Sonntag, 7. Oktober 2018

Ach, wie ist das Leben ...


Liebe Marlena

(---)

Heute finde ich allerdings, ich war ein bisschen zu bescheiden in meinem Leben. Ich habe das Gefühl, ich hätte aus meinen Begabungen mehr machen können. Aber das habe ich erst spät im Leben bemerkt. Ich habe immer geübt im Leben und nie die Performance angesteuert. Nun ja, das ist jetzt ein bisschen absolut formuliert. Viele Leute hier würden sagen, ich hätte eine Karriere gemacht und so weiter. Doch ich empfinde es nicht so. Ich glaube ich hätte künstlerisch etwas großes erreichen können. Aber ich hatte nicht genug Mut. Vielleicht hätte ich auf eine Familie verzichten müssen. Als ich jung war, war ich überzeugt, das Leben sei ein großes Abenteuer. Und die Existentialisten haben von nichts anderem gesprochen, und die Beauvoir und Sartre haben es uns vorgespielt (auch wenn heute aus den Tagebüchern noch andere Aspekte zum Vorschein kommen). Die ganze Welt schien uns offen, und von allen Abenteuern scheinen uns die geistigen (qua platonischen) die größten.

Vielleicht habt ihr Frauen nicht so wilde Pubertätfantasien wie wir Männer. Aber ich habe wirklich von einem großen Leben geträumt, Intellektueller, bekannt, gut informiert und eine unüberhörbare Stimme in der Öffentlichkeit. Natürlich Sartre war so ein Beispiel. Oder ein paar Journalisten, die ich kannte. Und jetzt sitze ich hierals Chefsbeamter (!) im Büro und schau auf den W-Platz hinunter und träume ein bisschen in die Welt hinaus. Ach, wie ist das Leben bürgerlich monoton. Wir sind alle Gefangene unserer Sozialversicherungen. Du bist es, Marlena, und ich bin es. Wir sind es alle, in den modernen Industrie- oder Post-Industriestaaten.
Und dabi hätte ich gerne ein außergewöhnliches Leben gehabt, mit einem außergewöhnlichen Tod, wie Rilke oft davon gesprochen hat. Was ist das für ein Leben, wenn man mit 76 oder so im Bett stirbt, womöglich senil in einem Altersheim. Wo ist da die Würde des Menschen? Was ist der Mensch, wenn er schließlich als Tier enden muss?

...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen