Lieber ...,
Du hast wie ich voraussehen konnte, einen schönen Abend verbracht mit fast allem was zu einem solchen gehört. Und dein kleiner Flirt mit der Putzfrau ;-) Ja, du hast es raus wie man etwas erziehlt. Mit Lob erreicht man immer viel mehr als mit Tadel....
*
Und dieser Artikel.. zuerst fühlte ich nur eine immer zunehmende Frustration denn ich wollte doch schliesslich verstehen (vielleicht auch nur deinetwegen) aber dann auf einmal, ich weiss nicht warum, fing ich an zu lachen. Ich weiss wirklich nicht warum. Natürlich könnte ich alles Mögliche dazu sagen. Aber am besten ist doch dass ich schweige.. ich will weder dich noch den Filosophen beleidigen.. ;-)
Ich habe dir übrigens ein Interview mit Flusser geschickt aber weiss nicht ob es funktioniert hat.
Natürlich sind es wichtige Fragen mit denen er sich beschäftigt. Aber z.B. diese Aussage dass wir immer weniger existieren.. warum immer weniger? Warum nicht immer mehr? Aber dann zum Schluss doch so viel dass wir unseren "Kern" verlieren und uns in ein Chaos auflösen..
---
Ach du Schelm.. zu wenig Liebe und zu wenig Lob??? Dir fehlt bestimmt nichts anderes als möglicherweise ..... eine Schachtel Pralinen. Das ist was auch mir im Moment fehlt.
Neben dem PC liegt das Rilkebuch. Und ich denke ich schlage irgendeine Seite auf und schicke dir auf geratewohl was ich da finde. Und schau hier:
Gerüchte gehn, die dich vermuten,
und Zweifel gehn, die dich verwischen
Die Trägen und die Träumerischen
misstrauen ihren eignen Gluten
und wollen, dass die Berge bluten,
denn eher glauben sie dich nicht.
...
Nichts geht über Rilke..
Ich verabschiede mich für heute.
Lass es dir gut gehn, ...
Mit einem lieben Wochenendgruss,
Marlena
Samstag, 23. Januar 2010
Freitag, 22. Januar 2010
aus New York
---
Und noch was Lustiges, Marlena (ich wollte Dich schon Madeleine
nennen!!!!), ich habe im Shop der Library eine Shakespeare-
Ausgabe gesehen. Vielleicht denkst Du jetzt, ich sei auf den Klassiker
verrueckt geworden und wolle dieses 5 kg Werk heimschleppen. Das
ist es nicht. Auf dem Buch liegt ein Totenkopf. Er ist made in China.
Und seit bald 5 Tagen zoegere ich hin und her, ob ich sowas als
Souvenir kaufen soll. Ich wollte immer einen Totenkopf in meiner
Bibliothek. Und dieser sieht ziemlich echt aus. Auf der anderen Seite
wieder denke ich, ein Plastik-Totenkopf ist auch etwas merkwuerdig.
Vielleicht koennte man doch irgendwo einen echten finden. Einen
echten neben einen "made in China": da ist klar, welchem ich den
Vorzug gaebe. Allerdings wuerde ich wohl den echten nicht mit dem
Unterkiefer bekommen. Das waere ein Manko. Ich meine, ich koennte
- nach meinem 10. Whisky oder so - nicht mal mit ihm diskutieren,
weil ihm die untere Haelfte des Mundes fehlte. Er waere sprachlos.
Und was zum Teufel soll ich mit einem sprachlosen Totenkopf. Ich
werde bis zum letzten Moment warten bis zum Entscheid. Ich muss
ja auch an meine Familie denken. Sollte ich sie mit sowas schockieren?
---
Und noch was Lustiges, Marlena (ich wollte Dich schon Madeleine
nennen!!!!), ich habe im Shop der Library eine Shakespeare-
Ausgabe gesehen. Vielleicht denkst Du jetzt, ich sei auf den Klassiker
verrueckt geworden und wolle dieses 5 kg Werk heimschleppen. Das
ist es nicht. Auf dem Buch liegt ein Totenkopf. Er ist made in China.
Und seit bald 5 Tagen zoegere ich hin und her, ob ich sowas als
Souvenir kaufen soll. Ich wollte immer einen Totenkopf in meiner
Bibliothek. Und dieser sieht ziemlich echt aus. Auf der anderen Seite
wieder denke ich, ein Plastik-Totenkopf ist auch etwas merkwuerdig.
Vielleicht koennte man doch irgendwo einen echten finden. Einen
echten neben einen "made in China": da ist klar, welchem ich den
Vorzug gaebe. Allerdings wuerde ich wohl den echten nicht mit dem
Unterkiefer bekommen. Das waere ein Manko. Ich meine, ich koennte
- nach meinem 10. Whisky oder so - nicht mal mit ihm diskutieren,
weil ihm die untere Haelfte des Mundes fehlte. Er waere sprachlos.
Und was zum Teufel soll ich mit einem sprachlosen Totenkopf. Ich
werde bis zum letzten Moment warten bis zum Entscheid. Ich muss
ja auch an meine Familie denken. Sollte ich sie mit sowas schockieren?
---
Donnerstag, 21. Januar 2010
Friedhof Montparnasse
Liebe Marlena,
--
Als wir vor einigen Jahren die ganze Familie in Paris weilten, besuchte
ich den Friedhof Montparnasse. Allerdings allein, denn zu einem
solchen Unternehmen konnte ich schwerlich die ganze Familie
mitnehmen. Ich fuhr also mit der Metro zur Gare Montparnasse und
fand bald darauf die hohe Friedhofmauer. Sartre und die Beauvoir
hatten eine zeitlang hier in der Nähe gewohnt. Vor allem aber wollte
ich das Grab sehen, wo sie beide liegen. Das war etwas merkwürdig,
weil ich ja sonst kaum auf einen Friedhof gehe. Man ist ein bisschen
unsicher in der Gefühlslage. Soll man bedrückt dahinwandeln, oder
kann man durchaus vergnügt und selbstverständlich durch die
schmalen Kieswege gehen und nach den Gräbern Ausschau halten
wie nach alten Freunden.
Ich habe sie gefunden, Sartre und Beauvoir, sie liegen gleich beim
Eingang rechts, an der Mauer. Das Grab ist sehr einfach. Doch
weil ich schon einmal dort war, suchte ich auch das Grab von
Becket, und fand nebenbei noch jenes von Gainsbourg. Dort,
rund um einen riesigen Marmorblock, turnten nämlich ein Paar
junge Mädchen herum und rauchten wie die Kamine. Sie passten
echt zum dekadenten Gainsbourg. Kennst du seine Musik, Marlena?
Sie ist ja sehr sensibel und kreativ, muss ich zugeben. Aber als Typ
war er ein bisschen verdorben, zu artistisch. Es war ihm geradezu
ins Gesicht geschrieben.
Und ein paar Schrittte weiter lag ein einfaches Grab von Samuel
Becket, einem der grössten Dramatiker unserer Zeit. Es kam mir
vor wie eine grosse, kühle Schutzhülle, etwas abweisend und still
vor sich hin liegend. Sartre war also ein Ziel. Du kennst vielleicht
die Sehnsüchte und Vorstellung von pupertären Gymnasiasten.
Ich habe mir damals nie und nimmer vorgestellt, dass ich einmal so konventionellerweise arbeiten würde, so von 8 bis 12 und von
14 bis 18 Uhr. Nie im Leben, doch nicht ich. Aber so etwas wie
Sartre getan hat, so etwas hätte ich mir vorstellen können. Lesen,
schreiben, lieben, protestieren, reisen, wieder schreiben, wieder
lesen und so weiter, immer im Kreis herum.
Und jetzt sitze ich hier in einem Büro (nun ja, sagen wir eine kleine
Bibliothek) der öffentlichen Administration, des öffentlichen
Dienstes, wie es in Deutschland so schön heisst, und arbeite von
8-12 und von 14bis 18Uhr. Und alles ist so gewöhnlich und so
grau wie rundum hier, ausser dass ich eine sensationelle geheime
Mailfreundschaft habe, die mich lebendig und am Leben behält.
Ach, sowas hatten wir uns vorgestellt: Schriftsteller, Philosoph,
Journalist, öffentliche Figur, dessen Meinung die Leute in
Aufregung und Politiker in Nervosität bringt. Eine romantisches
und kreatives Leben, so habe ich es mir ausgemalt, wenn ich es
mir überhaupt ausgemalt habe. Ein Leben in den Cafés, zwischen
Whisky und einer intellektuellen Geliebten hin und her pendelnd,
gut aussehend und schlimm lebend, bleich, aber interessant.
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich lachen. Es waren
natürlich wunderbare Zeiten. Aber wir waren nicht von dieser Welt.
Wir hatten keine Ahnung vom Leben. Wir waren kleine Träumer.
Und jetzt soll es eine Sartre Revival geben. Sie entdecken ihn wieder,
wie auch seinen Gegenspieler Camus. Der Ernst des engagierten
Lebens kehrt wieder. Man hat Sartre zwar unterdessen einiges
vorgeworfen, dass er ein Antisemitismus-Gewinnler wäre, und
dass die Résistance immer auch ein bisschen kollaboriert habe.
Aber Sartre wurde doch nie zu einem französischen "Fall Heidegger".
---
--
Als wir vor einigen Jahren die ganze Familie in Paris weilten, besuchte
ich den Friedhof Montparnasse. Allerdings allein, denn zu einem
solchen Unternehmen konnte ich schwerlich die ganze Familie
mitnehmen. Ich fuhr also mit der Metro zur Gare Montparnasse und
fand bald darauf die hohe Friedhofmauer. Sartre und die Beauvoir
hatten eine zeitlang hier in der Nähe gewohnt. Vor allem aber wollte
ich das Grab sehen, wo sie beide liegen. Das war etwas merkwürdig,
weil ich ja sonst kaum auf einen Friedhof gehe. Man ist ein bisschen
unsicher in der Gefühlslage. Soll man bedrückt dahinwandeln, oder
kann man durchaus vergnügt und selbstverständlich durch die
schmalen Kieswege gehen und nach den Gräbern Ausschau halten
wie nach alten Freunden.
Ich habe sie gefunden, Sartre und Beauvoir, sie liegen gleich beim
Eingang rechts, an der Mauer. Das Grab ist sehr einfach. Doch
weil ich schon einmal dort war, suchte ich auch das Grab von
Becket, und fand nebenbei noch jenes von Gainsbourg. Dort,
rund um einen riesigen Marmorblock, turnten nämlich ein Paar
junge Mädchen herum und rauchten wie die Kamine. Sie passten
echt zum dekadenten Gainsbourg. Kennst du seine Musik, Marlena?
Sie ist ja sehr sensibel und kreativ, muss ich zugeben. Aber als Typ
war er ein bisschen verdorben, zu artistisch. Es war ihm geradezu
ins Gesicht geschrieben.
Und ein paar Schrittte weiter lag ein einfaches Grab von Samuel
Becket, einem der grössten Dramatiker unserer Zeit. Es kam mir
vor wie eine grosse, kühle Schutzhülle, etwas abweisend und still
vor sich hin liegend. Sartre war also ein Ziel. Du kennst vielleicht
die Sehnsüchte und Vorstellung von pupertären Gymnasiasten.
Ich habe mir damals nie und nimmer vorgestellt, dass ich einmal so konventionellerweise arbeiten würde, so von 8 bis 12 und von
14 bis 18 Uhr. Nie im Leben, doch nicht ich. Aber so etwas wie
Sartre getan hat, so etwas hätte ich mir vorstellen können. Lesen,
schreiben, lieben, protestieren, reisen, wieder schreiben, wieder
lesen und so weiter, immer im Kreis herum.
Und jetzt sitze ich hier in einem Büro (nun ja, sagen wir eine kleine
Bibliothek) der öffentlichen Administration, des öffentlichen
Dienstes, wie es in Deutschland so schön heisst, und arbeite von
8-12 und von 14bis 18Uhr. Und alles ist so gewöhnlich und so
grau wie rundum hier, ausser dass ich eine sensationelle geheime
Mailfreundschaft habe, die mich lebendig und am Leben behält.
Ach, sowas hatten wir uns vorgestellt: Schriftsteller, Philosoph,
Journalist, öffentliche Figur, dessen Meinung die Leute in
Aufregung und Politiker in Nervosität bringt. Eine romantisches
und kreatives Leben, so habe ich es mir ausgemalt, wenn ich es
mir überhaupt ausgemalt habe. Ein Leben in den Cafés, zwischen
Whisky und einer intellektuellen Geliebten hin und her pendelnd,
gut aussehend und schlimm lebend, bleich, aber interessant.
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich lachen. Es waren
natürlich wunderbare Zeiten. Aber wir waren nicht von dieser Welt.
Wir hatten keine Ahnung vom Leben. Wir waren kleine Träumer.
Und jetzt soll es eine Sartre Revival geben. Sie entdecken ihn wieder,
wie auch seinen Gegenspieler Camus. Der Ernst des engagierten
Lebens kehrt wieder. Man hat Sartre zwar unterdessen einiges
vorgeworfen, dass er ein Antisemitismus-Gewinnler wäre, und
dass die Résistance immer auch ein bisschen kollaboriert habe.
Aber Sartre wurde doch nie zu einem französischen "Fall Heidegger".
---
Mittwoch, 20. Januar 2010
Melancholia
Meine Liebe Maus-Freundin
Nein, ich fand die Bezeichnung Mailpartner nicht zu vertraulich,
sondern im Gegenteil eben zu formal. Aber sie stimmt natürlich
zu 100%, sie ist beängstigend genau, ich kann nichts dagegen
sagen, meine liebe Mailpartnerin, du hast absolut und vollkommen
Recht damit. Das reiht uns ein in die Serie der Geschäftspartner, der
Tennispartner (im gemischten Doppel beispielsweise), der Lebens-
partner, der Lebensabschnittpartner (gutes Wort, nicht wahr, existiert
wirklich in Deutsch, ist aber wohl im Wörterbuch noch nicht zu finden)
usw. Nun ist ein Mailpartner aber gewiss kein penfriend, sondern eher
ein mouse-friend. Wir sind im Grunde genommen und bei Lichte
betrachtet zwei Mausfreunde, Mausfreundin und Mausfreund.
Das ist die korrekte Bezeichnung, da haben wir sie, hurrah!
***
"Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich
mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach
wie schön und sorglos das Leben damals war!" Das schreibst du, indem
du die Fotos am Pinbrett über deinem PC anschaust und schon fast ins
Träumen kommst. "Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!"
Dieser kleine Säufzer zum Schluss hat mich berührt. Er macht dich zu
meiner Schwester, denn ich fühle oft genau so. Es ist die Melancholie
des fortgeschrittenen Alters, die da und dort und immer wieder
aufkommt. Es ist die Traurigkeit des Abschieds (davon könnte
Rimbaud ein Liedlein singen!!). Es ist - alles in allem - die süssbittere
Erinnerung ans Paradies, das verlorene, woraus wir vertrieben worden
sind. Wenn meine Töchter abends weg wollen und um Erlaubnis
fragen, ...
Du siehst Marlena, meine Schwester im Geiste, bei mir kommt eine
ähnliche Erinnerung auf, und es macht mich gelegentlich schon
melancholisch, wie doch die Zeit und das Leben rasant vergeht! Der
tägliche Alltag kriecht voran wie eine Schnecke, aber diese grossen
zeitlichen Räume fliehen dahin wie die Südwinde. Ist es nicht
sonderbar und schmerzlich ?
Ganz klar ist Mailen lebensgefährlich. Wer zuviel mailt, der verpasst
das Leben. Und das ist ziemlich gefährlich. Du tönst auch an, dass
du abhängig werden könntest? Das glaube ich zwar nicht, denn du
scheinst dich im allgemeinen sehr gut unter Kontrolle zu haben,
darauf würde ich wetten. Doch wenn dem so sein sollte, wenn du
wirklich abhängig würdest, den Haushalt vernachlässigt, deine
Anna hungernd und verlumpt in einer Ecke dahin vegetierend,
die Mahnungen und Zahlungsbefehle ins Haus flatternd, wenn der Gerichtsvollzieher unten vor der Türe steht, dann gibt es sicherlich
eine Organisation wie die Anonymen Alkoholiker, die AA, wo du als
AM (anonymer mailer) beitreten kannst und Zuspruch und
Behandlung erhalten würdest. Doch es ist gefährlicher für Leute,
die chatten. Der Chat ist die wirklich lebensbedrohliche Gefahr, da
wirst du mir zustimmen. Vielleicht müssen wir zwei Mausfreunde
zur Abwechslung wieder einmal chatten, nur so zum Spass, nur so
um die gegenseitige Lebendigkeit etwas auszukosten, und der
heillosen nackten Gefahr direkt ins Auge zu sehen.
...
Nein, ich fand die Bezeichnung Mailpartner nicht zu vertraulich,
sondern im Gegenteil eben zu formal. Aber sie stimmt natürlich
zu 100%, sie ist beängstigend genau, ich kann nichts dagegen
sagen, meine liebe Mailpartnerin, du hast absolut und vollkommen
Recht damit. Das reiht uns ein in die Serie der Geschäftspartner, der
Tennispartner (im gemischten Doppel beispielsweise), der Lebens-
partner, der Lebensabschnittpartner (gutes Wort, nicht wahr, existiert
wirklich in Deutsch, ist aber wohl im Wörterbuch noch nicht zu finden)
usw. Nun ist ein Mailpartner aber gewiss kein penfriend, sondern eher
ein mouse-friend. Wir sind im Grunde genommen und bei Lichte
betrachtet zwei Mausfreunde, Mausfreundin und Mausfreund.
Das ist die korrekte Bezeichnung, da haben wir sie, hurrah!
***
"Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich
mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach
wie schön und sorglos das Leben damals war!" Das schreibst du, indem
du die Fotos am Pinbrett über deinem PC anschaust und schon fast ins
Träumen kommst. "Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!"
Dieser kleine Säufzer zum Schluss hat mich berührt. Er macht dich zu
meiner Schwester, denn ich fühle oft genau so. Es ist die Melancholie
des fortgeschrittenen Alters, die da und dort und immer wieder
aufkommt. Es ist die Traurigkeit des Abschieds (davon könnte
Rimbaud ein Liedlein singen!!). Es ist - alles in allem - die süssbittere
Erinnerung ans Paradies, das verlorene, woraus wir vertrieben worden
sind. Wenn meine Töchter abends weg wollen und um Erlaubnis
fragen, ...
Du siehst Marlena, meine Schwester im Geiste, bei mir kommt eine
ähnliche Erinnerung auf, und es macht mich gelegentlich schon
melancholisch, wie doch die Zeit und das Leben rasant vergeht! Der
tägliche Alltag kriecht voran wie eine Schnecke, aber diese grossen
zeitlichen Räume fliehen dahin wie die Südwinde. Ist es nicht
sonderbar und schmerzlich ?
Ganz klar ist Mailen lebensgefährlich. Wer zuviel mailt, der verpasst
das Leben. Und das ist ziemlich gefährlich. Du tönst auch an, dass
du abhängig werden könntest? Das glaube ich zwar nicht, denn du
scheinst dich im allgemeinen sehr gut unter Kontrolle zu haben,
darauf würde ich wetten. Doch wenn dem so sein sollte, wenn du
wirklich abhängig würdest, den Haushalt vernachlässigt, deine
Anna hungernd und verlumpt in einer Ecke dahin vegetierend,
die Mahnungen und Zahlungsbefehle ins Haus flatternd, wenn der Gerichtsvollzieher unten vor der Türe steht, dann gibt es sicherlich
eine Organisation wie die Anonymen Alkoholiker, die AA, wo du als
AM (anonymer mailer) beitreten kannst und Zuspruch und
Behandlung erhalten würdest. Doch es ist gefährlicher für Leute,
die chatten. Der Chat ist die wirklich lebensbedrohliche Gefahr, da
wirst du mir zustimmen. Vielleicht müssen wir zwei Mausfreunde
zur Abwechslung wieder einmal chatten, nur so zum Spass, nur so
um die gegenseitige Lebendigkeit etwas auszukosten, und der
heillosen nackten Gefahr direkt ins Auge zu sehen.
...
Narzissmus
Lieber ...,
.....
Das was du über "Mailethik" sagst habe ich auch schon öfters gedacht. Manchmal fühle ich mich unhöflich wenn ich nicht reagiere auf irgendetwas das du geschrieben hast. Aber dass ich nicht sofort schriftlich reagiere bedeutet nicht dass ich deine Mails nicht genau lese und darüber nachdenke. Übrigens hat es mir sehr gefallen wie du deinen Montagmorgen beschrieben hast mit dem Vogelgezwitscher. Ich versuche immer den Gedanken von mir fernzuhalten dass dieser schöne Gesang etwas anderes als pure Freude ausdrücken könnte.
Hinter mir im Vogelbauer unterhalten sich unsere Wellensittiche leise miteinander.
Vor mir an der Wand über dem PC-Möbel hängt ein Rahmen mit fünf kleinen Fotos aus verschiedenen Perioden meines Lebens.
Das älteste ist zu Weihnachten aufgenommen. Ich bin vielleicht 10 Jahre alt. Wir sitzen an einem schön gedeckten Tisch. Ganz links mein Opa (morfar =Mutters Vater)). Er ist ein grosser, stattlicher Mann. Sein dunkles Haar ist schon etwas grau und leider kann man nicht die Farbe seiner intensiv veilchenblauen Augen sehen. Er ist die Person die ich am meisten geliebt habe von allen meinen Verwandten.
Neben ihm meine Tante, elegant wie immer in ihrer klassischen Schönheit. Neben ihr ihre beste Freundin und hinter ihr stehend mein Onkel, der grosse Charmeur und Frauen-liebhaber (im Wörteruch steht Weiberheld). Ich selbst stehe zwischen Opa und Tante, ganz hellblond in einem Kleid in dem ich mich immer besonders schön fühlte. Hinter uns der Weihnachtsbaum (niemand hatte so schön geschmückte Christbäume wie wir) :-)
Daneben ein Bild von meiner Studienzeit in Uppsala. Es ist bei einem Fest gemacht worden. Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!
Dann ein kleines Passfoto. Ich sehe ein bisschen aus wie Ingrid Bergman darauf. Auf dieses Bild bin ich ein wenig stolz, denn ich weigerte mich den Kopf so blöd zu verrenken wie es die Fotografen oft haben wollen und hielt ihn trotzig gerade aufgerichtet. :-)
Auf dem nächsten Bild sitze ich an meinem lieben alten Schreibtisch aus Eichenholz (der jetzt in der Wohnung meines Mannes steht)und studiere, wahrscheinlich Deutsch. Es war die erste Zeit in Uppsala und meine "Eltern" hatten noch kein passendes Haus gefunden. So wohnten wir derweilen in einer Mietwohnung mit unseren zwei Katzen. Manchmal wenn wir die Tür öffneten stank es sehr im Treppenhaus und wir dachten: Oh Gott, jetzt hat eine Katze dort verunreinigt.. aber es war nur jemand von den Nachbarn der "Surströmming" gegessen hatte. (Sauerheering ist eine schwedische Delikatesse die man meist in Nordschweden isst). Im Herbst wenn in Schweden Surströmmingszeit ist, kann man leicht riechen wo es "Immigranten" aus Norrland gibt. ;-)
Das letzte Bild ist von einem Strassenfotograf gemacht worden (ich bin 13 Jahre alt) auf der Kungsgatan (Königsstrasse) mitten in Stockholm. Meine Freundin und ich sind mit unseren Schultaschen unterwegs nach Hause. Das Zentrum war sozusagen unser Revier wo wir uns in den langen Pausen herumtrieben. Wenn wir einmal eine richtig lange Pause hatten nahmen wir sogar die Fähre nach Skansen (das grosse Freiluftsmuseum) in Stockholm. Hast du schon davon gehört?
Nun aber genug von Narzissmus sonst wird es dir langweilig ;-)
Der Igel ist also euer Symbol. Wie schön! Wir haben oft Igel in unserem Garten. Die bringen doch Glück, oder? Es gibt ein so schönes Gedicht von einem Igel auf schwedisch. Vielleicht bin ich auch einer. Mit Stacheln um meine Integrität zu schützen.. :-)
.....
Das was du über "Mailethik" sagst habe ich auch schon öfters gedacht. Manchmal fühle ich mich unhöflich wenn ich nicht reagiere auf irgendetwas das du geschrieben hast. Aber dass ich nicht sofort schriftlich reagiere bedeutet nicht dass ich deine Mails nicht genau lese und darüber nachdenke. Übrigens hat es mir sehr gefallen wie du deinen Montagmorgen beschrieben hast mit dem Vogelgezwitscher. Ich versuche immer den Gedanken von mir fernzuhalten dass dieser schöne Gesang etwas anderes als pure Freude ausdrücken könnte.
Hinter mir im Vogelbauer unterhalten sich unsere Wellensittiche leise miteinander.
Vor mir an der Wand über dem PC-Möbel hängt ein Rahmen mit fünf kleinen Fotos aus verschiedenen Perioden meines Lebens.
Das älteste ist zu Weihnachten aufgenommen. Ich bin vielleicht 10 Jahre alt. Wir sitzen an einem schön gedeckten Tisch. Ganz links mein Opa (morfar =Mutters Vater)). Er ist ein grosser, stattlicher Mann. Sein dunkles Haar ist schon etwas grau und leider kann man nicht die Farbe seiner intensiv veilchenblauen Augen sehen. Er ist die Person die ich am meisten geliebt habe von allen meinen Verwandten.
Neben ihm meine Tante, elegant wie immer in ihrer klassischen Schönheit. Neben ihr ihre beste Freundin und hinter ihr stehend mein Onkel, der grosse Charmeur und Frauen-liebhaber (im Wörteruch steht Weiberheld). Ich selbst stehe zwischen Opa und Tante, ganz hellblond in einem Kleid in dem ich mich immer besonders schön fühlte. Hinter uns der Weihnachtsbaum (niemand hatte so schön geschmückte Christbäume wie wir) :-)
Daneben ein Bild von meiner Studienzeit in Uppsala. Es ist bei einem Fest gemacht worden. Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!
Dann ein kleines Passfoto. Ich sehe ein bisschen aus wie Ingrid Bergman darauf. Auf dieses Bild bin ich ein wenig stolz, denn ich weigerte mich den Kopf so blöd zu verrenken wie es die Fotografen oft haben wollen und hielt ihn trotzig gerade aufgerichtet. :-)
Auf dem nächsten Bild sitze ich an meinem lieben alten Schreibtisch aus Eichenholz (der jetzt in der Wohnung meines Mannes steht)und studiere, wahrscheinlich Deutsch. Es war die erste Zeit in Uppsala und meine "Eltern" hatten noch kein passendes Haus gefunden. So wohnten wir derweilen in einer Mietwohnung mit unseren zwei Katzen. Manchmal wenn wir die Tür öffneten stank es sehr im Treppenhaus und wir dachten: Oh Gott, jetzt hat eine Katze dort verunreinigt.. aber es war nur jemand von den Nachbarn der "Surströmming" gegessen hatte. (Sauerheering ist eine schwedische Delikatesse die man meist in Nordschweden isst). Im Herbst wenn in Schweden Surströmmingszeit ist, kann man leicht riechen wo es "Immigranten" aus Norrland gibt. ;-)
Das letzte Bild ist von einem Strassenfotograf gemacht worden (ich bin 13 Jahre alt) auf der Kungsgatan (Königsstrasse) mitten in Stockholm. Meine Freundin und ich sind mit unseren Schultaschen unterwegs nach Hause. Das Zentrum war sozusagen unser Revier wo wir uns in den langen Pausen herumtrieben. Wenn wir einmal eine richtig lange Pause hatten nahmen wir sogar die Fähre nach Skansen (das grosse Freiluftsmuseum) in Stockholm. Hast du schon davon gehört?
Nun aber genug von Narzissmus sonst wird es dir langweilig ;-)
Der Igel ist also euer Symbol. Wie schön! Wir haben oft Igel in unserem Garten. Die bringen doch Glück, oder? Es gibt ein so schönes Gedicht von einem Igel auf schwedisch. Vielleicht bin ich auch einer. Mit Stacheln um meine Integrität zu schützen.. :-)
Frage
Liebe Marlena
Hier habe ich einen Brief kopiert. Kannst du herausfinden, von
wem er stammt? Ich glaube, du kannst das schon erraten. Er war
Nobel-Preisträger. Und nachdem er den Preis erhalten hat, hat er
diesen Brief an seinen alten Lehrer der Grundschule geschrieben.
Das ist eine wirklich rührende Situation, und gelegentlich und gerne
zitiere ich ihn, um zu zeigen, wie sehr Lehrer das Leben ihrer
jungen Menschen prägen können. Lehrer-Arbeit ist Zukunfts-Arbeit.
Die Schule ist eine Zukunfts-Fabrik. Das ist meine Wort-Erfindung
und ich habe hier in der Schweiz praktisch das copy-right. Du kannst
es dir für Schweden sichern, Marlena ;----) Ich schenke es dir. Ich
finde, es ist ein Ausdruck, der viele Leute verblüfft und gleichzeitig
die Bedeutung der Schule darstellt.
-----------
19. November 1957
Lieber Herr G.
Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um
mich war, ehe ich mich ganz herzlich an Sie wende. Man hat mir eine
viel zu grosse Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten
habe. Doch als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke,
nach meiner Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die
Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre
Unterweisung und Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen.
Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist
zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren
und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen,
die Arbeit und die Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer
lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters
nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie
von ganzem Herzen.
Signatur
Hier habe ich einen Brief kopiert. Kannst du herausfinden, von
wem er stammt? Ich glaube, du kannst das schon erraten. Er war
Nobel-Preisträger. Und nachdem er den Preis erhalten hat, hat er
diesen Brief an seinen alten Lehrer der Grundschule geschrieben.
Das ist eine wirklich rührende Situation, und gelegentlich und gerne
zitiere ich ihn, um zu zeigen, wie sehr Lehrer das Leben ihrer
jungen Menschen prägen können. Lehrer-Arbeit ist Zukunfts-Arbeit.
Die Schule ist eine Zukunfts-Fabrik. Das ist meine Wort-Erfindung
und ich habe hier in der Schweiz praktisch das copy-right. Du kannst
es dir für Schweden sichern, Marlena ;----) Ich schenke es dir. Ich
finde, es ist ein Ausdruck, der viele Leute verblüfft und gleichzeitig
die Bedeutung der Schule darstellt.
-----------
19. November 1957
Lieber Herr G.
Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um
mich war, ehe ich mich ganz herzlich an Sie wende. Man hat mir eine
viel zu grosse Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten
habe. Doch als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke,
nach meiner Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die
Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre
Unterweisung und Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen.
Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist
zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren
und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen,
die Arbeit und die Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer
lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters
nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie
von ganzem Herzen.
Signatur
Dienstag, 19. Januar 2010
Fegefeuer
Kennst du das Fegefeuer, Marlena? Ich meine, ich frage nicht, ob
du es aus eigener Erfahrung kennst, sondern ob dir der Begriff
bekannt ist? Eigentlich müsstest du das Fegefeuer kennen.
Ich war immer begeistert vom Fegefeuer und ich habe immer
bedauert, dass die Protestanten nicht eine ähnlich praktische
und gutgeheizte Institution haben. Das Fegefeuer wurde erst
im Spätmittelalter von der Pariser-Schule erfunden. Weiss nicht
mehr,wer die Führer waren: Albertus Magnus, Thomas von Aquin?
Damals kam in Europa der Handel auf. Und bisher hatte es nur
Himmel und Hölle gegeben für die guten und die armen Seelen.
Himmel und Hölle, das war sozusagen der soziale Wohnungsbau,
nur das Nötigste für einfache Leute. Aber Händler und Kaufleute
sind nicht mehr so einfache Leute, die kommen in der Welt
herum, die haben Ansprüche, die wollen ein bisschen Komfort,
die haben schon etwas feinere Manieren. Und für sie hat man an
die Zweizimmerwohnung mit Himmel und Hölle noch ein
Fegefreuer angebaut. Es ist sozusagen der Korridor und das
Vorzimmer. Es ist für all die, für die noch nicht klar ist, ob sie
in den Himmel oder in die Hölle kommen. Im Fegefeuer hast
du noch einen Verhandlungsspielraum. Und das ist doch das,
was die Handelsleute des Spätmittelalters gewohnt waren.
Sie wollten handeln und - wie sagt man - bargain, sie wollten
markten und feilschen mit dem lieben Gott. Sie waren nicht
gerne vor vollendete Tatsachen gestellt. Das war nicht ihr
Leben. Und so hat man im sozialen Wohnungsbau noch
einen Korridor, das Fegefeuer, angebaut. Und dort können
die armen Sünder leiden und braten und dampfen bis zum
Tag des Jüngsten Gerichts. Und dann wird sich entscheiden,
ob sie ihre Sünden abbüssen konnten, oder ob sie dann doch
lebenslänglich bekommen würden. Natürlich wurde damit
auch nötig, die Theorie etwas zu differenzieren. Wer gelangte
direkt in die Hölle und wer hatte noch eine Chance via Fegefeuer.
Kurz und gut, es galt ein paar neue §§ zu erfinden, um den
Verkehr im Jenseits übersichtlich zu gestalten und allzuviele
Pannen zu vermeiden. Ich glaube, nirgends sind Himmel und
Hölle so menschlich und heimatlich eingerichtet wie bei den
lieben katholischen Seelen. Und es würde mir nichts ausmachen,
auch eine davon zu sein. Ich hätte bestimmt einen Fensterplatz
im Fegefeuer. Zweithinterste Reihe womöglich. Aber vielleicht
nehmen sie mich ja nicht, weil ich keine echte katholische Seele
bin. Ich wäre im Fegefeuer einer dieser Immigranten ohne
"green card". Das wäre sehr schlimm, da will ich doch lieber
versuchen, gleich direkt in den Himmel zu kommen.
Soviel zum Fegefeuer.
du es aus eigener Erfahrung kennst, sondern ob dir der Begriff
bekannt ist? Eigentlich müsstest du das Fegefeuer kennen.
Ich war immer begeistert vom Fegefeuer und ich habe immer
bedauert, dass die Protestanten nicht eine ähnlich praktische
und gutgeheizte Institution haben. Das Fegefeuer wurde erst
im Spätmittelalter von der Pariser-Schule erfunden. Weiss nicht
mehr,wer die Führer waren: Albertus Magnus, Thomas von Aquin?
Damals kam in Europa der Handel auf. Und bisher hatte es nur
Himmel und Hölle gegeben für die guten und die armen Seelen.
Himmel und Hölle, das war sozusagen der soziale Wohnungsbau,
nur das Nötigste für einfache Leute. Aber Händler und Kaufleute
sind nicht mehr so einfache Leute, die kommen in der Welt
herum, die haben Ansprüche, die wollen ein bisschen Komfort,
die haben schon etwas feinere Manieren. Und für sie hat man an
die Zweizimmerwohnung mit Himmel und Hölle noch ein
Fegefreuer angebaut. Es ist sozusagen der Korridor und das
Vorzimmer. Es ist für all die, für die noch nicht klar ist, ob sie
in den Himmel oder in die Hölle kommen. Im Fegefeuer hast
du noch einen Verhandlungsspielraum. Und das ist doch das,
was die Handelsleute des Spätmittelalters gewohnt waren.
Sie wollten handeln und - wie sagt man - bargain, sie wollten
markten und feilschen mit dem lieben Gott. Sie waren nicht
gerne vor vollendete Tatsachen gestellt. Das war nicht ihr
Leben. Und so hat man im sozialen Wohnungsbau noch
einen Korridor, das Fegefeuer, angebaut. Und dort können
die armen Sünder leiden und braten und dampfen bis zum
Tag des Jüngsten Gerichts. Und dann wird sich entscheiden,
ob sie ihre Sünden abbüssen konnten, oder ob sie dann doch
lebenslänglich bekommen würden. Natürlich wurde damit
auch nötig, die Theorie etwas zu differenzieren. Wer gelangte
direkt in die Hölle und wer hatte noch eine Chance via Fegefeuer.
Kurz und gut, es galt ein paar neue §§ zu erfinden, um den
Verkehr im Jenseits übersichtlich zu gestalten und allzuviele
Pannen zu vermeiden. Ich glaube, nirgends sind Himmel und
Hölle so menschlich und heimatlich eingerichtet wie bei den
lieben katholischen Seelen. Und es würde mir nichts ausmachen,
auch eine davon zu sein. Ich hätte bestimmt einen Fensterplatz
im Fegefeuer. Zweithinterste Reihe womöglich. Aber vielleicht
nehmen sie mich ja nicht, weil ich keine echte katholische Seele
bin. Ich wäre im Fegefeuer einer dieser Immigranten ohne
"green card". Das wäre sehr schlimm, da will ich doch lieber
versuchen, gleich direkt in den Himmel zu kommen.
Soviel zum Fegefeuer.
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