den 13 november 17:07
Feierabendmail
Liebe Marlena
Heute abend habe ich noch eine Sitzung. Sie beginnt erst um 17h. Das hasse ich. Früher hat mir dies nichts ausgemacht, aber heute gehe ich gerne rechtzeitig heim, um mein Kaffeelein und mein Schläfchen zu nehmen. Alles andere Stört meine Kreise!
Morgens war ziemlich regnerisch. Und weil bei unserem Auto die Elektronik spukt, hatte ich keinen Scheibenwischer und keinen Winker. Es ist ziemlich abenteuerlich, so in der Landschaft herumzufahren. Man würde nicht mal merken, wenn man einen Passanten überfährt. Es sieht ja alles aus wie hinter der verglasten Badezimmertüre. So bin ich ziemlich vorsichtig gefahren und habe dann S. angerufen, das Auto in die Garage zu bringen. Ich selbst bin mit der Eisenbahn nach Basel gefahren. Das mache ich ja nicht ungern. Aber es braucht seine Zeit.
Kürzlich hast Du mich sogar mehrmals gefragt, welches Mail denn die Sekretärin gebracht und ev. angesehen hätte. Ich weiss es nicht mehr. Ich habe das auch nicht kontrolliert. In solchen Dingen schliesse ich die Augen und gehe blind durch die ganze Suppe. Ich bin mir aber sicher, dass sie es nicht gelesen hat. Sie ist sehr vertrauenswürdig. Und auch sehr strikt. Da kann ich meine Hand ins Feuer legen. Bei Walter, der auch sagt, er sei diskret, wäre ich mir nicht so sicher. Er würde es lesen. Aber er würde es nicht ausnutzen. Aber er ist ziemlich neugierig. Wie die meisten Psychologen. Manchmal denke ich, sie sind indiskret, weil sie es gewohnt sind, in den privaten Dingen der Menschen und ihren Lebensumständen herumzukramen. Sie fragen Dinge, die andere niemals fragen würden. Sie schauen dich von unten bis oben an. Und sie machen sich ihre Überlegungen, hängen dir irgendwelche Absichten und Motive an, die mehr in ihrer als in deiner Brust gewachsen sind. Sie können ganz unmöglich sein, die Psychologen. Das lass Dir gesagt sein, Marlena.
Weshalb wohnst Du nicht irgendwo hier in der Nähe. Ich würde fürs Leben gerne mal mit Dir einen Spaziergang machen, irgendwo in einer kleinen Conditorei eine Schokolade (wie sittsam, mit S c h o k o l a d e !!) trinken, Dir ein paar Minuten ins Gesicht schauen, ein paar süsse Scherze machen, um dann wieder im Karussell der Pflichten loszutraben. Ach, das wäre doch aufregend. Weshalb denn gleich so hoch im Norden? Ich meine, irgendwo hier in der Nähe wäre doch auch ganz nett. Gut, das Meer wäre vielleicht ein bisschen weit weg. Im Film aus Schweden, den ich kürzlich gesehen habe, haben mich die weiten wilden Strände beeindruckt. Die sind wunderbar. Aber man hat sie vom Flugzeug im Tiefflug gesehen, nicht von den Beinen eines langsamen Spaziergängers, wie wir es dann wären. Und auch das Flache Land mit den langen Alleen beidseits des Weges war sehr schön. Es müsste ja alles nicht gleich so wild sein, so verboten und leidenschaftlich, sondern ganz gemütlich und bloss ein bisschen erotisch. Nur eine Messerspitze Erotik. Das wäre doch schon genug. Aber hier im Netz ist sowenig davon! Ich meine von den Klängen und den Farben und den Rhythmen.
Na ja, vielleicht muss ich mich damit begnügen, in die Wolken zu sehen und meinen Gedanken nachzuhängen.
Ich wünsche Dir einen wundervollen Abend ohne Sitzung.
Mit lieben Grüssen
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