Mittwoch, 15. April 2015
Megalanges Mail
Ämne: Megalang..
Datum: den 20 mars 2002 21:25
Lieber ...,
So tauche ich nochmals in die Vergangenheit.. wie in ein warmes behagliches Wasser in dem man sich wohlfühlt. Auch deine andere Oma, die auf ihren Titel so stolz war weckt Erinnerungen. Diesmal ist es "Tante Mizzi". Ich glaube ich hab dir schon einmal von ihr erzählt aber das ist wohl bereits 2 Jahre her. Sie ist eine angeheiratete Verwandte. Eine Dame aus dem alten Österreich-Ungarn. Aber nicht wie deine Oma Frieda. Tante Mizzi war mehr eine Ahme Bozorg, eigentlich ein richtiger Drachen in Frauengestalt. Alle hatten grossen Respekt und ein wenig Angst vor ihr. Gewiss, sie war eine Dame und in ihrer Jugend hatte sie in Trieste gelebt und dort ein königliches Leben geführt. Wenn wir ihr einen Brief schrieben musste man "Hochwohlgeborene Oberbauratswitwe" auf den Umschlag schreiben. Weniger durfte es nicht sein. Ich lernte sie kennen als ich das erste mal allein ins Ausland fahren durfte. Es war auch der erste Besuch bei meiner Mutter in D seitdem sie mich sechs Jahre früher mutterseelenallein an ihre ältere Schwester geschickt hatte. Jetzt sollte ich meinen 15. Geburtstag bei ihr feiern.
Die Reise ging über Kopenhagen, Hamburg Augsburg nach Ulm. Schon dieser Abschnitt der Reise wäre ein Mail wert. Nach einer Woche bei meiner Mutter fuhr ich weiter nach Salzburg. Dort sollte ich eine zeitlang bei Tante Mizzis Sohn und seiner Frau wohnen bis mich eine Bekannte unserer Familie, eine Ärztin aus München, abholen kam. Sie hatte im Sommer eine Praktik in Saalbach und ich war für ein paar Wochen dorthin eingeladen. Vielleicht wollte sie ein wenig Gesellschaft haben für ihren Sohn der ein paar Jahre jünger war als ich.
Tante Mizzis Sohn war Jurist und hatte eine wirkliche Schönheit aus den "höheren Gesellschaftskreisen"(so nennt es mein Wörterbuch wir sagen "societet") geheiratet. Ich konnte es nicht richtig verstehen warum sie gerade ihn gewählt hatte.. jedenfalls war er in meinen jungen Augen ein nicht allzu attraktiver Mann. Sehr gross und etwas steif kam er mir vor. Aber sicher hatte er andere Qualitäten denn mit der Zeit sass er in der Regierung mit einem schönen Titel den ich vergessen habe.
Jedenfalls hielt Tante Mizzi ein wachendes Auge über alles was die armen Leute vorhatten. Immer kontrollierte sie jeden ihrer Schritte und natürlich wurde auch ich gründlich gemustert. Ich glaube sie mochte mich. Nach einer Zeit sollten ihr Sohn und seine Frau ihre Urlaubsreise antreten und so wohnte ich eine zeitlang bei Frau L, die den unteren Stock der Villa bewohnte. Sie hatte zwei Söhne die etwas älter waren als ich und es gefiel ihnen mich mit dem Nachtleben der Stadt bekannt zu machen. :-)
Zu Mittag war ich immer zu Gast bei Tante Mizzi. So hatten sie es ausgemacht und jeden Tag gegen 12 Uhr begab ich mich zu Fuss zu dem Asyl wo sie wohnte. Es lag nicht allzuweit weg in einem schönen grossen Garten mit riesigen Bäumen. Schon der Weg dorthin.. ich fühlte mich wie Alice im Wunderland. Das Asyl war eine grosses altes Gebäude. Eine Nonne mit einer übergrossen weissen Haube führte mich durch einen langen Korridor. Die Wände waren sehr hoch und mit dunlklem Holz gekleidet und am Fussboden lag ein roter Teppich. Und ganz am Ende links lag das Zimmer von Tante Mizzi. Es war sicher ein sehr grosses Zimmer aber mit all den Schätzen die sie darin aufbewahrte wirkte es wie ein überfüllter Schmuckkasten. Sie wartete schon immer eifrig auf mich und manchmal musste ich ihr zuerst beim umkleiden helfen, d.h. ich musste ihr das Korsett hinten zuknöpfen. Es war nicht immer so leicht ihren Körper hineinzuzwängen. Dann zog sie ein elegantes Kleid an und kurz danach wurde das Essen auf einem Servierungswagen hereingebracht. Und so assen wir täglich zusammen an einem schön gedeckten Tisch und liessen es uns gut schmecken. Nach dem Essen setzten wir uns an einen kleinen runden Tisch vor das französische Fenster (porte-fenêtre) von dem man über den Park hinaus auf die Strasse sehen konnte und tranken noch eine Tasse Mocca und unterhielten uns bevor ich sie wieder verliess. Sie erzählte viel von ihrem Leben. Ich glaube auch sie wird sich lange an diese gemeinsamen Stunden erinnert haben.
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Und du hast Wienerwalzer gelernt von deiner Oma. Den üben sie ja immer noch fleissig in Österreich. Und sie haben ihren Hofball. Ich habe mal ein Programm darüber im Fersehen gesehen. Also wie die jungen Leute üben müssen und dann (eventuell) ausgewählt werden zu diesem Eintritt in die "societet". Auch Peter, den ich damals in Wien kurz traf, hat es mitgemacht. Ich hätte ihn allzu gern dort tanzen gesehen.
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Du fragst welches Mail ich meine ... Na, das vom Samstag.. wo ich dir von den drei Herren erzählt habe.. die sich typisch schwedisch benehmen wenn sie ins Ausland kommen. Und es stimmt wirklich. Vielleicht ist es weil eben der Alkohol hier in Schweden so sündteuer ist. Weisst du, meistens wenn sie losfahren (die Gruppe mit der er jedes Jahr eine Studienreise macht) steigt K hier zu. Und wenn der Zug auf dem Gleis einfährt winken sie schon durchs Fenster und haben einen Tisch gedeckt mit Delikatessen die sie mit einem Glas Champagner begiessen. So feiern sie den Start ihrer Reise...
Und dann habe ich dir von Håkan Nesser geschrieben. Es gibt hier im Moment keine Zeitschrift die sich nicht mit ihm befasst. Er erzählt in seinem neuen Buch von seiner Jugend hier in den 60er Jahren und ich denke es müsste interessant sein für dich sie mit deiner zu vergleichen. Ich meine immer noch du solltest ein Buch darüber schreiben. Niemand kann das so wie du, .... Du weisst es.
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Und das Kartenspiel.. das habe ich mit meinem Grossvater getan. Wir haben 66 gespielt und manchmal habe ich über ihn gewonnen. Dann war er stolz auf mich und hatte grosse Lust weiterzuspielen.
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Siehst du, wozu du mich verlockt hast? Zu einem megagrossen Mail. Aber ob du es lesen, beschnuppern oder inhalieren wirst? Das ist eine andere Frage.
Nun wünsche ich dir noch einen schönen Abend und auch einen ruhigen angenehmen Tag morgen.
Mit lieben Grüssen
Marlena
Ämne: Re: Kiosk
Datum: den 20 mars 2002 21:29
Die Adresse ist wunderbar.. sofort bin ich in einem französischen Text hängengeblieben. Danke vielmals!
G+K
M
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