Mittwoch, 13. April 2011

über unsere Mailerei (2)

 ...
Und dann bleibt noch die Unterscheidung von Geschichten und Spiel. Ich habe sie in meiner Diss nicht als Gegensatz gesehen, sondern als Ergänzung. Aber sie laufen nach einem ähnlichen Schema wie virtual- und real-life.
Geschichten sind verbale Gebilde. Mit Geschichten meine ich auch Erzählungen, Gesagtes allgemein. Wir erzählen uns gegenseitig unsere Geschichten, aus dem Leben, aus unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart. Unsere maladi läuft nur im Medium von Geschichten. Es gibt nichts ausserhalb. Alles, was wir tun, sind Wörter hin und her schicken. Und alles, was wir sagen wollen, müssen wir mit Worten sagen. Und alles, was wir tun wollten, müssen wir ersatzweise mit Worten ausdrücken. Es gibt nichts ausserhalb dieses Textes. Er ist das ganze Kunstwerk. Es ist wie wenn ein Bildhauer eine Skulptur macht. Es nützt nichts, wenn er behauptet, die Skulptur sei absolut wundervoll und preisverdächtig. Die Skulptur muss für sich allein sprechen mit ihren eigenen Qualitäten. Man kann sie nicht durch zusätzliches darüber Sprechen verändern oder verbessern oder so.
Wir, liebe Marlena, wir lieben uns mit Worten, wir küssen uns mit Worten (nein, ich glaube, du hast noch nicht geküsst, du bist sehr zurückhaltend in diesen Dingen), wir berühren uns mit Worten. Worte sind alles was wir haben. Unsere maladi geht nicht über Worte hinaus.
Und Worte sind eben immer auch unzuverlässig. Worte können Irrtümer mit sich herumtragen und Worte können lügen und Worte können einen falschen Eindruck erwecken. Die blossen Wörter machen eben dieses virtual-life möglich. Sie können reine Fiktion sein. Du könntest dich sehr täuschen in mir. Ich könnte dir Dinge erzählen, die nicht von mir sind, sondern von einem Bekannten. Ich könnte dir sein Familienfoto geschickt haben. Ich könnte dir die schönsten Liebesgeschichten aus Büchern abgschrieben haben, weil ich möchte, dass wir uns lieben. Aber in Wirklichkeit bin ich vielleicht ein Clochard unter der mittleren Brücke Basels und habe jeden Tag meinen Stress, bis ich meine Flasche Rotwein habe. Das alles, um nicht zu sagen ich sei eigentlich ein Junky, ein fantasievoller, zugegeben.
Im virtual-life könnte immer alles auch anders sein. Virtual-life ist gemacht, ist ein Kunstprodukt. Und die Realität ist ohnehin sekundär. Die interessiert eigentlich nicht sonderlich. Ich glaube, die Jugend kann mit diesen fliessenden Grenzen zwischen real- und virtual-life besser umgehen. Für sie ist real nicht von so hoher Priorität wie für uns ältere Semester.
Und um zu verifizieren, wie weit Geschichten wahr oder real sind, brauche ich das Spiel. Das Spiel ist die Lebenspraxis, also im Gegensatz zu den Worten die Taten, das was man tut, ein geregeltes Vorgehen.
Ein Beispiel: wenn jemand nichts sagt, dann kann ich auf der Ebene der Worte nicht wissen, will er nichts sagen oder kann er nichts sagen. Wenn ich ihn aber sehe, im Spiel der jetztigen Situation, dann weiss ich sofort, wo er steht, ob er nicht will oder ob er nicht kann. Mit der Lebenspraxis kann man verifizieren, ob das, was Menschen mit Worten sagen, auch wirklich zutrifft, oder ob sie nur flunkern und bluffen und wortscheissen. Das heisst, ich brauche das Wort "Spiel" in einer umfassenderen Bedeutung. Ich meine nicht Spiel als blosses Spiel, dh. kein Ernst. Spiele haben einen eigenen Ernst. Es gibt die Theorie von Wittgenstein über das Sprachspiel, das in der neueren Philosophie eine grosse Bedeutung erworben hat. Das Sprachspiel war einmal Ausgangspunkt meiner Dissertation.
*
So siehst du, meine Mausgeliebte. Wenn ich die Idee hatte, mit dir nach Rom zu reisen, dann habe ich nicht an eine kurze Liebesgeschichte gedacht. Ich bin ja auch nicht einfach ein durchschnittlicher Mensch mit gewöhnlichen Absichten und Ideen. Ich möchte schon etwas Besonderes im Leben. Und meine Vorstellung war, dich einmal zu sehen, deine Stimme zu hören, deine Gesten einzuatmen, deine Mienen zu entschlüsseln, dein Ja-Sagen Ja sein zu lassen. Eigentlich, um dich in deinen Briefen besser zu verstehen und um meine Vorsellungen zu verbessern und zu vervollständigen. Dahinter ist eben mein Wahn, real sei besser als virtual. Ich bin eben so konservativ.
Ich habe ja auch einen anderen Weg versucht. Ich habe gedacht, wenn wir uns nicht allein sehen können, so können wir vielleicht unsere Familien in Kontakt bringen, eine Freundschaft zwischen den beiden Familien arrangieren. Aber da bin ich bei dir gar nicht auf offene Ohren gestossen. Vielleicht wäre es auch nicht so leicht, das gebe ich gerne zu. Vielleicht sind wir wirklich im Stadium 2 der maladi schon zu weit, um so etwas noch wagen zu können.
*
Ich sitze hier schon bei meinem vierten Kaffee. Nur um dir zu zeigen, wie ernst ich hier arbeite. Sigmund Freud spricht doch von Trauerarbeit. Ich glaube, dass es auch die Liebesarbeit gibt. Ich glaube, dass Liebe eine Anstrengung ist. Sie ist nicht einfach da und verzaubert alles. Man muss manchmal ziemlich hart für sie arbeiten, das glaube ich. Und ich kann sehen, dass du das ganz ähnlich siehst. Wie du dich kümmerst, wie du dich um mich sorgst, wie du kleine Mitteilungen hinterlässt, wie du dich zeitlich anpasst, damit ich vielleicht noch vor Arbeitsende ein Mail habe, ich sehe doch, wie du dich hingibst und wie du lange Mails schreibst als an sich "schreibfauler" Mensch. Und all das neben deinen anderen vielen Pflichten, die du "um die Ohren hast", wie wir hier sagen. Du bist eine Frau, die sich kümmert um die Mitmenschen, um die Pflichten, um die ganze Situation. Ich muss dir sagen, ich bin sehr berührt, das alles zu sehen. Und wenn ich nicht davon spreche, heisst es nicht, dass ich es nicht merke. Es berührt mich immer wieder und ich bin stets von Neuem hingerissen von deiner zarten und feinen Art, wie du die Dinge in Ordnung hälst. Und du hälst deinen Kopf aufrecht. Das mag ich ganz besonders.
*
Das ist mein Mail von heute morgen. Vielleicht ist es ein bisschen schwer verdaulich für ein gewöhnliches Frühstück. Aber das wird sich geben Marlena. Ich wollte dir einfach sagen, dass ich dich liebe, so wie man eben in einer Mausfreundschaft lieben kann. Mehr kann man es wahrscheinlich nicht. Und ich wollte dir sagen, dass ich deinen Charakter schätze, die Art, wie du aufrecht bist. Das ist wunderschön, ich sage es dir. Ich hoffe, dass der Chat von Gestern eine ähnlich frohe Stimmung bei dir gemacht hat. Es war ja das erste mal, dass das System einigermassen vorwärts gelaufen ist. Es war nicht schlecht, und ich habe es genossen, mit dir zu argumentieren und zu reden und zu plaudern. Ich hoffe, meine Art strengt dich nicht zu sehr an. Ich weiss, dass du geduldig bist. Aber es könnte ja auch zuviel sein. Manchmal denke ich, vielleicht belaste ich dich mehr als dass ich dir Energien schenken kann. Das möchte ich wirklich nicht. Ich möchte, dass wir beide Gewinner sind. Ich möchte, dass wir beide soviel Freude haben wie ich sie habe und fühle. Ich möchte, dass du dir deinen Teil nimmst, der dir zusteht, oder dass du ihn geschenkt bekommst oder ich ihn dir geben kann, wie auch immer. Ich kann nicht ausstehen, wenn die Freuden einseitig sind. Ich bin eigentlich sehr süchtig nach Harmonie und Übereinstimmung. Und vergiss nicht, Marlena, wir sind erst am Anfang. Wir haben noch viel Zeit. Wir werden Jubiläen feiern und auf Dezenien anstossen, vielleicht auf ein oder zwei Jahrhunderte wenn es hochkommt ;-))
Kannst du dir das wirklich vorstellen, dass hier in der Schweiz einer sitzt, dem deine Worte tief gehen, dass er ein bisschen aus dem alltäglichen Geleise geraten ist, dass er plötzlich von anderen Dingen denkt, dass er bis abends 21h im Büro sitzen bleibt und alle denken, er spinnt, soviel zu arbeiten, und dass er ganz vergnügt herumgeht und die Leute sich kopfschüttelnd fragen, woher er denn sein Glück schöpft? Kannst du dir das vorstellen?
Und du, meine liebste Mausgeliebte, erzähle mir endlich von Verlaine und von deiner Zeit in Uppsala. Ich warte mit Sehnsucht darauf. Und erzähl mir nicht soviel von der Liebe, die macht mich nur zu verrückt!
i.M.
...
(beim 5. Kaffee jetzt angelangt! Bald beginnt das Herz zu flattern. Es ist gut, wenn man den Kaffe die Schuld geben kann. Obwohl es da noch ein paar andere durchaus valable Optionen gäbe.)

PS: Es war ja gestern aufregend. Ich habe mich schon geärgert, dass wir uns verpasst hätten. Und dann ist es doch noch geglückt. Es war sehr schön und es war lange, bis sie dich zuhause aus dem PC-Raum gezerrt haben.

stilles Leben

den 6 oktober 2002 23:21
Herbstlich..

Lieber ...,
Zuerst möchte ich dir nocheinmal danken für den schönen Bericht von dieser Expo. Ich denke wenn man deine Worte publiziert hätte wäre die ganze Bevölkerung hingewandert so verlockend hast du es beschrieben.
Nun hast du wieder einen unvergesslichen Tag in dir gespeichert.

Ich weiss gar nicht mehr was in der letzten Woche passiert ist so eintönig und monoton läuft das Leben hier. Eben das mit dem Schweizer Mädchen war ein Moment der im Gedächtnis hängengeblieben ist aber sonst..
Das Wochenende war ruhig und erholsam. Anna war zu Hause und die häusliche Atmophäre war nicht weit von dem was man sich unter dem Begriff "harmonische Familie" vorstellt. Jeder war eigentlich mit seinen eigenen Anliegen beschäftigt und doch spürte man dass es eine gute Zusammengehörigkeit gab. Und dann am Sonntag Nachmittag kommt die Aufbruchstunde. Wir essen etwas früher als normal damit A und K so um 17.00 Uhr fahren können. Es wird nämlich ziemlich früh dunkel und die Wege von Linköping zu K sind nicht die besten. Man muss auch aufpassen wegen Elchen und Rehen.

Kennst du etwas, was Tove Jansson geschrieben hat? Ach, sicher wirst du sie kennen. Ihre Bücher gehörten zu unseren absoluten Favoriten als Anna klein war. Besonders erinnere ich mich an "Vem ska trösta knyttet?" das wir so gut wie auswendig konnten. Und heute habe ich im Radio wieder einmal das schöne Herbstlied gehört dessen Text auch Tove Jansson geschrieben hat. Ich habe ihn wörtlich übersetzt (sollte man ja eigentlich nicht tun mit Poesi) und habe ihn in Fotofolder gelegt. Es ist ein so schönes trauriges Lied von Vergänglichkeit... Vielleicht kennst du es, oder?

Was soll ich dir noch erzählen? Ach ja, der arme D. hat einen wahren Sturm im Lande entfacht mit einer Sportrezension. Er war in jungen Jahren einer der besten Fussballspieler und auch Eishockeyspieler und schreibt obwohl er nun Kulturchef ist ab und zu auch Sportartikel. Und jetzt hat er eine Mannschaft aus dem Süden Schwedens "Skånejävlar" genannt. (Skåneteufel). Man muss dabei wissen dass djävul ein sehr hartes Schimpfwort ist im schwedischen aber natürlich kommt es auch immer drauf an in welchem Zusammenhang man ein Wort verwendet. Jedenfalls hätte er es nicht tun sollen, denn er wurde von überall her angegriffen und sogar angemeldet wegen "hets mot folkgrupp" (klingt ja fast deutsch, oder?) Und der arme Kerl musste sich öffentlich verteidigen und was ich dir eben sagen wollte, am Ende seines Artikels zitierte er Updike und nennt Journalisten "ein träg- (oder zäh-?)bewegliches Reptilgeschlecht".
Er ist wahrhaftig ein grosser Fan von diesem Updike.
*
Und nun zu meinen "Mailbrüdern in der Schweiz" wie du sie nennst. Wie du ganz richtig sagst fehlt mir die Zeit und vor allem auch die Lust mich öfters mit virtuellen Personen zu unterhalten. Der vermögende Züricher hat mich mal Anfang 1999 im ST angesprochen (fast ein Jahr bevor ich Harro entdeckte) und ich erinnere mich noch dass unser Thema damals katholische Messen und gregorianischer Kirchengesang waren. Ich habe eine zeitlang mit ihm gemailt. Es war interessant zu sehen wie ein Mensch mit unbegrenzten Möglichkeiten sein Leben gestaltet.
Jetzt  habe ich lange nicht mehr geschrieben. Ich finde es besser dass er seine Zeit und sein Interesse seiner Frau (die mich auch "kennt") und seinen zwei kleinen Söhnchen widmet.
Und der andere, ein Junggeselle mit einem hektischen öffentlichen Leben und vielen schönen Freizeitaktivitäten.. Sportwagen, Motorrad.. und ständig auf der Jagd nach.. nein doch, na ja vielleicht auch schönen Frauen, aber besonders nach neuen aufsehenerregenden Projekten, du weisst solche wie wir sie beide hassen.
Natürlich muss ich schmunzeln wenn ich sehe was für prominente Leute dein virtual life bevölkern. Hatte auch garnichts anderes erwartet. Deine Vorliebe für den Adel kenne ich seit langem. ;-) Und wie man einen verborgenen Aetna entdeckt? Nein, darüber möchte ich vielleicht lieber nichts wissen..
Übrigens ist es in der Politik hier genauso gekommen wie ich es erwartet hatte. Die Grünen haben nachgegeben und unterstützen nun S und V (die Linken). Also kann Persson weiterregieren. Und zu den ersten neuen Dingen die er beschlossen hat gehört ein Strafzoll für Autos in Stockholms Innenstadt. Das hatte er vor der Wahl heilig geschworen nie einzuführen. Politik ist Politik.

Was Håkan Nesser betrifft ist er sehr sympatisch. Ich glaube nicht dass du dich genieren müsstest was zu fragen. Aber ich glaube er hat es im Moment nicht leicht. Sein gerade erschienener letzter Roman "Liebe Agnes", ein Briefroman, wird in allen Zeitungen gross als "skräp-roman" bezeichnet.
skräp = Schund, Quatsch, Müll, dummes Zeug sind einige von den Bedeutungen des Wortes, die in meinem Wörterbuch stehen. Ich frage mich nur wie er sich dabei fühlen muss.

Und sag bitte nicht mehr dass ich "ein trübes Wasser" bin. Wenn es möglich wäre würde ich dir gern den Schlüssel zu meinem Inneren geben. Du könntest dir alles in meinem Leben ansehen, meine innersten Gedanken lesen... Wenn ich von gewissen Dingen nicht schreibe ist es meistens weil ich denke dass sie dich nicht besonders interessieren können. Wenn du etwas wissen willst kannst du immer Fragen stellen.

Gute Nacht, mein lieber Mausfreund. Ich wünsche dir einen schönen ruhigen Tag,

HS
Marlena

Dienstag, 12. April 2011

über unsere Mailerei

den 19 april 2000 08:28
Vom verlorenen slûzzelin

Liebste Marlena
Zuerst mal wollte ich gestern sagen, unsere Mausfreundschaft kann uns auf TRAB halten. Das war ein Tippfehler.
Du siehst, ich sitze schon wieder vor dem PC. Und du könntest denken, dass ich hier übernachtet habe. Das habe ich nicht, meine Liebe, aber viel hat nicht gefehlt.
Ich bin heute in der Früh rasch aus dem Haus, denn ich wollte dir schnell was schreiben an diesem etwas kühlen und feuchten Morgen. Gestern am Chat hat du gesagt, dass du traurig wirst. Das hat mich beunruhigt. Ich selbst habe den Chat sehr gut gefunden und war ziemlich vergnügt nachher. Ich hatte den Eindruck, ich habe dich richtig gefühlt in diesem Chat, vielleicht mehr als ich dich je gefühlt habe. Wir haben uns fast ein bisschen gestritten, oder sagen wir, wir haben hart argumentiert. Und ich fand es grandios wie du gekämpft hast, meine Liebe. Du hast gekämpft für die lange Mausfreundschaft und gegen das kurze Abenteuer, sozusagen. Es gäbe dazu viel zu sagen. Aber im Moment ist es nicht mein Thema.
Also, ich habe dich gefühlt, habe deinen Widerstand bemerkt und deine Argumentationen wirken lassen. Es war sehr gut, und dazwischen sind wir in der kühlen Abendluft Arm in Arm gewandert und haben die Situation genossen.
Wenn ich den §xy attackiere, weil ich dich in WIRKLICHKEIT sehen und sprechen möchte, musst du nicht glauben, ich sei unzufrieden mit der heutigen Situation. Ich bin sehr zufrieden und sie hält mich wirklich in Atem und ich finde sie sensationell aufregend. Ich habe so etwas im Leben nie erwartet. Es hat mich gepackt wie ein kleiner Sturm, ein Sturm und ein Drang. Und ich hätte mir im Leben nicht geträumt, dass es eine Person wie Marlena gibt, mit der eine solche maladi möglich ist. Nun ja, ich hatte damals natürlich absolut keine Vorstellung, was eine maladi sein könnte.
Es war also ein guter Chat für mich, und ich hoffe, er war für dich zum Schluss auch gut. Sonst hätte ich dich nur zu gerne getröstet und dich gepflegt, so wie du es neulich mit mir getan hast. Ich möchte nicht, dass du aus unserer maladi unglücklich wirst. Ein bisschen Schmerz lässt sich ja noch ertragen, aber doch nicht Unglück. Das würde sich nicht bezahlen. Das Leben ist zu kurz und zu klein, um unglücklich zu sein. Das bezahlt sich nicht aus. Leiden kann man meinetwegen später im Fegefeuer, wie die Katholiken sagen, aber doch nicht im Leben.
Du weißt, dass ich manchmal ein bisschen grüblerisch bin. Ich benenne das natürlich mit dem schönen Wort philosophisch. Aber für meine Mitmenschen ist es vielleicht manchmal ein bisschen verbohrte Denkerei, ein bisschen egozentrisch oder weiss der Kuckuck was. Ich bin wirklich daran, wie du sagst, irgendwie die Abhandlung zu schreiben.
Wir haben nun ja schon verschiedene Begriffe über unsere Mailerei im Gespräch. Du sprichst oft von real-life und von Mausfreundschaft. Letztere ist dann also virtual-life, wenn man den Gegensatz benennen will. Ich habe gesprochen von Spiel und Geschichten. Und schliesslich ist mir noch meine etwas sophistische Unterscheidung zwischen Roman und Fabel in den Sinn gekommen. Lass mich mit diesen Begriffen etwas nachdenken über unsere Mausfreundschaft, wie ich es heute nacht im Bett gemacht habe.
Unsere maladi ist also virtual-life. Sie ist ein konstruktivistisches Unternehmen, wo viele unserer Vorstellungen und Fantasien mitspielen, die vielleicht mit der Realität nicht immer viel zu tun haben. Das eben ist platonisch. Das ist schön, das ist ideal, das ist überweltlich, das ist ewig. Und ich glaube wirklich, dass in der platonischen Welt die Sehnsüchte so heiss werden können wie nie anderswo. Du hast es selbst gesagt. Meine platonische Marlena ist die allerbeste und die allerschönste und die allerintelligenteste Frau der Welt. Das ist einfach so, da gibt es nichts zu rütteln. Sie hat absolut keine Konkurrenz. Und das treibt dann auch die Sehnsucht in die Höhe.
Ich glaube überigens, dass Rilkes Gedichte auch in solchen Arten von maladis entstanden sind. Solche Sehnsucht und solche Liebesgedichte, formal so hochgeschraubt und veredelt, das kann man nicht in einer normalen alltäglichen Liebe machen, die abends miteinander ins Bett geht. Wenn man miteinander ins Bett geht, ist die Spannung morgens nicht mehr so hoch. Man fühlt vielleicht Glück, Zufriedenheit, Harmonie, aber diese Spannung, dieser Dorn im Fleisch, der ist nicht mehr da, der den Geist so in die Atmosphäre treibt.
Ich hatte noch einen komischen Gedanken, vor dem ich etwas zögere, ihn dir mitzuteilen. Aber wir haben doch versprochen, sehr offen miteinander zu sein. Darum will ich dir ihn sagen. Ich habe gedacht, ST ist für uns ein bisschen wie der Sex in der Beziehung. Da ist mehr Körperlichkeit drin, da ist mehr Dialog, da muss man direkt miteinander kommunizieren, wie bei der Sexualität, wo man sich gegenseitig körperlich bewundert und verehrt und in Liebe einlullt und mit Küssen erforscht. Und manchmal läuft es auch nicht so gut im Sex, wie im ST auch.
*
Aber dann sind wir auf der anderen Seite weltliche Geschöpfe, also Wesen aus dem real-life. Und alle unsere Fantasien und Vorstellungen sind gesättigt mit real-life. Meine Vorstellungen von Liebe kommen aus dieser Welt. Und sie sind verknüpft mit körperlichem Kontakt, mit Berührung, mit Worten und mit Gesten. Ich bin ja doch schliesslich nicht im Kloster aufgewachsen. Und so treibt es mich dazu, meine maladi nach diesen alten Mustern zu machen und ich möchte küssen und umarmen und Arm in Arm gehen und dich hören und sehen und du weißt schon, wie ich das meine.
*
Das ist also ungefähr diese Unterscheidung nach Descartes in res cogitans und res extensa. Und eine Analogie finde ich in der Unterscheidung zwischen Fabel und Roman. Die Fabel ist Idealität, sie ist im ewigen Präsens geschrieben und je mehr man sie liest, desto wahrer wird sie. Sie hat Anspruch auf Ewigkeit. Und der Roman hat eine Zeit, hat eine Entwicklung, ist im Imperfekt geschrieben, zieht sich im Konkreten dahin, und ermüdet sich, nutzt sich ab. Man kann Romane nicht immer wieder lesen. Einmal sind sie ausgeschöpft. Die Fabeln sind kaum je ausgeschöpft.
*
So haben wir uns für die Fabel entschieden. Nun, vielleicht müssen wir sagen, wir hatten keine andere Wahl. Es blieb für uns nur noch die Fabel übrig. Und wenn man eine Fabel hat, soll man nicht ständig zum Roman hinüberschielen und denken, der Roman wäre doch besser gewesen. Eine gute Fabel ist fantastisch, und es gibt nichts besseres also so eine ewige Fabel.
*

Montag, 11. April 2011

Zeitgeist der 68iger Jahre

...
Irgend einmal - nach 2 Semestern und einem Praktikum in einem
grossen Zürcher Büro - bin ich von dem Architektur-Studium
abgekommen. Die Ausbildung war mir einfach viel zu technisch.
Und die ETH war mir eine zu trockene Anstalt. Natürlich mag
da auch der Zeitgeist mitgewirkt haben. Ein Umbruch lag in der
Luft. Die Studenten an der Uni haben viel diskutiert. In den Zürcher
Strassen gab es Demos. Die gesellschaftliche Situation wurde immer
heisser. Studienrichtungen wie Psychologie, Sozialpsychologie,
Philosophie und Soziologie waren enorm populär. Alles, was in der
Gesellschft und in der Welt draussen geschah, wurde unter dem Aspekt
dieser Sozialwissenschaften erklärt. Wenn man in diesen Fächern studierte,
fühlte man sich im Zentrum des Hurrikans.
Und dabei war es ursprünglich mal Prof. Staiger gewesen, der mich an
die Uni gelockt hatte. Noch zu meiner ETH Zeit ging ich jeweils
montags 10-12h hinüber in seine Vorlesung. Er las anfangs gerade über
Rilke, und da fühlte ich mich in diesem fremden Zürich beinahe ins
Wallis zurückversetzt. Ich hatte an der ETH von 8-10 Vorlesung in
perspektivischem Zeichnen, allerdings konstruiertes Zeichnen, so wie
die Architekten das tun. Gegen 10h gab Prof Hess jeweils eine Übung,
die man dann bis 17h abends abzuliefern hatte. Ich ging also, mit
dieser Übung im Hinterkopf, hinüber in die Universität, die gleich
über die Strasse liegt, in die grosse helle Aula voller entspannter
und vergnügter junger Studentinnen und Studenten, mit einigen älteren
Fachhöhrern - wie sie damals genannt wurden - und liess mich von
Staiger in höhere Gefilde versetzen. Staiger war damals so etwas wie
der deutsche Literaturpapst. Er hat irgendwie eine eigene Schule der
Literaturinterpretation begründet. Aber er war eigentlich ein
Idealist, ein spezialist für deutsche Klassik.
1968 hat Staiger den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Die Feier
fand im Schauspielhaus statt. Und dort schimpfte Staiger in seiner
Dankesrede über die moderne Literatur, die sich mit Bordellen und
Kloaken und Trinkern etc beschäftige. Seine Worte kulminierten in der
rhetorischen Frage, in welchen Kreisen sich die Künstler denn
aufhalten würden! Das war ein Skandal. Frisch, Dürrenmatt, Loetscher -
alles was Rang und Namen hatte protestierte. Ein Jahr später erhielt
Varlin den Kunstpreis der Stadt Zürich. Und an seiner Stelle hat 1969
Dürrenmatt die Rede gehalten. Sie führt den Titel "Varlin schweigt".
Und es ist in weiten Teilen eine Abrechnung mit Staiger. Dürrenmatt
war ein guter Redner. Er konnte markante Gedankengänge finden, die
ebenso kritisch wie komisch wirkten. Und seine Sprache klang mit dem
berndeutsch eingefärbten Deutsch fast unbeholfen, aber auch sehr
treffend. Er hatte stets die Lacher auf seiner Seite.

Ich habe Dürrenmatts Rede gerade vor ein paar Wochen unter meinen
Papieren wieder gefunden und nach so langer Zeit nochmals gelesen. Sie
war in der Tat eine würdige Antwort auf die idealistisch-klassische
Position Emil Staigers. Eigentlich hätte ich schon seit Jahren
Staigers Rede gerne gefunden und gelesen. ich hatte davon immer nur in
der Zeitung gelesen. Aber das ist mir bisher - auch nicht im Netz -
nicht gelungen.

11/4-2011

Nicht alle Schmerzen sind heilbar

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.

Ricarda Huch

Samstag, 9. April 2011

das Bild Bruegels




Das Bild Bruegels hat es mir sehr angetan. Ist es nicht eines der schönsten Bilder europäischer Kultur? Ich glaube, Bosch hat auch irgendwo so ein Riesending gemalt. Und es ist ästhetisch in diesem Zweifel zwischen Optimismus und Pessimismus. Ist es eine Ruine oder bloss eine Baustelle? Wird noch gebaut oder wird schon abgebrochen? Geht's hinauf in den Himmel oder geht's doch eher zur Hölle? -- Manchmal, wenn ich Zeit habe, zeichne ich gelegentlich Cartoons. Und eine meiner Ideen war es vor einiger Zeit, diesen Turm Bruegels zu zeichnen, den fast jeder kennt, und dahinter ein riesiges Hochhaus, das noch um Einiges höher ist und weit über die Wolken hinausragt, auf dem die Reklame leuchtet: CONSULTING. Das finde ich einen guten Einfall, und du? Ich habe das Bild damals einem Freund geschenkt. Er ist Professor an der Universität Zürich und hat ein eigenes Institut zur Integration der Fakultäten und fachlichen Perspektiven. Er war begeistert und hat meine Zeichnung auf einen Regenschirm kopieren lassen, um sie jetzt den Leuten zu verteilen. Ich muss zwar sagen, dass die Zeichnung auf dem Schirm wirklich nicht mehr gut aussieht. Aber seine Begeisterung hat mich doch gefreut.

Der Turm Bruegels ist schon ein Renaissance-Turm, gross und die Welt sprengend. Eine wahre Attacke gegen Gott, gotteslästerlich, wie die Aufklärung auch, in ihren letzten Konsequenzen. Die mittelalterlichen Türme der Gotik sind dagegen bescheiden und brav, sehr menschlich und subaltern, runde Türmchen meist, die den Anschein des endlosen gottergebenen Zerfalls haben. Sie sehen in unseren modernen Augen ziemlich romantisch aus. Die Türme der Renaissance dagegen sind wie Capes Canaverals, hybride Installationen, die die Welt aus den Angeln zu werfen gedenken. Eigentlich sind sie skandalös. Aber schön! Ich liebe das Bild sehr, denn es gibt den Eindruck einer göttlichen Übersicht. Vom Himmel schauen wir hinunter auf diese Welt (dieser Gesichtspunkt ist vielleicht noch mittelalterlich und traditionell). So muss die Sache für den lieben Gott ausgesehen haben, als der Montag morgens das Fenster öffnete, um sein Bettzeug zu durchlüften und sein Nachthemd auszuschütteln. Wahrscheinlich ist er ziemlich heftig erschrocken, eine solchen Backsteinhaufen vor seinem Schlafzimmerfenster vorzufinden. „Skandalös", muss er in den langen Bart gemurmelt haben, und irritiert nach Petrus geleutet haben. Die babylonische Sprachverwirrung kann man durchaus als Rache Gottes gegen die menschliche Hybris verstehen. Aus Sicht des Allmächtigen ist wirklich nicht einzusehen, warum die kleinen Dinger, die Menschen, jetzt plötzlich in den Himmel klettern sollten?
...
28. Februar 2000

Freitag, 8. April 2011

Mein mid-night-blues ... (5) Fragen

....

Machst du auch gerne was mit deinen Händen, Marlena. Wo liegen deine Stärken, neben den Sprachen?  Hast du eine schöne Handschrift? Magst du dich, wenn du in den Spiegel schaust? Hast du das Gefühl, dein Leben sei erfolgreich? Was war dein grösster Erfolg im Leben? Wenn du drei Wünsche hättest, was würdest du dir wünschen? Du bist eine schöne Frau, glaubst du, du wärst unglücklicher gewesen, wenn du hässlicher - sagen wir weniger schön - gewesen wärest? Was denkst du, dass die Menschen an dir am meisten mögen. Und was mag Anna am meisten an dir? Fühlst du dich ihr gegenüber wie Mutter Tochter oder eher wie Schwester zu Schwester? Würdest du dein Leben für deine Tochter hingeben?
Du siehst, ich hätte soviele Fragen. Wir könnten ganze Nächte diskutieren, wie wir das als Studenten gemacht haben, und dazu geraucht und getrunken und gelacht.
Ich habe eine Frage an dich als Frau. Sie ist mir erst kürzlich irgendwie aufgetaucht. Vielleicht auch angesichts meiner Tochter und ihrem Freund, den sie jetzt schon ein paar Monate hat. Hat man als Frau bei den Männern oft das Gefühl, da wirke eine Kraft (ich meine die Sexualität), die völlig unpersönlich ist. Wenn man es bös sagen will, könnte man sagen, eine Kraft, die "tierisch" wirkt. Oder man kann sagen, der Mann ist nicht immer Herr seiner Kräfte? Hast du diese Erfahrung gemacht? Ich hatte irgendwie den Gedanken, dass Frauen die Männer in gewisser Weise auch, vielleicht nicht immer, aber doch ab und zu, als unheimlich erleben müssen. Wir versuchen gerade unserer Tochter zu erklären, dass  die Frau es ist, die nein sagen können muss. Die Frau muss oft die Grenzen setzen. Findest du das auch? Wie erklärst du es Anna?
Entschuldige, wenn ich dich mit sovielen Fragen überfalle. Es ist wohl die Müdigkeit, die jetzt langsam kommt und meine Zensur fällt völlig weg. Das, so haben wir gesagt, lässt den §5 verschwinden.
Bei mir ist es im Moment gerade die Diskussionslust. Ich könnte wirklich mit dir in einem ungarischen Jazzkeller sitzen, wo du deine einzige Zigarette in diesem Jahr rauchst, und über Gott und die Welt diskutieren. Das würde ich fürs Leben gern machen mit dir.
Machen wir ja auch, sozusagen, hier, mit unserer Mauserei. Nicht wahr?.
Ich mag dich, mein liebes Turmfräulein. Du hast etwas Schönes an dir. Und ich weiss auch, dass dieses Schöne mit der Entfernung zwischen uns zusammenhängt.
Zum Schluss kurz eine lustige Sache. Wir haben ein befreundetes Paar. Ich habe sie mal erwähnt, ich weiss nicht mehr, in welchem Zusammenhang. Sie sieht aus wie Schneewittchen, hat langes schwarzes Haar und einen hellen Teint und eine sehr schlanke Figur. Sie ist eine sehr schöne Frau. Ihr Mann ist ein erfolgreicher Direktor seiner eigenen Firma, aber er ist nicht so gewandt wie sie. Er ist etwas holperig, fast linkisch, und wenn wir bei Tisch zusammen sitzen, hat er mit der Zeit oft Mühe, nicht einzuschlafen. Und wenn es gegen Mitternacht geht, rafft er sich nochmals auf, dann hat er meist schon ein paar Gläser gehabt, und dann beginnt er eine Liebesrede an seine Frau. Das ist süss, kann ich dir sagen. Ich habe es schon zweimal erlebt. Und ich glaube, er macht es immer wieder, ohne es bewusst zu machen. Seine Frau schmunzelt und lässt ihn machen. So verschieden sie sind, sie verstehen sich recht gut.
Das war es, meine Allerliebste Mausfreundin.
Ich habe praktisch den ganzen Abend mit dir verbracht, wenn ich es mir überlege. Und das war schön, obwohl wir nicht miteinander chatten konnten. Und dazu habe ich noch einiges erledigt. Jetzt ist 0130. Ich muss schleunigst heim und in die Klappe.
Kuss