Samstag, 23. Mai 2015

Re: Blütenfrische


Subject: ein Tea Room im alten Visp 

Liebe Marlena
Die Blütenfrische hält an. Sie hält schon deshalb an, weil ich, ohne ein kleines Mail zu schreiben, gar nicht richtig in den Tag hineinkomme. Es ist wie ein dicker Vorhang, der da hängt. Und er ist schwer und träge und gibt kein Zeichen, was sich dahinter alles verbergen könnte. Es braucht in der Tat ein kleines Ritual, um um diesen schweren Vorhang herumzukommen.
Das erinnert mich an ein Tea Room im alten Visp. Tea Rooms waren zu meiner Jugendzeit im Wallis nocht nicht entdeckt. Es gab jede Menge Wirtschaften, die Wein und Bier ausschenkten. Und es war üblich, dass jeder mündige Bürger mindestens einmal im Tag dort vorbeiging. Besser nocht mehrere Male. Aber das war nichts für Frauen, vor allem nicht für Frauen, die allein ein Lokal aufsuchen wollten.
Aber in Visp gab es ein Tea Room. Es hiess Jäger, was ein häufiger Name war. Ursprünglich eigentlich aus Turtmann. An das Tea Room Jäger kam man geradewegs heran, wenn man vom Bahnhof an der Post vorbei herunterkam. Es lag an prominenter Stelle. Aber es war nur eine Fensterreihe. Man konnte nichts sehen. Und hinter der Eingangstüre hing ein schwerer Vorhang, so dass man nicht einfach hineinschauen konnte.
Für mich als Junge war das ein sehr geheimnisvolles Lokal, und wohl auch etwas anrüchig. Ich konnte mir nicht vorstellen, wer dort drinnen sass. Etwa zwei oder drei mal stand ich an diesem Vorhang, aber ich konnte nichts sehen und wagte nicht, den dicken schweren Stoff - es muss ein lederartiger Filz gewesen sein - zurückzuschieben. Ich machte mir einfach bloss hocherotische Vorstellungen. Ich wusste, das hat etwas mit Erotik zu tun, etwas, wo sich die Frauen eher verstecken als zeigen, und wo die Männer unerkannt bleiben wollen. Das war bestimmt sehr übertrieben. Aber das Café Jäger sah ich als so eine Art Venus-Falle.

Erst viele Jahre später wurden zwei oder drei andere Tea Rooms eröffnet. Sie kamen richtig in Mode, nicht nur in Visp, überall. Und sie sahen alle ziemlich ähnlich aus und waren abends soviel wie leer, denn die Männer gingen weiterhin in die Wirtschaften. Und nur ab und zu sassen zwei oder drei Frauen, die nach dem Vereinsabend noch einen Schwatz wollten, nur dnn gingen sie in solch ein Tea Room.
*
Immer noch ...

Freitag, 22. Mai 2015

Mittwoch, 20. Mai 2015

Perforationen




Subject: Perforationen...
Date: Mon, 28 Feb


Liebe Marlena

Heute ist Montag Morgen. Ich bin – halte dich fest – um 0600h auf den Zug gegangen. Es war noch stockdunkel. Die Fahrt nach L dauert ungefähr 10 Minuten. Alle im Zug haben noch gedöst oder geschlafen. Es waren vor allem Arbeiter, nehme ich an. Die Büroleute fahren erst um 0700 oder 0730h. Um diese frühe Zeit aber fahren die Arbeiter. Als ich in L. ausgestiegen bin, war es immer noch dunkel und etwas kühl. Neben dem Bahnhof liegt ein altes Haus mit Garten. Dort haben Vögel gepfiffen, als ob Frühling wäre. Wahrscheinlich haben sie sich gegenseitig Mut gemacht angesichts der kühlen Morgenluft. Das kann man eben anthropomorph anschauen. In der Tat ist der biologische Sinn des schönen Vogelgezwitschers die Rivalität, die Konkurrenz, das grosse Prinzip der Evolution, kurz the struggle of life.

Aber zurück ins stockfinstere L. Ich habe also diese Vögel in den muntersten Tönen singen gehört und die goldene Morgendämmerung über den Bergen gesehen. Dazu ergab sich das Gefühl, einer der ersten zu sein (The first bird catches the worm, pflegte mein Englischlehrer zu sagen). Das ist kein schlechtes Gefühl für den Montag Morgen. Ich hasse es, der letzte zu sein. Das kann ich nicht ausstehen.

Wenn ich so früh um 0615h ins Büro komme, dann mache ich mir als erstes einen dunkeln Kaffee. Vorher geht gar nichts. Und als zweites habe ich dann deinen schönen Brief aus dem PC gezaubert. Das war wirklich ein feiner und auch ein lieber Brief, eine schöne Überraschung an einem verzwitscherten, mit Morgenrot gesegneten Februarmorgen! Es ist absolut fantastisch, so früh schon einen freundlichen Brief öffnen zu können! Ich danke dir dafür, liebe Marlena, er hat mich sehr erhellt und positiv gestimmt. Er hat geradezu gegen meine Erkältung gewirkt wie Alkazyl. Alkazyl ist mein Standardmedikament bei Halsweh, Erkältung, Fieber, Kopfweh und so weiter. Es wirkt fast gegen alles. Vielleicht nicht gegen Liebeskummer (maladie d'amour, wie du so schön gesagt hast). Im Grunde habe ich zwei Standardmedikamente: Alkazyl und Alkaseltzer. Zweiteres wirkt gegen Magenverstimmung, wenn man zum Beispiel zuviel getrunken hat. Mit diesen zwei Mitteln komme ich praktisch durch das Leben. Damit kann ich mich meistens retten. Und langsam werde ich in Zukunft nun also Alkazyl durch Marlenas Mails ersetzen. Die Apotheken werden protestieren, und die Ärzte werden bedenklich ihre Stirn in Falten legen. Aber das ist gut so. Du hast gesagt, mein Brief wäre eigentlich ein trauriger Brief. Ich habe weder bemerkt noch gewollt. Ich glaube nicht, dass ich wirklich traurig war. Dieser Vanitas-Gedanke ist eher intellektuell, nicht sehr gefühlsmässig. Ich war einfach ein bisschen krank und reduziert. Dass du mich angesteckt haben könntest, war ein Scherz. Und ein Glückspilz war ich eigentlich auch nicht, denn am Wochenende krank zu sein ist eben so schlimm, wie während der Sportferien krank zu sein. Wahre Glückspilze aber sind während der Arbeitszeit krank. Aber es war ziemlich gut, einen Moment in deinen Armen zu liegen. Ich habe den Brief eben nochmals durchgelesen. Vielleicht weiss ich, was du meinst. Doch darin ist vielleicht eher ein weltanschaulicher Pessimismus als eine wirkliche Traurigkeit. Camus war ein philosophischer Pessimist, aber bestimmt kein trauriger Mensch. Oder irre ich mich da? Nun, ich bin natürlich kein Camus. Ich bin nicht in der mediterranen Sonne Algeriens aufgewachsen, die dir Vitamine gegen die Traurigkeit einzuimpfen pflegt. Nein, das bin ich wirklich nicht. Und sicherlich habe ich auch gelegentlich meine kleinen Depressionen, die habe ich sicher. Aber bei diesem Schreiben habe ich es kaum bemerkt. Doch das will ich gerne zugeben, dass andere Menschen manchmal mehr sehen und mehr merken als der Betroffene selbst.

Das Bild Bruegels hat es mir sehr angetan. Ist es nicht eines der schönsten Bilder europäischer Kultur? Ich glaube, Bosch hat auch irgendwo so ein Riesending gemalt. Und es ist ästhetisch in diesem Zweifel zwischen Optimismus und Pessimismus. Ist es eine Ruine oder bloss eine Baustelle? Wird noch gebaut oder wird schon abgebrochen? Geht's hinauf in den Himmel oder geht's doch eher zur Hölle? -- Manchmal, wenn ich Zeit habe, zeichne ich gelegentlich Cartoons. Und eine meiner Ideen war es vor einiger Zeit, diesen Turm Bruegels zu zeichnen, den fast jeder kennt, und dahinter ein riesiges Hochhaus, das noch um Einiges höher ist und weit über die Wolken hinausragt, auf dem die Reklame leuchtet: CONSULTING. Das finde ich einen guten Einfall, und du? Ich habe das Bild damals einem Freund geschenkt. Er ist Professor an der Universität Zürich und hat ein eigenes Institut zur Integration der Fakultäten und fachlichen Perspektiven. Er war begeistert und hat meine Zeichnung auf einen Regenschirm kopieren lassen, um sie jetzt den Leuten zu verteilen. Ich muss zwar sagen, dass die Zeichnung auf dem Schirm wirklich nicht mehr gut aussieht. Aber seine Begeisterung hat mich doch gefreut.

Der Turm Bruegels ist schon ein Renaissance-Turm, gross und die Welt sprengend. Eine wahre Attacke gegen Gott, gotteslästerlich, wie die Aufklärung auch, in ihren letzten Konsequenzen. Die mittelalterlichen Türme der Gotik sind dagegen bescheiden und brav, sehr menschlich und subaltern, runde Türmchen meist, die den Anschein des endlosen gottergebenen Zerfalls haben. Sie sehen in unseren modernen Augen ziemlich romantisch aus. Die Türme der Renaissance dagegen sind wie Capes Canaverals, hybride Installationen, die die Welt aus den Angeln zu werfen gedenken. Eigentlich sind sie skandalös. Aber schön! Ich liebe das Bild sehr, denn es gibt den Eindruck einer göttlichen Übersicht. Vom Himmel schauen wir hinunter auf diese Welt (dieser Gesichtspunkt ist vielleicht noch mittelalterlich und traditionell). So muss die Sache für den lieben Gott ausgesehen haben, als der Montag morgens das Fenster öffnete, um sein Bettzeug zu durchlüften und sein Nachthemd auszuschütteln. Wahrscheinlich ist er ziemlich heftig erschrocken, eine solchen Backsteinhaufen vor seinem Schlafzimmerfenster vorzufinden. „Skandalös", muss er in den langen Bart gemurmelt haben, und irritiert nach Petrus geleutet haben. Die babylonische Sprachverwirrung kann man durchaus als Rache Gottes gegen die menschliche Hybris verstehen. Aus Sicht des Allmächtigen ist wirklich nicht einzusehen, warum die kleinen Dinger, die Menschen, jetzt plötzlich in den Himmel klettern sollten?

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Habe ich dich wirklich mit Fragen bombardiert? Ich weiss ich weiss, ich hätte noch viele mehr davon gehabt. Anfangs dachte ich, du magst das nicht, wenn ich direkte Fragen stelle. Aber dann hast du dich doch gewundert, warum ich zur Bemerkung, deine Mutter wäre das „schwarze Schaf" gewesen, nicht gefragt hätte. Also, abgemacht, ich frage, soviel ich Lust habe. Ich perforiere dich wie in einem Western-Film, wenn ich Lust dazu habe. Und du antwortest, soviel du Lust hast. Und das ganze umgekehrt. Ich habe viele Fragen, weil mich das Leben interessiert. In den letzten Jahren habe ich viele Biographien gelesen, um irgendwie ein Verständnis für das Leben, dh. das biographische Leben zu bekommen. Ich habe mir vor allem Biographien von Malern angeschaut. Denn bei den Malern kann man das Leben und ihre Arbeit noch im Nachhinein vergleichen. Man hat die Biographie und man hat die Werke. Und das ergibt doch irgendwie ein ziemlich umfassendes Bild. Nicht wissenschaftlich habe ich das studiert, nur so, halb zum Zeitvertreib. So habe ich natürlich auch zu deinem Leben viele Fragen. Geschichten und Lebensgeschichten sind natürlicherweise interessant. Geschichten sind das Leben. Die Perser können tagelang Geschichten erzählen. Manchmal fragt man sich, warum sie es erzählen, denn viele haben für unser Empfinden keine Pointe. Doch wenn es gute Geschichten sind, wird allen klar, warum sie erzählt werden. Geschichten können sogar heilen, haben wir von Scheherzade gelernt. Und wir beide – du und ich - haben den Vorteil, dass wir uns nur per Mail kennen. Beim Mail kann man sich die Fragen auswählen, die man beantworten will. Die anderen übergeht man einfach. Im Gespräch wäre das nicht gar so einfach. Dort wäre es geradezu ein Affront, aber im Mail ist es ok!

Im Moment lese ich ein Büchlein von einem Landsmann von dir. Es ist für Jugendliche geschrieben, und ich soll eine Rezension verfassen. Der Originaltitel heisst „Meningen Med Livet", ist von Ragnar Ohlsson geschrieben und bei Alfabeta Bokförlag AB Stockholm 1998 erschienen. Der Autor ist offenbar Professor für politische Philosophie und normative Ethik an der Universität Stockholm. Er beschäftigt sich unter anderem mit Philosophie für Kinder, was ja auch dein Thema ist! Ich kann dir noch nicht viel über dieses Büchlein sagen, denn ich habe mit der Lektüre erst angefangen. Es scheint mir ziemlich gut kalkuliert und klar aufgebaut. Es geht dabei um Willensfreiheit, also um menschliche Verantwortung, um Ethik also, aber auch um den Sinn des Lebens. Aber ich werde mich sicherlich hüten, über einen schwedischen Professor eine schlechte Kritik in die Welt zu setzen. Dir zuliebe! Vielleicht kann sich Herr Ohlsson dann einmal bei dir bedanken, vielleicht!

So komme ich bei meinem Montags-Brief langsam zum Ende. Ich weiss noch nicht, wie die Woche laufen wird. Ich fühle mich immer noch krank. Vielleicht brauche ich noch ein oder zwei Alkazyl. Also sieh dich vor, Marlena. Vielleicht bin ich bis Mittwoch wirklich im Bett und damit endgültig ein Glückspilz. Vielleicht.

Ich wünsche dir eine gute Zeit und sende einen lieben Gruss
...

Dienstag, 19. Mai 2015

Pausenbild

gestern im Garten



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Donnerstag, 14. Mai 2015

Sonntag, 10. Mai 2015

Für dich ...






Liebe Marlena
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Ich habe dir meine erste Liebesgeschichte versprochen, ich glaube nicht, dass ich sie sonst je schon jemandem erzählt hätte. Für dich Marlena mach ich das und ein bisschen auch für mich. Hier ist sie. Sie endet eigentlich ein bisschen traurig. Und sie spielt in Lenzburg.
Leider kann ich dir nicht sagen, wie sie hiess. Hiess sie Vreni? Es könnte sein. Doch als ich älter war, hatte ich immer eine gewisse Abneigung gegen diesen Namen. Ihren Familiennamen aber weiss ich noch. Sie war damals ungefähr ein Kopf kleiner als ich, hatte wundervolles kastanienbraunes Haar, das hinten zu einem Schwänzchen zusammengebunden war. Mein Leben lang sollte ich dann für solche Schwänze eine Schwäche haben. Fast die ganze Jugendzeit unterschied ich zwischen Kameradinnen mit Schwänzchen und Kameradinnen ohne Schwänzchen. Es grenzte an Rassismus!
Meine Vreni besuchte wie ich die zweite Klasse im grossen Schulhaus bei Frau H. im Zentrum der Stadt L, wo wir damals wohnten. Wir selbst wohnten am Fusse des schönen Schlossbergs, in einem riesengrossen Haus mit einem unendlich weitläufigen Garten, der am Schlosshang auf mehreren Etagen angeordnet war. Hier, im Nachbarhaus, hatte früher einmal der grosse Dichter Frank Wedekind gewohnt. Dessen Vater war um die Jahrhundertwende noch Besitzer des Schlosses gewesen und Wedekind hatte die Schulen im Ort und schliesslich die Kantonsschule von Aarau besucht. Aber Wedekind war ein schwieriger Sohn mit heftigen pubertären Ausbrüchen und wilden erotischen Fantasien. Ich habe mich nie überwinden können, wirklich etwas von ihm zu lesen. Obwohl er im Grunde ein Zeitgenosse Rilkes gewesen ist. Beide lebten sie am Ende des letzten Jahrhunderts. Wahrscheinlich war Wedekind etwas jünger?
Ein Junge mit wüsten erotischen Fantasien war ich nun ja in der zweiten Klasse noch nicht. Mein Problem war allerdings, dass Vreni am anderen Ende der grossflächigen Ortschaft wohnte. Ich wusste damals, als kleiner Zweitklässler, nicht, wo das war. Aber später konnte ich feststellen, dass sie täglich einen ziemlich ähnlich weiten Schulweg zu gehen hatte, wie ich ihn auch ging. Ich musste den alten Markt hinunter, dann über den Kirchplatz und an der Post vorbei, um den kleinen Weg zu erreichen, der dann über den Aabach direkt und geradewegs zum Haupteingang des grossen Schulhauses führte. Das grosse Haus, das man in gut zwei Stunden bestens als Militärkaserne hätte einrichten können, stand erhöht am Ende dieses Weges, der schliesslich über eine Treppe auf dem Schulhof endete. Und wenn man diese hohe und disziplinierte Fassade anschaute, so konnte einem kleinen Zweitklässler schon ein Schauer über den Rücken gehen. Wenn ich heute ein Schulhaus zeichne, so zeichne ich dieses Schulhaus mit dieser monströsen Fassade, die wenig Erbarmen zeigte.
Vreni kam nun aber von der Aarauerstrasse her, von der Hinterseite also, und musste kurz vor dem Schulhaus noch die bewachten Geleise der Seetalbahn überqueren. Die Seetalbahn konnte man oft während des Unterrichtes hören, denn bevor sie diesen Übergang passierte, pflegte sie einen fröhlichen Pfiff in die Luft zu lassen. Und wenn wir im Unterricht der zweiten Klasse sassen und schwer mit Buchstaben und Additionen bis etwa 100 kämpften, so war so ein Pfiff wie ein rettender Beweis, dass es die Welt draussen auch noch gab. Es war wie der aufmunternde Zuruf, dass dieser unendlich lange Vormittag doch irgendwann zu Ende gehen würde, und dass wir dann wieder hinaus in die Welt konnten, um richtig durchzutamten. Es hatte auf diesem grossen Pausenhof riesige rote Buchen, die ja sehr schöne Bäume sind. Und im Spätsommer pflegten diese kleinen Nüsschen auf dem Boden zu liegen, mit den drei Kanten. Man biss sie auf einer seite auf und konnte darin ein wintzigkleines Nüsschen finden. Winzigklein, zugegeben, schmeckte aber prächtig.
Ich mochte Vreni, und ich glaube sagen zu können, dass sie mich auch mochte. Das war schon einmal ein wunderbares Gefühl. Sowas Feines hatte ich bis dahin im Sandkasten und in unserem grossen Garten noch nicht erlebt, diese wunderbare Übereinstimmung mit einem anderen Menschen. Es war das selige Gefühl, dass da ein anderer Mensch war, der ebenso fühlte, der ebenso in die Schule gehen musste, der Ähnliches im Sinn hatte.
Ich war kein besonders guter Zweitklässler. Manchmal war ich etwas Vorlaut. Ich erinnere mich, dass ich der Lehrerin einmal "Viel Vergnügen" wünschte, als sie vorzeitig aus dem Unterricht weg musste. Und sie klärte mich kurz auf, dass diese Formulierung schlecht passte, wenn jemand zu einem Begräbnis gehen musste. Ein mal las die Lehrerin ein Gedicht vor, und wollte uns Kinder fragen, ob wir es auch verstanden hatten. Wir waren etwa 40 Schüler in dieser Klasse. Und keiner hatte es wirklich verstanden. Aber ich hob keck die Hand und gab eine Interpretation. Sie muss ein bisschen eigenwillig gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, hat die Miene der Lehrerin nicht angezeigt, dass sie meinen Lichtblick bewundert hätte. Aber immerhin hatte ich den Mut, denn all die anderen 39 sassen mausestill und wollten dieses kleine Gedichtlein (...) Reni und ich üblicherweise noch ein Stück zusammen, obwohl wir ja nun absolut nicht den gleichen Schulweg hatten. Als Gentleman begleitete ich sie in ihre Richtung bis zum Turnplatz. Der Platz war wunderbar. Er war umgeben von Linden und wenn es regnete oder kurz vorher geregnet hatte, so war hier alles tropfnass und klebte, wohin man trat. Auf diesem Rasen verbrachten wir noch ein paar Minuten, oder waren es Viertelstunden? Wir vergnügten uns am Reck, machten Überschläge und hangelten an den Stangen herum, sprangen in die Erdkissen, bis die Schuhe voller Sand waren. Und irgendeinmal, vielleicht nach einer halben Stunde trennten wir uns dann. Sie ging die Aarauerstrasse hinaus mit ihrem kecken Schwänzchen, das lustig hin und her baumelte, in eine unbekannte Welt, die ich nicht kannte. Und ich ging dann eben die Aarauerstrasse hinein Richtung Stadt. Beim Kino konnte ich so noch die grossen Fotoauslagen anschauen. Sie waren schwarz-weiss, aber sehr eindrucksvoll. Man konnte auch sehen, dass die Frauen, mit ihren dunkeln Lippen, ziemlich dick aufgetragen hatten.
So hatte ich mit Vreni eine stille Freundschaft, und wahrscheinlich wusste ausser uns zweien niemand auf der Welt davon. Allerdings, das sollte anders kommen. Einmal, an einem freien Nachmittag schickte mich meine Mutter in die Wisa-Gloria, wo ich unser Dreirad-Velo holen sollte, das man dort wieder in Stand gestellt hatte. Das war eine interessante Aufgabe, fand ich, denn einen solch weiten Weg mit dem Velo zu fahren, das versprach einige Abenteuer. Auf dem Rückweg von der Fabrik mit meinem kleinen Velo nahm ich nicht gleich den direkten Weg. Und irgendwie landete ich in der Nähe der Post. Neben der Post lag zu dieser Zeit ein grosses Lager an Bauholz. Hier wurde irgendwie gearbeitet. Und mein Glück wollte, dass auch Vreni hier war. Meine Erinnerungen um diese Situation sind sehr dunkel. Aber irgendwoe taucht da so ein Licht auf. Und meine kleine Geliebte lud mich ein, mit einem riesigen gelben Lastwagen mitzufahren. Erst später erfuhr ich genauer, dass ihr Vater ein grosses Baugeschäft hatte. Unter seinem Namen fuhren in Lenzburg etliche Lastwagen und Baumaschinen und Walzen umher. Eine solche Einladung konnte ich mir nicht entgehen lassen. So stellte ich mein Velo rasch unter eine kleine Holzbeige und kletterte hoch hinauf in diese riesige Fahrerkabine des laut ratternden Lastwagens. Das war ein strammes Gefühl! Alles rundum war zwar ein bisschen gross und ein bisschen grob, man konnte sich kaum halten, und alles wackelte und vibrierte und lärmte und man konnte kaum hinunter auf die Strasse sehen. Wir zwei Kinder wackelten auf dem riesigen Ledersitz hin und her und rutschten bei jeder Kurve in eine andere Ecke. Vreni gab sich so, als ob sie tagtäglich solche Fahrten unternehmen würde. Sie war aber ganz und gar nicht überheblich, zeigte keinen Ansatz von Überlegenheit, sondern half mir da und dort, informierte mich wie selbstverständlich, zeigte mir dies und jenes. Und ich war einfach Auge und Ohr und schaute diesem Chauffeur zu, wie er auf der schmalen Strasse hoch oben vorankam und schaute in die grüne Landschaft hinaus, die schüttelte und so unwirklich daherkam. Wir fuhren in irgend eine Kiesgrube in der Nähe Lenzburgs. Und ich vergass mich völlig und staunte rundum und - wenn ich ehrlich sein sollte - vergass auch ein bisschen meine Vreni, die galante junge Gastgeberin.
Keine Ahnung, wie lange dieses grosse Ereignis gedauert hatte. Doch als wir wieder zuruckkamen, fand ich mein kleines Velo verbogen und kaputt unter der Holzbeige. Es war nicht mehr zu fahren. Irgendwelche älteren Buben, wohl die aus der berüchtigten Eisengasse, sie mussten es benutzt und kaputtgefahren haben. Ich hatte keine Ahnung, ob dieser Defekt schlimm war oder nicht so schlimm war. Auf jeden Fall war es nicht mehr zu gebrauchen. Ich musste es zu Fuss heimschleppen. Und das war schon ein Stück weg und es hatte bestimmt schon vier oder gar fünf Uhr geschlagen. Klammheimlich versorgte ich den Schrott im Schopf hinter dem Haus, ohne auch nur irgend jemandem ein Sterbenswörtchen zu sagen. Dass dieses Velo gleich wieder in die Wisa-Gloria zur erneuten Reparatur musste, das stellte meine Mutter erst ein paar Tage später mit Erstaunen und einigem Ärger fest. Man muss annehmen, dass sie mich bei dieser Gelegenheit unter ein hartes Verhör genommen hatte. Doch daran kann ich mich nun ganz und gar nicht mehr erinnern.
Kurz vor Weihnachten in der zweiten Klasse zogen wir dann von L. ins Wallis, in diese wilde Landschaft mit viel Schnee und Häuser mit steinigen Dächern. So habe ich meine Vreni aus den Augen verloren.
Später, viele Jahre später, als meine Mutter bereits tot war, habe ich zufällig in einer Zeitung die Meldung gelesen, dass diese Vreni auf der Aarauerstrasse von einem Auto angefahren und tödlich verletzt worden war. Damals wurden in den Zeitungen noch Namen genannt. Ich war geschockt, diesen Namen in diesem traurigen Zusammenhang wieder lesen zu müssen. Ich, und auch sie folgedessen, muss etwa im Pubertätsalter gewesen sein. Unsere Mutter war gestorben, meine erste Freundin war gestorben. Ich hatte eine zeitlang die Vorstellung, was immer ich liebe, es würde zugrunde gehen müssen.
Das ist ein trauriges Ende. Doch die kleine Liebe war schön und frisch und kindlich vergnügt gewesen.
Erzähl mir bei Gelegenheit von deiner Trauer? Ich bin deswegen ein bisschen in Sorge, obwohl ich keine Ahnung habe, was da zum Vorschein kommen könnte.
Ich wünsche dir eine wunderschöne Zeit mit deinen Lieben, Marlena.
Mit einem schönen Gruss
...

Freitag, 8. Mai 2015

im Beyeler Museum


Liebe Marlena
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Ich war vorgestern im Beyeler Museum. Das ist jenes Privatmuseum in der Nähe Basels, ein wunderschöner Bau mit meist ausgezeichneten Ausstellungen. Doch es hat nur so gewimmelt von Leuten. Das mag ich nicht. Wenn man sich schon in der Garderobe gegenseitig in die Quere kommt, och, das mag ich überhaupt nicht. Aber schliesslich haben sich die vielen Leute in den grossen Räumen verteilt. Und es war eigentlich nichts Aussergewöhnliches zu sehen. Die Standardausstellung Beyelers mit einigen Giacomettis, ein paar Impressionisten, Picassos, Klees etc. Aber dann gab es da noch eine Ausstellung der Kunstsammlung der UBS. Die hatte ich noch nie gesehen. Es gab ein grosses Bild von Lucian Freud, du kennst ihn. Ich mag ihn eigentlich nur wegen seiner Technik. Die Bilder könnte ich zuhause nicht aufhängen, obwohl seine Porträts sicherlich nicht schlecht sind. Aber diese Nackporträts mag ich nur, weil ich sein Können und vielleicht noch ein bisschen seinen Mut bewundere. Er hat einen guten Dreh gefunden, Fleisch darzustellen. Und das ist bestimmt nicht allzu leicht. Stell dir vor: Fleisch, das bloss so rosa aussieht. Wie kann man es plastisch darstellen, so dass das Knochengerüst durchscheint, und dass man neben den Licht und Schatteneffekten auch noch die Adern darunter sieht. Das macht er nicht schlecht. Und die Leute, die er malt, sind auch keine schönen Menschen. Und dann liegen sie so ausgebreitet da wie die Tiere. Da steht er vielleicht in der Tradition seines grossen Onkels?

Kurz und gut, ich habe diesen Lucian Freud mehr oder weniger übergangen und habe mir die anderen Stücke der UBS angeschaut.



(30 December 2005)