Donnerstag, 15. September 2011
Parlament und Nobelpreis
date 3 October 2006 13:52
subject ...
Wir leben in einer spannenden Zeit. Heute wird das Parlament nach
dem Sommeraufenthalt wieder geöffnet. Das Ereignis wird auch immer
im Fernsehen gezeigt, und gerade habe ich die Parlamentsmitglieder
die Treppe hinauf in den Saal schreiten sehen. Sah fast aus wie bei einer
Filmgala. Die jungen Leute, wahrscheinlich neue Abgeordnete, aber
auch einige von den älteren sahen ziemlich nervös und etwas
beschwert aus. Ich habe sie genau studiert. Welche Kleider, welche
Frisuren sie gewählt haben für diesen grossen Augenblick, wenn sie
im Blitzlicht stehen. Und bei einigen dachte ich, oh du Schreck!
Und zuletzt kommen dann noch die Königlichen. Diesmal in einer
offenen Kalesche.. wie im Märchen. Eine Weile hat man die
Kameras auf die früheren Regierungmitgliedergerichtet. Sie fühlen
sich sicher nicht sehr wohl in ihrer Rolle als Opposition. Haben doch
schon ewig am Ruder des Landes gesessen. Erst am Freitag wird
der neue Staatschef, Fredrik Reinfeldt, seinen Posten antreten und
dann werden wir auch sehen aus welchen Personen die neue
Regierung bestehen wird. Es ist interessant, denn in einem so
kleinen Land, wie wir es sind, hat man das Gefühl viele von diesen
Leute gutzu kennen. Ich hoffe dass intelligente und kompetente
Menschen regieren werden.
Diese Woche haben auch die Ernennungen der Nobelpreisträger
dieses Jahres begonnen. Am spannendsten ist natürlich immer zu
sehen wer den Literaturpreis bekommt. Das ist meistens eine grosse
Überraschung. Jedenfalls sieht man dem Tag immer mit gemischten
Gefühlen entgegen. Ich hoffe diesmal auf Adonis. Weisst du wer
das ist?
(R)
subject ...
Wir leben in einer spannenden Zeit. Heute wird das Parlament nach
dem Sommeraufenthalt wieder geöffnet. Das Ereignis wird auch immer
im Fernsehen gezeigt, und gerade habe ich die Parlamentsmitglieder
die Treppe hinauf in den Saal schreiten sehen. Sah fast aus wie bei einer
Filmgala. Die jungen Leute, wahrscheinlich neue Abgeordnete, aber
auch einige von den älteren sahen ziemlich nervös und etwas
beschwert aus. Ich habe sie genau studiert. Welche Kleider, welche
Frisuren sie gewählt haben für diesen grossen Augenblick, wenn sie
im Blitzlicht stehen. Und bei einigen dachte ich, oh du Schreck!
Und zuletzt kommen dann noch die Königlichen. Diesmal in einer
offenen Kalesche.. wie im Märchen. Eine Weile hat man die
Kameras auf die früheren Regierungmitgliedergerichtet. Sie fühlen
sich sicher nicht sehr wohl in ihrer Rolle als Opposition. Haben doch
schon ewig am Ruder des Landes gesessen. Erst am Freitag wird
der neue Staatschef, Fredrik Reinfeldt, seinen Posten antreten und
dann werden wir auch sehen aus welchen Personen die neue
Regierung bestehen wird. Es ist interessant, denn in einem so
kleinen Land, wie wir es sind, hat man das Gefühl viele von diesen
Leute gutzu kennen. Ich hoffe dass intelligente und kompetente
Menschen regieren werden.
Diese Woche haben auch die Ernennungen der Nobelpreisträger
dieses Jahres begonnen. Am spannendsten ist natürlich immer zu
sehen wer den Literaturpreis bekommt. Das ist meistens eine grosse
Überraschung. Jedenfalls sieht man dem Tag immer mit gemischten
Gefühlen entgegen. Ich hoffe diesmal auf Adonis. Weisst du wer
das ist?
(R)
Mittwoch, 14. September 2011
Architektonische Gedanken
Ämne : Architektonische Gedanken
Datum : Datum: den 14 september 2001
Liebe Marlena
Ein regnerischer Samstag. Nun ja, eigentlich hat es nicht so viel geregnet. Aber die Atmosphäre ist feucht und ein bisschen triste. Und schlussendlich sind wir alle CNN-getränkt. Wir tropfen förmlich von CNN, diesem eindimensionalen Chor im tragischen Welttheater.
Aber es ist wirklich eindimensional. Es gab da lange Gespräche mit General Wesley Clark, jenem General, der anfänglich den Golfkrieg leiten sollte, und der immer noch aussieht wie ein überfleissiger Primaner. Er wurde dann seiner Funktion enthoben. Ich kann mich nicht mehr erinnern, weshalb. Ich glaube, er war zu kompromissbereit? Auf jeden Fall wirkt er anständig. Aber er ist General. Und Generale diskutieren das Problem mit Journalisten. Ist das nicht verrückt!! Er hat sich dauernd überlegt, wie man diesen Ben Laden in Afghanistan erwischen könnte, und wie schwierig das sein könnte.
*
Ich beschäftige mich im Moment mit den Zisterzienser und ihrer Architektur. Sagt Dir das etwas, Zisterzienser? Stichworte: 11. Jahrhundert; Gregorianische Reform gegen Cluny; Demut und Schlichtheit. Ach, Marlena, ich bin ein echter Anachronist.
*
Ist NYC nicht eine hybride Stadt? Stell Dir vor. In den beiden Türmen des World Trade Centers über 4'000 Tote! Im Pentagon keine 200 Tote! Wofür spricht das? Für hohe oder für breite Gebäude? In NY sind – so höre ich – um die 100 Gebäude durch die Ereignisse destabilisiert. Ein Nachbargebäude ist bereits zusammengebrochen. Was ist das dort? Eine Stadt? Eine Ansammlung von Kartenhäusern? Scheinarchitektur? Eine virtuelle Stadt? Wenn ein solches Haus durch ein Flugzeug total zerstört werden kann, was hat man sich dann beim Bau überlegt? Wo sind die Konstrukteure, die Architekten, die Finanziers? Man sucht jetzt diesen saudischen Ben Laden, also ob das die Lösung aller Probleme wäre. Ach, sie sind wirklich naiv, diese Amerikaner! Und man kann nur hoffen, dass es hinter dem Fernsehen noch einige Leute gibt, die weiter und breiter denken.
*
Die Zisterzienser haben innert einer kurzen Zeit unendliche viele neue Abteien gegründet. Es brauchte dazu immer einen Abt und 12 Brüder. Mit weniger ging gar nichts. Der Spiritus Rektor der Bewegung war bekanntlich Bernhard von Clervaux, der doctor mellifluus. In St. Peter in Rom gibt es ein Wappen aus Stein des Bernhard von Clervaux. Es zeigt, wenn ich mich richtig erinnere, einem Bienenstock. B.v.C. hat die alten Benediktinischen Klosterregeln wieder aufleben lassen, was allerdings die Cluniazenser auch schon getan hatten. Und er hat einen Idealplan für neue Klosterbauten entworfen. Wichtig war den Zisterziensern, auf jeden Prunk zu verzichten, Schlichtheit, Ruhe, Askese also. Das Mutterkloster stand in Cîteaux, woher auch der Name stammt. Es gibt auch in der Schweiz einige Zisterzienser-Gründungen. Und sie bestechen alle durch Schlichtheit.
*
Die achritektonische Anlage war zweigeteilt. Auf der einen Seite lebten die Mönche mit Abt und Prior, die (als erster Stand) allesamt Adelige waren. Und auf der anderen lebten die Laienbrüder, die man sich wohl eher etwas schmutzig und unhygienisch vorstellen muss. Auch in der Kirche nach dem Grundmodell der frühchristlichen Basilika, die ohne Statuen war und mit eckigen Pfeilern war, beteten die beiden Gruppen getrennt. In der Mitte des Hauptschiffes ist die Trennung. Es gibt dafür einen Namen, der mir im Moment nicht einfällt. Und die beiden Gruppen betraten die Kirche durch verschiedene Eingänge, sieben mal pro Tag notabene.
*
Der schönste Teil der Anlage ist aus meiner Sicht der Kreuzgang, das monastische Viereck. Er ist im Grunde ein Erbe der römischen Villa und des karolingischen Landhauses. Der Hof ist mit seiner Grünfläche das Herz der ganzen Anlage. Der quadratische Rasen wird durch ein Wegkreuz viergeteilt, was wohl einen symbolischen Sinn erfüllt. In der Mitte steht der Brunnen, wo sich die Brüder rasierten und ihre Tonsur erneuerten.
Die Kirche, oft dreischiffig, als Sinnbild der Auferstehung ad orientem gerichtet. Die Stirnwand ist einfach und gerade, also ohne Apsen und aufwendigen Altar, das Kreuz aus Holz, der Altar höchst spartanisch. In der Südwand gibt es eine Nische mit Wasserbecken. Das Querschiff stellt eine eigentliche Halle mit Kapellen dar. Es sind 2 bis 3 auf jeder Seite.
*
Das Klosterleben war ziemlich streng geregelt. Der Sakristan war der Chef über die Zeit. Er hatte die Glocken zu läuten. Tagsüber richtete er sich nach der Sonnenuhr, in der Nacht wohl nach einer Wasseruhr. Es gab dazu die grosse Glocke im Turm. Der Turm sollte – in Bescheidenheit - nicht aus Stein gebaut sein. Aber die Höhe war gerechtfertigt, indem der Glockenklang die Laien auf dem Feld zurückrufen sollte. Die Glocke rief ausserdem zur Messe und den Mahlzeiten. Die zweite Glocke erinnerte ans Stundengebet. Sie war gleich neben dem Schlafsaal der Mönche unter dem Dachstuhl angebracht, damit sie auch keiner überhöre. Schliesslich mussten die armen Kerle morgens ziemlich früh aus dem kargen Stroh. Sie sollten überigens – nach Benediktinischer Regel – in den Kleidern schlafen, konnten aber Schuhe ausziehen. Und dann gab es eine dritte Glocke im Refectorium, die der Prior zum Segen und zum Dankgebet vor und nach dem Essen zu läuten pflegte.
Zisterzienser-Klöster stehen meist in einem Tal in waldiger Gegend. Wald war – nach dem Modell der Eremiten – sozusagen die Wüste. Wasser wurde gebraucht für Mühle, Gärten und die Hygiene. Es gab einen Fischteich, worin Karpfen gezogen wurden, das Nahrungsmittel der Armen. Zisterzienser hielten sehr auf Selbstversorgung. Die Nähe zum Wasser schlug sich häufig auch im Namen der Abtei nieder: Heilbronn in Deutschland, Fontenay in F etc.
*
Diese Klöster stehen heute, nach 1000 Jahren bislang. Mehr oder weniger mindestens. Und das World Trade Center?
*
Ach, Marlena, das war wohl bloss eine kleine Notiz ins Tagebuch.
GK
...
Datum : Datum: den 14 september 2001
Liebe Marlena
Ein regnerischer Samstag. Nun ja, eigentlich hat es nicht so viel geregnet. Aber die Atmosphäre ist feucht und ein bisschen triste. Und schlussendlich sind wir alle CNN-getränkt. Wir tropfen förmlich von CNN, diesem eindimensionalen Chor im tragischen Welttheater.
Aber es ist wirklich eindimensional. Es gab da lange Gespräche mit General Wesley Clark, jenem General, der anfänglich den Golfkrieg leiten sollte, und der immer noch aussieht wie ein überfleissiger Primaner. Er wurde dann seiner Funktion enthoben. Ich kann mich nicht mehr erinnern, weshalb. Ich glaube, er war zu kompromissbereit? Auf jeden Fall wirkt er anständig. Aber er ist General. Und Generale diskutieren das Problem mit Journalisten. Ist das nicht verrückt!! Er hat sich dauernd überlegt, wie man diesen Ben Laden in Afghanistan erwischen könnte, und wie schwierig das sein könnte.
*
Ich beschäftige mich im Moment mit den Zisterzienser und ihrer Architektur. Sagt Dir das etwas, Zisterzienser? Stichworte: 11. Jahrhundert; Gregorianische Reform gegen Cluny; Demut und Schlichtheit. Ach, Marlena, ich bin ein echter Anachronist.
*
Ist NYC nicht eine hybride Stadt? Stell Dir vor. In den beiden Türmen des World Trade Centers über 4'000 Tote! Im Pentagon keine 200 Tote! Wofür spricht das? Für hohe oder für breite Gebäude? In NY sind – so höre ich – um die 100 Gebäude durch die Ereignisse destabilisiert. Ein Nachbargebäude ist bereits zusammengebrochen. Was ist das dort? Eine Stadt? Eine Ansammlung von Kartenhäusern? Scheinarchitektur? Eine virtuelle Stadt? Wenn ein solches Haus durch ein Flugzeug total zerstört werden kann, was hat man sich dann beim Bau überlegt? Wo sind die Konstrukteure, die Architekten, die Finanziers? Man sucht jetzt diesen saudischen Ben Laden, also ob das die Lösung aller Probleme wäre. Ach, sie sind wirklich naiv, diese Amerikaner! Und man kann nur hoffen, dass es hinter dem Fernsehen noch einige Leute gibt, die weiter und breiter denken.
*
Die Zisterzienser haben innert einer kurzen Zeit unendliche viele neue Abteien gegründet. Es brauchte dazu immer einen Abt und 12 Brüder. Mit weniger ging gar nichts. Der Spiritus Rektor der Bewegung war bekanntlich Bernhard von Clervaux, der doctor mellifluus. In St. Peter in Rom gibt es ein Wappen aus Stein des Bernhard von Clervaux. Es zeigt, wenn ich mich richtig erinnere, einem Bienenstock. B.v.C. hat die alten Benediktinischen Klosterregeln wieder aufleben lassen, was allerdings die Cluniazenser auch schon getan hatten. Und er hat einen Idealplan für neue Klosterbauten entworfen. Wichtig war den Zisterziensern, auf jeden Prunk zu verzichten, Schlichtheit, Ruhe, Askese also. Das Mutterkloster stand in Cîteaux, woher auch der Name stammt. Es gibt auch in der Schweiz einige Zisterzienser-Gründungen. Und sie bestechen alle durch Schlichtheit.
*
Die achritektonische Anlage war zweigeteilt. Auf der einen Seite lebten die Mönche mit Abt und Prior, die (als erster Stand) allesamt Adelige waren. Und auf der anderen lebten die Laienbrüder, die man sich wohl eher etwas schmutzig und unhygienisch vorstellen muss. Auch in der Kirche nach dem Grundmodell der frühchristlichen Basilika, die ohne Statuen war und mit eckigen Pfeilern war, beteten die beiden Gruppen getrennt. In der Mitte des Hauptschiffes ist die Trennung. Es gibt dafür einen Namen, der mir im Moment nicht einfällt. Und die beiden Gruppen betraten die Kirche durch verschiedene Eingänge, sieben mal pro Tag notabene.
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Der schönste Teil der Anlage ist aus meiner Sicht der Kreuzgang, das monastische Viereck. Er ist im Grunde ein Erbe der römischen Villa und des karolingischen Landhauses. Der Hof ist mit seiner Grünfläche das Herz der ganzen Anlage. Der quadratische Rasen wird durch ein Wegkreuz viergeteilt, was wohl einen symbolischen Sinn erfüllt. In der Mitte steht der Brunnen, wo sich die Brüder rasierten und ihre Tonsur erneuerten.
Die Kirche, oft dreischiffig, als Sinnbild der Auferstehung ad orientem gerichtet. Die Stirnwand ist einfach und gerade, also ohne Apsen und aufwendigen Altar, das Kreuz aus Holz, der Altar höchst spartanisch. In der Südwand gibt es eine Nische mit Wasserbecken. Das Querschiff stellt eine eigentliche Halle mit Kapellen dar. Es sind 2 bis 3 auf jeder Seite.
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Das Klosterleben war ziemlich streng geregelt. Der Sakristan war der Chef über die Zeit. Er hatte die Glocken zu läuten. Tagsüber richtete er sich nach der Sonnenuhr, in der Nacht wohl nach einer Wasseruhr. Es gab dazu die grosse Glocke im Turm. Der Turm sollte – in Bescheidenheit - nicht aus Stein gebaut sein. Aber die Höhe war gerechtfertigt, indem der Glockenklang die Laien auf dem Feld zurückrufen sollte. Die Glocke rief ausserdem zur Messe und den Mahlzeiten. Die zweite Glocke erinnerte ans Stundengebet. Sie war gleich neben dem Schlafsaal der Mönche unter dem Dachstuhl angebracht, damit sie auch keiner überhöre. Schliesslich mussten die armen Kerle morgens ziemlich früh aus dem kargen Stroh. Sie sollten überigens – nach Benediktinischer Regel – in den Kleidern schlafen, konnten aber Schuhe ausziehen. Und dann gab es eine dritte Glocke im Refectorium, die der Prior zum Segen und zum Dankgebet vor und nach dem Essen zu läuten pflegte.
Zisterzienser-Klöster stehen meist in einem Tal in waldiger Gegend. Wald war – nach dem Modell der Eremiten – sozusagen die Wüste. Wasser wurde gebraucht für Mühle, Gärten und die Hygiene. Es gab einen Fischteich, worin Karpfen gezogen wurden, das Nahrungsmittel der Armen. Zisterzienser hielten sehr auf Selbstversorgung. Die Nähe zum Wasser schlug sich häufig auch im Namen der Abtei nieder: Heilbronn in Deutschland, Fontenay in F etc.
*
Diese Klöster stehen heute, nach 1000 Jahren bislang. Mehr oder weniger mindestens. Und das World Trade Center?
*
Ach, Marlena, das war wohl bloss eine kleine Notiz ins Tagebuch.
GK
...
Dienstag, 13. September 2011
saturday evening feaver
den 14 september 2001 19:29
Saturday evening feaver
Liebe Marlena
Klingt nicht gerade sehr weltabgewandt, wenn Du sagst, Du würdest den Abend nicht ohne Männer verbringen. Wow, ich glaube, das wird eine anstrengede Nacht. Kann ja auch nicht anders sein, nachdem Du auf diese Horde sooo lange hast warten müssen, wie wir unsererseits auf ein echtes Harem hätten warten müssen.
Ja, ich habe mir einen gemütlichen Tag gemacht. Habe gelesen, geschlafen und bin über Mittag für etwa drei Stunden nach Basel gefahren. Ich hatte das Gefühl, ich sei lange nicht mehr dort gewesen. Um 12 Uhr, gleich in meiner Buchhandlung, haben sie für 3 Minuten einen Moment des Schweigens eingehalten. Ich habe mir ein Fotobuch gekauft mit journalistischen Bildern aus den letzten 150 Jahren. Auf der Frontpage sitzt die pummelige Königin Viktoria mit all ihrem Fleisch. Und dies in einer Haltung, wie sie dem ganzen Jahrhundert ihren Namen eingeprägt hat. Und dann bin ich noch bis hinüber zum Rhein gewandert und wieder zurück durch die Altstadt. Es war eher kühl, aber trocken. Und die Welt schien ihren üblichen, wackeligen Gang zu gehen.
*
Jetzt sitze ich wieder zuhause und überlege, wie ich den Abend denn verbringen sollte. In der Stadt ist für mein Alter absolut nichts los. Es gibt vielleicht ein paar Lokale für jüngere Leute. Aber in meinem Alter gehen sie nur in die Stadt, um in ein paar ausgesuchten Lokalen zu essen. Nein, ausgehen um zu essen, das finde ich nachgerade öde.
*
Vielleicht sollte ich in meine Bibliothek gehen und etwas aufräumen. Ich habe heute die Heizung eingestellt, und mittlerweile sollte die Temperatur erträglich sein. Ich habe noch viele Dokumente herumliegen, die ich in meine Files einordnen sollte. Und dann könnte ich ja auch gleich die Küche vorbereiten, um nächste Woche malen zu können. Aber danach ist mir momentan nicht zumute.
*
Möglicherweise sollte ich etwas zeichnen heute Abend? Ich habe vor ein paar Tagen N und P einen illustrierten Brief geschrieben. Und sie haben begeistert geantwortet. Die beiden sind unsere Freunde im Tessin, und sie haben dann B und mich eingeladen, zu ihnen zu fahren, um wieder mal unser Menue aufzubessern. Nun ja, im Moment suchen wir eigentlich eher gute Diäten als richtig opulente Menues!
Zeichnen ist insofern gut, als einem andere Assoziationen kommen als wenn man schreibt. Striche haben eine Nähe zu anderen Strichen, und nicht zu Gedanken. Und das ist es doch, was ich meinte. Kürzlich hast Du Dich darauf bezogen, wie sehr ich glaube, dass sich die Welt ändert. Das meine ich wirklich. Auch bei den NY-Ereignissen reden die Politiker unablässig, dass wir erst jetzt im 21. Jahrhundert stehen würden. Wie absurd? Braucht es solch ein monströses Ereignis, um die Seite im Buch der Jahrhunderte zu drehen? Das ist nur möglich, wenn die Änderungen in unserem Kopf vor sich gehen müssen. Und das ist es wirklich. Die Änderungen müssen hier oben passieren. Es ist eine neue Art des Denkens, was die neue Zeit charakterisiert.
*
Aber ich glaube nicht, dass die Politiker die Seite schon gewendet haben. Ich finde es sonderbar, dass in dieser Zeit die UNO absolut keine Rolle spielt. Man hört sie mit keinem Wort. Die Amerikaner hingegen treten mit starken Worten vor die Kamera und sprechen von Antwort, von Selbstverteidigung, aber auch von Bombardements. Und dass sie sehr schnell dazu bereit sind, das haben wir in Jugoslawien zur Genüge gesehen. Die Europäer für sich hätten in Jugoslawien niemals so kompromisslos bombardiert.
Hier – nach den Ereignissen in NYC - der UNO eine spezielle Rolle zuzugestehen, das wäre doch das neue Denken des 21. Jahrhunderts! Die UNO ist die Institution für die Welt-Innenpolitik. Wenn die Amerikaner nun - vielleicht sogar mit den Europäischen Alliierten - mit militärischer Gewalt die Sache zu lösen versuchen, dann wird das die Gewaltspirale mit Sicherheit steigern. Und wir wissen jetzt alle ziemlich genau, wie verletzbar hochindustrialisierte und hochtechnisierte Nationen sind. Ein einziger Terrorist kann schon eine grosse Katastrophe veranstalten. Was denn ist die UNO, wenn sie hier schweigt? Man sucht jetzt Staaten im Hintergrund, die man mit den Ereignissen in – vielleicht weitläufig konstruierte – Verbindung bringen kann. Doch für Konflikte zwischen Staaten ist doch die UNO gedacht. Oder irre ich mich da so sehr?
*
Ich glaube, es braucht noch etwas Zeit, bis das 21. Jahrhundert beginnt.
*
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
GK
Saturday evening feaver
Liebe Marlena
Klingt nicht gerade sehr weltabgewandt, wenn Du sagst, Du würdest den Abend nicht ohne Männer verbringen. Wow, ich glaube, das wird eine anstrengede Nacht. Kann ja auch nicht anders sein, nachdem Du auf diese Horde sooo lange hast warten müssen, wie wir unsererseits auf ein echtes Harem hätten warten müssen.
Ja, ich habe mir einen gemütlichen Tag gemacht. Habe gelesen, geschlafen und bin über Mittag für etwa drei Stunden nach Basel gefahren. Ich hatte das Gefühl, ich sei lange nicht mehr dort gewesen. Um 12 Uhr, gleich in meiner Buchhandlung, haben sie für 3 Minuten einen Moment des Schweigens eingehalten. Ich habe mir ein Fotobuch gekauft mit journalistischen Bildern aus den letzten 150 Jahren. Auf der Frontpage sitzt die pummelige Königin Viktoria mit all ihrem Fleisch. Und dies in einer Haltung, wie sie dem ganzen Jahrhundert ihren Namen eingeprägt hat. Und dann bin ich noch bis hinüber zum Rhein gewandert und wieder zurück durch die Altstadt. Es war eher kühl, aber trocken. Und die Welt schien ihren üblichen, wackeligen Gang zu gehen.
*
Jetzt sitze ich wieder zuhause und überlege, wie ich den Abend denn verbringen sollte. In der Stadt ist für mein Alter absolut nichts los. Es gibt vielleicht ein paar Lokale für jüngere Leute. Aber in meinem Alter gehen sie nur in die Stadt, um in ein paar ausgesuchten Lokalen zu essen. Nein, ausgehen um zu essen, das finde ich nachgerade öde.
*
Vielleicht sollte ich in meine Bibliothek gehen und etwas aufräumen. Ich habe heute die Heizung eingestellt, und mittlerweile sollte die Temperatur erträglich sein. Ich habe noch viele Dokumente herumliegen, die ich in meine Files einordnen sollte. Und dann könnte ich ja auch gleich die Küche vorbereiten, um nächste Woche malen zu können. Aber danach ist mir momentan nicht zumute.
*
Möglicherweise sollte ich etwas zeichnen heute Abend? Ich habe vor ein paar Tagen N und P einen illustrierten Brief geschrieben. Und sie haben begeistert geantwortet. Die beiden sind unsere Freunde im Tessin, und sie haben dann B und mich eingeladen, zu ihnen zu fahren, um wieder mal unser Menue aufzubessern. Nun ja, im Moment suchen wir eigentlich eher gute Diäten als richtig opulente Menues!
Zeichnen ist insofern gut, als einem andere Assoziationen kommen als wenn man schreibt. Striche haben eine Nähe zu anderen Strichen, und nicht zu Gedanken. Und das ist es doch, was ich meinte. Kürzlich hast Du Dich darauf bezogen, wie sehr ich glaube, dass sich die Welt ändert. Das meine ich wirklich. Auch bei den NY-Ereignissen reden die Politiker unablässig, dass wir erst jetzt im 21. Jahrhundert stehen würden. Wie absurd? Braucht es solch ein monströses Ereignis, um die Seite im Buch der Jahrhunderte zu drehen? Das ist nur möglich, wenn die Änderungen in unserem Kopf vor sich gehen müssen. Und das ist es wirklich. Die Änderungen müssen hier oben passieren. Es ist eine neue Art des Denkens, was die neue Zeit charakterisiert.
*
Aber ich glaube nicht, dass die Politiker die Seite schon gewendet haben. Ich finde es sonderbar, dass in dieser Zeit die UNO absolut keine Rolle spielt. Man hört sie mit keinem Wort. Die Amerikaner hingegen treten mit starken Worten vor die Kamera und sprechen von Antwort, von Selbstverteidigung, aber auch von Bombardements. Und dass sie sehr schnell dazu bereit sind, das haben wir in Jugoslawien zur Genüge gesehen. Die Europäer für sich hätten in Jugoslawien niemals so kompromisslos bombardiert.
Hier – nach den Ereignissen in NYC - der UNO eine spezielle Rolle zuzugestehen, das wäre doch das neue Denken des 21. Jahrhunderts! Die UNO ist die Institution für die Welt-Innenpolitik. Wenn die Amerikaner nun - vielleicht sogar mit den Europäischen Alliierten - mit militärischer Gewalt die Sache zu lösen versuchen, dann wird das die Gewaltspirale mit Sicherheit steigern. Und wir wissen jetzt alle ziemlich genau, wie verletzbar hochindustrialisierte und hochtechnisierte Nationen sind. Ein einziger Terrorist kann schon eine grosse Katastrophe veranstalten. Was denn ist die UNO, wenn sie hier schweigt? Man sucht jetzt Staaten im Hintergrund, die man mit den Ereignissen in – vielleicht weitläufig konstruierte – Verbindung bringen kann. Doch für Konflikte zwischen Staaten ist doch die UNO gedacht. Oder irre ich mich da so sehr?
*
Ich glaube, es braucht noch etwas Zeit, bis das 21. Jahrhundert beginnt.
*
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
GK
Männer
Ämne: Re: Hi
Datum: den 14 september 2001 15:27
Lieber ...,
Danke für dein Mail. Es ist lieb von dir, dass du eine Weile von deinem Schlaf geopfert hast um mich über die Lage bei euch zu informieren.
Es geht mir ähnlich wie dir. Kann nicht richtig fassen dass es wirklichkeit ist. Und dass es überhaupt passieren konnte.
*
Und heute hast du dir einen gemütlichen Tag in Basel gemacht hoffe ich.
Und ich werde mir einen gemütlichen Abend machen aber diesmal nicht ohne Männer. Ich habe gerade das Bücherpaket von der Post abgeholt und obwohl ich etwas in Eile bin konnte ich es nicht sein lassen ein bisschen darin zu lesen. Schon bei den ersten Zeilen habe ich geschmunzelt und ich weiss dass ich mich köstlich amüsieren werde. Er hat eine schöne Bildsprache. Danke für den Tip. :-)
Hier neben mir stehen riesige Kartonge mit dem neuen PC und wir werden wohl einen grossen Teil des Abends mit ummöblieren verbringen. Aber dann wenn alles fertig ist werde ich die Männer geniessen.
Ich muss leider schon weg. Sende dir einen lieben Gruss und wenn du kannst, schreib mir bald wieder ein paar Zeilen. Ich sehnsuche immer mails von dir.
U&K
Marlena
Datum: den 14 september 2001 15:27
Lieber ...,
Danke für dein Mail. Es ist lieb von dir, dass du eine Weile von deinem Schlaf geopfert hast um mich über die Lage bei euch zu informieren.
Es geht mir ähnlich wie dir. Kann nicht richtig fassen dass es wirklichkeit ist. Und dass es überhaupt passieren konnte.
*
Und heute hast du dir einen gemütlichen Tag in Basel gemacht hoffe ich.
Und ich werde mir einen gemütlichen Abend machen aber diesmal nicht ohne Männer. Ich habe gerade das Bücherpaket von der Post abgeholt und obwohl ich etwas in Eile bin konnte ich es nicht sein lassen ein bisschen darin zu lesen. Schon bei den ersten Zeilen habe ich geschmunzelt und ich weiss dass ich mich köstlich amüsieren werde. Er hat eine schöne Bildsprache. Danke für den Tip. :-)
Hier neben mir stehen riesige Kartonge mit dem neuen PC und wir werden wohl einen grossen Teil des Abends mit ummöblieren verbringen. Aber dann wenn alles fertig ist werde ich die Männer geniessen.
Ich muss leider schon weg. Sende dir einen lieben Gruss und wenn du kannst, schreib mir bald wieder ein paar Zeilen. Ich sehnsuche immer mails von dir.
U&K
Marlena
Montag, 12. September 2011
13 September
den 13 september 2001 22:35
Re: Hi
Liebe Marlena
Rasch muss ich Dir ein paar Zeilen schreiben. Eigentlich wollte ich heute früh ins Bett, so dass ich endlich die gesundheitsfördernden Stunden vor Mitternacht schlafen könne. Aber ich schaffe es nur sehr mangelhaft.
Heute habe ich die Billete ins Reisebüro zurückgebracht. Ich glaube, sie bezahlen uns das Geld zurück. Schliesslich ist der Swissairflug von Zürich nach Teheran an jenem Abend nicht geflogen. Das hat B herausgefunden. Deshalb war sie in der Meinung, wir würden irgendwo in einem Hotel in Zürich übernachten. Aber schliesslich habe ich sie von der Wohnung des Zahnarztes erreicht.
Na ja, es war ein einziges drunter und drüber in den letzten Tagen. Und dazu kamen immer wieder diese Bilder am Fernsehen. Weißt Du, was mich am meisten erstaunt hat. Diese Flugzeuge, wie sie in der Aussenfläche der Hochhäuser verschwanden, das sah aus wie in einem guten Trickfilm. Es war wie aus einem Katastrophenfilm. Es wirkte absolut fiktional. Denn bisher haben wir nie solche Bilder gesehen, die Realität abbilden. Die Kameras waren bisher immer zu spät. So sind wir nicht gewohnt, solche Katastrophenbilder richtig einzuordnen. Auf jeden Fall habe ich die Bilder immer wieder völlig ungläubig entgegengenommen. Ich habe fast keine Gefühle wahrgenommen, obwohl die Menschen im Film offensichtlich unendlich gelitten haben. Ich habe die Filme irgendwie rein ästhetisch angeschaut. Ich war nicht wirklich schockiert. Erst nach x Malen habe ich immer mehr die Realität zur Kenntnis genommen.
Und so kommt man zum zweiten Schritt. Welches sind die Reaktionen der Amerikaner und ihrer Verbündeten. Schliesslich sprechen sie von Krieg. Das ist genau der Punkt, weshalb unsere Leute die Reise in den Iran abgesagt haben. Die Folgen in nächster Zeit sind völlig unabsehbar. Doch niemand weiss, ob es Tage, Wochen oder Monate dauern wird, bis der erste Schritt geschehen wird. Man spricht von einem ganzen Feldzug, um nicht zu sagen Kreuzzug. Mindestens kommen solche Reminiszenzen.
Heute morgen habe ich also bei all meinen Freunden die Billete geholt. Ich bin in der ganzen Region herumgefahren und habe sie schliesslich ins Reisebüro zurückgebracht. Am Nachmittag war ich zuhause, habe viel Fernsehen geschaut und auch viel geschlafen.
Ich hoffe, dass es morgen etwas ruhiger wird. Ich möchte gerne in die Stadt und ganz gemütlich meine Zeit verbringen, so wie es ein Tourist in Basel tun würde. Vielleicht schaffe ich das?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
G&K
...
Re: Hi
Liebe Marlena
Rasch muss ich Dir ein paar Zeilen schreiben. Eigentlich wollte ich heute früh ins Bett, so dass ich endlich die gesundheitsfördernden Stunden vor Mitternacht schlafen könne. Aber ich schaffe es nur sehr mangelhaft.
Heute habe ich die Billete ins Reisebüro zurückgebracht. Ich glaube, sie bezahlen uns das Geld zurück. Schliesslich ist der Swissairflug von Zürich nach Teheran an jenem Abend nicht geflogen. Das hat B herausgefunden. Deshalb war sie in der Meinung, wir würden irgendwo in einem Hotel in Zürich übernachten. Aber schliesslich habe ich sie von der Wohnung des Zahnarztes erreicht.
Na ja, es war ein einziges drunter und drüber in den letzten Tagen. Und dazu kamen immer wieder diese Bilder am Fernsehen. Weißt Du, was mich am meisten erstaunt hat. Diese Flugzeuge, wie sie in der Aussenfläche der Hochhäuser verschwanden, das sah aus wie in einem guten Trickfilm. Es war wie aus einem Katastrophenfilm. Es wirkte absolut fiktional. Denn bisher haben wir nie solche Bilder gesehen, die Realität abbilden. Die Kameras waren bisher immer zu spät. So sind wir nicht gewohnt, solche Katastrophenbilder richtig einzuordnen. Auf jeden Fall habe ich die Bilder immer wieder völlig ungläubig entgegengenommen. Ich habe fast keine Gefühle wahrgenommen, obwohl die Menschen im Film offensichtlich unendlich gelitten haben. Ich habe die Filme irgendwie rein ästhetisch angeschaut. Ich war nicht wirklich schockiert. Erst nach x Malen habe ich immer mehr die Realität zur Kenntnis genommen.
Und so kommt man zum zweiten Schritt. Welches sind die Reaktionen der Amerikaner und ihrer Verbündeten. Schliesslich sprechen sie von Krieg. Das ist genau der Punkt, weshalb unsere Leute die Reise in den Iran abgesagt haben. Die Folgen in nächster Zeit sind völlig unabsehbar. Doch niemand weiss, ob es Tage, Wochen oder Monate dauern wird, bis der erste Schritt geschehen wird. Man spricht von einem ganzen Feldzug, um nicht zu sagen Kreuzzug. Mindestens kommen solche Reminiszenzen.
Heute morgen habe ich also bei all meinen Freunden die Billete geholt. Ich bin in der ganzen Region herumgefahren und habe sie schliesslich ins Reisebüro zurückgebracht. Am Nachmittag war ich zuhause, habe viel Fernsehen geschaut und auch viel geschlafen.
Ich hoffe, dass es morgen etwas ruhiger wird. Ich möchte gerne in die Stadt und ganz gemütlich meine Zeit verbringen, so wie es ein Tourist in Basel tun würde. Vielleicht schaffe ich das?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
G&K
...
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