Samstag, 27. August 2016
Abstinenz und Reise nach Mekka
date 18 September 10:11
subject: Wohlbehalten?
Liebe Malou
Ich habe Deine Abstinenz-Mails gelesen und diese Lektüre hat mich sehr berührt. Ooch, Du musst ziemlich gelitten haben, wie ich sehe und höre. Das tut mir leid. Und ich bin wirklich ganz gerührt, wie Du diese Pein beschreibst und sie mit dem Alkoholismus vergleichst, oder mit der Grippe, der man mit einem Chapman Lutscher kaum begegnen kann. Eigentlich könnte ich ein bisschen beleidigt sein, dass Du mir so was zutraust. Aber ich weiss, dass das vielleicht mehr Dein Problem ist als meines.
Es gäbe so viele andere mögliche Gründe, weshalb Du im Moment kein Mail bekommst: mein PC ist defekt, ich bin krank im Bett (daran hattest Du gedacht), ich bin für ein paar Tage ortsabwesend, etc. Na ja, Du wirst denken, dass man in jeder Situation ein kleines Mail schreiben kann. Aber ich glaube, wir Männer denken eher so, dass wir - wenn wir schon ein Mail schreiben - ein richtiges Mail schreiben sollten. Und das braucht eben seine Zeit.
Nur einen Punkt muss ich doch sehr streng und strikt korrigieren: ich schicke Dir keine Mail-Passagen, die ich schon für eine andere Person geschrieben hätte. Genau das Umgekehrte kommt manchmal vor. Ich verwende Gedanken und Figuren, die ich in meinen Mails an Dich gefunden habe, in anderen Zusammenhängen. Das sind zwar nicht Mails, aber zum Beispiel Gespräche oder so ähnlich. Die Mails an Dich sind für mich oft ein Ideen-Pool. Ich komme dabei auf Gedanken und Denkfiguren, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Und das hatte ich immer gemeint, wenn ich sagte, die Mailerei sei für mich wie ein Tagebuch.
Ich kann Dich verstehen, wenn Du manchmal den Eindruck hast, es sei kein direkter Dialog. Da hast Du, so glaube ich, manchmal recht. Gelegentlich schreibe ich irgendwie einfach für mich, was mir hochkommt. Aber immerhin bist Du dabei der Anlass. Das ist doch - man höre und staune - die causa prima, der Hauptgrund. Ohne Dich würde ich überhaupt nicht schreiben. Und dann haben wir auch wieder direkte Dialoge, nicht wahr? Ich weiss schon, dass Du diesen direkten Dialog sehr magst. Du hast oft - vorsichtig - darauf hingewiesen, wenn ich nicht direkt auf Deine Fragen oder Deine Gedanken reagiert habe.
Deine Abstinenz-Mails haben mich an eine Szenerie bei uns zuhause erinnert. Vor einigen Jahren war S auf Wunsch ihrer Mutter mit ihr auf die Pilgerreise nach Mekka gereist. Das ganze sollte ungefähr 10 Tage dauern. Und wir glaubten, dass auch die Kinder diese kleine Abwesenheit gut ertragen könnten. Und dann geschah es, dass S nach 10 Tagen anrief und mitteilte, dass sie 2 Tage später käme. Und nach 2 Tagen rief sie wieder an und vertröstete uns wiederum auf später. Hinter diesen Telefonaten verbarg sich eine aufregende Geschichte, die S uns erst später erzählte. Tatsache war, dass ihr Pass verschwunden war. Alle Pilger - und es handelt sich dabei um mehrere 100'000 innerhalb dieser Zeit - geben bei Ankunft den Pass ab und erhalten ihn wieder bei der Abreise. Die Pässe werden pro Reisegruppe (die Pilger reisen immer in Nationen-Gruppen) in einem grossen Plastiksack verstaut. Und in eben diesem Sack fand sich dann Ss Passport nicht mehr. Und das war eine schlimme Zeit für B.. Sie hatte schon während der 10 Tage sehr grosse Sehnsucht nach ihrer Mama. Und als sie dann nicht heimkam, wurde es immer schlimmer. Sie hat abends geweint und ich musste sie jeweils notdürftig trösten und lange Geschichten vorlesen. Da hatte ich in meiner Not die Idee, ihr ein grossformatiges Tagebuch zu schenken, und ihr zu empfehlen, ihrer Mama Briefe zu schreiben und Zeichnungen zu machen in jenen Momenten, wo sie sich besonders nach ihrer Mutter sehnte. B. war immer ein eifriges Kind gewesen und hat diese Idee gut akzeptiert und eifrig geschrieben und gezeichnet. Und das hat ihren Schmerz doch ein bisschen gemildert.
Ich glaube auch, dass man oft von der vermissten Person Verhalten übernimmt, um näher bei ihr zu sein. Freud hat das studiert und gezeigt, wie in der Entwicklung des Kindes daraus Ich und Über-Ich entstehen.
Übrigens hatte S in Mekka die Suche dann auf eigene Faust übernommen. Die Behörden waren dazu nicht in der Lage. Na ja, wir kennen ja den Fatalismus der Orientalen! Und schliesslich hatte sie ihren Pass im Sack einer türkischen Gruppe gefunden. Offenbar haben die Türken einen ähnlich roten Pass wie wir Schweizer. Es war wirklich ein Drama, diese Reise nach Mekka. Ich gebe ihr oft den Titel: ‚Reise ins Mittelalter’!
Wir haben hier wunderbares Herbstwetter. Es ist wirklich sehr schön. Und auch die Tauben auf dem Dach scheinen diese milde Situation zu geniessen. Sie hocken dort oben und plustern sich ein bisschen auf in der Sonnenwärme.
Am liebsten würde ich von Deinem Pflaumensylt kosten. S hat die Zwetschgen, die ich ‚öffentlich’ gepflückt hatte, ebenso gekocht, dann gesiebt und gefroren. Das ist wirklich fantastisch gut zu Vanilleeis. Ich mag diesen Geschmack über alles, besonders dann im Winter.
Sollten wir - nach unserer Abstinenz-Geschichte - ein paar Regeln entwickeln, wie wir mit solchen Unterbrüchen umgehen sollten? Eine mögliche wäre, so wie es Du gemacht hast: man schreibt mal weiter, auch wenn noch keine Antwort kommt.
Ich muss jetzt an die Arbeit. Es ist beinahe Mittag, und ich habe noch nichts gemacht.
MLGUKK
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Subject: PS
Date: Sat, 18 Sep 19:34
Dieses Mail vom Donnerstag habe ich erst heute gefunden. Es lag bei den Junk Mails.
Sieht alles ein bisschen chaotische aus, nicht wahr?
Grüsschen
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