Mittwoch, 20. Mai 2015
Perforationen
Subject: Perforationen...
Date: Mon, 28 Feb
Liebe Marlena
Heute ist Montag Morgen. Ich bin – halte dich fest – um 0600h auf den Zug gegangen. Es war noch stockdunkel. Die Fahrt nach L dauert ungefähr 10 Minuten. Alle im Zug haben noch gedöst oder geschlafen. Es waren vor allem Arbeiter, nehme ich an. Die Büroleute fahren erst um 0700 oder 0730h. Um diese frühe Zeit aber fahren die Arbeiter. Als ich in L. ausgestiegen bin, war es immer noch dunkel und etwas kühl. Neben dem Bahnhof liegt ein altes Haus mit Garten. Dort haben Vögel gepfiffen, als ob Frühling wäre. Wahrscheinlich haben sie sich gegenseitig Mut gemacht angesichts der kühlen Morgenluft. Das kann man eben anthropomorph anschauen. In der Tat ist der biologische Sinn des schönen Vogelgezwitschers die Rivalität, die Konkurrenz, das grosse Prinzip der Evolution, kurz the struggle of life.
Aber zurück ins stockfinstere L. Ich habe also diese Vögel in den muntersten Tönen singen gehört und die goldene Morgendämmerung über den Bergen gesehen. Dazu ergab sich das Gefühl, einer der ersten zu sein (The first bird catches the worm, pflegte mein Englischlehrer zu sagen). Das ist kein schlechtes Gefühl für den Montag Morgen. Ich hasse es, der letzte zu sein. Das kann ich nicht ausstehen.
Wenn ich so früh um 0615h ins Büro komme, dann mache ich mir als erstes einen dunkeln Kaffee. Vorher geht gar nichts. Und als zweites habe ich dann deinen schönen Brief aus dem PC gezaubert. Das war wirklich ein feiner und auch ein lieber Brief, eine schöne Überraschung an einem verzwitscherten, mit Morgenrot gesegneten Februarmorgen! Es ist absolut fantastisch, so früh schon einen freundlichen Brief öffnen zu können! Ich danke dir dafür, liebe Marlena, er hat mich sehr erhellt und positiv gestimmt. Er hat geradezu gegen meine Erkältung gewirkt wie Alkazyl. Alkazyl ist mein Standardmedikament bei Halsweh, Erkältung, Fieber, Kopfweh und so weiter. Es wirkt fast gegen alles. Vielleicht nicht gegen Liebeskummer (maladie d'amour, wie du so schön gesagt hast). Im Grunde habe ich zwei Standardmedikamente: Alkazyl und Alkaseltzer. Zweiteres wirkt gegen Magenverstimmung, wenn man zum Beispiel zuviel getrunken hat. Mit diesen zwei Mitteln komme ich praktisch durch das Leben. Damit kann ich mich meistens retten. Und langsam werde ich in Zukunft nun also Alkazyl durch Marlenas Mails ersetzen. Die Apotheken werden protestieren, und die Ärzte werden bedenklich ihre Stirn in Falten legen. Aber das ist gut so. Du hast gesagt, mein Brief wäre eigentlich ein trauriger Brief. Ich habe weder bemerkt noch gewollt. Ich glaube nicht, dass ich wirklich traurig war. Dieser Vanitas-Gedanke ist eher intellektuell, nicht sehr gefühlsmässig. Ich war einfach ein bisschen krank und reduziert. Dass du mich angesteckt haben könntest, war ein Scherz. Und ein Glückspilz war ich eigentlich auch nicht, denn am Wochenende krank zu sein ist eben so schlimm, wie während der Sportferien krank zu sein. Wahre Glückspilze aber sind während der Arbeitszeit krank. Aber es war ziemlich gut, einen Moment in deinen Armen zu liegen. Ich habe den Brief eben nochmals durchgelesen. Vielleicht weiss ich, was du meinst. Doch darin ist vielleicht eher ein weltanschaulicher Pessimismus als eine wirkliche Traurigkeit. Camus war ein philosophischer Pessimist, aber bestimmt kein trauriger Mensch. Oder irre ich mich da? Nun, ich bin natürlich kein Camus. Ich bin nicht in der mediterranen Sonne Algeriens aufgewachsen, die dir Vitamine gegen die Traurigkeit einzuimpfen pflegt. Nein, das bin ich wirklich nicht. Und sicherlich habe ich auch gelegentlich meine kleinen Depressionen, die habe ich sicher. Aber bei diesem Schreiben habe ich es kaum bemerkt. Doch das will ich gerne zugeben, dass andere Menschen manchmal mehr sehen und mehr merken als der Betroffene selbst.
Das Bild Bruegels hat es mir sehr angetan. Ist es nicht eines der schönsten Bilder europäischer Kultur? Ich glaube, Bosch hat auch irgendwo so ein Riesending gemalt. Und es ist ästhetisch in diesem Zweifel zwischen Optimismus und Pessimismus. Ist es eine Ruine oder bloss eine Baustelle? Wird noch gebaut oder wird schon abgebrochen? Geht's hinauf in den Himmel oder geht's doch eher zur Hölle? -- Manchmal, wenn ich Zeit habe, zeichne ich gelegentlich Cartoons. Und eine meiner Ideen war es vor einiger Zeit, diesen Turm Bruegels zu zeichnen, den fast jeder kennt, und dahinter ein riesiges Hochhaus, das noch um Einiges höher ist und weit über die Wolken hinausragt, auf dem die Reklame leuchtet: CONSULTING. Das finde ich einen guten Einfall, und du? Ich habe das Bild damals einem Freund geschenkt. Er ist Professor an der Universität Zürich und hat ein eigenes Institut zur Integration der Fakultäten und fachlichen Perspektiven. Er war begeistert und hat meine Zeichnung auf einen Regenschirm kopieren lassen, um sie jetzt den Leuten zu verteilen. Ich muss zwar sagen, dass die Zeichnung auf dem Schirm wirklich nicht mehr gut aussieht. Aber seine Begeisterung hat mich doch gefreut.
Der Turm Bruegels ist schon ein Renaissance-Turm, gross und die Welt sprengend. Eine wahre Attacke gegen Gott, gotteslästerlich, wie die Aufklärung auch, in ihren letzten Konsequenzen. Die mittelalterlichen Türme der Gotik sind dagegen bescheiden und brav, sehr menschlich und subaltern, runde Türmchen meist, die den Anschein des endlosen gottergebenen Zerfalls haben. Sie sehen in unseren modernen Augen ziemlich romantisch aus. Die Türme der Renaissance dagegen sind wie Capes Canaverals, hybride Installationen, die die Welt aus den Angeln zu werfen gedenken. Eigentlich sind sie skandalös. Aber schön! Ich liebe das Bild sehr, denn es gibt den Eindruck einer göttlichen Übersicht. Vom Himmel schauen wir hinunter auf diese Welt (dieser Gesichtspunkt ist vielleicht noch mittelalterlich und traditionell). So muss die Sache für den lieben Gott ausgesehen haben, als der Montag morgens das Fenster öffnete, um sein Bettzeug zu durchlüften und sein Nachthemd auszuschütteln. Wahrscheinlich ist er ziemlich heftig erschrocken, eine solchen Backsteinhaufen vor seinem Schlafzimmerfenster vorzufinden. „Skandalös", muss er in den langen Bart gemurmelt haben, und irritiert nach Petrus geleutet haben. Die babylonische Sprachverwirrung kann man durchaus als Rache Gottes gegen die menschliche Hybris verstehen. Aus Sicht des Allmächtigen ist wirklich nicht einzusehen, warum die kleinen Dinger, die Menschen, jetzt plötzlich in den Himmel klettern sollten?
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Habe ich dich wirklich mit Fragen bombardiert? Ich weiss ich weiss, ich hätte noch viele mehr davon gehabt. Anfangs dachte ich, du magst das nicht, wenn ich direkte Fragen stelle. Aber dann hast du dich doch gewundert, warum ich zur Bemerkung, deine Mutter wäre das „schwarze Schaf" gewesen, nicht gefragt hätte. Also, abgemacht, ich frage, soviel ich Lust habe. Ich perforiere dich wie in einem Western-Film, wenn ich Lust dazu habe. Und du antwortest, soviel du Lust hast. Und das ganze umgekehrt. Ich habe viele Fragen, weil mich das Leben interessiert. In den letzten Jahren habe ich viele Biographien gelesen, um irgendwie ein Verständnis für das Leben, dh. das biographische Leben zu bekommen. Ich habe mir vor allem Biographien von Malern angeschaut. Denn bei den Malern kann man das Leben und ihre Arbeit noch im Nachhinein vergleichen. Man hat die Biographie und man hat die Werke. Und das ergibt doch irgendwie ein ziemlich umfassendes Bild. Nicht wissenschaftlich habe ich das studiert, nur so, halb zum Zeitvertreib. So habe ich natürlich auch zu deinem Leben viele Fragen. Geschichten und Lebensgeschichten sind natürlicherweise interessant. Geschichten sind das Leben. Die Perser können tagelang Geschichten erzählen. Manchmal fragt man sich, warum sie es erzählen, denn viele haben für unser Empfinden keine Pointe. Doch wenn es gute Geschichten sind, wird allen klar, warum sie erzählt werden. Geschichten können sogar heilen, haben wir von Scheherzade gelernt. Und wir beide – du und ich - haben den Vorteil, dass wir uns nur per Mail kennen. Beim Mail kann man sich die Fragen auswählen, die man beantworten will. Die anderen übergeht man einfach. Im Gespräch wäre das nicht gar so einfach. Dort wäre es geradezu ein Affront, aber im Mail ist es ok!
Im Moment lese ich ein Büchlein von einem Landsmann von dir. Es ist für Jugendliche geschrieben, und ich soll eine Rezension verfassen. Der Originaltitel heisst „Meningen Med Livet", ist von Ragnar Ohlsson geschrieben und bei Alfabeta Bokförlag AB Stockholm 1998 erschienen. Der Autor ist offenbar Professor für politische Philosophie und normative Ethik an der Universität Stockholm. Er beschäftigt sich unter anderem mit Philosophie für Kinder, was ja auch dein Thema ist! Ich kann dir noch nicht viel über dieses Büchlein sagen, denn ich habe mit der Lektüre erst angefangen. Es scheint mir ziemlich gut kalkuliert und klar aufgebaut. Es geht dabei um Willensfreiheit, also um menschliche Verantwortung, um Ethik also, aber auch um den Sinn des Lebens. Aber ich werde mich sicherlich hüten, über einen schwedischen Professor eine schlechte Kritik in die Welt zu setzen. Dir zuliebe! Vielleicht kann sich Herr Ohlsson dann einmal bei dir bedanken, vielleicht!
So komme ich bei meinem Montags-Brief langsam zum Ende. Ich weiss noch nicht, wie die Woche laufen wird. Ich fühle mich immer noch krank. Vielleicht brauche ich noch ein oder zwei Alkazyl. Also sieh dich vor, Marlena. Vielleicht bin ich bis Mittwoch wirklich im Bett und damit endgültig ein Glückspilz. Vielleicht.
Ich wünsche dir eine gute Zeit und sende einen lieben Gruss
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