Dienstag, 4. April 2017

Re: Dein Bild


Ronda


Ämne : Soulagement
Liebe Marlena
Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!)
Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir rausgehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!)

Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommehast!!! (drei!!!)

Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme.

Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt. Und dazu kommt das feine Herbstwetter hier. Es ist zur Zeit, wenn die Morgennebel sich verziehen, alles sehr klar und himmelblau und herbstwarm.

Es ist eine wunderbare Zeit. Ich habe stets rundum behauptet, der Herbst wäre meine Zeit. Jedes Jahr muss ich dies neu bestätigen. Und wenn dazu noch Früchte kommen, die feinen Chasselas-Trauben beispielsweise, die mein Bruder vor ein paar Tagen in einer Kartonschachtel vor die Türe gestellt hatte!
Zwetschgen liebe ich besonders. Das war nicht immer so. Aber in den letzten 10 Jahren haben sie sich zu meinen Lieblingen aufgeschwungen. Jetzt könnte man lange Jura-Wanderungen machen. Es wäre die beste Zeit. Im Wallis würden wir in die Gegend von Zeneggen hinauf wandern, um dort eine Raclette zu bereiten. Die goldleuchtenden Lärchen, der Geruch des trockenen Waldes und die gepfefferte Raclette zu ein paar Gläsern Fendant, und das alles unter dem klaren Walliser Himmel, das wäre was vom Schönsten.

Klar, ich hätte auch mit einer der 59 Frauenzimmer (oder muss ich sagen
Adressen) abgehauen sein können! Nach einem unendlich langen und qualvollen
Würfelprozess, welche denn Opfer dieses romantischen Anfalls sein dürfe. Und
nach diesen dämlichen Qualifikations- und Selektionsprozessen hätte ich die
Schönste am Handgelenk genommen und wäre hinunter nach Ronda durchgebrannt.
Hemingway meint, Ronda eigne sich für ein solches Unternehmen besonders.
Ronda also hätten wir uns geleistet und wären im Hotel gleich neben der
tiefen Schlucht abgestiegen, dort wo man vom ehemaligen Strassenräubernest
in die waldige und hügelige Landschaft hinunter sieht. Und wir hätten zum
spanischen Wein diese riesengrossen und etwas groben Plätzchen gegessen, die
sie in Spanien den Stieren praktisch lebendigen Leibes aus den Lenden
schneiden. Inkognito wären wir auf Rondas Flaniermeile Arm in Arm auf und ab
gegangen, hätten auf die Welt und ihren unglücklichen Lauf gepfiffen und
stattdessen in der wunderhübschen kleinen Arena ein paar blutig-schöne
Corridas besucht.
Und zwischendurch hätte ich mit meiner schönsten Rothaarigen im Hotelzimmer
die Decken aufgewühlt und Bettgestelle flachgelegt. Ein bisschen barock
alles, zugegeben. Ungefähr so wie ein gute Flasche Malvoisie, prickelnd,
komplex und lebenslustig.
Doch, meine liebe Marlena, wie kann ich erklären, dass ich nach drei Tagen
bereits wieder zurück bin?? Der romantische Anfall berücksichtigt nur den
explosiven Entschluss, die hastige Abfahrt, den brennenden Wunsch,
wegzukommen. Doch wie kommt man wieder zurück? Reuigen Herzens? Asche
auf dem Haupt? Triste und voller Schuldgefühle? Oder einfach so, indem man
morgens wieder im Büro sitzt und die aufgelaufenen Pendenzen angeht? Die
Rückkehr ist ziemlich heikel, nicht wahr? Die Romantik denkt nicht an
Rückkehr, wenn sie denn überhaupt denkt! Sie denkt nämlich auch nicht daran,
lebenslänglich in Ronda auf und ab zu gehen. Man müsste dann ja gelegentlich
mit der nächsten der 59 zum nächsten Ort abhauen. Vielleicht nach Rom mit
einer Blonden, nach Paris brunette und Casa Blanca schwarz?
Ich bin also von Ronda zurück!
Mit einem lieben Gruss
...

Datum : Thu, 11 Oct  10:01:18 +0200

Montag, 3. April 2017

Dein Bild


Ämne : Soulagement

Lieber Mausfreund,
Wie schön dich wieder zu sehen. Ich war schon etwas unruhig. Ein bisschen wie eine Frau die ihren Mann nach der Arbeit zu Hause erwartet und er taucht nicht auf. Mehrere Tage lang bleibt er weg, ohne dass du weisst ob ihm etwas Schlimmes passiert ist oder ob er mit jemanden abgehaut ist. ;-)

Und du erinnerst dich noch an Dinge die ich selbst fast vergessen habe. Ja, nach einem Bild von dem Platz unter deinem Fenster hatte ich dich mal gefragt. Und nach einem Bild von dem Brunnen vor deinem eigenen Haus. Aber weisst du, wenn du die Aussicht von deinem Bürofenster so beschreibst wie in dem Mail heute dann brauche ich eigentlich kein Bild. In meiner Fantasie ist es wahrscheinlich schon wirklicher als es eine fotografische Abbildung zeigen könnte.

Ich glaube es ist nicht gut lange mit dem Gefühl "ich sollte eigentlich" herumzugehen. Entweder muss man ganz vergessen was man tun sollte oder es eben ziemlich schnell erledigen. Sonst kommt zuviel zusammen das Stress verursachen kann. Na ja, ich rede. Reden ist leicht, tun etwas ganz anderes.
*
Ja, ich weiss schon. Du bist etwas asozial hinter der Fassade. Sind wir ja beide sonst würden wir uns nicht schreiben. Und dieses wertvolle Foto von dir, dieses einmalige habe ich nicht genug gelobt? Also muss ich es wohl nochmals versuchen. Vielleicht geht es ohne S und M einzumischen.

Erstens siehst du auf dem Bild sportlich aus. Du könntest sehr gut einer dieser hormonstrozenden Harros sein, die man im heutigen ST finden kann. Vielleicht ist es das T-shirt das es macht. Dann liebe ich dein Kinn. Es sieht sehr männlich aus. Ich habe schon immer eine Schwäche für diese Art von Kinn gehabt. Darüber deine schön geformten weichen Lippen. ...(Zensur)... Deine Nase ist fotogenique. Und deine Augen. Es hat mich etwas überrascht dass sie so hell sind. Ich würde sie gern live sehen. Und wenn ich dir so in die Augen schaue dann bin ich mir bewusst dass ich das im real life kaum wagen würde. Und dann versuche ich das Bild von dir, das ich in mir trage, mit dem auf dem Foto in Einklang zu bringen. Ich weiss doch dass du aus Fleisch und Blut bist aber trotzdem kann ich es nicht richtig fassen, dass du wirklich bist. Es ist fast als hätte ich vergessen dass hinter den Mails ein richtiger Mensch steht.. Übrigens siehst du auch poetisch aus und wenn ich nicht wüsste, dass es sich um eine Magenverstimmung handelt, hätte ich glatt geglaubt du leidest an Weltenschmerz. ;-)

Schau mal zu was du mich mit deiner kleinen ironischen Bemerkung verlockt hast. Aber natürlich fühle ich mich geehrt dieses "Einzelstück" von Foto zu besitzen. Das letzte sozusagen das du nun auch verschenkt hast. ;-) Oder besitzen die übrigen 59 Mailpartnerinnen auch dieses Bild???
---
Mit einem lieben Gruss und Kuss,
Marlena

Datum : Wed, 10 Oct 2001 18:31:34 +0000

Tragische Heldinnen sind bleich






tragische Heldinnen sind bleich ...
Sun, 28 May 08:43:52 GMT
(R)
...
Und das beste daran ist, dass tragische Heldinnen wirklich
bleich sind. Man könnte darüber einen geistreichen Essay schreiben.
Kannst du dir Jeanne d'Arc mollig und mit roten Wangen vorstellen?
Nie im Leben! Oder Medea, die nun wirklich eine sehr tragische
Gestalt ist. Es gibt im Basler Antikenmuseum einen spätrömischen
Sarkophag, wo die tragische Medea auf einer Seite im Halbrelief
dargestellt wird. Die ganze tragische Geschichte, wie sie ihre
Nebenbuhlerin durch vergiftete Kleider hinrichtet und wie sie
schliesslich in einem göttlichen Gefährt entschwebt. Es ist das
schönste Stück im ganzen Museum, und manchmal gehe ich
am Sonntagmorgen dorthin, nur um dieses eine Stück anzuschauen.
Es ist ein ganzes Reliefband, die Länge des Sarkophages, also in ein
einziges Stück Stein gehauen. Und wenn du links zu lesen beginnst,
dann ist zuerst die Hochzeit Iasons mit Gauke, der Tochter des Königs
von Korinth zu sehen. Medea schickt der Nebenbuhlerin ein mit
Zaubermitteln vergiftetes Gewand, das beim Anziehen in Flammen
aufgeht, so das Gauke und Iason, der ihr zu Hilfe eilt, verbrennen.
Um die Rache an dem ungetreuen Gatten zu vollenden, tötet sie auch
ihre beiden Kinder, bevor sie auf ihrem von Drachen gezogenen
Wagen entflieht.
Es gibt auch ein dramatisches Bild von Delacroix im Louvre, wo sie
im Begriffe ist, ihre Kinder zu töten. Ich habe es ziemlich genau in
Erinnerung. Dort schaut sie sehr tragisch die erschrockenen und
vielleicht schockierten Louvre-Besucher an. Es scheint ihr wirklich
ernst zu sein mit ihren Kindern. Und als braver Bürger der Moderne
möchte man intervenieren und ihr das Messer aus der Hand reissen.
Aber das wagt man nicht, denn sie ist kolossal und bleich.
Und bei diesem Sarkophag, wenn du ein paar Schritte zurücktrittst,
siehst du, wie das Band von links nach rechts ziemlich ruhig anfängt.
Es gibt diese vielen Figuren, alle ihre Köpfe auf gleicher Höhe (sie
sind geordnet und deuten eine Menge an, es gibt dafür einen Namen
in der Kunstgeschichte). Und zur Mitte hin wird die Szenerie immer
nervöser und unruhiger. Du hast den Eindruck, der Stein ist
elektrisiert, und dann nach rechts, zum wunderschönen Wagen
Medeas hin, beruhigt sich alles wieder. Es ist wirklich ein
wunderbares Stück. Ich weiss nicht, woher die Basler sowas haben.
Natürlich ist darin der spätgriechische Einfluss sehr sichtbar,
helenistisch heisst das. Es ist also für ein römisches Stück schon
sehr fein, eine Spätentwicklung. Da waren die Römer schon ziemlich
verweichlicht und verzärtelt, hat man den Eindruck. Das ist schon ihr
fin de siecle, ihr langsamer Niedergang nach Augustus.
Wenn du mal nach Basel kommst, würde ich dir dieses Stück zeigen.
Ich hätte noch anderes, aber das würde ich dir zeigen. Es ist einmalig
schön und fast ohne Beschädigungen erhalten.
...

Sonntag, 2. April 2017

Re: Berufsbeginn


Datum: den 4 mars  19:27

Lieber ...,
Wieder bringst du mich zum lachen. Vielleicht ist es das was ich am meisten liebe an dir. Und nun sehe ich dich vor mir wie eine Buddhagestalt auf einem persischen Teppich inmitten einer Menge von besorgten und liebenden Verwandten. Ja, ich bin sicher dass du auch dein Altertum voll geniessen wirst und nicht in einem Altersheim verkommen wirst.
Der Traum und grosse Wunsch vieler alter Leute hier scheint zu sein, dass jemand unter dem Personal vielleicht einmal Zeit haben wird mit ihnen hinaus zu gehen. Und das habe ich mir schon fest vorgenommen. Ich werde freiwillig mithelfen, dass ihnen dieser Wunsch in Erfüllung geht.
*
Was du vom Anfang deiner Karriäre erzählst lässt mich auch zurückdenken. Mein Professor wollte mich auch behalten und wäre nicht K mit diesem extra Formular gekommen, das ich nur spasseshalber ausgefüllt habe, so hätte ich vielleicht auch doktoriert. Aber es kam anders und eigentlich habe ich es nie bereuen müssen. Man könnte sagen, dass ich in meinem Berufsleben immer sehr viel Glück und Erfolg hatte. Ich glaube oft Erfolg weil Glück. Nur jetzt am Ende meiner Berufszeit habe ich grosse Lust das ganze so bald wie möglich zu verlassen. Und wenn ich mal sowas sage zu meinen nächsten Kollegen antworten sie "Wer hat das nicht?" Vor ein paar Jahren hätte keiner sowas gesagt.
Und diesen neuen Chef mag ich garnicht. Ich meine ein Direktor am Gymnasium kann natürlich nicht alle die Kompetenzen besitzen, die seine Lehrer haben. Das verstehe ich sehr gut. Aber er kann wenigstens von ihnen lernen. Er muss sich nicht ständig äussern über Dinge von denen er keine Ahnung hat und das tut er leider. Und heutzutage wagt niemand zu protestieren, weil alle Angst haben um ihre Lohnerhöhung. So sitzen sie da, wie dumme Schafe und schweigen zu allen Dummheiten. Es ist eine Schande.
*
Auch ich habe mich von diesem Ort damals verführen lassen. Ich hatte zwei Jahre an dem Gymnasium gearbeitet wo K nun immer noch wohnt und habe mir dann eine "ordinarie" Dienststelle gesucht. Von einer solchen kann man nicht entlassen werden und sie hatte auch andere Vorteile wie freie ärztliche Behandlung u.a. Das wurde ja später bei der Kommunalisierung der Schulen abgeschaft. Ich hatte 5 Stellen erhalten und da diese hier die nächste war fuhr ich zu Pfingsten her um mir den Ort und die neue Schule anzusehen. In allen Gärten blühten die Obstbäume und der ganze Ort kam mir vor wie ein wunderschöner Park. Ein bisschen fast wie das Land Nangijala bei Astrid Lindgren. Ich war ganz hingerissen von der schönen Natur.
Meine "Eltern" konnten nicht verstehen warum ich mich "in der Provinz verstecken" wollte. Aber wenn ich nun zurückdenke, so glaube ich nicht dass ich es bereuen muss. Zwar sagte ich anfangs oft, das beste mit diesem Ort sei, dass man ihn so schnell verlassen kann. Es gibt ausserordentlich gute Verbindungen in alle Richtungen. Alle Wege kreuzen sich hier (genau wie in Olten). Aber am meisten habe ich dann die schönen Umgebungen und die herrliche Natur schätzen gelernt. Ab und zu habe ich schon Stockholm vermisst. Die Möglichkeit ins Theater oder in eine Oper zu gehen. Aber was das übrige betrifft so gibt es das meiste auch hier.
*
Ja, diese Röntgenbilder! Das ist so eine Sache. Wer besitzt schon eine Menge Röntgenbilder. Ich könnte glatt eine Wand damit tapezieren. Aber das ganze sieht ein wenig nach Obduktion aus. Und nach Skelett. Das komische ist, dass ich kein Herz finde. Vielleicht erklärt das warum du kein Herzensblut siehst.. Ich glaube ich hab es einmal verschenkt und nicht zurückbekommen. Ja, so muss es sein. Ich könnte einen Pfeil dorthin machen und schreiben "ausgeliehen". Du hast so gute Ideen. Vielleicht sollte ich dir die Bilder schicken. ;-) Du könntest glatt eine Ausstellung damit machen. *s*
*

Bevor ich es vergesse. Ich muss dir erzählen, dass man bei uns in letzter Zeit ziemlich viel vom Iran spricht. Und was man da sagt, erstaunt mich nicht wenig. U.a. behauptet man, dass die jüngere Generation garnicht feindlich ist gegen die Amerikaner und die Leute überhaupt ziemlich amerikafreundlich sind. Dagegen sagt man auch wieder dass diese fanatischen Terroristen dabei sind sich im Iran eine neue Basis für ihre Bewegung zu schaffen. Und beides ist ja voll möglich, wie ich mir vorstelle.
*
Den Ausdruck "Duft des Lebens" im Zusammenhang mit einem solchen Bart zu verwenden finde ich etwas eigen. Meinst du den "Duft von Speiseresten"? ;-)

So lasse ich dich wieder und wünsche dir einen schönen ruhigen Tag,
Mit einem lieben Gruss
Marlena







Re: Zugabe


Ämne: Re: Zugabe
Datum: den 4 mars 16:54

Lieber ...,
Ach, wie schön! Ich freue mich mit dir. Warum hat dir gerade das Gnadenbild gefallen?

Hast du diese Führung heute gesehen?

Di, 4.3., 12.30–13.15 Uhr, KM
Führung in der Sammlung, Zeichen und Wunder (B. Lindemann)

Ich schreibe dir bald ein Mail. Bis dahin
sei lieb gegrüsst,
Marlena


------

Ämne: AW: Zugabe
Datum: den 4 mars 18:08

Genau diese war es. Jetzt weiss ich sogar, wie er heisst.
Und das durch dich in diesem hohen Norden!!!
Gruss
...


Samstag, 1. April 2017

ein Gnadenbild


Ämne: Zugabe
Datum: den 4 mars  15:48

Liebe Marlena
Soeben bin ich von Basel zurückgekommen. Jeweils dienstags findet im
Kunstmuseum über Mittag eine Führung statt. Und ich wollte sie mal
austesten. War prima.
Ich muss noch herausfinden, wer dieser Typ war. Er hat über Bildtypen
gesprochen und anhand von 4 oder 5 verschiedenen Bildern gezeigt, was er
damit meint. Es gibt ja doch Historienbild, Gnadenbild, Votivbild, Kultbild
etc. Davon am interessantesten finde ich das Gnadenbild. Es wird in seiner
Bedeutung ähnlich aufgefasst wie eine Reliquie. Es lebt von der Aura seiner
Herkunft, seiner Hand, seiner Darstellung. Doch die Darstellung ist
vielleicht am wenigsten wichtig dabei.

Es ist schon merkwürdig, wie sich die katholische Kirche noch nicht von den
Wundern distanziert hat. Wunder sind immer noch zu erwarten und zu haben.
Aber sie müssen offiziell im Vatikan approbiert werden. Es kann nicht jeder
daherkommen und sich auf ein Wunder berufen. Und je weiter die Wissenschft
voranschreitet, desto weniger bestehen die Möglichkeiten, dass man Wunder
erleben kann.

Ja, diese Stunde über Mittag war wirklich sehr interessant. Ich frage mich
bloss, wieviel davon ich behalten kann. Man sollte diese Art von Gedanken
irgendwie ins Langzeitgedächtnis überführen. Aber das geschieht nicht.
Du wirst lachen, einige der vielen älteren Leute habe ich früher auch in der
Vorlesung gesehen, die ich mit A zusammen besucht hatte. Es scheint,
dass ich hier in eine Gesellschaft gerate, die sich bloss in Museen und
unter Kunstexperten herumtreibt.
Ich bin noch ganz voll davon.

Wünsche Dir einen schönen Nachmittag.
Mit einem lieben Gruss
...



Ich hoffe du magst mich trotzdem..


Liebe Marlena,
Nein, eigentlich wollte ich so genau von dir wissen, wie gross du
bist, nun ja, wie soll ich dir das sagen, weil ich selbst eher klein
bin. Ich habe vielleicht mal eine Grösse gesagt, aber ich muss dich
enttäuschen, ich kann wohl nicht auf deine 175 oder so hinaufreichen.
Meine kleine Statur hat es eben gemacht, dass ich gelernt habe, mich
schriftlich auszudrücken. Mündlich komme ich bei den Leuten schlecht
an. Sie nehmen mich nicht ernst. Verstehtst du, Marlena, mit 135
spricht man aus der Froschperspektive. Da muss jedes Argument
doppelt genäht sein, da sollte jeder Satz sitzen. Also, höchstens beim
Sitzen könnte ich Dir meinen Arm um die Schulter legen. Denn was
mir an Länge fehlt, fehlt vor allem an den Beinen. Das ist ein bisschen
wie bei Toulouse-Lautrec, oder bei diesem kleinen Kerl da in Grass'
Blechtrommel, wie hiess er schon. Allerdings trage ich keine Trommel
herum, da kann ich dich beruhigen, meine liebe Malou, und ich
zersinge auch nur in Ausnahmefällen Gläser.. Du musst dir auch
vorstellen, welches Bild wir auf der Champs Elysees abgeben würden!!
Du in deiner ganzen wunderschönen Statur und ich daneben wie
ein Mickey Mouse, in kleinen rasanten Schrittchen. Die Passanten
würden sich doch nach uns umdrehen. Manchmal wollen sie sogar
Autogramme von mir. Da gehen wir doch lieber gleich in eines dieser
Nobelrestaurants und ich lass mir einen Hochstuhl kommen. Meist
haben sie ja diese Stühle für die Kinder. Die sind zwar etwas eng, aber
meist komme ich ganz gut hin. Und wenn meine Beine erst einmal
unter dem Tisch sind, dann sieht man mir das kaum mehr an. Dann
müsstest du dich nicht mehr genieren.
Das meine liebe Marlena, wollte ich dir heute, speziell heute, noch kurz
sagen.
Ich hoffe, du magst mich trotzdem als Mausfreund??
Mit einem schönen Gruss
xxx

Fortsetzung:

den 1 april 13:13
Liebe Marlena
Se non é vero, e ben trovato!
Bevor dein Schock total wird, möchte ich dich vorsichtig darauf hinweisen, dass das dieses erste Mail von heute ein Aprilscherz (APRIL-SCHERZ) ist. Habe ich heute morgen gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass 1. April ist. Und so habe ich mir gedacht, ich könne dich etwas aufheitern. Hast du was bemerkt? Hast du geglaubt? Stell dir vor 135cm, das wäre ja grässlich. Ich würde bei der Eisenbahn glatt mit einer Kinderfahrkarte durchgehen! Und ich würde im Alkohol enden, wie Toulous.Lautrec. Und der bei Grass hiess Oskar Mazareth (weiss nicht, wie sich das schreibt?), jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Der war ja auch nicht gerade der glücklichste. Also, liebe Marlena, ich dreh mich jetzt von 75 wieder auf 100%, wenn du erlaubst.
*
Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien.