Dienstag, 11. Februar 2025

Rundherum

Lieber ...

Du möchtest von der Rede hören. Es ist nicht die Rede an sich, die Wert ist zu nennen, sondern eher die Atmosphäre damals an meinem Arbeitsplatz.

Als ich an diese Schule kam, war ich etwas erstaunt. Wir waren mehrere Lehrer die sich damals an diese Schule gesucht hatten und wir konnten sofort feststellen, dass der Lehrerkader nicht dem glich, woher wir kamen. Die Lehrer hier waren fast ausnahmsweise eine halbe Generation älter als wir. Wir waren die jungen Neukömmlinge, die man mit milder Nachsicht betrachtete. 

Und wer waren nun diese älteren Kollegen? Viele von ihnen waren überzeugte Kommunisten und der Rest Sozialdemokraten, die ihnen sehr nahe standen. Auch schwärmten sie immer noch von dem Jahr -68 und hielten ein wenig Distanz zu uns/mir, die sie aus irgendeinem Grund als Repräsentant der "Verdrückerklasse" betrachteten.

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Im Kollegienzimmer gab es einen grossen runden Tisch an dem so zehn Personen Platz hatten. Erst später dachte ich, dass dieser Tisch irgendwie für diese "Alten" gebucht war. Aber nichts ahnend, setzte ich mich da hin, 

Sonst hatten wir jungen Leute nicht viel Kontakt mit ihnen. Wir lebten unser eigenes Leben. Fast täglich gingen wir nach der Arbeit zusammen aus essen  und ab und zu lud jemand in der Runde die anderen, die Zeit hatten, nachher zu einem Kaffee bei sich ein. Es waren meist unverheiratete und geschiedene Leute. aber auch junge, kinderlose Paare, gesellten sich ab und zu zu uns. 

Und nun komme ich also zu dieser Rede. Es ist viele Jahre später und eine Kollegin hat ihren 60. Geburtstag. Die Zeiten haben sich verändert und wir sind längst nicht mehr zwei Lager. Auch gehören wir nun zur selben Generation, obwohl uns so 15 Jahre voneinander unterscheiden. Die Schwedischlehrer planen ein grosses Fest zu ihren Ehren. Wie gewöhnlich werden wir die Küche und das Festlokal der Restaurantlinie unserer Schule leihen. Die meisten Aufgaben sind schon verteilt. Wer was einkauft, wer kocht, wer den Tisch deckt, wer für die Musik sorgt usw. Ich habe den schönen Auftrag, das Geschenk für Birgitta auszusuchen. Es ist nicht schwer. Ich weiss, dass es eine neue grosse Deutsche Grammatik gibt, die sie für ihr Leben gern besitzen möchte. Sie ist sündteuer aber ich kaufe sie für die Schule ein und kann die Steuer abziehen. Somit bleibt etwas Geld übrig für ein kleines Geschenk für die weibliche Eitelkeit, "den kvinnliga flärden" wie es heisst. Es ist eine schöne Halskette mit einem Anhänger aus Bergkristall, etwas Spezielles für die Region. Aber eine andere Kollegin (die alles organisiert) findet wohl, dass ich ein bisschen zu leicht davonkomme und deshalb fragt sie mich: "Kannst du die Rede halten?"

Ich habe wohl in dem Augenblick nur daran gedacht, dass ich nicht so wenig tun kann und habe (ich denke zu ihrem Erstaunen) ja gesagt. Es war wirklich ein wenig so, als würde sie gesagt haben: Du hast dich gedrückt, als die schweren Aufgaben verteilt wurden, also kannst du als Strafe die Rede halten.

Nun ja, es war ein Freitag und als K nach Hause kam sagte ich ihm: Ich muss mir für morgen für Birgitta eine Rede ausdenken. Und erst als ich seine Miene sah, habe ich eingesehen, dass ich absolut keine Ahnung hatte, was ich da sagen könnte. Aber weißt du, es ist wirklich so, wie du sagst, wenn ich unter Druck stehe kann ich Dinge tun, die ich normalerweise nicht zustande bringe. Nach 15 Minuten wusste ich genau, was ich sagen würde und probierte meine Rede an K. Und er war still. Bei K bedeutet das, dass er schwer imponiert ist. ;-)
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Es war keine allzu lange Rede. Doch ich glaube, sie enthielt alles... *lacht*
Sicher hast du dir inzwischen eine Gasmaske geholt. Vielleicht sollte ich mich ein wenig schämen, denn das ganze klingt doch sehr angeberisch. Du siehst, es war eigentlich nicht die Rede, die ich dir erzählen wollte sondern das "rundherum".
Liebe Grüsse
Marlena

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