Montag, 17. Februar 2025

Early morning tea

 

den 23 oktober  08:13
Earlymorningtea

Liebe Marlena

Manchmal komme ich ein bisschen in Not, wenn Du mir grosse Komplimente machst für irgend eine Bemerkung im letzten Mail. Mein Problem liegt darin, dass ich nicht mehr genau weiss, was ich gesagt hatte.

Na ja, dieses Mal erinnere ich mich nebelig, dass wir den Menschen zu beschreiben versuchten. Der Mensch, na ja, was ist der Mensch! Das klingt wie ein Aufsatzghema im Gymnasium. Damals haben wir uns mit solchen allgemeinen Fragen herumgeschlagen.Wir stehen heute in der Situation, dass die Genetik Oberwasser gewinnt. Auch Tom Wolfe ist ein Typ, der darauf schwört. Die Forschungen in Sachen Genom sind mit wahnsinnigen Erwartungen bedacht worden. Man denkt, dass wir in Zukunt für jede Fähigkeit des Menschen ein Gen herausfinden können, für Gedächtnis, für Sprachfertigkeit, für motorische Fähigkeiten, etc. etc. Das ist eine schlechte Entwicklung im alten Streit zwischen Anlage und Umwelt. Und wir Psychologen schwören natürlich auf Umwelt, dh. auf Erziehung, auf äussere Einflüsse, auf Plastizität des Menschen. Ich habe in einem Buch über Gentechnologie gelesen, dass der Mensch in seiner Genaustattung viele Gene ursprünglich schädlicher Viren besitzt. Und weil Viren Überlebenskünstler sind, weil sie mit ON-OFF-Patterns ausgestattet sind, hat der Mensch diese Möglichkeiten mitgeerbt. Auf Deutsch und verständlich heisst das: es ist nicht nur eine Frage, ob ein Gen vorhanden ist oder nicht, es ist auch eine Frage, ob das entsprechende zum Ausdruck kommt oder nicht. Es gibt Faktoren, die die Wirkung unterdrücken oder verstärken können. Kurz und gut: die ganze Sache ist nicht so einfach wie eine Kiosk-Buchhaltung.

Die Evolution lässt sich auch schon im Gehirn des Menschen feststellen, die Evolution notabene, welche Du als Katholikin aus tiefstem Herzen bezweifelst. Der Mensch hat ein Saurierhirn, das Stammhirn, welches einfache und primäre Dinge steuert wie etwa das Aufgehobensein in und die Orientierung an der Gruppe. Dieses Urhirn wird überlagert vom Säugerhirn. Die Säugetiere haben schon Gefühle entwickelt. Sie sind so etwas wie Reaktionstendenzen und man kann sie bündeln in das Gefühl der Angst mit Fluchttendenz und das Gefühl der Aggression mit Angriffstendenz. Und zuoberst ist dann noch der Neokortex, dieses neumodische Oberhemd des Gehirns, mit dem wir denken, so wird behauptet. Das ist aber eine sehr dünne Schicht. Und immer, wenn der Mensch leicht aus der Bahn gerät, reagiert er eher nach tieferen Schichten, vielleicht wie ein Säuger oder wie ein Saurier. Manchmal kann man es ja auch an alten Menschen sehen, was wieder hervorkommt, wenn die Person als kulturelle Konstruktion abgenutzt ist.

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Jetzt muss ich leider wieder an die Arbeit. Ich habe viel vor mir heute. Weiss gar nicht, wo anfangen. Und ich wünsche Dir einen schönen Tag. Vielleicht eine zusätzliche Portion Schnee?

Mit Kuss und Gruss
...

RE:

Ämne: Winter..
Datum: den 23 oktober  23:32

Lieber ...,

"Die ganze Sache ist nicht so einfach".. Es ist sogar die aller schwierigste Sache, mit der man sich überhaupt befassen kann. Wir könnten uns ewig über dieses Thema unterhalten und ich würde mich dabei ganz schrecklich unterlegen fühlen. Vielleicht ginge es etwas leichter im RL darüber zu sprechen, wo man sofort die Reaktion des anderen sieht. Aber so, schwarz auf weiss sieht alles so definitiv aus und lose Gedanken hin- und her sehen aus wie richtige Überzeugungen.
Es ist lustig wie du oft darauf zurückkommst, dass ich als Katholik so oder so denken muss. Aber du weisst doch, dass ich diese Religion nicht selbst und aus tiefer Überzeugung gewählt habe. Sie ist fast angeboren. Natürlich hat dann das Milieu in dem ich gelebt habe gewisse Spuren hinterlassen, genau wie bei dir. Aber würde man richtig nachforschen, was ich eigentlich bin.. nun ja, ich wage dir nicht einmal zu sagen wo ich da möglicherweise landen könnte.
Die Frage "Was ist ein Mensch" ist doch wohl äusserst auch die Frage, ob gerade der Mensch eine ewige Dimension, eine unsterbliche Seele hat. Der Theologe hat den Menschen als moralisches Wesen, von den anderen Lebewesen abgrenzen wollen.
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Ich verstehe es schon dass ich dich vielleicht mit meiner Begeisterung über deine schönen Mails in Verlegenheit bringen kann. Es ist wohl wie bei einem Nobelpreisträger in Literatur. Er fragt sich, was muss ich nun schreiben um zu beweisen, dass ich "der Beste" bin. Aber ich bin sicher nicht der einzige Mensch, der von dir fasziniert ist. Es kann nicht neu sein für dich, dass du ganz einmalig bist. Ich frage mich manchmal wie ich eine solche Person überhaupt finden konnte.
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Oh, du bist böse. Ich habe wirklich genug von Kälte und Schnee zu dieser Jahreszeit. Heute hat man sogar in dem Wetterbericht im Fernsehen mitgeteilt, dass gerade wir die niedrigsten Temperaturen für diese Jahreszeit haben, die je aufgemessen worden sind. Und die Kälte soll noch eine Zeit anhalten. Brrr.. Ich friere wenn ich daran denke.
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Wir haben es gemütlich hier zu Hause, Anna und ich. Wir kochen zusammen, essen gut, unterhalten uns über alles was sie so wegen ihrem Studium verpasst hat und geniessen die Ruhe. Und auf Annas Wunsch, haben wir auch ein wenig gebacken. Es ist eine sehr abstressende Beschäftigung für sie.

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Oh, spät!!! Habe die Zeit vergessen beim Schreiben.
Ich wünsche dir alles Gute für morgen,
Mit lieben Grüssen und einem zärtlichen Kuss (auf die Schläfe)..
Marlena

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