. Doch Anna hat
heute einen ganztägigen biologischen Ausflug in irgendeinem periphären
Fach, das sie dazugewählt hat. Sie ist wirklich allseitig, die kleine.
Am meisten sticht natürlich ihr Lyrikkurs ab von ihren
technisch-mathematischen Studien. Doch wie es scheint "gibt" er ihr
sehr viel, sogar logisches Denken. Das finde ich etwas lustig, denn
nie habe ich Lyrik mit Logik verknüpft.
*
Ja, diese alten Photos. Aber eigentlich sind es die Persönlichkeiten
darauf, die einen so stark reagieren lassen. Mein  Grossvater hält eine
Zigarette in der Hand mit Spitze (oder heisst es Mundstück?). Aber er
hat auch fleissig Pfeiffe geraucht.
Meine Tante ist die Schwester meiner Mutter. Wie du siehst ist sie
dunkelhaarig und sieht fast etwas südländisch aus, doch meine Mutter
war blond.
Diese schwarz-weissen Photos sind von einer sehr guten Qualität.
Lange nachdem man schon in Farbe fotografierte, herrschte bei uns
immer noch die Meinung, dass Farbfotos schnell zerstört werden
könnten - und so machten wir oft auch schwarz-weisse Bilder, um
sicher zu gehen.

(---)
Ich schick dir das nun ab.. damit du es gleich bekommst, wenn du
deinen Computer anstellst.
Wünsche dir einen schönen Tag,
mit lG,
Malou

Donnerstag, 11. Mai 2017

"Die Eisheiligen", Tauben und Iran


date 11 May  06:09
subject Re: Anno dazumal


Liebe Malou
Heute werden wir einen klaren Tag haben. Aber es war kühl in der Nacht. S hatte vorausgesagt, dass das Thermometer unter Null sinken wird. Und das tat es dann auch. Na ja, wenn Frauen was sagen, dann hält sich die ganze Welt daran, nicht wahr? Wenn Männer dasselbe sagen, hält sich höchstens die halbe daran, und nicht mal die vollständig. Mindestens nicht das Wetter! Da sieht man, wie die Bündnisse laufen! Bei Frauen gehorcht das Wetter aufs Wort. Und bei Männern tut es, was es will.
Gerade höre ich, dass die Schweden gegen die Schweizer Hockey spielen werden. Hast du davon gehört? Ich glaube nicht, dass der Sport besser ist als das Wetter. Ich bin überzeugt, dass die Schweizer nicht gewinnen werden, auch wenn ich ihnen einen Sieg voraussage ;--) Klingt ein bisschen kompliziert, nicht? Aber so ist es eben in unserer Welt!

Heute morgen um halb sieben sind schon ein paar Tauben unterwegs. Das ist erstaunlich. Aber vielleicht liegt es am klaren Wetter, weil der Tag jetzt schon so hell ist, und vielleicht auch an der Kälte. Wahrscheinlich haben sie es in den kalten Federn nicht mehr ausgehalten. Vielleicht haben sie an den Zehen gefroren und haben sich gesagt 'äch, ich steh doch besser auf, schlafen kann ich bei der Kälte eh nicht mehr'. Und so sind die Tauben nach dem Espresso direkt in die frische Luft hinaus geflogen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sie sich noch ein Drei-Minuten-Ei genehmigt haben. Aus Pietätsgründen nicht, versteht sich...

Und auf dem Dach gegenüber raucht der Kamin. Allein daran sieht man, wie kühl es diese Nacht gewesen sein muss. Es liegt zwar kein Rauhreif auf dem Boden. Aber es ist hart daran vorbeigegangen, da bin ich sicher. Es gibt doch im mai diese Tage, die man die Eisheiligen nennt. Ich kenne davon nur St. Bonifazius und die Kalte Sophie. Von ihnen gibt es viele Wetter- und Bauernregeln. Und sie behaupten im allgemeinen, dass erst, wenn sie vorbei sind, die Nachttemperaturen gesichert seien. Vorher sollte man keine Pflanzen in den Garten sähen. Sie könnten jederzeit nachts oder schlimmstenfalls sogar tagsüber erfrieren. Aber nach der Kalten Sophie ist eine Saat sehr gut möglich. Dann nämlich kommt die Wärme und das milde Klima auch während der Nacht.

In den letzten Tagen haben wir darüber diskutiert, im Herbst vielleicht für ein paar Tage in den Iran zu fliegen. Es wäre schön, wie der mal dort drüben zu sein. Aber die politische Lage ist doch mehr oder weniger undurchsichtig. Man sagt, die letzten Wahlen hätten einen Rechtsrutsch gegeben. Chatami sei mit seiner Politik gescheitert. Nun ja, ich habe damals den Kommentar gehört, dass vielleicht dies die Möglichkeit ergebe, dass die Rechte selbst mehr fortschrittliche Ziele verfolge. Eine solche Dynamik wäre logischerweise durchaus plausibel. Aber die Regierung ist dort drüben nicht sehr logisch. Na ja, wir werden sehen. Aber wenn man einen günstigen Flug will, muss man rechtzeitig buchen. Da kann man nicht warten und zusehen, wie sich die Politik bewegt.

Jetzt muss ich ein paar Dinge erledigen. Ich hoffe, ihr habt ebenso feines Wetter wie hier. Es ist ein echtes Hoch. Und das tut gut.

MLG

...


Mittwoch, 10. Mai 2017

Re: Anno dazumal



date 10 May 07:30
subject Re: Anno dazumal



Liebe Malou
Ja, das ist wirklich ein nostalgisches Bild. Man würde heute kaum mehr so viele Leute rund um ein kleines Tischchen sitzen. Und ein Foto wäre auch nicht mehr eine solche Ausserordentlichkeit, dass sie allen eine solche stille Aufmerksamkeit abfordern könnte. Früher hat man sich für Fotos arrangiert. Perser machen das noch heute. Heute gibt man sich nicht mehr die Mühe, sich für das Foto bereit und in Pose zu stellen. Sie soll sich dem Leben anpassen und es in aller Natürlichkeit zeigen.
Und die halb verdeckte junge Dame, das bist du? Deine Tante hat dich intensiv im Auge, nicht wahr? War die Tante die Schwester deiner Mutter, oder ihr Mann der Bruder? Und dein Grossvater, das ist wirklich ein sympatischer Mann. Hält er ein Zigarre oder ein Branntweinglas in seiner Linken? Es scheint eine genüssliche Runde gewesen zu sein. Ich weiss nicht, irgendwie sieht es aus wie eine Künstlerrunde. Manchmal sieht man solche Bilder in Künstlerbiographien.

Ich mag solche alten Fotos. Na ja, wenn ich die Leute nicht kenne, dann ist das Interesse natürlich begrenzt. Aber man sieht daraus den Ausdruck der damaligen Zeit. Ich habe in Iran alte Bilder meiner Schwiegereltern gesehen. Auch sie haben mich berührt und ich war erstaunt, welch gutes und vergnügtes Leben Ss Onkel und Tanten damals hatten, während in Europa unsere Vorfahren unter dem Krieg litten. Sie hatten geradezu luxuriöse Autos und die neuesten Kleider in diesen jungen Jahren. Na ja, Ss Familie war privilegiert. Ihr Vater hatte von seinem Vater grosse Ländereien und eine ganze Kleinstadt übernommen. Das war noch eine feudalistische Zeit. Er war sozusagen Regent und war für seine Leute verantwortlich, und hatte kleine Gerichtsfälle zu entscheiden. Aber später hat Schah Reza Pahlavi in seiner weissen Revolution die Grossgrundbesitzer enteignet und das Land an die Bauern verteilt. Viele der Grossen haben damals ihre Ländereien zurückgekauft, denn die einfachen Leute wussten kaum, was damit anfangen. Ss Vater allerdings tat das nicht, sondern zog mit seiner Familie nach Teheran und hatte später eine Stelle bei der UNO Niederlassung in Teheran.
Aber auch das andere Bild gefällt mir gut. Vor allem die Farben, diese Erdtöne sind hübsch. Es ist fein, wie sich vor deinem Fenster die Szenerie ständig ändert. Bald wird dort draussen irgend etwas spriessen. Weisst du, was er gesäht hat? Es erinnert mich an meine Ferien bei einer Tante in der Nähe Berns. Sie wohnten draussen auf dem Land, mitten in den Feldern. Auch dort hatte man ähnliche Aussichten in eine weite Landschaft und auf die Arbeit der Bauern. Aber ich erinnere mich, dass mich diese weite Sicht vor allem abends, vor dem Schlafengehen, sehr betrübte. Ich hatte, um es kurz zu sagen, Heimweh.

Hier bei uns hat das normale Leben längst wieder begonnen. Im Club sass ich neben T. Er hat immer viel zu erzählen. Und weil W wissen wollte, was es mit Pfingsten eigentlich für eine Bewandtnis hat, holte T zu einem grösseren Referat aus. Er ist jetzt über 75 und reist noch viel. Man fragt ihn an, um Reisen zu begleiten. In den letzten Jahren war er oft in Asien, China und andere Länder, Seidenstrasse etc. Gestern war er gerade von einem Einsatz in Frankreich zurückgekommen. Deswegen vielleicht seine Hochstimmung. T ist durch und durch francophil. Seine Frau kommt aus Genf. Als sie damals geheiratet hatten, war Genf - für normale Schweizer Bürger - sozusagen Ausland. T hat also gestern so lange gesprochen am Tisch, dass ich die Gelegenheit ergriff, auch Bs Dessert noch zu essen. Viele offerieren mir ihr Dessert und meinen, ich könnte es bei meiner Figur gut vertragen. Aber sie wissen nicht, wie sehr ich für den Rest der Woche dann still vor mich hin hungere, um wieder herunter zu kommen. Und dabei sind die Desserts im Radisson-Hotel riesig gross. Manchmal habe ich den Verdacht, dass sie uns mit diesen Kalorienbomben wegen des sonst oft ziemlich mittelmässigen Essens besänftigen wollen. Und - unter uns - bei mir schaffen sie es beinahe!
Ende Mai werden wir wieder unser Spargelessen haben. Das ist ein traditioneller Anlass. Früher sind wir ins Elsass gereist. Dieses Mal geht es ins Badische, also nach Deutschland. Die Deutschen haben in den letzten Jahren mit ihrer Gastronomie schwer aufgeholt. Und die Badenser, die Leute aus der Region hier, sind so locker und freundlich wie die Elsässer. Manchmal denkt man, sie seien echte Südländer, obwohl sie ja doch nördlich von uns leben.

Ach, schon wieder habe ich beinahe vergessen, das Mail zu senden. Es würde hier nutzlos verdorren, nicht wahr. Also los damit ...

MLG

Dienstag, 9. Mai 2017

Anno dazumal




subject Anno dazumal

Ach, wenn du wüustest mit wieviel Nostalgie ich dieses kleine
Bild betrachte. Und mit klein meine ich, dass es eines dieser Bilder
von der allerkleinsten Grösse ist, das ich in meinen Schubladen
gefunden habe. Es ist ein Mysterium, wie man sowas in Sekundenschnelle
auf dem PC zu einem grossen Bild verwandeln kann.

Wenn ich du wäre, könnte ich dir über jeden dieser Personen
eine Geschichte erzählen. Na, ausgenommen der Mann vorne links. Er ist
einer von Helgas Freunden (so nehme ich an) und über ihn weiss ich
nicht mehr als du. Dass er ziemlich sympatisch aussieht.. :-)
Ganz links also eine echte Helga.. und ganz rechts mein innig
geliebter Grossvater. Neben ihm, der Mann meiner letzt verstorbenen
Tante. Dann meine Tante, bei der ich aufgewachsen bin und neben ihr ,
das Ehepaar in der Mitte, wohl die besten Freunde unserer Familie. Er
hat immer etwas tragisches über sich. Ich bewunderte ihn masslos als
Kind, weil er mir mit seinem grossen Wissen wie der Herrgott selbst
vorkam.
Bei diesem Ehepaar (sie waren kinderlos) habe ich manchmal Katze und
Vögel betreut, wenn sie verreist waren. Und an der Wand hingen eine
Menge Pistolen, bei denen er mich vor der einen warnte, dass sie
geladen sei. Ihre Anziehungskraft für mich war enorm. *s*

Auch hatten sie einen alten Plattenspieler mit Musik aus den 30-40iger
Jahren, die ich mir anhörte. Und ich erinnere mich, dass ich mir eine
ganz sündvolle Platte mit Eartha Kitt kaufte, auf der sie, in unseren
unschuldigen Augen von damals, etwas zweideutige Lieder sang. Die
hörte ich mir im geheimen an, während sich die Katze über meine
Gesellschaft freute. Dann spielte ich eine Weile Versteck mit Lissie.
Sie muss ein intelligentes Tier gewesen sein, denn sie wusste genau
worauf es ausging. Ach, wie war das lustig.

Dieses Mail sollte eigentlich nur ein Bild enthalten. Und du siehst...

Grüsse dich nochmals lieb,
Malou





Montag, 8. Mai 2017

Frans und Ustinov

(F.)

Am Nachmittag habe ich im Getümmel Frans angetroffen. Er war ganz abwesend, schlenderte in seinem hellen Regenmantel im Strom der Leute und hielt in der Rechten seine verlöschte Pfeiffe. Frans ist ein Club-Kollege. Und letztes Jahr hatte ich ihn ebenso an dieser Messe getroffen. Letztes Jahr hatte er einen grossen Bildband über die Rheinschifffahrt gekauft, daran erinnere ich mich sehr gut, weil ich immer noch das Titelbild auf dem Einband im Gedächtnis habe. Und Frans war in seinen jungen Jahren als Schiffsingenieur auf See. Er ist ja gebürtiger Holländer. In den letzten Jahren führte er in Birsfelden, in der Nähe Basels, eine eigene Firma, die sich auf Energiemotoren spezialisiert hatte. Aber offenbar musste er diese Firma schliesslich verkaufen und aufgeben, weil sie nicht wirklich rentierte. Und jetzt lebt Frans als Pensionierter in einem Multikulti-Stadtteil, der eher kostengünstige Wohnungen anbietet. Ich glaube, er muss mit seinen finanziellen Mitteln haushälterisch umgehen. Und er ist alleinstehend. Seine Freundin, eine hübsche und offene Frau mit slawischem Gesicht, mit russischen Vorfahren, wie sie behauptete, hatte ihn wieder verlassen, nachdem sie ein paar Jahre gemeinsam in einer modern eingerichteten, ja geradezu schicken Wohnung in einem Basler Vorort fast auf dem Lande gelebt hatten. Sie hatte S einmal erzählt, dass Frans irgendwie an einer Prostituierten hänge und sich nicht wirklich an eine Frau binden wolle oder könne.
Nun ja, ich traf also unseren Frans und wir plauderten ein wenig dahin. Schliesslich schlug ich vor, dass wir irgendwo ein Kaffee trinken sollten. Es war nicht leicht, ein leeres Tischchen zu finden. Aber schliesslich wurden wir hinten, in der Caffeteria fündig. Frans bestellt in der Regel einen doppelten Espresso. Ich lud ihn dazu ein, denn ich erinnerte mich, dass ich ihn schon letztes Jahr an der Bar eingeladen hatte, dass er aber damals schliesslich die Zeche bezahlte, weil die Dame an der Theke kein Kleingeld auf meine Note hatte. So konnten wir nach langer Zeit doch soetwas wie Gerechtigkeit zurückgewinnen.
Ich habe ein paar Bücher gekauft. Aber im Grossen und Ganzen habe ich versucht, mich zurückzuhalten. Jäggi, die grosse Buchnandlung Basels, hatte eine grosse Abteilung mit sogenannten Hörbüchern, also mit CDs. Ich habe eine gekauft von Ustinov. Er ist letztes Mal gestorben. Ich habe ihn immer sehr gemocht und geschätzt. Ich glaube, er war ein äusserst vielseitiger Mensch und geschäftlich wohl ausserordentlich erfolgreich. Und dazu hatte er am Genfersee in der Schweiz gelebt, das habe ich ihm immer gugute gehalten, wo er doch in England aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Kurz und gut: auf dieser CD spricht Sir Peter Ustinov über Vorurteile. Er spricht in seinem gebrochenen Deutsch (ich glaube, sein Vater war deutscher Muttersprache gewesen). Und er spricht, wie ich meine, sehr intelligent und menschlich. Er kommt für mich als Humorist in die Nähe von Chaplin. Der hatte neben bei gesagt auch am Genfersee, ein bisschen weiter oben, gelebt. Ustinow war als Schauspieler kein schöner Mensch. Er wirkte immer etwas ungelenk und hatte schon in jüngeren Jahren ein Bäuchlein. Ich erinnere mich an ein Foto, wo er neben Sophia Loren steht. Neben der eleganten, gazellenhaften Loren wirkt der gute Ustinov wie der Dorftrottel. So war er für komische Rollen prädestiniert. Hat er nicht in einem grossen Film Nero gespielt. Ich denke, diese Rolle passte gut zu ihm, ich meine zu seiner körperlichen Konstitution. In späteren Jahren, als er dann älter wurde, hat er ziemlich gut ausgesehen. Er war ein würdiger älterer Herr mit einem guten Humor, verspielt und voller Lebensweisheit. Er konnte ohne Ende lustige Anekdoten erzählen und hatte dabei, das war sofort deutlich, einen exzellenten Sinn für die Pointe.
Kurz und gut: ich habe jetzt die persönliche Stimme Ustinovs zuhause, und darüber bin ich ganz glücklich.

MLG
...