Mittwoch, 21. April 2010

Oro

Ämne: Oro
Datum: den 2 juli 2003 13:11


Lieber ...,

Immer wieder suche ich nach dir... aber du bist nicht .. wo du sein sollst.... Vielleicht hast du dich einen Tag frei gemacht und bist irgendwohin verschwunden zu einem fremden Abenteuer.

Ich habe gestern, du wirst staunen, das Buch der Unruhe in unserer Bibliothek gefunden. Das hat mich wirklich überrascht, denn ich hatte nicht damit gerechnet. Und noch dazu ganz neu war es. Niemand hat es vor mir geliehen. Nun bin ich glücklicher "Besitzer" dieser Unruhe bis zum 26 August. Und ich werde die Lücken, die du in meinem Leben lässt, mit Unruhe ausfüllen... was ich ohnehin schon tue.. auch ohne Pessoa.

Grüsse dich lieb. Bleib mir treu ;-))
Marlena

monogam

Liebe Marlena
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Ich habe mich - mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen - erinnert, wie du damals mit viel Ernst betont hast, du seist monogam, eindeutig und endgültig und per saecula saeculorum monogam. Und ich glaube, im nächsten Mail hast du dann noch ein bisschen ausgeführt und gemildert, weil du vielleicht den Eindruck hattest, deine erste Formulierung wäre zu hart gewesen. Ich hatte das Gefühl, du denkst, ich sei beleidigt, weil du so eindeutig gewesen bist. Und ich muss dir sagen, ich habe deine Relativierungen sehr genossen, sie haben mich irgendwie erlöst und getröstet. Doch ich glaube, ich verstehe schon, wenn du sagst, du seist monogam. Es ist natürlich immer auch eine Frage, in welchem Stadium einer Beziehung man sowas sagt. Es ist ja gewissermassen nicht nur eine Aussage zur eigenen Situation in der Welt, sondern auch eine strategische Bemerkung zur Beziehung, in der man spricht.

Ich würde von mir auch sagen, ich sei monogam, obwohl ich im strengsten und naturwissenschaftlichen Sinne das nicht immer war, natürlich "monogam", aber manchmal "untreu" oder nicht immer "treu". Wenn es eine starke Liebe ist, dann kreisen alle Gedanken um diese Person. Dann bewegt sich die gesamte Seele auf dieses schöne Gegenüber zu. Dann entstehen diese Kilometermails. Und ich weiss, dass die Sexualität für uns nur dann wirklich schön und erfüllend ist. Doch auch hier glaube ich, dass wir ein bisschen altmodisch sind, oder dann vielleicht wieder hochmodern. Die Sexualität hat sich in den letzten Generationen infolge der Pille und der Anticeptiva sehr verändert. Die Monogamie qua sexuelle Treue war ein wichtiges Element der bürgerlichen Ideologie, also gute 200 Jahre alt. Sie war teil der Familienideologie (jetzt kommt dein Stück Don't break my heart..., die CD läuft immer wieder), und natürlich vor allem ein Machtinstrument der Männer zur Kontrolle ihrer Frauen. In der Akkumulation von Reichtum, einer Funktion der Familie, ging es darum, zu sichern, dass nur leibliche Nachkommen das Erbe übernehmen können. Da waren Kuckuckseier nicht zu gebrauchen. Heute hat sich die Sexualität weitgehend von der Reproduktion, dh. vom Kinder zeugen, getrennt. Sie hat sich zu einer allgemeinen Sinnlichkeit emanzipiert. Und sie ist durch ihre Präsenz in allen Medien und allezeit und überall aus der privaten Sphäre in die öffentliche gerissen worden. Ich glaube, diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die sex. Treue sich sehr gewandelt hat. Auf der anderen Seite haben Faktoren wie AIDS eine grosse Rolle gespielt.

Ich denke oft an meine Töchter und an das Problem von AIDS. Es ist ungeheuerlich. Wenn wir ihnen sagen, sie dürfen nur geschützten Sex machen, so arbeitet in einer romantischen ersten Nacht dem doch alles entgegen. Wenn man mit jemandem verschmelzen möchte, zum ersten mal im Leben dieses grosse Gefühl erlebt, kann man doch nicht gleichzeitig noch misstrauisch sein gegen diese Person. Es ist doch fast unmöglich! Ich weiss wirklich nicht, wie die Jungen das hinkriegen sollen. Und ich denke, sie brauchen einfach einen starken Schutzengel.

*

Freue dich ..

date 16 December 2004 21:05
subject Freue dich..


Lieber ...,
Wie schön, dass du freie Tage hast. Ich weiss wie sehr man sie
schätzt, wenn man mitten im Berufstrubbel steht. Sicher wirst du
beide deine Wünsche erfüllen können. Ein paar ruhige Tage zu
Hause in Stille und Gemütlichkeit und dann zwei erlebnisreiche
Wochen unter herrlichem Sonnenschein. Ich freue mich mit dir.

Ich muss dir etwas komisches erzählen. Ich habe ein ganz kleines
winziges Bild gefunden, was in einem Automaten von mir gemacht
wurde. Es muss damals gewesen sein, als ich gerade zu meiner Tante
geschickt worden war .. für eine kurze Zeit, wie ich glaubte. Nun habe
ich es mit dem Scanner vergrössert. Und wenn ich das Bild betrachte
werde ich traurig. Weiss garnicht wie das kommt. Ich fühle mich als
hätte ich eine grosse Schuld diesem kleinen Mädchen gegenüber, als
hätte ich ihr Leben nicht richtig verwaltet. Findest du das nicht sehr
komisch? Oder ist es eine normale Reaktion?
Auf dem Bild trage ich ein kleines Tweedmäntelchen und auf dem
Kopf einen etwas dunklen Hut. Ich frage mich, ob Kinder wirklich so
gekleidet waren damals oder ob nur meine Tante nicht wusste, wie
man Kinder anzog. Mein Haar ist in Zöpfe geflochten, die vorn über
den Mantel runterhängen. Und dann sieht man meine ganz hellen
Augen, die so unschuldig in die Welt schauen.

Ach, ich bin sentimental. Übrigens bekomme ich manchmal ein
ähnliches Gefühl., wenn ich kleine Kinder anschaue. So als hätte
ich ein grosses Mitleid mit ihnen, wenn ich daran denke, was ihnen
das Leben antun kann.

Doch Schwamm drüber. Es ist fantastisch, wie schnell man aus einem
winzigen Bild eine Vergrösserung machen kann. Hast du ein kleines
Bild aus deiner Kindheit? Schick es mir, ich meine leihe es mir eine
Weile aus und ich werde dir ein Portrait davon machen. :-)

Schön, dass du noch einmal geschrieben hast.
...

Dienstag, 20. April 2010

Happy end

den 7 april 2000 01:15
Fortsetzung : happy end


Liebe Marlena

Weißt du, wie wunderbar es ist, von dir einen schönen langen Mail zu bekommen? Du bist ein Schatz, wie könnte ich es anders sagen. Du scheinst eine sehr grosse Naturliebhaberin zu sein. Und es ist schön, wie du das erzählen kannst. Ich weiss jetzt allerdings noch nicht so genau, wie ich meinen Baum hätte schneiden sollen. Aber das macht nichts, er ist geschnitten. Ich habe es ein bisschen nach dem gesunden Menschenverstand gemacht. Doch der reicht ja bekanntlich nicht immer aus.
Weißt du, meine liebe Mausfreundin, die Fragen, die ich dir zu meiner Person gestellt hatte, waren irgendwie meine letzte Karte, die ich - leicht übernächtigt - spielen konnte. Ich wollte dich endlich dazu bringen, dass du mir mehr schreibst als die lieben Grüsse. Die Grüsse sind lieb von dir, vor allem wenn ich denke, dass du sie manchmal sogar morgens vor der Arbeit schreibst. Ich könnte dich umarmen dafür. Ich mag deine lieben Grüsse wirklich sehr, aber es genügt mir oft nicht. Und jetzt hast du mir wirklich die vérité und nichts als die vérité erzählt. Ich kann dir verraten, Marlena, die vérités, die wir uns in unserer Jugend an den Kopf geschmissen haben, waren um einiges härter. Deine Wahrnehmung ist ziemlich zutreffend, würde ich sagen, ist natürlich leicht zu sagen, bei den vielen positiven Aspekten, die du erwähnst. Nur einen Punkt muss ich doch etwas verschieben und ins rechte Licht rücken. Wenn ich hier in Basel vor meinen Bekannten behaupten würde, ich wäre ein Latino, dann würden sie lachen und wiehern wie die Pferde. Ein Latino bin ich nun bei weitem nicht. Stell dir meinen Beruf, mein Alter und die Mentalität der Schweizer vor. Nein, Latino, ach Simine wäre vielleicht stolz darauf und begeistert. Ich kann mich zwar sehr gut erinnern, dass ich eine solche Bemerkung gemacht habe. Aber wenn man den Kontext berücksichtigt, meint das dort vielleicht eher einen Gefühlsüberschwang auf einem kühlen Hintergrund. Das klingt jetzt etwas kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Ich glaube, einen grossen Teil des Eindruckes macht das Medium, dh. die Tatsache, dass man sich nicht in die Augen sieht.
Das Bild mit dem Turm, den ich baue, und wo du nur vorsichtig einige Steine beisteuerst, hätte ich ähnlich verstanden, wie du es mir jetzt erklärt hast. Dazu gäbe es natürlich vieles zu sagen. Aber ich habe mir vorgenommen, mich etwas kürzer zu fassen. Weißt du, Marlena, ich bin nun ja vom Beruf her und vom Alter her und von der Lebenserfahrung her auch nicht mehr ganz ein gutgläubiger draufgängerischer Jüngling. Ich habe irgendwo angedeutet, dass ich schon weiss, dass für mich deine Schönheit mit der Distanz zwischen uns zusammenhängt. Es ist Flirt dabei und Nettigkeit. Ich weiss das schon, dass es zum Teil Wahrheit ist und zur anderen Teil Imagination. Doch die ganze Literatur, die wir beide mögen, ist so. Ich bin auch ein Typ, der sich für gewisse Sachen oder Personen sehr begeistern kann. Ich könnte mich leicht, ja, habe ich gesagt, in Saint-Ex vertiefen, einfach weil wir darüber gesprochen haben und weil ich ihn schlecht kenne und weil ich denke, ich könnte über dich etwas darin lernen. Ich kann mich aber auch fürs Modellieren begeistern, für den spanischen Stierkampf oder für ein neues psychologisches Buch. Wenn es denn sein müsste, könnte ich mich sogar für Mathematik oder Physik begeistern. Ich bin wirklich ziemlich vielseitig. Mit dieser sehr intuitiven und gefühlsmässigen Begeisterungsfähigkeit habe ich viel gelernt in meinem Leben, und ich glaube, darin bin ich noch ein bisschen wie die jungen Menschen. Vielleicht muss ich sagen, ich habe sogar noch mehr davon als manche Junge, denn die sind heute gelegentlich schwer zu begeistern.
Ich habe bemerkt, dass du umso zurückhaltender wirst, je mehr ich schreibe. Eigentlich wollte ich dich mit meinen langen Mails auch dafür begeistern, dass du zu erzählen beginnst. Ich glaube, wenn man von schönen Erfahrungen erzählt, ist es so, als ob man sie nochmals erleben würde. Was sage ich? Es ist nicht bloss als ob, es ist WIRKLICH so, für den Körper und für die Seele, es kann noch intensiver sein als damals. Stell dir dein Zirkuserlebnis mit deinem Vater vor. Ist doch schön, das wach zu behalten, und es gibt dir einen Teil jenes behüteten Glückes wieder, das man nur in der Kindheit so haben kann und das nie mehr so kommen wird. So nicht, aber in der Erinnerung. Solche Erfahrungen und Erinnerungen vermehren die positive Substanz, sie machen glücklich, zufrieden und sind - nebenbei - auch sehr gut für die Gesundheit. Da bin ich mir sicher. Und dies ist alles doch irgendwie ein Teil der Serenität, die wir im Leben und durch das Mausleben erreichen wollen. Irgend einmal habe ich gedacht, es sei falsch, dir so viel und so ohne Zensur zu schreiben. Du stehst atemlos und mit dem Rücken zur Wand und siehst diese Fluten vorbeifliessen. Du sagst selbst, es macht dich stumm. Es ist einfach eine Überschwemmung für dich. Du hast zwar immer Begeisterung gezeigt, aber vielleicht war darin auch sehr viel Höflichkeit. Wenn wir diesen Punkt und dessen Erkenntnis in einen § giessen wollen, dann müssten wir irgendwie sagen, wir machen einen Dialog, und nicht einen Monolog. Monologe führen zu nichts Neuem, sie sind repetitiv. Dialoge aber sind inspirativ, oder zumindest können sie es sein.
Also, ich bitte dich Marlena, sprich mit mir, zeige dich, erzähle mir so wie heute. Fang bei dir an. Du musst nicht unbedingt meine Fragen beantworten. Wenn sie wichtig sind, kommen sie wieder. Ich weiss sehr genau, dass es nicht rundum so ist, wie ich es mir vorstelle. Aber ich höre gern, wie es wirklich ist. Und ich glaube nicht, dass ich enttäuscht bin, wenn ich meine Illusionen erkenne. Es sind ja auch viele verbale Gesten im Spiel. Ein oder zwei mal hatte ich den Eindruck, du hälst mich für sehr narzisstisch. Das heisst, du denkst, ich sei sehr schnell beleidigt und ziehe mich zurück. Ich glaube nicht, dass ich so sehr empfindlich bin. Natürlich ist es immer schwierig, sich selbst zu beurteilen. Aber das gehört nun ja auch zu meinem Beruf, dass man nicht überempfindlich sein soll.
Und bei all dem Gesagten möchte ich dir ehrlich sagen: ich bewundere dich, weil ich weiss, dass du eine schöne und eine intelligente Frau bist. Die heutigen (dh. gestrigen) Mails sind so natürlich und gerade und klar und ungekünstelt, das mag ich sehr an dir. Zu deinem ersten Foto, das du mir geschickt hast, habe ich immer wieder gedacht: alle Eltern müssten sich eine solche Schwiegertochter wünschen. Sie zeigt alle wunderbaren Möglichkeiten einer Frau. Und dazu hast du soviel Kenntnisse und Gespür für Rilke. Ich habe nie im Leben jemanden getroffen, der sosehr meine stille Begeisterung für diesen guten Rilke geteilt hat. Und es ist unglaublich, dass du das in einer Fremdsprache erreichen konntest. So bist du meine Schwester im Geiste. Und es ist schön, deine Zitate zu lesen. Wenn es Liebesgedichte sind, dann ist es noch schöner und es kitzelt ein bisschen in der Bauchgegend. Aber es macht natürlich so etwas wie Liebe. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und das weißt du als Frau noch besser als ich. Für mich ist das kein Problem. Ich habe deswegen keine Schuldgefühle gegenüber S. oder meiner Familie. Ich kann mit meiner Familie schliesslich auch nicht über Rilke diskutieren.
Doch weißt du, Marlena, angenommen, du würdest nächstes Wochenende auf dem Flughafen Kloten in Zürich landen (was ja nun - weiss Gott - nicht gerade anliegt), und ich würde dich abholen, um dich im Wallis auf Rilkes Spuren herumzuführen (ist doch ein schönes Beispiel gewählt?), ich wäre ein bisschen scheu dir gegenüber, ich wüsste nicht, ob wir uns jetzt sehr förmlich die Hand drücken sollen und ob vielleicht eine französische Begrüssung nicht doch etwas zu gewagt sei. Wir könnten uns zum Anfang vielleicht nicht einmal allzu lange in die Augen schauen. Schliesslich sollte man höflich bleiben. Schreiben kann man vieles, tun ist was anderes.
So nimm denn alle meine Worte zum §5 mit deinem Herzen entgegen. Es sind Worte, klar, aber es ist doch etwas mehr als blosse Worte.
Ich danke dir für die zwei schönen Mails. Sie haben meine Woche gerettet. Und hoffentlich bist du zeitlich dennoch über die Runden gekommen.
Mit einem feinen Küsschen
...

die "vérité"

Fortsetzung "ein Steak?"

Lieber ...,
...
Du möchtest dass ich dich beschreibe und dir die "vérité" sage? Nun, diese kenne ich ja nun sicher nicht ganz aber den Eindruck den ich von dir habe brauche ich dir nicht zu verschweigen. Du bist vielseitig begabt, intelligent, humorvoll, einfühlsam (heisst es so?) und noch einiges mehr. Du hast mir selbst gesagt du seist wie ein "Latino". Nun, was solche Männer sagen nehme ich meistens mit einem Körnchen Salz. Es ist ihre Art und bedeutet eigentlich nichts. Doch weiss ich nicht sicher wie es mit dir ist und so freue ich mich jedenfalls darüber als ob es wahr sei und versuche es dann wieder zu vergessen. :-)
Wenn ich dich anstellen würde? Eines würde ich jedenfalls tun. Immer kontrollieren ob du nicht mit jemanden während der Arbeit chattest. (Wahrscheinlich aus Eiersucht ;-)))

Wenn ich dich schon anstellen müsste dann möchte ich Verlagschef sein. Ich würde dir ein fettes Honorar vorausbezahlen damit du dich dann ganz dem Verfassen widmen könntest und auch mehr Zeit hättest für deine künstlerischen Aktivitäten.
Sag, könntest du denn nicht eine kleine Sonnenbeterin machen. Das würde ich hier eher gebrauchen. Übrigens: mein PC steht natürlich nicht im Garten obwohl ich hier einen schönen Blick auf den Garten habe. Hast du nicht das Bild von Ior gesehen mit der Wolke die gerade über ihm stand? Es war symbolisch gemeint.
Ich glaube auf keinen Fall dass du anstrengend bist für deine Umgebung. Im Gegenteil bist du sicher ein Mensch der immer viel Freude um sich verbreitet. Bin ich übrigens auch :-)
Ich werde dir mal einen Arbeitstag etwas mehr eingehend schildern damit auch du mich vor dir sehen kannst. Ich kann dich schon ziemlich gut bei deiner Arbeit beobachten.

Muss nachsehen ob ich etwas von dir finde. Hoffentlich!!!
Ach ja, ich erinnere mich dass du heute irgendeine Sitzung hast. Schade!

Wünsche dir noch einen schönen Abend
Marlena

Danke für deine süsse Nachspeise! *freu*

Montag, 19. April 2010

Coffee time

Subject: coffee time, mein Schwesterchen
Date: Fri, 19 May 2000 05:35:22 GMT


Liebes Schwesterchen Marlena

Du bist blauäugig, nicht wahr? Wir können doch nicht eine halbe Stunde chatten. Stell dir vor, wenn wir chatten, dann werden es gute 4 Stunden, und kaum eine Minute weniger. Und dann sitzen wir fast fiebrig vor diesem verfluchten Bilschirm und warten und warten und das System schleppt sich dahin wie eine Schnecke und alle die Leute können dumme Sprüche machen, nur unser wichtiger Satz kommt nie. Er kommt einfach nie. Du könntest verzweifeln, er scheint vom System verschluckt worden sein. Und dann, wenn du längst bei anderen Gedanken bist, kommt dieser verfluchte Satz so langsam und fremd wie ein Findling, wie eine Faust aufs Auge, er passt überhaupt nicht mehr, weil du längst bei anderen Dingen bist. Er verwirrt bloss.

Und so etwas unbarmherziges nennen wir kurz Chat.

Tut mir leid, mein Liebes, aber ich war wirklich abwesend gestern. Es hat mir nicht mehr gereicht.

*

Ich hoffe, du hast mir in deiner Sehnsucht ein schönes langes Mail geschrieben. Schau was du hier sagst: ich könnte dir jetzt viel darüber schreiben aber du weißt wie das kommt. Ich weiss, meine Marlena, ich weiss überhaupt nicht wie das kommt. Und du hast keine andere Wahl, denn zu schreiben. ...
*

Etwas hat mich befremdet, ein bisschen verletzt. Du hast in unserer Diskussion um Rom erwähnt, dass du ...
Ach, vielleicht bin ich ungerecht. Beweise mir, dass ich ungerecht bin, mein Schwesterchen.

*

Aber ich will nicht nur reklamieren am Morgen früh, wie ein schlecht ausgeschlafener Ehemann. Das wäre doch schlimm. Nein. Schau meine Liebe, es hat mich gefreut, dass du erstmals GKH geschrieben hast. Du verstehst, was ich meine. Es sind die Nuancen, die wichtig sind. Dieses H hast du vorher nie erwähnt. Die Fantasien von Rom habe ich noch nicht aufgegeben, die Hoffnung schon. Es war auch so merkwürdig, welche Argumente du vorgebracht hast. Du hast gesagt, du kannst nicht weg, deine Familie lässt dich nicht gehen. Ok. Das muss ich akzeptieren, kann ich nicht selbst beurteilen. Dann hast du aber auch angedeutet, dass wir vielleich voneinander enttäuscht wären, dass man - wie soll ich sagen - nicht so einfach miteinander ins Wasser springen kann. Das finde ich, ist eine andere Klasse von Argumenten. Wenn du so denkst, dann musst du die nötigen Bedingungen ausdenken und sagen. Vielleicht ist es zu lange, 3 Wochen. Vielleicht in 2 verschiedenen Hotels. Wir treffen uns nach dem Frühstück und verabschieden uns um 1600h. Und wenn ich dann sehr sympathisch bin und du so von mir begeistert bist, kannst du mir eine Viertelstunde länger geben. Dann geben wir uns unseren Abschiedskuss bei der spanischen Treppe um 1615h. Ich bin doch sehr kompromissbereit. Ach, Marlena, du stehst da wie eine Salzsäule und ich ? Das führt doch zu nichts. Es gibt doch keine Freundschaft, wenn einer sich alles allein ausdenken soll. Das führt eher zum Käfig als zur Freundschaft.

*

Es tut mir leid, dass du so früh aufstehen musstest. Das ist phänomenal und ich bewundere dich. Sowas habe ich seit meiner Gymnasialzeit nicht mehr gemacht. Damals bin ich ab und zu sehr früh aufgestanden, weil ich noch etwas lernen musste und am Vorabend keine Zeit mehr hatte. Aber du in deinem Alter, das ich nun ja überhaupt nicht kenne, das finde ich phänomenal. Ich hätte es am Morgen gerne übernommen, dir einen besonders starken Kaffee zu machen. Damit du auch wieder in die Höhe kommst.

*

Findest du nicht auch, die neuen Anreden Schwesterchen und Brüderchen bringen eine etwas andere Gefühlslage. Es ist doch merkwürdig, wie sehr unsere Gefühle an Worte konditioniert sind. Nein, merkwürdig ist es nicht, aber ich beobachte es hier besonders. Darin liegt ja wohl die Wirksamkeit der Liebeslieder, mit denen du mich immer wieder betört hast, vielleicht sogar nolens volens. Ich von mir aus hätte mich nie in dieses weite heikle Feld hinausgewagt. Ich hätte es mir nicht erlaubt. Aber es ist schön, mein Schwesterchen, mach weiter so. Machen wir nun halt inzestuöse Liebe. Auch gut. Das ist gleichzeitig unschuldig und erotisch und dazu noch illegal. Das ist schon eine dicke Packung.

Schwesterchen, ich habe viele Fragen gestellt. Beantworte mir wenigstens einige.

Du bist mein Schatz, Schwesterchen.

Je dirais que...

den 18 maj 2000 17:44
Je dirais que tu me manques déjà, mon petit frère :-)


Ach, mein liebes Brüderchen, wie schade dass du nicht mehr kommen kannst heute. Ich bin nämlich etwas frei und könnte eine halbe Stunde ;-) mit dir chatten wenn es ginge.
Weisst du, heute hab ich doch schon um 4.30 angefangen und jetzt habe ich ununterbrochen gearbeitet. Und weisst du was ich mir dabei gedacht habe? Wenn ich nach Hause komme, darf ich als Belohnung sofort ins Internet gehen und sehen ob mir mein Schatz ein paar Zeilen geschrieben hat.
Du bist wirklich der liebste Mensch den ich kenne und die Idee mich zu einem Familienmitglied zu machen ist nicht schlecht. Denn Geschwister ist man für immer, da gibt es kein Adieu.

Lys Assia singt:

Für immer, möcht ich bei dir sein,
für immer nur bei dir allein,
mit dir lachen, mit dir weinen
nur dich allein lieben
und alles verzeihn..

Ja, wir lachen und weinen zusammen. Das Weinen habe ich nie mit jemanden getan. Immer nur für mich allein (und seit langem nicht einmal das).
Ich könnte dir jetzt viel darüber schreiben aber du weisst wie das kommt..
Schreib mir doch bitte noch ein paar Zeilen, wenn es geht. Oder komm eine ganz kleine Weile in den ST.
Ich schau bald wieder rein um zu sehen was du dazu sagst.
G + K + H
Marlena