Dienstag, 9. März 2010

Buona notte ...

den 16 maj 2000 00:24
Buona notte ...


Lieber ...,

Es ist schon wieder spät geworden - wann wird es das nicht bei mir? Ich habe eine CD mit Schubert aufgelegt und so fühle ich mich noch näher bei dir.
Hoffentlich warst du nicht zu sehr enttäuscht von der CD mit Vaya con Dios. Ich höre sie gern, aber nur wenn meine Stimmung dazu passt. Es steht ein wenig über die Gruppe in dem kleinen Folder in der CD und da kannst du sicher auch die Namen der Musiker sehen.
Ach, du machst mir immer so viele Komplimente dass ich am Ende ganz sicher bin dass du einmal sehr enttäuscht wärest, denn niemand kann so perfekt sein wie du mich machen willst :-)
Es ist bald elf Uhr und es beginnt ein wenig zu dämmern. Man merkt wie die Tage immer länger werden. Im Fernsehen zeigt man jede Woche wann die Sonne auf- und untergeht in den verschiedenen Teilen von Schweden und letzt (ich glaube es war am Samstag) sah man dass die Sonne schon jetzt eine halbe Stunde länger aufbleibt oben in Luleå im Verhältnis zu hier.
Es ist schade dass wir gerade zu dieser schönen Jahreszeit so wenig Zeit haben die Natur zu geniessen. Im Moment blüht überall der Flieder. Da erinnern wir uns immer an den Schuster der um diese Jahreszeit ein Schild an seine Tür hängte mit den Worten: "Geschlossen zwischen Traubenkirsche und Flieder". Manche Jahre bekommt er nicht viel Urlaub :-)
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Wie schön du mir von dem Abend bei euch erzählt hast. Es freut mich so sehr wenn du das tust denn auf diese Weise lebe ich fast doppelt. Ich habe wirklich manchmal den Eindruck dass ich zwei parallele Leben lebe. Und so kann man wohl sagen dass ich nicht die kurze Zeit vergeude die uns gegeben ist. Manchmal kommen mir auch Bedenken dabei. Denn wenn ich nun schon unfreiwillig gegen den § 5 verstosse so möchte ich wenigstens verhindern dass ich es auch gegen die übrigen tue. Manchmal denke ich wie schön sicher es doch war in diesem Gefängnisturm...und nun sind wir ausgebrochen und stehen auf dem minierten Feld und ich weiss nicht wohin ich treten soll...
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Es war ein sehr schönes Fest am Freitag Abend. Åke hielt es bei sich zu Hause und er hatte ein wunderbares Mittagessen für 30 Personen gekocht. Ich wurde vor dem Haus abgeholt damit ich ja nicht auf die Idee kommen sollte mein Auto zu nehmen und so konnte ich auch den "välkomstdrink" und später auch den guten Rotwein geniessen. Die Stimmung war zeitweise sehr hoch und wir lachten dass sich fast das Dach erhob. Man konnte sich setzen wie man wollte und zum Glück kam ich an einen Tisch mit lustigen Leuten mit denen man sich leicht unterhalten konnte. Neben mir links sass ein seit einigen Jahren pensionierter Kollege. Einer von dieser seltenen Sorte die noch eine gediegene klassischen Bildung besitzen und ausserdem sehr spirituell ist.. Er ist auch sehr vermögen und sehr geizig (eine nicht ungewöhnliche Kombination) :-) Er erzählte dass er jetzt eine Anstellung als Kirchenältester hätte worauf ich sagte: "Da stiehlst du sicher aus der Kollekte". Nein, nein, meinte er. Ich werde dir sagen was ich mache. Ich lege das ganze Geld auf ein Tablett gehe hinaus, schau zum Himmel hinauf und sage "Herr nimm was du davon haben willst und ich nehme was übrig bleibt" Dann zeigte er wie er das Geld in die Luft wirft. Nun muss man ihn vor sich sehen können um richtig zu verstehen wie lustig das aussah. Er stammt von Wallonen und hat grosse braune Augen die dann vor Unfug leuchten. Ich wollte dir auch von anderen Leuten erzählen, aber das habe ich schon in Gedanken getan und ich möchte mich nicht wiederholen ;-)
Åke hat auch eine schöne Rede an mich und meinen anderen Kollegen (dessen Geburtstag wir eigentlich feierten) gehalten. Er sprach von Dingen die ich fast vergessen hatte und ich fühlte mich sehr geehrt. Ausserdem hat er ein paar schöne Lieder zur Gitarre vorgetragen. Das junge kanadische Mädchen in unserem Arbeitszimmer hatte grosse Torten gebacken zum Kaffee nachher und wir bekamen Blumen und Geschenke. Ach, es war ein schöner Abend .Man sollte öfters feiern nur leider fehlt uns besonders in den letzten Wochen des Schuljahres eben die Zeit dazu. Hier hört der Unterricht am 9 Juni auf. Danach haben wir noch eine Woche Konferenzen vor den Sommerferien. Und dann kommt eine harte Zeit für Mausfreunde. Ach, chéri, wie soll ich das nur aushalten, so lange von dir entfernt zu sein.
Du hast recht, ich fühle mich irgendwie sehr verwandt mit dir. Unsere Jugend mit einer neuen Mutter als wir Kinder waren aber auch später im Leben. Du darfst nicht glauben dass deine Worte nicht zu mir dringen.. ich trage sie tief in meinem Herzen . Sie berühren mich sehr stark und wecken so viele verschiedene Gefühle bei mir. Und mit jedem Mail bindest du mich fester an dich. Du vergisst doch nicht "on devient responsable de ce qu'on apprivoise".
Ja, ich habe deine letzten Briefe nochmals durchgelesen. Neben M im Bus habe ich sie gelesen und auch im Hotel bis ich neue von dir erhalten habe. Du warst wirklich immerzu in meinen Gedanken in Prag und die Stadt wird für ewig mit dir verbunden sein. Weißt du ich bin eigentlich nie unfreundlich behandelt worden von den Tschechen aber etwas habe ich bemerkt. Einmal als M und ich nicht die U-bahnstation fanden fragten wir einen Mann. Er war Arzt und begleitete uns sogar in der U-bahn obwohl das nicht sein Weg war. Wir unterhielten uns auf Englisch aber als ich versuchte etwas auf Deutsch zu erklären merkte ich dass er das nicht so gern wollte obwohl er es gut sprechen konnte. Ich glaube der Hass gegen die Deutschen muss noch weiterleben.. oder bilde ich mir das nur ein?
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Es stimmt wie du sagst. Finnland erlebt ein kleines Wirtschaftswunder im Moment. Sie sind sehr erfolgreich in ihren Handelsverbindungen. Und dieses Nokia ist in dem letzten Jahr sehr gross geworden. Ich habe immer eine Vorliebe für Finnen gehabt. Sie sind so offene und natürliche Menschen.
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Der Brief an Camus war sehr schön zu lesen aber ein paar Zeilen vom Schluss stimmt was nicht. Vielleicht hast du etwas ausgelassen. Macht aber nichts denn man versteht den Zusammenhang trotzdem. Weißt du ich finde es ist ein grosses Wunder dass ich einen Menschen wie dich so aus Zufall kennengelernt habe. Es ist nahezu unfassbar.
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Ich habe noch sehr viele Fragen von dir zu beantworten. Ich werde es nach und nach tun. Hab Geduld mit mir, bitte. Bald habe ich weniger Stress im Beruf und dann werde ich die nötige Ruhe haben ausführlicher zu schreiben.
Jetzt muss ich dich verlassen für heute (schon Morgen?).
Ich wünsche dir einen angenehmen Tag
In Sehnsucht und Maladi
Marlena

Wien und Prag

Liebe Marlena
Ich bin begeistert zu hören, dass Du als Kind in Wien und Prag gelebt hast. Da hast du ja die späten Zeiten der k&k Monarchie miterlebt. Welchen Eindruck hast du bekommen? Da musst du einiges zu erzählen haben? Ich erinnere mich an deine Bemerkung, du bringst den Plot und ich schreibe den Roman. Wollen wir gleich anfangen? Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben die Oesterreicher enorm gewonnen. Ich merke das am Oe-Fernsehen. Sie bringen gute Sendungen und haben etwas zu sagen. Sie sind wieder und viel mehr als in der Zeit des kalten Krieges zur Brücke nach Osten, in den Balkan, in den Orient geworden. Sie haben auch die Mentalität, den vorderen Orient und den Balkan zu verstehen und uns Europäer mit diesen explosiven Regionen zu vermitteln. Nein, die Oesterreicher sind ok, obwohl wir Schweizer jede Menge Witze über sie machen. Zur Zeit haben sie etwas Probleme mit ihrer Regierungsbildung. Aber das wird sich geben. Die Beteiligung Haiders ist für Israel v.a. ein Skandal. Und er ist in der Tat wohl ein skupelloser Machtmensch. Doch wir werden sehen.
Und dann noch Prag. Das muss ja eine wunderschöne Stadt sein. Ich kenne nur ein Bild Kokoschkas von Prag. Und das mag ich sehr. Seit Jahren möchte ich einmal Prag besuchen, und das – es sei Dir gesagt Marlena – nicht nur wegen des guten Biers, welches sie dort produzieren. Prag hat bei uns natürlich auch einen Nahmen wegen seiner deutschsprachigen Tradition mit literarischen Schwergewichten wie Kafka und Rilke. Besonders Rilke mag ich sehr. Er hat ja eine Zeitlang im Süden der Schweiz in einem kleinen Turm gelebt und ist auch dort, an der Mauer der Kirche in Raron begraben worden. Ganz in der Nähe habe ich in meiner Jugend gelebt und nicht weit der Kirche von Raron haben wir etliche heisse Sommernachtsfeste gefeiert, mit viel Wein, Grill und lustigen Sprüchen. Was Wien und Prag verbindet, das ist nicht nur Marlena, das ist auch das Kaffeehaus, eine europäische Institution, die eng mit der Aufklärung verknüpft ist. Europa, so kann man sagen, Europa, das ist das Kaffeehaus. Dort konnte man Zeitungen lesen, Schach oder Billard spielen, Gäste empfangen, rauchen und herumsitzen, sehen und gesehen werden. Es hat einige europäische Intellektuelle gegeben, die ihr Kaffeehaus als Adresse angegeben haben. Die Post wurde dort aufbewahrt, bis er wieder kam. Kaffeehäuser gabs von Portugal bis Krakau, von Wien bis London. Es muss sie auch in Schweden gegeben haben oder noch geben? In Zürich gab es überigens das Café Odeon. Während meiner Studienzeit war es noch offen. Es war wunderbar, wie ein Bahnhofwartsaal mit riesigen Hallen, Marmortischchen und irgendwie schweren Ledersesseln an den Wänden. In den Fensternischen konnte man einen Vorhang ziehen, dann war man ungestört und sass praktisch auf dem Bürgersteig draussen. Dort konnte man immer wieder Schriftsteller beobachten, die zu arbeiten versuchten. Es sah von aussen wie ein Schaufenster für Schreibarbeit aus. Das Odeon wurde dann von Haschisch-Konsumenten überschwemmt und irgendwann geschlossen. Heute gibt es nur noch eine kleine Bar. Aber der alte ehrwürdige Name ist geblieben, den sich das Café bei den vielen Emigranten, Künstlern und Schauspielern, während des 2. Weltkrieges erworben hatte.
Ich nehme jetzt an, Marlena, du kannst Deutsch mit Wiener Akzent sprechen. Du hast den echten Wiener Schmäh? Das ist natürlich sehr charmant. Ich glaube, die Wiener sind eine eigene Mischung, sie haben eine Lebensphilosophie, die sehr apart ist, eben vielleicht vom Balkan und vom vorderen Orient her beeinflusst. Das kann man nur schon daran sehen, welche Bedeutung der Friedhof und der Tod bei den Wienern hat. Der Zentralfriedhof muss das reine Vergnügungsviertel sein. Und dann gibt es doch diese melancholischen Wienerlieder! Kennst du die und magst du sie, Marlena? Oder es gibt die Fiaker. Marlena, du hast wahrlich in einem Museum Europas gelebt. Ich gratuliere Dir und ich hoffe, du bist heil davongekommen (;-).
Erzähl mir davon, aber lass Dich nicht forcieren.
Mit einem kleinen Kuss
...

(febr. 2000)

Sonntag, 7. März 2010

Freitag Morgen 2

(Fortsetzung)
Am Samstag hat meine Mutter zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen.
Sie ist 80 geworden. Es sind etwa 30 Personen, die kommen. Wir
haben ein Essen im Hotel, dann einen kleinen Ausflug im Autocar
zu einem Ausblickspunkt. Dort gibt es offenbar Kaffee mit Kuchen,
wie die Deutschen sagen würden. Ich mag solche Familienschläuche
nicht sonderlich. Aber bei diesem hohen Geburtstag will ich ein Auge
zudrücken. Meine Geschwister haben mich gedrängt, ein paar Worte
zu sagen. In einem Kunstbuch habe ich kürzlich von einem
amerikanischen Maler gelesen: It is best to think of the faces as
mirrors. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis wäre. Das wissen wir
in Europa schon seit Jahrhunderten. Aber wenn ein Amerikaner das
in so kindlich naiven Worten sagt, dann ist es fast wie eine neue
Erkenntnis. So habe ich mir gedacht, dass ich alle die Kinder und
Kindeskinder frage, was sie an ihrer Oma oder Mama schätzen.
Und das werde ich dann irgendwie vortragen. Unsere Mama, soviel
ist nach den bisherigen Gesprächen klar, ist eine vielgeliebte und
hochgeschätzte Oma. Die Kinder mögen sie besonders, weil es bei
ihr immer spannend ist. Sie nimmt sich Zeit, macht Anregungen zu
Spielen und Beschäftigungen, hat immer Utensilien, Papier und
Kleister bereit für Bastelarbeiten, und hat selbst viel Fantasie und
Fingerbegabung, um eigene künstlerische Dinge zu gestalten. Sie
macht schöne Zeichnungen im Freundschaftsalbum. Sie kann aus
Abfall einen virtuellen Blumenstrauss basteln. Und sie erzählt
Geschichten, die sie gleich aus dem vergangenen Tag heraus
kondensiert und am nächsten Tag fortsetzt. Es sind ihre daily
soapes, wie ich spasseshalber sage. Ich glaube, mich hat vor allem
ihre lebendige und plastische Fantasie beeinflusst, und sie hat mir
gezeigt, wie man sie im Leben nützlich gebrauchen kann, so dass
die Spielräume des Lebens offener und vielfältiger werden. Ich
glaube, als ich noch jung war, waren meine Möglichkeiten durch
die schwierigen Erlebnisse ziemlich begrenzt. Ich fühlte mich damals
auch irgendwie scheu und eingeengt. Vielleicht ist auch die Thematik
meines Studienabschlusses von ihren Anregungen beeinflusst? Man
bemerkt solche Dinge ja manchmal erst viel später im Leben. Auf
jeden Fall ist sie eine sehr anregende und intelligente Frau, die mit
viel Fingerspitzengefühl und Diskretion ihre Lebenserfahrung
entfaltet.
---
Mein Schwager T. hat mir erzählt, dass er zu ihr gehen würde, wenn
er eine Vertrauensperson suchte, um irgendwelche persönlichen
Lebensprobleme diskret besprechen zu können. Und er bewundert
an Oma, dass sie sich in ihrem Alter vor einigen Jahren noch einen
Computer gekauft hat, um ihre Briefe zu schreiben, was wegen ihrer
geschwächten Augen nicht mehr allzu leicht ist.
Ich glaube, die Kinder mögen an ihr vor allem diese grosszügige
und akzeptierende Lebendigkeit, diese inspirierende Präsenz und
Neugirde, mit der sie Anregungen gibt und die Ideen der jungen
Seelen in ihrer ganzen Unvollkommenheit akzeptiert. A. hat
zwinkernd gesagt, ein Spaziergang mit Oma und ein Spaziergang
mit uns, dazwischen lägen Welten. Und meine kleine Schwester
erinnert sich, wie sie ihr in allen Lebenssituationen, da sie zögerte,
Mut zugesprochen habe. Du kannst das, habe sie immer wieder
gesagt. Es war eigentlich S's Idee, an diesem Fest der Mama einige
schöne Sachen zu sagen. Und - so denke ich - werde ich es versuchen.
Mama selbst soll gewünscht haben, dass es ein lustiger Anlass wird.
Sie habe angeregt, dass man doch Witze erzählen solle. Und so habe
ich auch S angeregt, vielleicht einige zu finden. Wir werden sehen,
wie es herauskommt.
Ich muss noch meine ältere Schwester und ihren Sohn sprechen,
sowie meine zwei bellesoeurs (heisst das so, schreibt man das so??)
*
Und jetzt kommt langsam Müdigkeit auf. Ich werde heimgehen,
frühstücken, duschen, und dann - so Gott will - an die Sitzung eilen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit einem lieben Gruss
...

Freitag Morgen

Ämne: freimo
Datum: den 30 augusti 2002 05:32

Liebe Marlena

Ich hatte schon frohlockt, dass ich von Dir ein echtes 11k Mail
erhalte. Aber dann musste ich feststellen, dass die Hälfte davon
von mir geschrieben war. Na ja, die Sache hatte zumindest das
Gute an sich, dass ich wieder mal ein eigenes Mail durchgelesen
habe. Und ich muss gestehen, dass es mir immer ein wenig peinlich
ist, wie ich schreibe. Es ist nicht so, dass ich mich zieren möchte.
Das musst Du mir glauben Marlena. Nein, ich finde, meine Sprache
manchmal so ungehobelt und repetitiv und mit Auslassungen,
Gedankensprüngen. Und ich bin einfach erstaunt, dass die spontane
Sprache nicht besser ist. Ich stelle dabei in Rechnung, dass ich schnell
schreibe und dass ich mir meist nicht die Zeit nehme, zum Schluss
alles nochmals durchzulesen, wozu uns die Lehrer eigentlich in der
Schule immer wieder ermahnt hatten. Ich schreibe gerade so, wie es
mir durch den Kopf geht. Und natürlich gibt es Auslassungen, wenn
ich hier im Büro unterbrochen werde. Oder es gibt Sätze, die anders
beginnen, als sie schliesslich enden. Das finde ich nicht sonderlich
schlimm. Ich finde einfach, die allgemeinen Sätze manchmal so
monoton und holperig, dass ich mich geniere. Vielleicht hat es mit
unserem Dialekt zu tun. Wahrscheinlich viel. Und dennoch dünkt
es mich, dass meine spontane Sprache etwas besser sein könnte.
Auf jeden Fall habe ich bei Deinen Texten den Eindruck, dass sie
ziemlich perfekt sitzen. Und wenn Du von Wien Komplimente
bekommst, dann kannst Du nicht mir die Schuld geben. Ich glaube
nicht, dass Du von meinem Deutsch allzu viel lernen kannst.
Wahrscheinlich lernst Du es von Dir selbst, indem Du dort
abschreibst. ;--).
---

Samstag, 6. März 2010

zwei Bilder


Hier meine Bilder, separat!
Das eine zeigt eine Aussicht vom Pincio, jenem Park gleich über der
Piazza del Popolo. Hast Du die Karte vor Dir? Er liegt im Norden der
Stadt und war in der Vergangenheit sozusagen das Empfangszimmer Roms
für all jene, die von jenseits der Alpen nach Rom hergereist waren
(Christina, Goethe, Humboldt, Herder etc.). Die Piazza del Popolo mit
ihren hübschen Zwillingskirchen hat stets den ersten Eindruck Roms
gemacht und, wie wir wissen, den Sieg davon getragen. Das will sagen:
alle waren sie von Rom beeindruckt.
Das andere Foto stammt aus irgend einer Kirche. Ich kann nicht mal
mehr genau sagen, aus welcher. Aber es ist auch eines meiner
Lieblingsbilder. Das schaut aus wie ein Barockbild, nicht wahr? Man
könnte es direkt in ein Ölbild übertragen. Es ist auch ein schönes
Bild in dem Sinne, als es nicht leicht ist, fotographisch die
Spiritualität eines Menschen abzubilden. Aber hier in dieser Kapelle
kommt das sehr gut zum Ausdruck.
...

Unser Schicksal



Liebe Marlena,
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Die Wahlfreiheit, die wir kürzlich abgehandelt haben, bringt mitsich, dass jeder etwas Spezielles und Besonderes und Einmaliges sein kann. Aber weil jeder das sein kann, ist es eben wieder normal und gewöhnlich. So paradox ist das Leben, es ist einfach ein Skandal !!! Ist das nicht eine der Grundideen bei Camus? Die Welt ist absurd. Unser Denken und die Welt sind inkompatibel, sie passen schlechterdings nicht zusammen. Wir möchten das ewige Leben, wir möchten die absolute Liebe, wir möchten das reine Schöne. Und was finden wir auf dieser Welt? Es sind alles nur faule Kompromisse. Von Ewigkeit und Absolutheit kann keine Rede sein. Alles ist vermischt und verunreinigt. Sind alles nur halbe Sachen. Da könnte man verzweifeln!!! Und in dieser Lage den Stein immer wieder hinaufzutragen, wie ihn Sisyphos immer wieder hinaufgeschoben hat, der dumme, etwas beschränkte Kerl, immer wieder von Neuem zu versuchen, das ist unser Schicksal. Die Welt ist schon merkwürdig, meinst du nicht, Marlena?

Der Turm, an dem wir bauen, wie du mit Rilke sagst, ist nun auch wieder ein Symbol für dieses Versagen. Der Turm ist ein Symbol für die Vergänglichkeit und die Tatsache, dass unsere Absichten nicht verwirklicht werden können.