Sonntag, 10. Mai 2015
Für dich ...
Liebe Marlena
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Ich habe dir meine erste Liebesgeschichte versprochen, ich glaube nicht, dass ich sie sonst je schon jemandem erzählt hätte. Für dich Marlena mach ich das und ein bisschen auch für mich. Hier ist sie. Sie endet eigentlich ein bisschen traurig. Und sie spielt in Lenzburg.
Leider kann ich dir nicht sagen, wie sie hiess. Hiess sie Vreni? Es könnte sein. Doch als ich älter war, hatte ich immer eine gewisse Abneigung gegen diesen Namen. Ihren Familiennamen aber weiss ich noch. Sie war damals ungefähr ein Kopf kleiner als ich, hatte wundervolles kastanienbraunes Haar, das hinten zu einem Schwänzchen zusammengebunden war. Mein Leben lang sollte ich dann für solche Schwänze eine Schwäche haben. Fast die ganze Jugendzeit unterschied ich zwischen Kameradinnen mit Schwänzchen und Kameradinnen ohne Schwänzchen. Es grenzte an Rassismus!
Meine Vreni besuchte wie ich die zweite Klasse im grossen Schulhaus bei Frau H. im Zentrum der Stadt L, wo wir damals wohnten. Wir selbst wohnten am Fusse des schönen Schlossbergs, in einem riesengrossen Haus mit einem unendlich weitläufigen Garten, der am Schlosshang auf mehreren Etagen angeordnet war. Hier, im Nachbarhaus, hatte früher einmal der grosse Dichter Frank Wedekind gewohnt. Dessen Vater war um die Jahrhundertwende noch Besitzer des Schlosses gewesen und Wedekind hatte die Schulen im Ort und schliesslich die Kantonsschule von Aarau besucht. Aber Wedekind war ein schwieriger Sohn mit heftigen pubertären Ausbrüchen und wilden erotischen Fantasien. Ich habe mich nie überwinden können, wirklich etwas von ihm zu lesen. Obwohl er im Grunde ein Zeitgenosse Rilkes gewesen ist. Beide lebten sie am Ende des letzten Jahrhunderts. Wahrscheinlich war Wedekind etwas jünger?
Ein Junge mit wüsten erotischen Fantasien war ich nun ja in der zweiten Klasse noch nicht. Mein Problem war allerdings, dass Vreni am anderen Ende der grossflächigen Ortschaft wohnte. Ich wusste damals, als kleiner Zweitklässler, nicht, wo das war. Aber später konnte ich feststellen, dass sie täglich einen ziemlich ähnlich weiten Schulweg zu gehen hatte, wie ich ihn auch ging. Ich musste den alten Markt hinunter, dann über den Kirchplatz und an der Post vorbei, um den kleinen Weg zu erreichen, der dann über den Aabach direkt und geradewegs zum Haupteingang des grossen Schulhauses führte. Das grosse Haus, das man in gut zwei Stunden bestens als Militärkaserne hätte einrichten können, stand erhöht am Ende dieses Weges, der schliesslich über eine Treppe auf dem Schulhof endete. Und wenn man diese hohe und disziplinierte Fassade anschaute, so konnte einem kleinen Zweitklässler schon ein Schauer über den Rücken gehen. Wenn ich heute ein Schulhaus zeichne, so zeichne ich dieses Schulhaus mit dieser monströsen Fassade, die wenig Erbarmen zeigte.
Vreni kam nun aber von der Aarauerstrasse her, von der Hinterseite also, und musste kurz vor dem Schulhaus noch die bewachten Geleise der Seetalbahn überqueren. Die Seetalbahn konnte man oft während des Unterrichtes hören, denn bevor sie diesen Übergang passierte, pflegte sie einen fröhlichen Pfiff in die Luft zu lassen. Und wenn wir im Unterricht der zweiten Klasse sassen und schwer mit Buchstaben und Additionen bis etwa 100 kämpften, so war so ein Pfiff wie ein rettender Beweis, dass es die Welt draussen auch noch gab. Es war wie der aufmunternde Zuruf, dass dieser unendlich lange Vormittag doch irgendwann zu Ende gehen würde, und dass wir dann wieder hinaus in die Welt konnten, um richtig durchzutamten. Es hatte auf diesem grossen Pausenhof riesige rote Buchen, die ja sehr schöne Bäume sind. Und im Spätsommer pflegten diese kleinen Nüsschen auf dem Boden zu liegen, mit den drei Kanten. Man biss sie auf einer seite auf und konnte darin ein wintzigkleines Nüsschen finden. Winzigklein, zugegeben, schmeckte aber prächtig.
Ich mochte Vreni, und ich glaube sagen zu können, dass sie mich auch mochte. Das war schon einmal ein wunderbares Gefühl. Sowas Feines hatte ich bis dahin im Sandkasten und in unserem grossen Garten noch nicht erlebt, diese wunderbare Übereinstimmung mit einem anderen Menschen. Es war das selige Gefühl, dass da ein anderer Mensch war, der ebenso fühlte, der ebenso in die Schule gehen musste, der Ähnliches im Sinn hatte.
Ich war kein besonders guter Zweitklässler. Manchmal war ich etwas Vorlaut. Ich erinnere mich, dass ich der Lehrerin einmal "Viel Vergnügen" wünschte, als sie vorzeitig aus dem Unterricht weg musste. Und sie klärte mich kurz auf, dass diese Formulierung schlecht passte, wenn jemand zu einem Begräbnis gehen musste. Ein mal las die Lehrerin ein Gedicht vor, und wollte uns Kinder fragen, ob wir es auch verstanden hatten. Wir waren etwa 40 Schüler in dieser Klasse. Und keiner hatte es wirklich verstanden. Aber ich hob keck die Hand und gab eine Interpretation. Sie muss ein bisschen eigenwillig gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, hat die Miene der Lehrerin nicht angezeigt, dass sie meinen Lichtblick bewundert hätte. Aber immerhin hatte ich den Mut, denn all die anderen 39 sassen mausestill und wollten dieses kleine Gedichtlein (...) Reni und ich üblicherweise noch ein Stück zusammen, obwohl wir ja nun absolut nicht den gleichen Schulweg hatten. Als Gentleman begleitete ich sie in ihre Richtung bis zum Turnplatz. Der Platz war wunderbar. Er war umgeben von Linden und wenn es regnete oder kurz vorher geregnet hatte, so war hier alles tropfnass und klebte, wohin man trat. Auf diesem Rasen verbrachten wir noch ein paar Minuten, oder waren es Viertelstunden? Wir vergnügten uns am Reck, machten Überschläge und hangelten an den Stangen herum, sprangen in die Erdkissen, bis die Schuhe voller Sand waren. Und irgendeinmal, vielleicht nach einer halben Stunde trennten wir uns dann. Sie ging die Aarauerstrasse hinaus mit ihrem kecken Schwänzchen, das lustig hin und her baumelte, in eine unbekannte Welt, die ich nicht kannte. Und ich ging dann eben die Aarauerstrasse hinein Richtung Stadt. Beim Kino konnte ich so noch die grossen Fotoauslagen anschauen. Sie waren schwarz-weiss, aber sehr eindrucksvoll. Man konnte auch sehen, dass die Frauen, mit ihren dunkeln Lippen, ziemlich dick aufgetragen hatten.
So hatte ich mit Vreni eine stille Freundschaft, und wahrscheinlich wusste ausser uns zweien niemand auf der Welt davon. Allerdings, das sollte anders kommen. Einmal, an einem freien Nachmittag schickte mich meine Mutter in die Wisa-Gloria, wo ich unser Dreirad-Velo holen sollte, das man dort wieder in Stand gestellt hatte. Das war eine interessante Aufgabe, fand ich, denn einen solch weiten Weg mit dem Velo zu fahren, das versprach einige Abenteuer. Auf dem Rückweg von der Fabrik mit meinem kleinen Velo nahm ich nicht gleich den direkten Weg. Und irgendwie landete ich in der Nähe der Post. Neben der Post lag zu dieser Zeit ein grosses Lager an Bauholz. Hier wurde irgendwie gearbeitet. Und mein Glück wollte, dass auch Vreni hier war. Meine Erinnerungen um diese Situation sind sehr dunkel. Aber irgendwoe taucht da so ein Licht auf. Und meine kleine Geliebte lud mich ein, mit einem riesigen gelben Lastwagen mitzufahren. Erst später erfuhr ich genauer, dass ihr Vater ein grosses Baugeschäft hatte. Unter seinem Namen fuhren in Lenzburg etliche Lastwagen und Baumaschinen und Walzen umher. Eine solche Einladung konnte ich mir nicht entgehen lassen. So stellte ich mein Velo rasch unter eine kleine Holzbeige und kletterte hoch hinauf in diese riesige Fahrerkabine des laut ratternden Lastwagens. Das war ein strammes Gefühl! Alles rundum war zwar ein bisschen gross und ein bisschen grob, man konnte sich kaum halten, und alles wackelte und vibrierte und lärmte und man konnte kaum hinunter auf die Strasse sehen. Wir zwei Kinder wackelten auf dem riesigen Ledersitz hin und her und rutschten bei jeder Kurve in eine andere Ecke. Vreni gab sich so, als ob sie tagtäglich solche Fahrten unternehmen würde. Sie war aber ganz und gar nicht überheblich, zeigte keinen Ansatz von Überlegenheit, sondern half mir da und dort, informierte mich wie selbstverständlich, zeigte mir dies und jenes. Und ich war einfach Auge und Ohr und schaute diesem Chauffeur zu, wie er auf der schmalen Strasse hoch oben vorankam und schaute in die grüne Landschaft hinaus, die schüttelte und so unwirklich daherkam. Wir fuhren in irgend eine Kiesgrube in der Nähe Lenzburgs. Und ich vergass mich völlig und staunte rundum und - wenn ich ehrlich sein sollte - vergass auch ein bisschen meine Vreni, die galante junge Gastgeberin.
Keine Ahnung, wie lange dieses grosse Ereignis gedauert hatte. Doch als wir wieder zuruckkamen, fand ich mein kleines Velo verbogen und kaputt unter der Holzbeige. Es war nicht mehr zu fahren. Irgendwelche älteren Buben, wohl die aus der berüchtigten Eisengasse, sie mussten es benutzt und kaputtgefahren haben. Ich hatte keine Ahnung, ob dieser Defekt schlimm war oder nicht so schlimm war. Auf jeden Fall war es nicht mehr zu gebrauchen. Ich musste es zu Fuss heimschleppen. Und das war schon ein Stück weg und es hatte bestimmt schon vier oder gar fünf Uhr geschlagen. Klammheimlich versorgte ich den Schrott im Schopf hinter dem Haus, ohne auch nur irgend jemandem ein Sterbenswörtchen zu sagen. Dass dieses Velo gleich wieder in die Wisa-Gloria zur erneuten Reparatur musste, das stellte meine Mutter erst ein paar Tage später mit Erstaunen und einigem Ärger fest. Man muss annehmen, dass sie mich bei dieser Gelegenheit unter ein hartes Verhör genommen hatte. Doch daran kann ich mich nun ganz und gar nicht mehr erinnern.
Kurz vor Weihnachten in der zweiten Klasse zogen wir dann von L. ins Wallis, in diese wilde Landschaft mit viel Schnee und Häuser mit steinigen Dächern. So habe ich meine Vreni aus den Augen verloren.
Später, viele Jahre später, als meine Mutter bereits tot war, habe ich zufällig in einer Zeitung die Meldung gelesen, dass diese Vreni auf der Aarauerstrasse von einem Auto angefahren und tödlich verletzt worden war. Damals wurden in den Zeitungen noch Namen genannt. Ich war geschockt, diesen Namen in diesem traurigen Zusammenhang wieder lesen zu müssen. Ich, und auch sie folgedessen, muss etwa im Pubertätsalter gewesen sein. Unsere Mutter war gestorben, meine erste Freundin war gestorben. Ich hatte eine zeitlang die Vorstellung, was immer ich liebe, es würde zugrunde gehen müssen.
Das ist ein trauriges Ende. Doch die kleine Liebe war schön und frisch und kindlich vergnügt gewesen.
Erzähl mir bei Gelegenheit von deiner Trauer? Ich bin deswegen ein bisschen in Sorge, obwohl ich keine Ahnung habe, was da zum Vorschein kommen könnte.
Ich wünsche dir eine wunderschöne Zeit mit deinen Lieben, Marlena.
Mit einem schönen Gruss
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