Sonntag, 23. April 2017

Tough Viking




Gestern in Göteborg





















Re: Glück?


Date: Wed, 7 May 08:22

Liebe Marlena

Ja, das ist ein lustiges Foto. Ich liebe solche Fotos, diese vergilbten
Dinger, die vom Leben und von den langen Zeiten erzählen, die darüber
hinweggegangen sind. Schön, dass Du es aufbewahrt hast.

(---)

Ich glaube, das schliesst genau an unsere kleine Diskussion des
Lebensglückes, die Dir erscheint wie ein Gespräch zwischen Schüler und
Lehrer. Letztere Aussage hat mich übrigens erstaunt, und eigentlich hat sie
mir auch nicht gefallen. Weshalb Lehrer und Schüler? Könnte ich Dir irgend
etwas beibringen? Nein, das ist niemals so. Wenn meine Sätze vielleicht
etwas lehrerhaft klingen, dann deshalb, weil ich mich selbst zu überzeugen
suche. Ich suche doch Erkenntnisse, oder zumindest Aussagen, die
einigermassen hinhalten. Und dann mag es ein wenig klingen wie in einer
Lektion. Aber es ist, streng genommen, eine Auto-Lektion.

Ich glaube, die beiden Aspekte, die Du erwähnst, sind wirklich sehr
zutreffend. Einerseits wählen wir den Filter nicht ganz alleine. Aber, und
das behaupte ich einfach so in die frische Morgenluft hinaus, ohne beweisen
zu können, ich behaupte, dass man sich anstrengen sollte, den Filter selbst
zu wählen. Das gilt gerade für Menschen, die vielleicht bei Geburt eine
leicht dunkle Variante in die Hand gedrückt bekommen haben. Wir sind
vielleicht nicht ganz frei. Aber wenn irgendwo noch eine kleine Wahlchance
besteht, dann doch hier und dann muss man sie nutzen. Und wenn das gelingt,
dann ist es so, wie wenn man beim Gehen mit einem Fuss einen leicht
kräftigeren Schritt tut als mit dem anderen. Das ändert die Gehrichtung nur
ganz wenig, wirklich nur minimal , vielleicht 1 oder 2°. Aber nach 20km ist
man dennoch an einem völlig anderen Ort als wenn man das nicht getan hätte.
Man muss doch als Mensch nach diesen kleinen Lücken der individuellen
Freiheit Ausschau halten, vor allem in Zeiten, da sie einem in einem Genom,
in einem 'Buch des Lebens' - wie sie sagen - festschreiben wollen.

Und Dein zweites Argument ist jenes, dass es vielleicht genügte, 'nicht
unglücklich' zu sein, damit die schönen Momente eine Chance haben. Das
finde ich sehr feinsinnig gedacht. Der Gedanke gefällt mir überaus gut. Ich
glaube, ich habe so was ähnliches bei John Stuart Mill gelesen, der sich
Gedanken gemacht hat, was das Ziel des Staates sei. Und, wenn ich mich
richtig erinnere, war sein formuliertes Ziel das möglichst grosse Glück für
möglichst viele. Und das Glück besteht für Mill in der Vermeidung von
Unglück. Oder so ähnlich. Mill war im Leben ein Langweiler, aber in seinen
Gedanken war er exzellent. Nein, jetzt erinnere ich mich genauer, ich habe
es bei einem antiken Römer gelesen. Der Name kommt mir im Moment nicht.
Aber ich war erstaunt gewesen, weil das Image dieses römischen
Lebensphilosophen eigentlich ziemlich ruiniert war unter heutigen Menschen.
Man hält ihn für einen puren Lustmenschen, während er doch eigentlich ein
sehr vernünftiger Unglückvermeider war. Seine Anhänger wurden Schweinchen
genannt, und ich glaube, es war vor allem die Katholische Kirche, die ihn
schlecht gemacht und alles Negative angedichtet hat. Ja, nicht unglücklich zu
sein, bedeutet ja eine Art von Freiheit. Und in dieser Freiheit ist man offen, für
die schönen und glücklichen Momente des Lebens. Das ist wirklich die
Philosophie, die ich in meinem fiktiven Roman vertreten würde. Brauchte
man dazu zwei Figuren, die eine, die das schafft und die andere, der es
misslingt.
*
Bitte, Marlena, sag nicht, Du fühlst Dich wie das kleine Kind vor dem
Lehrer? Weshalb eigentlich? Weil Dich das Thema gar nicht interessierte?
Dass Du eine amoureuse professionelle bist, das hast Du mir längst gesagt.
Das ist ja doch die Idee, während der ganzen Lebenszeit einigermassen
droguée zu sein. Ist das nicht eine Lebenseinstellung ähnlich derjenigen
Casanovas. Muss man sich da nicht ständig neu verlieben? Ist das möglich?
Ist das nicht äusserst anstrengend? Ich bin da etwas skeptisch. Aber ein
Ziel kann das natürlich sein. Es ist eine konsequente und intensive
Verwendung der Erotik im Leben, nicht wahr?
*
Es ist nicht so, dass S nicht weiss, wann sie geboren und wie alt sie ist.
Sie weiss das ganz genau. Aber sie ist mehr oder weniger die einzige, die es
weiss. Ich habe einen schönen Blumenstrauss heimgebracht. Ich hatte ihr
vorgeschlagen, dass wir auswärts essen sollten. Aber S. wurde bereits zum
Mittagessen von einer Freundin eingeladen. Und abends wollen wir wirklich
nicht mehr so viel essen. So haben wir das Vorhaben verschoben. Gestern war
sie dann nochmals zum Essen eingeladen und hat begeistert erzählt, wen sie
noch alles im Restaurant gesehen und angetroffen hat. Ich glaube, sie hat es
genossen. Jedenfalls hatte ich ein Telefonat zugehört mit J., dem
holländischen Freund, den S. noch aus Teherans Tagen kennt. Das hat alles
ziemlich zufrieden geklungen, also offen für das kleine Glück des Tages
(s.o.).
*
Gestern war ich über Mittag in Basel. Es war ziemlich warm, und ich bin über
den Rhein nach Kleinbasel gefahren. Das ist der neuer Teil der Stadt, dort,
wo die ärmeren Leute gelebt haben. Heute ist dort die Atmosphäre so wie
irgendwo im Ausland. Es gibt viele Frauen mit Schleier, viele türkische
Restaurants, auch zunehmend Schwarze. In der Dämmerung der Mittagswärme
so zu flanieren, als ob ich im Ausland wäre, das habe ich genossen. Zufällig
bin ich schliesslich an ein Buchantiquariat geraten, und konnte nicht
widerstehen, in der staubigen Höhle zu schnuppern. Der Raum war vollgestopft
mit Gestellen, die bis zur Decke reichten, so dass nur sehr enge Schluchten
übrig blieben, worin man sich durchzwängen musste. Ich liess mir die
Felswand mit den Kunstbüchern zeigen. Die Bände standen dichtgedrängt. Und
wehe, wenn du einen herausgezogen hattest, du konntest ihn kaum wieder
zurückstellen, denn die übrigen Bände schlossen schnell die Reihe, als ob
sie ihre Plätze eifersüchtig verteidigten. Und einige musste ich
herauszerren, wenigstens, um die Preise kennen zu lernen. Die Preise waren,
um es kurz zu machen, 30 bis 50% zu hoch. Ich dachte, er glaubt, Unikate
oder Erstausgaben in seinem Laden zu führen. Da war ein Fotoband über
Ferdinand Hodler, den bekannten expressionistischen Schweizermaler, für Fr.
120.- Die Fotos waren zwar gut, ich hatte die meisten davon noch nie
gesehen. Aber ein Buch für Fr. 120.- aus einem Antiquariat. Na ja,
vielleicht für eine Ausgabe aus den Zeiten Gutenbergs. Aber doch nicht ein
Band aus Mitte letzten Jahrhunderts.
Ich habe mir dann zuviel Gedanken gemacht, wie schnell ich wieder raus soll,
wie ich mich verabschieden sollte. Sollte ich etwas über die Preise sagen?
Soll ich gleich gehen oder noch etwas umschauen? Würde ich vielleicht
unerwarteterweise noch etwas Lustiges finden? Kurz und gut, ich zog mich
nach etwa 10 Minuten aus der Unterwelt zurück, ging rasch an ihm vorbei, der
beim Eingang in ein Buch vertieft gemütlich in einem Lehnstuhl lag. Ich
liess ihn nicht fragen, ob ich was Bestimmtes gesucht hätte. Aber ich
glaube, er war nicht mal enttäuscht. Er verabschiedete sich kurz und wandte
sich dann wieder seinem Buch zu. Kunststück, der Kerl hat einiges zu tun,
bis er seinen Laden leergelesen hat!

Und danach hatte ich Lust, noch in die Jugendbibliothek zu fahren, um einige
Bände zum Rezensieren mitzunehmen. Yves hatte mir gesagt, dass rund um
Ostern neue Bücher eintreffen würde. Doch dort wurde erst um 14h geöffnet.
Ich wartete eine gute halbe Stunde in der Nähe, ging noch in ein
Elektronik-Geschäft, um einen Katalog zu holen, weil S. einen zusätzlichen
TV kaufen möchte. Um 14h ungefähr war dann Y. dort. Ich gehe immer vom
Parkplatz her zu seinem Bürofenster, und wenn er da ist, kommt er an die
hintere Türe, mir zu öffnen. Dass er da sein musste, das hatte ich schon um
13.20h gesehen, weil er seine Bürotüre offen gelassen hatte. Kurz und gut,
ich transportierte um die 25 Bücher nach Hause und liess nochmals so viele
dort in einem Sack stehen, um sie bei Gelegenheit, wenn ich mit dem Auto
käme, abzuholen. Als ich um etwa 15h wieder im Büro angekommen war, hatte
ich das Gefühl, einen warmen Sommertag in der Stadt verbracht zu haben.
Weißt Du, was ich damit meine. Wenn es wirklich warm ist, dann ist man ein
bisschen dämmerig, schwebend, in sich verschlossen, mit reduzierter
Empfindlichkeit und ohne grosse Interessen. Dämmerig ist wirklich das beste
Wort. Man kann dann vor sich hin sein wie ein Tier. Und das ist schön. Der
Zwang, zu denken, ist für einen Moment ausgeschaltet. Die Leitungen sind
leer und hängen durch. Das ist wunderbar!
*
Ich habe abends, vom Bett aus, eine kurze Zusammenfassung des Hockey-
Matches Schweden-Schweiz gesehen. Das erste Drittel war noch ausgeglichen.
Dann hat sich die Übermacht der Schweden immer mehr gezeigt. Der Sprecher
war der Meinung, die Schweden wären eben doch eine Klasse besser gewesen.
Und so habe ich zufrieden in den Schlaf gedreht. Ich habe den Sieg Deinen
Landsleuten gegönnt. Und ein bisschen habe ich mich zurückerinnert an die
Zeiten, da wir als Buben in Visp die Hockey-Matches besucht hatten. Es war
eine reine Volksbewegung. Keiner hätte sich in unserem Alter erlauben
können, nicht hinzugehen. Ich erinnere mich, wie unser Lehrer damals
versucht hat, uns zu überreden, mal zur Abwechslung nicht an einen Match zu
gehen und stattdessen ein Taschenbuch zu kaufen. Ein typisches
Lehrer-Projekt. Er hat uns sogar vorgerechnet, wieviel mir dabei noch an
Geld sparen würden, und wie sehr wir doch alles in allem profitieren
könnten. Heute muss ich zugeben, dass er Recht hatte, aber damals wusste ich
überhaupt nicht, was er damit meinte. Ich kann mich noch zurückerinnern, mit
wie viel Hingabe ich damals die Live-Reportagen am Radio hörte. Man konnte
daraus fast nichts entnehmen, es war das reine Geschnorre, lautes Rapping
mit dem Versuch, das Geschehen auf dem Eis zu schildern. Doch habe ich mir
später immer wieder überlegt, wie wenig man sich wirklich ein Spiel aus
einem solchen Wortschwall vorstellen kann. Man kann es nicht. Es ist nur das
Bedürfnis, just in real time zu wissen, wann ein Tor gefallen ist. Alles
andere ist Zeitfüller.
Mit anderen Worten, ich gratuliere Dir und Deiner Nationalmannschaft. Und
ich gebe zu, dass Ihr Nordischen auf dem Eis eher zuhause seid als wir hier
in Mitteleuropa.
*
Ich hoffe, es sei nicht wieder eine Lektion zusammen gekommen.
Und ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...



Freitag, 21. April 2017

Über Glück und seine Rezepte



Foto: Chris


Liebe Marlena

Ja, das Glück, wer es unbedingt haben will, der hat es schon verloren. Und wer vielleicht gar nicht daran denkt, dem fällt es zu. Ist Glück nicht einfach eine Konstruktion.
Glück ist sozusagen eine Kategorie der Geschichtsschreibung, oder Biographie-Schreibung, müsste ich hier sagen. Ich werde nicht müde, an die alten Leute zu denken, die noch den Krieg erlebt haben, und die über diese alten Zeiten so begeistert und mit Hingabe erzählen, als ob es das grösste Glück gewesen sei. Sie erzählen strahlend, wie sie gehungert haben, wie sie sich gegenseitig aufeinander verlassen mussten, welche Mühen das Leben mit sich gebracht hatte und so weiter und so fort. Es gibt für uns Jüngere nichts, woraus wir schliessen könnten, dass das Leben damals besser oder positiver gewesen sein könnte. Es liegt alles nur in der Erzählung jener älteren Leute.
So heisst das doch, das Glück sei sozusagen die Sauce ihrer Erzählung, das Beigemischte, das Bindemittel, das Dressing würde man vielleicht auf Englisch sagen. Während das Leben gut oder schlecht, positiv oder negativ sein kann, so ist es jeder Mensch, der das alles schliesslich in die Hand nimmt und zu seinem Vorteile mit seinem selbst gewählten Farbfilter anschaut. Und dann kommt es so heraus, dass Optimisten Glückskinder sind und Pessimisten Pechvögel. Ist das nicht so? Ist es vielleicht zu sehr psychologisch interpretiert?

Wenn es denn so wäre, müsste man sagen, das Glück liege nicht im Leben, sondern im Blut. Und es ist doch wirklich nicht ganz ohne, zu behaupten, man würde schon den Kindern bis zu einem gewissen Grade ansehen können, ob sie glückliche oder unglückliche Menschen würden. Klar, vielleicht ist das Blut noch nicht ganz fertig. In der Pubertät gibt es noch starke Veränderungen. Die kindliche Naivität und Fröhlichkeit verschwindet plötzlich und es kommen Hemmungen zum Vorschein und Sorgen über irgendwelche Dinge.
Aber ich halte daran fest, dass das Glück eine Sache des Dressing sei. Es gibt französisches, italienisches und jenes mit Knoblauch. ;--) Und vielleicht ist es ja auch etwas vermessen, gleich das grosse Glück zu wollen. Vielleicht müssen wir uns damit begnügen, zufrieden zu sein. Wie die Mrs Dalloway auf dem Bett liegend zu ihrer Tochter sagt: Glück ist eine Sache von Momenten. Und in diesem Glücks- Moment durchdringt es die ganze Zukunft. Aber wirklich dauert es nur einen kurzen Moment. Die Mächtigkeit hat das Glück, indem es in diesem Moment die ganze Vergangenheit und Zukunft überstrahlt. Es ist wie ein Infrarot-Strahler, der im Moment angestellt ist. Aber sobald du den Schalter drehst, ist alles wieder ganz normal und - von Weitem besehen - grau in grau.
Ich habe einen Philosophen gefunden, der sich mit der Lebensphilosophie auskennt und sich dort spezialisiert hat. Ich habe auch schon mit ihm gemailt. Er lebt in Berlin und hat viel Michel Foucault studiert. Sein Buch ist zwar nicht sehr lebendig und erlebnismässig, sondern eher eine Systematik. Aber ich habe sie sehr gerne gelesen. Zumindest habe ich bei ihm erkannt, wie sehr zum Glück das Unglück gehört.

Vor 5 Jahren habe ich nicht gewusst, dass Unglück, die negativen Seiten, das
Leiden im Leben so wichtig sein kann. Wenn man es sich unvoreingenommen anschaut, kann man sagen, das Leben sei eine Wellenbewegung. Mal fühlt man sich oben im Glück, mal unten im Pech. Und die grosse Frage ist, wie Du über diese Wellenfahrt erzählst. Erzählst Du von den Höhen und Spitzen, oder kostest Du die Tiefen und Pechsträhnen aus? Aber die Wellenberge sind nur möglich, weil es dazuwischen auch Wellentäler gegeben hat. Wenn es eine steife Linie gewesen wäre, könntest Du weder über Glück noch über Unglück reden. Du wüsstest nicht, was das ist. Aber die Wellen sind es. Sie sind wie Sonnen- und Regentage. Jeden Tag Sonne, das ist schon fast grauenhaft, auf jeden Fall ist es nicht einmal ein Gesprächsthema. Perser können nicht über Sonnenwetter reden. Höchstens im Winter, wenn sie etwas Schnee haben.
Unglück ist also, wenn man es so anschaut, reculer pour mieux sauter, der Anlauf für das Glück. Und je tiefer du durch musstest, desto höher wird später das Glücksgefühl sein.
Wer das so zu betrachten vermag, und darin liegt vielleicht das Paradox, der wechselt förmlich seine Perspektive und meint schliesslich, das eigentlich Glück im Leben sei das Pech. Das Pech erlaubt mir erst, Glück zu erleben, an vergangenem Glück zu freuen, oder mich auf das neue Glück vorzubereiten.
Habe ich Dir nicht kürzlich erzählt, dass man das Glück sogar empirisch erfragt hat bei zwei Extremgruppen: bei durch irgend einen Unfall Körpergelähmten und bei Lottogewinnern? Und das Resultat: beide sind nach einem halben Jahr ungefähr gleich glücklich oder unglücklich. Lottogewinner mit ihrem Geld haben nach der Gewöhnung mehr die Sorgen, die sie spüren. Und Gelähmte können im Rollstuhl genauso glücklich sein wie wir alle.

Liebe Marlena, Du siehst, Du hast mich an einem Thema erwischt, welches mich brennend interessiert. Und wenn ich ein Schriftsteller wäre, ich würde darüber einen Roman schreiben, nämlich den Menschen zu zeigen, dass Glück eine ganz persönliche Konstruktion ist. Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich. Glück gehört dem Tüchtigen, sagt man auch, und meint dasselbe. Aber wir modernen Menschen, die wir vom teuren Sozialstaat verwöhnt sind, erwarten das Glück oft von aussen, als ein Geschenk. Und dagegen müsste man beten, dass uns die Vorsehung vor dem Pech schützen möge, einen Hauptgewinn im Lotto zu machen.
Lotto ist ja für viele Menschen die Glücksagentur. Wenn sie Glück erwarten, dann von dort. Und dabei würde ein Mensch, wie er Anfang des letzten Jahrhunderts gelebt hatte, bei einem Durchschnittseinkommen von heute wie ein König leben.

Lustig, gerade gestern habe ich ein kleines Büchlein aus meinen Büchern geholt: De vita beata von einem gewissen Seneca, von dem Du bestimmt auch schon gehört hast. Er war der Hausphilosoph und Erzieher Neros, hatte also jede Menge Gelegenheiten, unglücklich zu sein, und hat sich auch selbst schliesslich umgebracht, urrömisch und urmännlich im Bade, wenn ich richtig informiert bin. Bestimmt würde er heute sagen, wenn er mitreden könnte, dass er sich glücklich wähne, dass sein damaliger Suizid so gut geglückt sei.

"Über das glückliche Leben". Es ist zwar ein wenig umständlich geschrieben, und - verständlicherweise - nicht in jeder Beziehung so, wie wir heute denken. Aber es sind ein paar interessante Überlegungen und Gesichtspunkte in. Und natürlich mag ich es, wenn ich neben dem deutschen Zitat noch das lateinische habe. Manchmal klingen die Lateiner ja so kurz und so gut und prägnant, wie man es heute mit unseren Sprachen nicht mehr sagen kann.

Kurz und gut: Marlena, soll ich alles in allem sagen, Glück sei die erste und die wichtigste Lebenslüge? So vielleicht würde es Nietzsche formulieren, mit seiner Neigung zur Entlarvung. Aber eine solche Aussage verleitet schon wieder zum Unglücklichsein. Wir brauchen eine Definition, die selbst mithilft, glücklich zu sein. Deshalb finde ich den Begriff des Dressings, den ich oben gefunden hatte, gar nicht schlecht. Er klingt pragmatisch und ein bisschen kulinarisch. Das versteht jeder Mensch.

Das also war die Familiensparpackung über das Glück, seine Rezepte und
dessen vier Seiten. Ich hoffe ...



Donnerstag, 20. April 2017

Ostern 8 Jahre später





Liebe Malou

(---)

Es hat geschneit letzte Nacht. Eine feine Schneedecke liegt auf den Wäldern rund um L. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen, es sei November. Das Wetter macht, was es will. Aber im Moment ist es noch egal. Wichtig wird es um Ostern. Hoffentlich kommt bis da etwas Frühlingsstimmung auf. Wir haben im Sinn, ins Tessin zu fahren. Du weisst, das ist die Sonnenstube der Schweiz, wie man so sagt, vielleicht die älteren Menschen sagen. Peter und Norma haben uns eingeladen, bei ihnen zu wohnen. Ich hoffe, dass das alles klappen wird.

...

(5. März)



Dienstag, 18. April 2017

Post scriptum



den 25 april  23:34
 Post scriptum


Liebe Marlena

Bei mir hat es in der Tat gewirkt! Es funktioniert! Du schaust mich mit fragenden Augen an?

Unser §2 wirkt wie ein Depotpräparat, das der Arzt unter die Haut setzt und das seine Wirkung langsam abgiebt. Unsere maladi gibt mir tatsächlich eine gewisse innere Zufriedenheit und ein Gefühl der Heiterkeit. Es ist, wie wenn du einen kleinen Schatz mit dir herumträgst. Und wenn dich etwas enervieren will, so merkst du bald, dass das nicht so schnell läuft, weil es doch daneben Dinge und Werte gibt, die viel wichtiger sind und die viel dauerhafter hinhalten. Also bei mir hat es gewirkt, meine Liebe, und ich glaube, dafür muss ich mich bei dir bedanken. Wie denn kann ich das tun?

Ein zweites habe ich bemerkt. Es ist soetwas wie ein "drittes Auge", das einen begleitet. Ich habe oft Dinge gesehen, beispielsweise in der Natur, von der ich weiss, dass du dich ihr nah fühlst, und ich hatte den spontanen Wunsch, sie dir zu zeigen, zu wissen, wie die sie sehen würdest. Morgens um halb sechs hat eine Amsel im Garten so laut und künstlerisch gesungen, dass ich nur an dich denken konnte. Ich glaube, vor einem Jahr hätte ich sie überhaupt nicht gehört. Oder aber, ich war mir nicht sicher, welche Vogelart denn so singt. So habe ich mit Peter darüber geprochen und er hat mir bestätigt, dass das eine Amsel sei. Eigentlich wusste ich schon, wie sich eine Amsel anhört. Aber ich hatte während Jahren nicht mehr darauf geachtet.In diesem Zusammenhang kommt mir meine gute Grossmutter ins Gedächtnis, die Frau Direktor, wie man sie hier in L. nannte. Wenn immer sie bei uns in Visp zu Besuch war, hat sie während der ersten Tage darüber geklagt, dass sie so schlecht schlafen könne, weil bei uns die ganze Nacht eine Nachtigall ihre Liebeslieder singt. In der Tat hatten wir in unserem grossen Garten eine Nachtigall. Und leider habe ich in meinem damaligen Alter sehr schlecht darauf geachtet, denn sie lag nicht wirklich im Horizont meiner Interessen. Doch heute gäbe ich einiges darum, mich erinnern zu können, wie sie wirklich geklungen hat. Und wenn ich eine Amsel höre, denke ich stets, es muss der Nachtigall sehr ähnlich gewesen sein. Kennst du dich in Vogelstimmen aus? Oder weiss Anna es? Sind Nachtigall und Amsel nicht vielleicht verwandt? Beide schlagen irgendwie, ihr Pfeiffen purzelt auf eine Art durch die Luft, es ist mehr ein Schlagen als ein in die Länge ziehen. Also, ich kann es nicht besser beschreiben.

So warst du mein drittes Auge. Und ich glaube, man schaut oft genauer hin, man merkt sich die Dinge, die man erlebt, anders, wenn ein drittes Auge mit dabei ist. Das ist für mich irgendwie eine neue Erfahrung. Vielleicht habe ich sie früher in meinem Leben auch schon gehabt, aber ich habe sie nicht gewusst.

Heute sind wir in guten 3 Stunden aus dem Tessin zurückgefahren. A hat die ganze Strecke den Wagen gesteuert. Es war sehr bequem, hinten zu sitzen und ein bisschen zu plaudern oder die Landschaft anzuschauen. Normalerweise sehe ich nicht viel, wenn ich selbst am Steuer sitze. Und B  sass neben ihr und zusammen haben sie diese Rap-Musik auf Tapes gehört und gespasst und geplaudert wie zwei Freundinnen. Es war schön zuzusehen. Sie sind beide erwachsen geworden. Und B hat viel Humor und Charme. Früher haben sie sich oft gestritten. Heute scheinen sie einen besseren Draht zueinander zu haben. Sie lehnen sich gegenseitig Kleidungsstücke aus.

 *
Irgendwo haben wir einen kleinen Zwischenhalt gemacht und ein paar Ostereier gegessen. Die waren meine Kunstwerke. Ich habe sie am Freitagabend in Zwiebelschalen gekocht. Meine Mutter hat jeweils noch Kräuter mit alten Strümpfen darauf geheftet, um schöne Muster zu erzeugen. Soviel Zeit hatte ich leider nicht. Aber ich habe darauf geachtet, dass sie etwas unterschiedlich gebräunt sind und habe nachträglich etwas Margarine eingeschmiert, damit sie einen netten Glanz bekommen. Und sie waren in der Tat ganz ansehnlich. Es waren 30 und sie füllten gerade einen Karton. Aber wir konnten im Tessin nicht alle essen. Und so haben wir die Restlichen wieder zurückgeführt und einige davon auf der Gotthard-Autobahn verdrückt. Vielleicht tut ihr dasselbe auch in Schweden. Wir schlagen hier die Eier gegeneinander, wie ein kleiner Wettbewerb, und sehen, wer das härteste Ei für sich gewonnen hat. Und natürlich gibt es dabei zahlreiche Tricks und Spässe. Und zum Schluss verschluckt man diese staubigen Dinger, wenn man sie denn nicht mit etwas Maionnaise befeuchten kann.

(---)

Morgen muss ich wieder arbeiten. Heute abend bin ich noch rasch ins Büro gekommen, um die Post durchzuschauen (unter uns gesagt, eigentlich die Mails). Na ja, ich musste auch noch Benzin tanken. Und als ich ins Büro kam, war ich angenehm überrascht, dass das Büchergestell immer noch da steht. Ich hatte die Umstellung während der paar freien Tage schon wieder vergessen.

Mit einem lieben Gruss

IM
...

Montag, 17. April 2017

Back in town


den 25 april 21:58
 back in town

Liebste Mausfreundin

I am back in town. Ja, es waren schöne, knapp vier Tage. Zwei davon hatten wir wunderbares Wetter. An einem hat es geregnet. Aber wir hatten es lustig zusammen und haben und mit Essen und Trinken und lustigen Sprüchen verwöhnt. Ich werden dir später näher darüber erzählen. Auf jeden Fall weiss ich jetzt, wie du Recht hast mit den Kilometermails. Es ging mir viel von dem durch den Kopf, was du mir gesagt und erzählt hast. Und es entsteht im eigenen Kopf eine Art von Zwiegespräch, so dass ich am Schluss nicht mehr sicher war, was ich dir schon erzählt habe und was noch nicht. Vor allem wenn man mit Tätigkeiten beschäftigt ist, wo der Kopf frei ist, geschieht das gerne. Normalerweise habe ich während der Arbeit nicht soviel Möglichkeit, meine Gedanken spazieren zu lassen. Aber beim Rasenmähen am Freitag, oder beim Packen, oder bei ähnlichen Dingen geschieht das leicht. Das er gibt die Kilometermails, die nie geschrieben werden. Ich kann mir vorstellen, dass es bei dir die Hausarbeiten sind, wo so etwas geschieht.
Aber wir haben im Tessin viel gesehen und erlebt und da und dort hatte ich das Gefühl, ich möchte dir, oder auch euch allen dort "oben", dh. deiner ganzen Familie, das zeigen, wenn ihr es denn von eurem Hochstand herunter nicht schon längst gesehen habt. Und im Gespräch musste ich mich hin und wieder zurückhalten, dass ich nicht vom Vogelsee oder auch von andern Dingen aus Schweden erzählt habe.
Und natürlich habe ich auf dich angestossen, Marlena, mit einem exquisiten Pinot Noir von Clavien aus Sion, natürlich einem Walliser, schon 10 Jahre alt (obwohl man in der Regel die Walliser nicht so alt werden lässt). Er war wunderbar, und ich habe mich wirklich einen Moment aus dem Gespräch zurückgezogen, und habe an Euch in Schweden gedacht. Und im Ferienkatalog, den mir Norma heute gezeigt hat (sie wollte zeigen, wo sie in der Türkei in den Ferien waren) habe ich das Angebot in Schweden und die Fotos zweimal angeschaut. Aber nein, ich habe keine Pläne gemacht, Marlena. Es war nur so mein Interesse.
Ich danke dir für die nette Karte mit dem wunderschönen und feinen Schmetterling. Er passt zu dir, meine Liebe. Oft, wenn ich an dich gedacht habe, sind mir vor allem deine Feinheit und dein zarter Umgang ins Bewusstsein gestiegen.
Du hast Gelegenheit, für eine Woche zu verreisen. Dazu beglückwünsche ich dich. Es ist gut, ein bisschen Tapetenwechsel zu haben, wie wir im Deutschen sagen. Das bringt neue Energie und neue Erlebnisse. Ich werde auf dich warten, meine Liebe.
Jetzt sende ich dir diese paar Zeilen, um mich bei dir sozusagen zurückzumelden. Oder sagen wir, um mir eine kleine Umarmung zu erlauben.
Je t'embrasse ma chère amie
...




Samstag, 15. April 2017

Ostersamstag in Schweden


an alle lieben Leser




Glad Påsk!


Frohe Ostern 

Happy Easter 
 
Joyeuses Pâques

*

Und nochmals:


Nein doch, ich leide keine Not. Auch bei uns ist das Haus voll von Schokolade und anderen Süssigkeiten zu Ostern. Ich hoffe nur, dass bald ein paar Osterhexen (zu Hexen verkleidete Kinder) kommen, damit ich die Bonbons loswerde, bevor ich sie alle aufesse. Die Kinder überreichen Zeichnungen mit Osterwünschen und erwarten sich dafür Belohnung in Form von süssen kleinen Ostereiern und anderen ähnlichen Dingen.




Und jetzt waren sie gerade hier. Eine kleine Gruppe von lustig verkleideten Kindern. Die kleinsten wurden von ihrer Mutter geführt. Anna hat ihnen ihre Körbchen mit Süssigkeiten gefüllt. Die allerkleinsten konnten sich nicht zurückhalten bei diesem herrlichen Anblick und haben gleich ihre kleinen Händchen in die gefüllte Schale hineingestreckt. Und mit so vielen süssen Osterwünschen kann es doch nur ein schönes Osterfest werden.




Weisst du, dass nur 16 % der Schweden zu Ostern in die Kirche gehen? Einige wissen nicht warum man Ostern feiert. Was sind wir für ein Land geworden?

Ich muss wieder weg. Schreibe mehr sobald ich dazu komme.

Mit lieben Gs und Ks,
Malou