Mittwoch, 3. Mai 2017

Montag, 1. Mai 2017

Haustiere und andere Menschen

(R)


Liebe Marlena

Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus. Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?

Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund, oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen. Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter, und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6 stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden, es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen, dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen Erfahrungen mit der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).

Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir hatten eine Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den verschiedensten Firmen erhielt.
Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes, ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte, da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar. Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns merken.
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
...


Sonntag, 30. April 2017

O hur härligt majsol ler ..




(hier)

kannst du sehen wie man feiert und die Lieder hören
die man am 30 April und am 1. Mai singt



und heute
 natürlich auch andere Aktivitäten

hier in Göteborg









Valborg 30 April

 (R)




Lieber ...,

Du weißt vielleicht dass der letzte April bei uns gross gefeiert wird. Es ist Valborgsmässo- afton, der Abend an dem man den Frühling willkommen heisst und die Finsternis verjagt. Überall zündet man Feuer an und Männerchöre singen die typischen Lieder, die mich immer so nostalgisch machen wie z.B. "Sköna maj välkommen" oder "Oh, hur härligt majsol ler" (Oh, wie herrlich die Maisonne lächelt). Die Sänger tragen dabei die weissen Sängermützen (sehen aus wie unsere weissen Studentenmützen die man bekommt wenn man das Abitur bestanden hat). Ich liebe diesen Abend und diese Lieder, denn ich bin damit aufgewachsen. Mein Onkel war Sänger in einem Männerchor und sein bester Freund war der Dirigent dieses Chores. So fuhren wir an solchen Abenden von Feuer zu Feuer und ich hörte diese schönen Lieder wieder und wieder. Nachher wurde noch die ganze Nacht "gefestet". Besonders in Uppsala (und auch anderen grossen Universitätsstädten) wird Valborg sehr gross gefeiert. Ich erinnere mich noch gut an solche Abende in Uppsala wo ich im Schein des Feuers die schönen Lieder und die Rede an den Frühling hörte und vielleicht die nähe spürte von jemanden in den ich ein bisschen verliebt war und der dann zu demselben Fest eingeladen war. Alle Studentnationen haben s.g. "gask" an diesem Abend und daneben werden auch viele private Feste veranstaltet. Am nächsten Tag kommt dann noch der grosse "majmiddag" zu dem sich auch alle Professoren und Honoratiores einfinden. Es ist sehr feierlich und alle tragen ihre weissen Mützen, die mit der Zeit immer weniger weiss aussehen (d.h. eine schöne Patina bekommen ) :-)

Hier zu Hause legen wir am Valborgsmässoafton, wenn wir nach Hause kommen eine Platte auf mit den typischen Liedern. Es ist eine alte etwas raspige Platte aber es macht nichts. Im Gegenteil, es hört sich an wie das Knistern des Feuers und macht das ganze noch mehr authentisch.

Nun, also an diesem Abend bin ich noch schnell mit Anna zum Heimatmuseum gegangen um das Feuer anzusehen. Nachher kam noch das übliche Feuerwerk das dieses Jahr sehr imponierend war. Vielleicht hatte man noch Raketen von der Neujahrsfeier übrig. ;-)

Wir sind nicht so lange geblieben, weil ich am nächsten Morgen früh aufstehen musste um den Bus nach Prag zu nehmen.


(Mai 2000)

Donnerstag, 27. April 2017

Re: Alva Myrdal


Ämne: Re: Alva Myrdal
Datum: den 8 maj  10:02

Lieber ...,
Das Paar Gunnar und Alva Myrdal haben lange Zeit hindurch das Kulturelle Leben in Schweden dominiert. Immerzu hat man über sie geschrieben. Über ihre Karrieren und über ihr Privatleben. Das spätere wurde so dargestellt, dass man es gern als Vorbild haben wollte. Sich lieben und doch so frei voneinander zu sein, dass eine berufliche Karriere, bei der man nicht immer zusammenleben musste, möglich war.

Und dann kam der grosse Schock, als ihre "Missgeburt" von Sohn, seinen Roman über seine Kindheit in dieser Familie schrieb. Die Eltern waren alt und konnten sich nicht mehr richtig verteidigen gegen die groben Anklagen. Sie mussten sogar zuhören, wie er im Rundfunk laut aus seinem Buch vorlas. Wegen diesem Buch von ihm, glaube ich, haben die zwei Töchter ihre Bücher über die Familie geschrieben. Sie wollten den Ruf ihrer Eltern wiederherstellen.
Ich glaube es könnte interessant sein für dich diese Bücher zu lesen. Zu sehen, wie ein und dasselbe Geschehen so verschieden erlebt wird von den Kindern. Meine persönliche Reflektion ist, dass der Vater insgeheim von diesem Jungen enttäuscht war. Er war nicht so, wie er sich seinen Sohn gewünscht hatte und ich glaube eine solche Einstellung kann man nicht verbergen. Das Kind fühlt sie instinktiv.
*
Ich bin überrascht davon dass du mir auch Abendmails geschrieben hast. Ich dachte immer ich hätte einen grossen Vorteil, dir am Abend schreiben zu können, wenn ich frei bin über meine Zeit zu verfügen. Ich glaube sogar, dass ein Morgen- und ein Abendmail sich unterscheiden. Vielleicht schreibt man das letztere mehr mit der anderen Gehirnhälfte. Wsarum hast du sie nicht gleich abends abgeschickt?
*
Ja, ich habe es selbst bemerkt dieses "hinter sich bringen". Es klingt nicht gut, aber manchmal denke ich wirklich so über das Leben.. aber auch wirklich nur manchmal. Und ich habe es stehenlassen weil ich wusste, dass du darauf reagieren würdest. ;-)
*
Wie meinst du, hast du dein Bett im Wohnzimmer aufgestellt? Oder schläfst du auf dem schönen Sofa ein? Auch bei mir kommt es öfters vor, dass ich spät in der Nacht, so um zwei Uhr, runterschleiche und das Licht und den Fernseher ausschalte, vor dem K eingeschlafen ist. Ich muss sagen, dass ich das nicht besonders mag. Zwar gönne ich es mir, in meiner Freizeit ziemlich bohemisch zu sein. Aber es gibt Grenzen.
*
So, nun muss ich mich schon beeilen.
Wenn du dazu kommst, schreib mir noch ein paar Zeilen. Heute habe ich wieder eine Konferenz mit dem Männertrio, die so sehr gegen einander intrigieren. Manchmal amüsiert es mich, dabei zuzusehen, aber meistens erschrecke ich über die Niedrigkeit der menschlichen Natur.

Ich Grüsse dich nochmals lieb,
Marlena


Gruss


Subject: Gruss
Date: Thu, 8 May


Liebe Marlena
Ach, wie Du das sagst, ... das Leben hinter sich bringen ..., das klingt wie
eine Pflichtübung, etwa so, wie man in einen sauren Apfel beissen muss. Ja,
ich finde es auch ein interessantes Thema, das eigentlich erst in den
letzten Jahren wieder hochgekommen ist. Oder vielleicht habe ich es erst in
den letzten Jahren entdeckt.
Meine Schwäche dabei ist, dass ich selbst so schwer Gewohnheiten entwickle.
Ich finde, für ein gutes Leben braucht es stabile Gewohnheiten. Sie bilden
das Gerüst der Existenz, sozusagen die Primärkonstruktion des Hauses. Aber
ich bin ein Typ, der gerne nach der Laune lebt. Und das ist vielleicht in
sich eine Art Stil, hat aber keinen ;--)
Wie Du vielleicht bemerkt hast, stehe ich mal eine Zeitlang um 06.00h auf,
dann wird es für einige Zeit 7.00h. Früher habe ich die Mails an Dich abends
geschrieben, jetzt tue ich morgens in der Früh. Es gibt viele Dinge, die so
laufen. Und das finde ich eigentlich nicht so besonders gut, wenn ich mein
Leben überblicke. Aber wenn ich mitten drin bin (im Leben) merke ich es
kaum, oder eben, habe das Bedürfnis nach Wechsel. Das ist eine Art
Unstetigkeit, die viele Nachteile hat. Früher hatte ich gedacht, das sei
eben eine Art künstlerische Natur, die den Moment und die absolute Gegenwart
über alles setzt. Aber mit den Jahren merke ich, wie sehr man momentanen
Dingen ausgesetzt ist, wie sehr das eben unstet wird, wie mühevoll es ist,
die Dinge zu Ende zu bringen. Du hast das sicherlich bemerkt, wie sehr im
manchmal im Moment irgend einer Idee nachhänge und Absichten habe, die
dann aber in späteren Momenten wieder verschwinden, weil neue Dinge
auftauchen. Am stärksten wirkt das zwischen Arbeit und privaten Plänen.
Wollte ich nicht ein Kinderbuch machen in einer vielleicht ruhigeren Phase?
Ich mache mich also dran. Aber plötzlich kommt in der Arbeit eine neue Aufgabe,
eine Stressphase oder irgend was, und alles Private wird wieder zurückgedrängt.
So schwanke ich auf den Wellen und führe nur schwer meinen Kurs. Das ist es
doch wohl. Und schliesslich ärgere ich mich, dass ich dies oder jenes nicht
wirklich vollendet habe.
Kurz und gut, das Thema finde ich interessant, weil es an meinem Leben noch
Vieles auszubessern gibt.
Aber, und das ist vielleicht das Wichtigste: die Lebenskunst ist eine Kunst,
worin es keine Spezialisten gibt. Jeder kennt sich da aus. Der eine
intuitiv, der andere mit vielen ausgeklügelten Gedanken. Dein Gefühl, Dich
in solchen Dingen nicht besonders auszukennen, ist nicht nötig. Es gibt
keine Spezialisten in dieser Sparte.
*
Ja, ich habe die Möglichkeit, vom Bett zu fernsehen. Aber eigentlich würde
ich das nicht sonderlich empfehlen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass
ich im Fernsehraum schlafe. Beim Nachmittagsschläfchen ist das sehr gut. Es
gibt keine bessere Möglichkeit, die Gedanken von der Arbeit und den
Alltagssorgen abzuziehen und bei einer leichten Talkshow einzuschlafen. Das
ist geradezu himmlisch.
Aber abends kann es schon mal passieren, dass ich um 02.00h aufwache und
der TV immer noch läuft. Das ist nicht gut und ich versuche es zu vermeiden,
so gut es geht.
Aber die Erkenntnis bleibt: es gibt Sendungen, die sind prima zum
Einschlafen. Andere sind interessant und halten wach. Und die dritten sind
irgendwie aufregend und machen eher nervös. Aus diesen drei Fläschchen
wähle ich, je nachdem, ob ich schlafen, wachen oder Sensationen will. Doch
Sensationen will ich eigentlich kaum mehr.
*
Wer sind die beiden Alva und Gunnar Myrdal? Erzähl mir bitte in ein paar
Sätzen davon. Ich möchte nicht ihretwegen ins Internet. Offenbar haben alle
ihre griechischen Tragödien. Und manchmal sind sie nicht mal griechisch,
sondern sehr persönlich und lokal gefärbt.
*
Und schliesslich noch Deine Verliebtheit als Lebensprinzip. Ich glaube, ich
verstehe schon einigermassen, was Du meinst, diese Liebesbegabung. Ich
weiss auch, was Du meinst, wenn Du sagst, sie sei nicht primär sexuell.
Trotzdem kann man das aber doch Erotik nennen, denke ich, weil ja Erotik
auch nicht primär sexuell sein braucht. Oder nicht? Ich glaube, für Männer
ist Sexualität und Erotik vor allem auch eine Entspannungsdroge. Das
jedenfalls dachte ich, als wir mit dem Klatsch der Levinsky-Geschichte
überschüttet wurden. Eine sexuelle Geschichte befreit am schnellsten vom
Alltagsstress und den vielen Gedanken, was noch an Arbeit zu tun sei. Es ist
eine Möglichkeit der kurzen Erlösung. Und viele männliche Seitensprünge
hängen wahrscheinlich damit zusammen. Die armen Männer können anders
kaum mehr abschalten. Auf jeden Fall wenn ich Lust auf eine kleine Affäre
habe, dann ist es meist der Druck. Aber ich halte mich doch ziemlich zurück.

Ja, auf dem Foto siehst Du sehr vergnügt und brav aus, aber auch offen für
das Leben. Es ist doch wunderbar, eine 1000ste zu finden, die eine solch
gute Figur abgibt und mit Freude mitmacht. Das ist ein ideales Medienstück.
Und ist wirklich schön, dass Du das Foto immer noch hast. Solche Dinge muss
man wirklich scannen. In weiteren 20 Jahren ist das Papier nämlich total
vergilbt und absolut zerstört. Im PC behält das Bild hingegen seine ewige
Schönheit.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Montag, 24. April 2017

Du polierst meine Gedanken ..


Ämne: Kunterbunt..

Lieber ...,
Wie kann ich dir danken für dein schönes Mail? Ich frage mich immer wieder, was für ein glücklicher Stern dich in meinen Weg geführt hat.

Zuerst möchte ich dir sagen, dass ich dich keineswegs als einen Lehrer betrachte. Nicht in dem Sinne, wie du meinst. Für mich ist es etwas sehr positives. Du kennst dich in so viel Dingen gut aus und bereicherst mich mit deinem Wissen. Und ich bin dir sehr dankbar dafür. Nur muss ich eben manchmal lachen über das, was ich selbst schreibe, denn ich äussere mich ab und zu über Dinge, von denen ich nicht besonders viel weiss. Aber du bist lieb. Polierst meine Gedanken und machst sie so schön, dass ich sie kaum wiedererkenne und zu guter letzt sogar stolz bin darauf. Ich liebe dich dafür. Doch gerade dabei kommt mir auch der kleine Verdacht, dass du nicht ganz ehrlich bist. So wie ein Lehrer Lob verteilen kann mit einer bestimmten Absicht.. nicht weil das Lob berechtigt ist. Wie dem auch sei: Es werden schöne Mails daraus. Und das ist ja das wichtigste, da wir nur durch das Wort für einander existieren.
Du weisst doch, dass mich das Thema interessiert. Vielleicht ist es sogar das interessanteste Thema, das es gibt. Wie man das Leben so gut wie möglich hinter sich bringt.

Was habe ich dir längst gesagt? Aber, schau dir doch noch einmal das Bild von dem ordentlichen kleinen Mädchen an. Siehst du darin eine zukünftige "amoureuse Professionelle"? Ich habe nicht wenig gelacht über diesen Scherz.

(---)

Übrigens, auf dem Portrait hinter mir siehst du keinen König sondern einen der Honoratiores unserer Nation. Professoren und andere prominente Mitglieder der Nation bleiben Mitglieder als Senioren. Ja, ich sehe sehr anständig aus dort. Genau wie es meiner Tante gefallen hat, mit Perlenkette und aufgestecktem Haar. Oh, meine arme Tante, wenn sie sehen könnte, wie ich heutzutage herumgehe. Aber es ist eine andere Zeit. Jeans sind fast zur Uniform geworden nicht nur für junge Leute. Aber vielleicht ist es auch ein Protest gegen meine Erziehung. Das glaube ich fast.

*

Hier beginnt es nun grün zu werden. Du weisst, diese ersten kleinen hellgrünen Blätter, die wie hauchdünne durchsichtige Schleier an den Bäumen aussehen. Immer wieder bin ich ganz hingerissen von diesem Anblick. Und im Garten beginnen die Tulpen und die Narzissen aufzublühen (heisst es so?). Der Rasen ist schon ganz grün. Die Johannisbeer- und Stachelbeersträucher sind auch schon grün aber die Obstbäume lassen nocht auf sich warten. Ich denke bei euch dort unten muss alles schon viel früher sein.
*
Dieser Roman, den du gern schreiben möchtest, interessiert mich. Weisst du, ich glaube Glück und Unglück laufen parallel in unserem Leben, wie zwei Eisenbahnschienen. Man ist nicht glücklich oder unglücklich. Man ist beides zugleich.
Ich bin sehr neugierig auf ein neues Buch über die Familie Myrdal, das heute in unserer Lokalzeitung (die grösste in Schweden!) rezensiert wird. Alva und Gunnar Myrdal, die ich in meiner Jugend irgendwie als Vorbild hatte für eine gute Ehe. Bis ihr Sohn einen Roman über seine Eltern schrieb. Auch die beiden Töchter haben übrigens Bücher über ihre Kindheit geschrieben. Aber das seine war grausam. ".. er schrieb "seine Wahrheit" auf Strindbergsche Art um su verletzten und zu töten".
Ich frage mich, ob seine Bücher ins Deutsche übersetzt sind. Das neue Buch ist von Kerstin Vinterhed geschrieben und hat den Titel "Liebe im 20. Jahrhundert". Man nennt es eine moderne griechische Tragödie. Es handelt u.a. von der Schwierigkeit Karriere und Familienleben zu vereinigen.
Falls es dich interessiert kannst du in http://www.google unter Jan Myrdal oder Gunnar Myrdal (der Sohn) suchen.
*
Oh, du Glückspilz! Kannst vom Bett aus fernsehen. Hast du ein eigenes Schlafzimmer? Und falls du einschläfst, läuft der Apparat die ganze Nacht weiter? Du siehst ich mache mir ganz konkrete Vorstellungen. ;-)
*
Die kleine Schweizerin ist wieder lange nach der letzten Stunde zurückgeblieben. Sie scheint ihren Aufenthalt hier bei uns sehr zu geniessen. Unglaublich wie gut das Mädchen die Sprache beherrscht nach so kurzer Zeit. Und heute hat sie mir auch von ihren Lateinstudien in der CH erzählt, die sie wieder aufnehmen muss, wenn sie nach Hause kommt.

Nun muss ich schliessen.
Mit lieben Grüssen,
Marlena

PS Ich muss mir wieder ein Rechtschreibungsprogramm installieren. Auf Schwedisch schreibt man "karriär" und "parallell". Diese kleinen Unterschiede finde ich am schwierigsten.