Mittwoch, 26. Februar 2025

Sorry!

 Ämne: Sorry

Lieber ..
Ich wollte dir jetzt am morgen schreiben bin aber in der NZZ so lange hängengeblieben dass mir jetzt die Zeit fehlt.
Habe es etwas streng im Moment mit vielen extra Konferenzen diese Woche.
Hier ist es auch grau. Ich hoffe doch auf Frühling, Wärme und bessere Zeiten für Mausfreunde.
Mit einem lieben Gruss,
Marlena

By the way - hast du meine Mails erhalten?

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Ämne: Re: Sorry!
Datum: den 20 mars 16:53



Liebe Marlena
Ach, Du schreibst wirklich kurze Mails. Und fragst, by the way, ob ich sie erhalten habe. 
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Hier hat das Wetter etwas aufgehellt. Irgendwie riecht die Luft nach Frühling und nach Ostern. Und die Tauben trippeln wieder in aller Seelenruhe auf dem Dachfirst gegenüber auf und ab und schauen aus, als ob sie Emma hiessen. Ach nein, das waren die Möwen, die Emma hiessen. Nach einem Kästner-Gedicht.  ---   
Meine Grossmutter mütterlicherseits hat Emma geheissen. Sie war eine kleine, etwas dicke Frau, und ich erinnere mich, wie sie das Brot zur fülligen Brust nahm, um es zu schneiden. Ich hatte als kleiner Junge immer etwas Sorge um ihre Brust, wenn sie sich zu solchen Manövern herbeiliess. Aber es geschah nie ein Unglück. Nur, dass sie, wenn sie dann das Brot zurücklegte, auf ihrer Brust einen mehligen weissen Fleck zur Schau trug. In meiner Fantasie war das wie ein Wundmal. Ich habe gedacht, die Soldaten tragen blutige Wunden aus der Schlacht mit sich herum, und Hausfrauen mehlig weisse Brüste. Das war irgendwie ihr Schicksal. Ich hatte meine gute Oma Emma immer im Verdacht, dass sie etwas dumm war. Manchmal lachte sie so verlegen, wie man es als junge von einer erwachsenen Person nicht erwartet. Oder sie hatte spezielle Dialektausdrücke, die sie mir nicht einmal in meine Sprache übersetzen konnte. Sie hatte beispielsweise ein merkwürdiges Wort für Sieb, und es fiel ihr selbst nicht einmal auf, dass das Wort komisch war, ich meine, dass sonst niemand auf der Welt ein solch fremdes Wort gebrauchen würde. Mein Grossvater war ein grosser und stattlicher Mann, der es noch selbst übernahm, Fleisch einzukaufen. Morgens fragte er jeden von uns, ob wir eine Schweins- oder eine Kalbswurst wünschten. Und das war absolut luxuriös, denn damals gab es noch nicht täglich Fleisch. Er aber wollte uns verwöhnen und besorgte täglich unsere Ration, die er in seiner kleinen Mappe heimbrachte. Ich meine, wenn er abends heimkam, sah er aus, als ob er direkt von der Arbeit im Büro käme. Aber dann öffnete er seine dünne Ledermappe, und es purzelten lauter Würste heraus. Neben dem Wursteinkauf gab er sich nicht allzu sehr mit Kindern ab. Das war nicht sein Geschäft. Stattdessen spielte Oma Emma stundenlang mit uns Elfer-Raus. Es war ein gutes und nützliches Spiel für uns im Kindergartenalter, denn dabei lernte man die Zahlenreihen von 0 bis 20 hin und zurück, so dass man sie noch im Schlaf aufsagen konnte. Und man lernte ungefähr 12 Karten in einer Hand halten. Das war nicht so einfach, wie es sich anhört. Schliesslich sollten sie regelmässig wie ein Fächer geordnet sein, so dass man die Übersicht bewahren konnte. Ach, wir haben wirklich stundenlang dieses Spiel gespielt. Und dazwischen schnitt sie uns als Zwischenmahlzeit dicke Brotscheiben auf ihrer Brust. Sie war mir immer irgendwie fremd, diese Oma Emma. Sie war keine starke Persönlichkeit und ihr Haus war rundum ein bisschen unordentlich. Grossvater hatte zahlreiche Tiere im Garten, und wenn man hereinkam, schrieen die Gänse, so dass sie einen beinahe in die Flucht trieben. Dagegen war meine Oma Frieda väterlicherseits eine wirklich aparte Person. Sie war bis ins höchste Alter attraktiv, zog sich gerne hübsch an und liebte es, unter die Leute zu gehen und sich noch nach Jahren, als ihr Mann längst gestorben war, Frau Direktor ansprechen zu lassen. Das liebte sie sehr. Und das alte Oesterreich-Ungarn und die Wiener-Walzer liebte sie noch mehr. Sie hat mir den Walzer beigebracht. Aber ich weiss, das habe ich bereits erzählt. Ihr alter Gramophon stand rechts, neben dem Steinofen. Und dort, gleich bei der Tür zur Stube, konnte man auch im Walzertakt einige Dreherchen machen. Ach, sie war im Himmel, wenn sie Walzer tanzen konnte. Und sie hatte an der Wand eine kolorierte Zeichnung vom Schloss Schönbrunn. Und ein Foto meiner Eltern, die beide in dickem Mantel und breitrandigem Hut dasassen. Und wenn ich bei Oma in den Ferien weilte, dann bat ich sie, dieses Bild zu entfernen, weil ich sonst zusehr unter einem heftigen Heimweh leiden würde. Sie hatte Verständnis und hängte das Foto verkehrt herum an die Wand. Das sah komisch aus und und die weisse Rückseite erinnerte mich umso mehr an meine Eltern, die mich - Rabenvater und Rabenmutter - hier mutterseelenallein und schutzlos zurückgelassen hatten. Aber Oma gab sich Mühe, mich zu unterhalten. Zum Essen bereitete sie Pommes Frites, wie ich sie mir immer wieder wünschte. Und sie pflegten aussergewöhnlich gut zu schmecken. Dann räumte sie ordentlich die Küche auf, um später mit mir, oder mit uns, wenn mein Bruder dabei war, um mit uns Karten zu spielen. Mit Oma Frieda spielten wir nicht Elfer-Raus, sondern Joker. Das war zwar ein ähnliches Spiel, aber es erwies sich als variantenreicher. Oma Frieda hasste es, mehrmals hintereinander zu verlieren. Das konnte sie nicht ausstehen. Sie erwartete von ihren Enkeln in dieser Hinsicht etwas Nachsicht und Respekt.
*
Und jetzt sind alle Emmas weggeflogen.

Ich wünsche Dir ruhigere Zeiten und wenig Extrasitzungen. Sie bringen ohnehin nicht soviel.
Mit einem lieben Gruss
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