Dienstag, 13. März 2012

verschneiter Montag Morgen ...

Ämne: verschneiter Montag Morgen ...
Datum: den 23 februari 2004 09:10

Liebe Malou
Ich war nicht ganz im Strumpf während des Wochenendes. Wir waren nur kurz nach Aarau gefahren, um Onkelchen zu besuchen. Er liegt dort im Spital, war bei seinen Nachbarn hingefallen und hat den Arm gebrochen. Er ist auch etwas durcheinander im Kopf, hat uns zwar erkannt, aber doch von seiner Elisabeth gesprochen, als ob sie noch leben würde. Am meisten hat er sich Sorgen gemacht, dass sie im Spital kein Closomat hätten. ..  Seine Frau hatte damals in seiner Villa so ein Ding einbauen lassen, und jetzt scheint er davon abhängig zu sein. Aber er versteht sich gut mit dem Arzt, der ein dizidierter Typ aus dem Oberland ist. War mir auch auf Anhieb sympathisch und hat uns alle Umstände erklärt.

Und sonst habe ich viel geschlafen und geruht, ein oder zwei Tabletten geschluckt, damit ich nicht am Montag Morgen in einer veritablen Grippe aufwachen würde. So hatte ich auch Gelegenheit, die biographischen Schriften Ungerers zu Ende zu lesen. Das erste kleine Büchlein betraf seine Jugend im Elsass, wie ich schon erwähnt hatte, mit den Kriegsjahren und unter den Fittichen seiner gescheiten Mutter, die manch heikle Situation mit der Besatzung meistern konnte.
Dieses zweite Büchlein betraf seine 10 Jahre in New Scottland mit seiner Yvonne. Das liegt nicht ganz so weit im Norden wie Schweden nahe beim Ausfluss des St. Laurence-Stromes, scheint aber doch ziemlich wild und vom Wetter gepeitscht zu sein. Ungerer war, wie er erzählt, von einem Tag auf den andern aus NY abgehauen und hatte Zuflucht in der halben Wildnis in einem kleinen Fischerort gefunden. Er hat einen lakonischen Stil zu erzählen, ohne viel Sentimentalität. Und er hat Freude, die Leute ein bisschen zu schockieren. Er erzählt viel über die vielen Tiere, die sie dort in der Wildnis hatten und von denen sie schliesslich lebten. Minutiös erklärt er, wie man ein Schwein schlachtet. Und man glaubt ihm durchaus, dass das zu Beginn keine leichte Sache gewesen sein kann. Er scheint, seine weissen Gänse besonders geliebt zu haben. Sie hätten stechend scharfe, blaue Augen und sie nähmen alle im Kreis teil, wenn sich zwei Tiere paaren. In lauter Begleitung beobachten sie den Akt und klatschen - nach dem genau beobachteten Erfolg - zum Schluss begeistert mit den Flügeln. Ja, die guten Tiere lebten lebenslang in Monogamie, deshalb müsse man beim Schlachten darauf achten, dass man nicht ein Paar trenne. Er machte vieler solcher Beobachtungen und erzählt sie in kurzen, unverschnörkelten Abschnitten. Auch sein Schweizer Verleger Daniel Keel war bei ihm zu Besuch, um ein paar Fotos zu machen. Er sei ein paar Schritte rückwärts gegangen, um mit seiner Kamera einen besseren Ausschnitt zu erhalten, und so in die Wassertonne gefallen, die mit einer feinen Schneeschicht bedeckt, nicht zu sehen gewesen sei. Ja, ich glaube das macht seinen lakonischen Stil aus, dass er so unvermittelt, ohne Einleitung, ohne erklärende Umschweife kurz und bündig erzählt. Ungefähr so, wie ein Schüler der 5. Klasse die Dinge erzählt. Aber Ungerer hat daneben viele hübsche Vergleiche, die seine Schilderungen plastisch machen.

Und weil ich mal so im Lesen war, habe ich mir gleich noch ein zweites Büchlein vorgenommen, das ich schon seit längerer Zeit auf meiner Beige habe. Es sind auch Lebenserinnerungen von einem gewissen Herr Vollard. Kennst Du ihn? Ich werde Dir später davon erzählen.

Heute Morgen war es um 6.00h schon ziemlich hell draussen. Ein milchiges Licht drang durch die Fenster. Und so war ich nicht sehr erstaunt, heute morgen in den Schnee hinaus zu treten. Es liegen etwa 5cm, und es schneit jetzt - um 8.00h - immer noch. Aber der Schnee ist doch eher feucht und ich glaube, während des Tages wird es bestimmt noch zu regnen beginnen. Schade für die Kinder, die heute ihren ersten Ferientag haben und bestimmt am Schnee ihre grosse Freude hätten.

Jetzt gehe ich an die Arbeit. Du hast vielleicht recht, wenn Du sagst, die faulen Stunden seien vielleicht im Leben die wichtigeren als die fleissigen. Das mag schon sein, aber die faulen sind doch vielleicht nur eine Frucht der fleissigen, wenn man das so sagen kann. Das ist - das gebe ich gerne zu - bloss angelernt. Aber was denn ist auf dieser Welt nicht angelernt??

Ich wünsche Dir eine fleissige Woche
Mit lieben gees und kaas

Re: Weekendmail

 .
Ämne: RE: weekendmail...
Datum: den 21 februari 2004 23:18

Lieber ..,
...
Ich habe mich sehr gefreut über dein schönes week-end-mail. Ja, die liebe Zeit. Es ist eine Kunst, mit ihr richtig umzugehen. Irgendwie nähere ich mich der Auffassung, dass die faulen und nicht die fleissigen Stunden die wichtigsten sind. Oft habe ich das Gefühl, dass wir nur dauernd arbeiten, in der Hoffnung einmal später Zeit zu finden für andere Dinge. Aber es ist nicht sicher, dass wir diese Zeit je finden. Andereseits geniesse ich die freien Stunden viel mehr, wenn ich zuerst eine lästige Arbeit hinter mich gebracht habe. Dann erst werden sie richtig wertvoll. Aber auch das ist wohl angelernt. Man glaubt, man muss die Freizeit verdient haben. Wenn nicht jagt einen das schlechte Gewissen. Ich glaube, das ist das Problem in unserer westlichen Welt. Wir haben ein bisschen vergessen zu leben.

Du schreibst schön über die Zeit. Ach, wenn du wüsstest was du damit anstellst..

Ich habe entdeckt, dass ich wieder die webcam von L sehen kann. Zwar ist die Ansicht jetzt nicht mehr so schön wie früher.... Man sieht alles mehr aus der Ferne. Aber für die Leute ist es wohl angenehm nicht von allen gesehen und erkannt werden zu können. War das Deutsch?

Sag, kann man vielleicht sogar dein Fenster sehen auf dieser Webcam? Oder wie liegt dein Büro im Verhältnis zu dem Bild? Ich freue mich mit dir auf die freien Tage. 14 Tage sogar.. das klingt wie der reine Luxus.

So sende ich dir diesen kleinen Abendgruss ab.
Mit lieben Gs und Ks,
Deine Malou
...

Sonntag, 11. März 2012

Weekendmail

.
Ämne:  Weekendmail
Datum: den 21 februari 2004 13:10

Liebe Malou
Graues, kühles Fastnachtswetter haben wir hier. Am Montag beginnen die Schulferien, und man fühlt sich ein bisschen leichter und in Ferienstimmung. Hoffentlich weiss das Wetter, was es uns schuldet in den nächsten Tagen. Ich habe zwar einige kleine Projekte, die ich in diesen Tagen zu Ende bringen will. Aber Du weißt, wie es ist. Wenn man plötzlich frei hat, zerrinnt die Zeit zwischen den Fingern. Die ersten paar Tage denkt man, dass man einige faule Stunden sehr wohl verdient hat. Und dann sind die 14 Tage auch schon um. Man muss sehr schlau sein im Umgang mit der Zeit. Sie ist ein cleverer und eigenwilliger Partner, und um sie zum Freund zu machen, muss man sie an die kurze Leine nehmen, wie einen verspielten Hund. Ich habe in meinem Leben sehr viel Zeit vergammelt. Wenn man all diese Momente und Stunden zusammennehmen würde, könnte man gut und gerne ein zweites Leben daraus machen. Aber die Kunst, die ich benötige, besteht heute darin, dies alles nicht als Verlust, sondern als Gewinn anzuschauen. Diese vielen freien und losen Stunden waren ein Geschenk des Himmels. Ich bin wie Du, ich lasse mich gerne verführen von Filmen am Fernsehen, von Leuten, die ich zufällig treffe, von Büchern, die ich zufällig da und dort finde, von Themen, die mich weiss Gott woher aus dem blauen Himmel anspringen. Wenn ich an einem Thema arbeite, so treffe ich überall verwandte Dinge, Querverbindungen, Unterthemen und so fort. Das Thema wird immer grösser und reicher.

Immer noch freut es mich von Dir zu hören, dass Du Ungerer entdeckt hast. Das kleine Büchlein seiner Jugend ist ziemlich eindrücklich. Er hat mit seiner Familie im Elsass den wirklichen Krieg erlebt. Daraus merke ich, dass er eine andere Generation ist, als ich es bin. Wer so was erlebt hat, der ist für das ganze Leben geprägt. Krieg ist eine Situation, die die Menschen von Grund auf verändert. Und der kleine Tomi Ungerer war ein Bube, der viel gezeichnet hat. Darin fühle ich mich ihm verwandt. Ich erinnere mich daran, wie ich im Kindergarten eine Zeichnung über einen Deichbruch in Holland gemacht hatte, worüber ich in den Mittagsnachrichten gehört hatte. Die Kindergärtnerin war ganz begeistert und hatte mein Werk mit einem Titel beschrieben, damit man später erkennen würde, was damit gemeint sei. Ich sehe die Zeichnung noch heute ungefähr vor mir, obwohl ich sie vor etwa 20 oder 25 Jahren beim Aufräumen verbrannt hatte. Ein Helikopter schwebte über einem Hausdach, das aus dem Wasser ragte. Dort sassen auf dem Giebel eng zusammengedrängt einige arme Menschen. Vom Helikopter wurden Wolldecken und - komischerweise - Münzen abgeworfen.

Ungerer hatte eine tüchtige Mutter. Sie hat die Familie in schweren Zeiten ohne Mann durchgebracht. Und sie hat in schwierigen Situationen sehr geschickt und mit offenbar weiblichen Charme gemeistert. Das erinnert mich an S und an meine Schwiegermutter. Der Iran ist heute noch ein Kontext, wo man so etwas lernen kann. Bei uns in der Schweiz, wo alles reglementiert ist, läuft das Leben völlig anders.

Soweit mein Wochenendmail.
Mit Gs und Ks
...

Blick durchs Fenster

.
Abendhimmel  11/3  18:00 Uhr

Zeit

.
"Die Zeit ist ein cleverer und eigenwilliger Partner,
und um sie zum Freund zu machen, muss man
sie an die kurze Leine nehmen, wie einen
verspielten Hund."

.

Re: Stundenbuch ... und Pensionisten

.
Ämne: RE: Stundenbuch... minutiös
Datum: den 20 februari 2004 17:14

Liebe Malou
Wunderbar, Dein Stundenbuch, und wunderbar Deine Formulierung, die Träume vor sich her zu schieben, bis sie sich in Nebel auflösen. Woher bloss diese pointierten Formulierungen, meine Liebe? Und wenn Du kannst, schick mir ein Bild vor und nach dem Coiffeur. Es gibt doch diese Werbung ‚Vorher-Nachher’. Ich bin wohl zu spät jetzt für eine VORHER-Fotographie, dann schick halt bloss ein Nachher. Und ich stelle mir die VORHER Aufnahme nach Deiner Schilderung in meiner Fantsie vor. Du hattest so ein Schwänzchen hinten, das finde ich süss. In meinen Jugendjahren war ich mal in einer gewissen zeit ganz schwach für diese Schwänzchen. Doch heute wechseln die Frauen ab zwischen Schwanz, hochgebunden, und offen. Das finde ich schön und feminin und abwechslungsreich. Sie haben wohl bemerkt, dass sich männer allzu rasch langweilen ob Monotonie.

Wir gehen mit 64 in die Rente. So glaube ich wenigstens. Aber vielleicht ergibt sich plötzlich früher eine Lösung, das weiss man nie so genau. Doch bei uns in der öffentlichen Verwaltung sind sie nicht grosszügig wie bei den Banken oder in der Chemie. Dort gehen die Leute oft schon zwischen 55 und 60, ohne nennenswerte Einbussen. Na ja, die hatten allerdings vorher auch ein härteres und gestressteres Leben als wir in der Erziehung.
Irgendwie hoffe ich, dass ich bis 64 arbeiten kann. Manchmal habe ich im Moment ein bisschen Mühe. Aber wenn ich von all meinen älteren Kollegen die besterhaltenen anschaue, so waren es diejenigen, die bedauerten, in Pension gehen zu müssen, die gerne noch weitergearbeitet hätten. Und gerade gestern habe ich am Fernsehen eine Sendung gesehen über Swisscontact. Ehemalige Berufsleute können sich melden, um sich für einen Auslandeinsatz zur Verfügung zu stellen. Ein Bäckermeister ging in die Sowjetunion und zeigte in einer kleinen Bäckerei einige neu Gebäcke. Eine Hotelfachfrau hat ein Hotel in der russischen Provinz beraten. Und irgend jemand ging nach Südamerika. Einer meiner Kollegen, ein ehemaliger Sekundarlehrer hat in Afrika einen solchen Einsatz gemacht und sehr davon geschwärmt. Vielleicht kann ich auch mal so was tun. Vielleicht gibt’s in Norrland eine vergammelte Schule, die für 3 Wochen einen ehemaligen Schulpsychologen brauchen könnte?? ;--))
Wie alt ist eigentlich K? Du hast gesagt, er könnte in Rente gehen? Wenn er zuhause ist und als Küchenchef agiert, wie Du mal so schön beschrieben hast, dann wäre es für Dich auch ruhiger, nicht wahr?
Wenn ich die Pensionisten in der Schweiz sehe, dann denke ich, die meisten scharen sich zu grossen Gruppen zusammen und wandern, besetzen ganze Eisenbahnwagen, sitzen in den Cafés herum. Ich habe mir auch gedacht, ich könnte ein oder zweimal wöchentlich irgendwo eine Gruppe von fremdsprachigen Kindern betreuen und ihnen beim Spiel einigermassen Deutsch beibringen. Aber vielleicht habe ich nicht soviel Geduld. S kann so was sehr gut. Sie ist sanft, aber sehr konsequent. Das ist für Kinder eine gute Mischung.

So bedanke ich mich für Dein Stundenbuch. Ich glaube, so muss man es machen, damit man die Zeit effektiv und optimal amortisiert (gutes Wort, nicht wahr!). Ich meine, jede Stunde zu beschreiben, das ist doch wirklich eine eingehende Nutzung.

Mit lieben Grüssen zum Wochenende
...

Samstag, 10. März 2012

Stundenbuch.. ;-)

.
Ämne: Stundenbuch.. :-)
 Datum: den 20 februari 2004 14:26

Lieber ...,
Noch ein halber Tag frei.. aber ich bin durchaus zufrieden mit der ersten Hälfte. Habe Dinge gemacht, die ich vor mich hergeschoben hatte. *s*

Ich habe Essen besorgt fürs Wochenende. Auch einem Strauss Tulpen konnte ich nicht widerstehen. Zuguterletzt bin ich noch zu Lidl gefahren um Obst und Gemüse zu kaufen. Man ist dumm wenn man das nicht tut, denn dort kostet es weniger als die Hälfte. Lidl liegt auf der anderen Seite der Stadt, ein wenig am Rand der Siedlung und ganz in der Nähe ist ein riesiges Wohnviertel, wo Neueingezogene immer eine Zeit wohnen, bevor sie was besseres finden. Aber es gibt Leute, die es nicht verlassen können. Viele Immigranten, Asylsuchende oder auch andere Leute, die es sich nicht leisten können in bessere Viertel zu ziehen. Und wenn man zu Lidl kommt fühlt man sich fast immer in eine vielkulturelle Welt versetzt. Manchmal ist man beinahe der einzige, der nordisch aussieht. Die Leute, die dort einkaufen scheinen aus der ganzen Welt zu kommen und man hört viele fremde Sprachen.

Ich höre gerade im Radio über die Wahlen im Iran, die heute stattfinden. Arme Leute, die sich von diesen fanatischen Mullas müssen regieren lassen.

In einer Stunde gehe ich mir mein langes Haar schneiden lassen. Es ist zwar bequem mit einem Pferdeschwänzchen herumgehen zu können .. aber ich freue mich doch auf die Verwandlung.

Ja, ich beneide auch die Südländer um ihr frühes Pensionsalter. Stell dir vor, hier müssen die Leute arbeiten bis sie 65 sind. Man kann sich schon mit 61 pensionieren lassen, aber die Rente sieht dann danach aus. Einige meiner Kollegen, die beizeiten eine private Pensionsversicherung genommen haben wollen mit 55 gehen. Und schliesslich kann man es wie meine Nachbarin machen: von den Renten seines Vermögens leben.

Wann geht man bei euch in Pension? Und wie lange hast du die Absicht noch in deinem Beruf zu bleiben? Ich drücke mich so aus, weil ich denke, dass du auch nachher mit irgendetwas weiterarbeiten wirst.. Oder machst du es wie ich und schiebst deine Träume vor dir hin bis sie sich in Nebel auflösen und kaum mehr sichtbar sind? Ich weiss, das klingt etwas trist. Vergib mir!

Dies ist meine letzte Seite in dem heutigen Stundenbuch. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und wunderschöne freie Tage. Denk ab und zu an den hohen Norden.
Mit einer Week-endverpackung von lieben Gs und Ks,
Ich SSSS dich..
Malou