Donnerstag, 11. Oktober 2018

altes Tagebuchblatt


Wandteppich

Lieber ...,
Ich kenne es nur allzu gut dieses Gefühl. Man hat ein paar Tage vor sich auf die man sich riesig freut und man weiss genau was man damit tun wird.. und dann sind sie da und plötzlich ist es ganz anders als man es sich vorgestellt hatte und die kostbare Zeit rast nur so dahin und ist bald vorbei ohne dass man sie richtig geniessen konnte. Ich denke manchmal ”diesen Tag würde ich gern an ein Second-Handgeschäft verschenken”. Es gibt Tage die wirklich nur Transportstrecken sind.. wohin fragt man sich..
Du tust mir leid, chéri. Sogar auf ein schönes Fest musst du verzichten. Aber du wirst sehen, bald bist du wieder der alte ... voller Energie und Pläne für die Zukunft. Und sicher freust du dich schon auf die Reise in den Iran. Dann kommen Tage an denen du doppelt und dreifach leben wirst. :-) Wolltest du mich denn nicht auch ein wenig einweihen und mir dein Programm zeigen? Ich würde mich sehr darüber freuen.
Wir haben einen stillen Familienabend, d.h. so still wie er eben bei uns sein kann. K und A diskutieren laut und ich denke wie wenig Respekt die Kinder heute vor ihren Eltern haben. So hätte ich nie mit meinen reden können. Und dann dröhnt die Musik von unten herauf und ich kann mich nicht wehren. Die Geräuschschützer (?), die ich mir zu Weihnachten gewünscht habe, habe ich immer noch nicht erhalten. Aber ich will nicht allzu viel klagen. Die meiste Musik die K spielt gefällt mir sehr gut. Gerade war es Leonard Cohen. Kennst du ihn?
Und gestern nachmittag kam eine totmüde Anna nach Hause von dem verregneten Ausflug. Sie hatte kaum eine Stunde geschlafen und um drei Uhr morgens waren sie noch über einen See gerudert um eine Biberhüte (heisst es so?) die sie am Tag vorher entdeckt hatten zu besichtigen. Trotz des Regens haben sich alle sehr gut amüsiert. Und nun sitzen sie sicher alle zu Hause (einige ziemlich erkältet) und bereiten sich vor auf die grosse nationelle Probe in Mathematik die Anfang nächste Woche stattfindet.
Spätestens Montag muss ich alle Noten der Abiturienten abgeben und dann folgen noch ein paar Abschlussprüfungen für die 17-jährigen. Ach, wenn ich denke wieviel ich in kurzer Zeit noch tun muss dann werde ich ganz müde. Übrigens, wenn ich von müde rede: Anna hat sich gestern nachmittag um vier hingelegt und bis 7 Uhr heute morgen durchgeschlafen. :-)
*
Ich muss ein wenig schmunzeln wenn ich lese was du zu dem Bild vom Esstisch schreibst. Ordnung und bürgerlich und was es noch war .. und ich lasse dich gern in dieser schönen Vorstellung weiterleben. ;-) Weisst du, wir hatten schon ein Heim eingerichtet bevor ich hierher zog. Damals liess ich alle Möbel in der alten Wohnung stehen die K übernahm. Und was ich Anfangs für meine Wohnung hier kaufte war immer nur für eine kurze Zeit gedacht bis wir die beiden Wohnungen zusammenschlagen würden. Und dann haben wir diese Villa gekauft und da wir eingesehen haben dass wir getrennt weiterleben würden haben wir eben dieses Haus weiter in dem hellen Möbelstil eingerichtet.. ist ja auch typisch schwedisch. Mir gefällt es jedenfalls.. und mein lieber Schwiegervater machte mir immer Komplimente für die schönen Farben ..
Übrigens, der Wandteppich oder wie man es nennen soll ist etwas Typisches für den hohen Norden. Nur sieht man sie gewöhnlich in sehr starken Farben die hier zu dominant gewesen wären.. Als wir beim Begräbnis meines Schwiegervaters waren leuchtete der Abendhimmel in all diesen Farben - rosa, orange und lila - und ich kann noch die schwarzen Silhuetten der Bäume sehen die keine Blätter mehr trugen. Nachher gingen K und ich durch die Stadt und in einem Schaufenster sah ich diesen Himmel wieder auf dem Wandschoner und wir kauften ihn als Erinnerung an die vielen schönen Sommer die wir bei ihm in Luleå verbracht hatten.
Und daneben das Bild von Anna. Es ist wirklich so ausdrucksvoll dass es mich stark berührt wenn ich es betrachte. Das kleine Aquarell mit der Karlsbrücke in Prag, auch im Abendlicht, erinnert mich an so viel. Ach es war so schön dort. Ich glaube ich muss noch einmal hinfahren.

M. gefällt es sehr gut an der Uni. Er arbeitet ein Zehntel von dem was er hier tun musste und verdient mehr. Auch das Arbeitsklima ist ganz anders mit netten Kollegen die zusammanhalten. Er versucht mich immer noch zu überreden auch hinzukommen.
*
Sicher ist es ein interessantes Buch das du liesst über Oscar Wilde. Ich kannte schon seine Geschichte und habe auch einen Film darüber gesehen vor langer Zeit. Jetzt habe ich aber trotzdem nochmal nachgeschaut. Wir haben ein sehr altes Nachschlagewerk, ”Nordisk familjebok”, (ein Erbstück ;-) und da die ersten Bände schon Anfang 1900 herauskamen ist es wirklich interessant darin zu lesen. Alles ist sehr eingehend beschrieben und oft auf eine Weise wie es heute undenkbar wäre. Jedenfalls wird über Oscar Wilde gesagt dass er vor allem ein sehr spiritueller Redner war und die Leute mit seinem französischen Esprit fesselte. Oder wie du es so schön ausgedrückt hast: ”ein Genie in seiner Fähigkeit, eine verbale Realität heraufzubeschwören.” Gerade diese Eigenschaft ist es, die mich so sehr an dir fasziniert und süchtig macht nach deinen Worten. :-) Weiter steht dass er sich äusserst elegant kleidete, in einem etwas veralteten Stil und er soll sehr schön gewesen sein (was ich nicht verstehe wenn ich sein Bild betrachte).
*
Es ist Samstagmorgen. Ich habe viel vor und somit wird es sicher ein ”lebenswerter” Tag werden. Aber du hast recht. Einige Tage würde man gern ”einkochen” so wie es deine Mutter wahrscheinlich mit Fleisch und ähnlichen Dingen getan hat und wie ich es mit den Multbeeren und Heidelbeeren mache. Meistens werden es 15 - 20 Liter, die wir von Norrland mit nach Hause bringen. Dann haben wir Vitamine und gute Nachspeisen fürs ganze Jahr und auch etwas zu verschenken. Die Multbeeren gibt es ja nicht hier im Süden und sind sehr gefragt. Es kommt auch vor, dass K einen Liter davon gegen südländische Spezialitäten eintauscht, die seine Freunde von ihren Auslandsreisen mitgebracht haben. Ich werde dir einmal eine kleine Kostprobe senden müssen.

Ich hoffe dass es dir inzwischen wieder ein wenig besser geht und sende dies nun ab damit du es heute Abend siehst wenn du allein zu Hause bist. Oder ist A. schon wieder zu Hause? Wie geht es B.? Gefällt es ihr gut in Südamerika? Hast du nicht Angst um sie? Aber vielleicht weisst du dass sie in guten Händen ist.
Schreib mir bald wieder. Ich bin wirklich ein wenig süchtig geworden und ohne eine Dose Harroin komme ich kaum aus. ;-)
Und ich sende Dir viele liebe Grüsse
Marlena

PS Kennst du das Buch von Alain de Botton ”Trost bei 6 Philosophen” oder so ähnlich? (Es ist neulich ins schwedische übersetzt worden.) Und Nietsche mag er ganz besonders. Ich glaube ich würde mich von Schopenhauer trösten lassen. ;-) Leider hat man keinen Philosphen gefunden den man gegen Teknologiestress nehmen könnte. Alain ist z.B. überzeugt davon dass Sokrates das Internet geliebt hätte und alle aufgefordert hätte in Chaträume zu gehen.
Wusstest du dass Alain in der Schweiz geboren ist und erst als 8-jähriger ”sehr schüchterner Junge der nicht physische Aktivitäten liebte” nach England kam?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen