Sonntag, 17. Januar 2010

die Zeit der Existenzialisten

...
Das war die Zeit der Existenzialisten, die Zeit Sartres mit seiner
Freundin (Castor hat er sie genannt, und sie sein Leben lang nicht
geduzt; meine Schwester hat sie verehrt als Befreierin der Frauen und
fast wie die eigene Mutter, verehrt sie wohl noch heute). Camus hat
damals noch gelebt und wir haben „Die Pest" und seinen Mythos des
Sisyphos gelesen. Und Paris, eigentlich das Quartier Latin, war das
Zentrum der Welt. (sicherlich hast du dort auch deine schönen
Erinnerungen, wo du – Marlena – kurz an der Sorbonne studiert hast)
Anfangs waren wir jungen Leute ganz nach Frankreich orientiert. Noch
während meiner Studienzeit an der Universität hab ich am Radio meist
französische Sender gehört. Sie haben viel Musik gesendet, aber
natürlich auch viel gequatscht (gesprochen), wie das die Franzosen
eben gerne tun, meist zu mehreren gleichzeitig.

Samstag, 16. Januar 2010

in einem Wüstendorf

Liebe Marlena
Sind Kamele Wiederkäuer? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube,
sie könnten es schon sein. Ich habe sie in Erinnerung, wie sie
daliegen und kauen. Sie haben also nicht bloss den Vorteil, dass sie
Reserven speichern können, sie können sich auch noch mit sich selbst
beschäftigen, sie können daliegen und vor sich hinkauen wie ein
amerikanischer Base-Ball-Spieler, der seine Mannschaft soeben in
Führung gebracht hat. Sie sehen ja so zufrieden aus, die Kamele. Es
gibt in Persien auch Kamele, aber sie sind eigentlich nicht heimisch.
Wenn es sie hat, kommen sie aus dem arabischen Raum.
Ich habe einmal ein paar Tage in einem persischen Wüstendorf gelebt.
Das war mit dem deutschen UNO-Experten und dem persischen
Übersetzer. Wir konnten bei einer Familie, ich glaube, es war die
Familie des Dorfvorstehers, wohnen. Die Frauen und Töchter haben
uns das Essen bereitet. Das war sehr einfach. Aber während des Essens
sind die Frauen in der Küche verschwunden. Du hast sie immer nur im
Türrahmen gesehen. Und es hat mich manchmal merkwürdig berührt,
wenn sich die Blicke ab und zu kurz begegnet sind. Man merkte, es ist
eine intelligente Person, aber sie wird hier nicht als Person zugelassen.
Und dann kann man sich überlegen, was eine solche Person wohl
denken mag, ob sie sich ihrer Situation bewusst ist. Es gab nicht soviele
solche Blicke. Bei den meisten konntest du sehen, dass sie sich in
ihre Situation geschickt haben. Sie wissen nichts anderes und nehmen
es, wie es kommt. Aber manche Blicke waren ein bisschen anders. Und
da hatte ich manchmal das Gefühl: sie weiss es, dass es ungerecht ist!
Aber wenn man es sich wirklich überlegt, wussten auch diese es nicht.
Sie wussten vielleicht ein bisschen mehr. Aber wirklich wussten sie es
nicht. Denn es ist nicht primär eine Sache des Wissens, sondern eher
der Lebenspraxis. Und die war ja wohl eindeutig.
Doch ich wollte Dir von diesem Wüstendorf erzählen, das mir durch
die Kamele in den Sinn gekommen ist. Wir waren dann abends oben
auf dem Dach. Sie haben uns Tee gereicht in diesen kleinen Gläsern
mit einer Untertasse, die sehr tief ist. Der Tee ist ja immer brandheiss.
Und wenn man so sehr Durst hat, dass man sofort trinken möchte,
dann schüttet man ein bisschen Tee in die Untertasse und schwenkt
sie kurz, damit er abkühlt und gerade trinkwarm wird. Aber noch so
schlürft man den Tee in kleinen Zügen. Es sind nicht die grossen
Schlücke, die wir hier nehmen. Und dazu halten sie dir eine Dose
mit Zuckerstücken hin. Die stammen von gebrochenen Zuckerstöcken
und sind sehr hart. Die legst du auf die Zunge und lässt jetzt den Tee
darüberrieseln. Das schmeckt sehr fein, weil nicht jeder Schluck gleich
schmeckt. Manchmal erwischt man eine Welle der Süsse, und
manchmal wieder dringt mehr der leicht bittere Geschmack des
Schwarztees durch. Das ist also ein richtiges Zeremoniell. Wenn
man so zusammensitzt und redet und Tee trinkt, dann holen sie
immer wieder. Man trinkt ja dann ganz langsam. Und dieses
kleine Teeglas mit der Untertasse, das du in Händen hälst, bietet
dir jede Menge Möglichkeiten, mit Gesten zu spielen, auch die
Wertschätzung dem Gastgeber gegenüber zu zeigen. Du stellst
das leere Glas ja nicht einfach wieder so zurück auf den Boden,
sondern du tust das, als ob es das Wertvollste Ding auf der Welt
sei, als ob der kleinste Kratzer die grösste Katastrophe der Welt wäre.
Ich glaube, es ist ein ganzer Kanon, der hier spielt, ein Zusammen-
spiel von Regeln. Und erst jetzt, da ich Dir davon erzähle, wird es
mir mehr bewusst, wie ich auch mitmache, ohne die Regeln so
bewusst zu kennen, einfach, weil ich die umgebenden Menschen
imitiere.
Als wir in diesem Dorf eingetroffen waren, sind wir im Wohnraum
zusammengesessen. Und sie haben für jeden von uns eine kleine
Flasche Pepsi Cola hingestellt. Ich hatte einen riesigen Durst, und
ich hatte das Gefühl, ich brauchte mindestens eine Literflasche Pepsi.
Aber das Fläschchen war nicht gekühlt, denn sie haben dort keine
Kühlschränke (wenn ich mich richtig erinnere). Doch ich habe alle
meine Willensstärke zusammengenommen und dieses Pepsi, das
ich mit einem Zug hätte austrinken mögen, ich habe es stehen lassen.
Diese Menschen haben praktisch kein Geld. Und ein Pepsi ist für sie
der absolute Luxus. Es ist eigentlich viel zu teuer, dieses braune
Zuckerwasser. Es ist schon bei uns viel zu teuer. Aber für diese
Menschen ist es vielleicht so, wie für uns eine gute Flasche Bordeaux.
Sie haben auch selbst keines getrunken. Es war nur für die Gäste, weil
es so exklusiv war. So habe ich es stehen gelassen, und habe mit
Sehnsucht auf den Tee gewartet, den sie später serviert haben.

Freitag, 15. Januar 2010

Haustiere und andere Menschen

Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett im
schwedischen Winter ... und im Hintergrund die Wellensittiche,
die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher
Ruhe und Friedlichkeit.
...
...
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu
bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer
gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und
her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung
aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. ... Also kauften wir
eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein
richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der
Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten
ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht
erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch
davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute
sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige
Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung
Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder
neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und
zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand
ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund
die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich
mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit.
Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur
wenn es regnete, dann war es schon mühsam.
Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es
regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit
sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete
die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den
Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum
Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete.
Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu
nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach
oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen
müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen
antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung
gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S zugezogen.
Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich
meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff,
durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte
Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute
weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen
abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man
"intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich
einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also
durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich
stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig
gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido
einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte,
verschenkt. Meine S war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein
Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und
sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde,
die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen,
kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz
abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung
für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift
sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben
wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem
rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer
Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog.
Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch
treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt
hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die
jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und
bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und
Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss
man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
..

Donnerstag, 14. Januar 2010

Wohlan denn, Herz..

20 November 2006
Liebe Malou

Eine Kollegin hat mir ein Hesse-Gedicht herausgeschrieben.
Ich glaube, das könnte dir auch gefallen. Es formuliert das
moderne Lebensgefühl, das wir mit der sogenannten
Selbstverwirklichung in Zusammenhang bringen. Und
klingt für mich einigermassen aktuell.

"Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!"

Mit lieben Gs und Ks
...

Dienstag, 12. Januar 2010

Maladi

den 13 april 2000 23:53
Ich suche vergebens nach einem schönen Wort das "LIEBE" ersetzen
könnte. Warum nicht "maladi"? Niemand würde je verstehen um was
es geht und ausserdem ist es inhaltlich verwandt mit "maladie" Es ist
eine Zusammenschmelzung von unseren Namen. ... Maladi ist ein
schönes Wort, klingt wie Musik und passt gut zu unseren Gefühlen.
Sollen wir unsere LIEBE mit einem Glas Champagner taufen? Oder
hast du Einwendungen gegen diesen Namen, Chéri?"
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den 14 april 2000 17:37
Liebe Marlena
Maladi finde ich absolut super. Wir sollten dieses schöne Wort wirklich begiessen bis es pudelnass ist, wie bei einer grossen Schiffstaufe. Man muss gar nicht viel erklären zu diesem Wort. Wir zwei wissen alles, was drin steckt. Es ist grandios, ich gratuliere der Patin, die den Namen gefunden hat. Er wird uns wie Honig auf der Zunge liegen. Maladi wird wie ein Turm vor unseren Augen aufragen. Und sie wird sich als fröhliche Melodie durch unsere Jahre ziehen. Ich finde, wir sind wirklich ein fantastisches Team, Marlena, und eine solche Maladi, wie wir sie hier pflegen und geniessen, wird es auf dieser Welt keine zweite geben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und dazu hat Maladi eine Affinität zum Französischen, das ist auch sehr gut getroffen. Und die Silben machen, wie du zeigst, einen Sinn. Ach, es ist praktisch ein Zauberwort. Und dass auch ein Hauch von maladie drin ist, eine kleine melancholische Note, finde ich besonders reizend, bricht die Farbe um eine Nuance. Ich kann uns nur zu diesem Kunstwerk beglückwünschen. Und wenn ich irgendwann und irgendwo auf dieser Welt über Ostern ein Weinglas in der Hand haben werde, so werde ich mit dir anstossen. Du wirst es hören am schönen hellen Klang der Gläser. Ich bin sicher, du wirst es hören. Und natürlich werde ich auch meinerseits genau in die Lüfte horchen, ob ich irgendwann einen solchen kleinen Kristallkuss höre. Und ich werde
dir später die Uhrzeit sagen.

neues Wort

...
Doch es ist nicht leicht, das Wort LIEBE zu ersetzten, denn darin sind
soviele Assoziationen und Gefühle und Erlebnisse und Erwartungen.
Und einen Teil dessen sollte man ja doch in unseren neuen Begriff
hinüberretten. Kurz und gut, meine liebste Marlena, du hast die
Aufgabe, ein neues Wort zu kreiren, das nicht LIEBE lautet, aber
genau LIEBE meint. Das ist ein Kunststück erster Ordnung, wenn
nicht gar ein Wunder. ...

Montag, 11. Januar 2010

Kennenlernen 2


Gestern abend habe ich ein Zitat von Marcel Proust gelesen: "Die
eigentlichen Entdeckungsreisen bestehen nicht im Kennenlernen
neuer Landstriche, sondern darin, Dinge mit anderen Augen zu
sehen". Er hat recht, der kleine Proust, dieser etwas neurotische
und narzisstische Kerl. Ich habe eine Porträtzeichnung von einem
italienischen Cartoonisten gesehen. Sie zeigt Proust als obales
Brustbild, frisch herausgeputzt wie er immer war. Und von oben
hängt ei ne grosse Hand ins Bild hinein, Mamas Hand, die Proust
hält wie ein kleines Kind. Er hat ihn gut erwischt, dieser Tullio Pericoli.
Ich muss mir also überlegen, was ich denn in den nächsten Jahren
von meinem Leben noch will. Und da ist mir diese liebe Marlena über
den Weg gelaufen und die Perspektivenfrage hat sich damit enorm
kompliziert.