Sonntag, 22. März 2015

Medea




Tragische Heldinnen sind bleich ...
Sun, 28 May 08:43:52 GMT
(R)
...
Und das beste daran ist, dass tragische Heldinnen wirklich
bleich sind. Man könnte darüber einen geistreichen Essay schreiben.
Kannst du dir Jeanne d'Arc mollig und mit roten Wangen vorstellen?
Nie im Leben! Oder Medea, die nun wirklich eine sehr tragische
Gestalt ist. Es gibt im Basler Antikenmuseum einen spätrömischen
Sarkophag, wo die tragische Medea auf einer Seite im Halbrelief
dargestellt wird. Die ganze tragische Geschichte, wie sie ihre
Nebenbuhlerin durch vergiftete Kleider hinrichtet und wie sie
schliesslich in einem göttlichen Gefährt entschwebt. Es ist das
schönste Stück im ganzen Museum, und manchmal gehe ich
am Sonntagmorgen dorthin, nur um dieses eine Stück anzuschauen.
Es ist ein ganzes Reliefband, die Länge des Sarkophages, also in ein
einziges Stück Stein gehauen. Und wenn du links zu lesen beginnst,
dann ist zuerst die Hochzeit Iasons mit Gauke, der Tochter des Königs
von Korinth zu sehen. Medea schickt der Nebenbuhlerin ein mit
Zaubermitteln vergiftetes Gewand, das beim Anziehen in Flammen
aufgeht, so das Gauke und Iason, der ihr zu Hilfe eilt, verbrennen.
Um die Rache an dem ungetreuen Gatten zu vollenden, tötet sie auch
ihre beiden Kinder, bevor sie auf ihrem von Drachen gezogenen
Wagen entflieht.
Es gibt auch ein dramatisches Bild von Delacroix im Louvre, wo sie
im Begriffe ist, ihre Kinder zu töten. Ich habe es ziemlich genau in
Erinnerung. Dort schaut sie sehr tragisch die erschrockenen und
vielleicht schockierten Louvre-Besucher an. Es scheint ihr wirklich
ernst zu sein mit ihren Kindern. Und als braver Bürger der Moderne
möchte man intervenieren und ihr das Messer aus der Hand reissen.
Aber das wagt man nicht, denn sie ist kolossal und bleich.
Und bei diesem Sarkophag, wenn du ein paar Schritte zurücktrittst,
siehst du, wie das Band von links nach rechts ziemlich ruhig anfängt.
Es gibt diese vielen Figuren, alle ihre Köpfe auf gleicher Höhe (sie
sind geordnet und deuten eine Menge an, es gibt dafür einen Namen
in der Kunstgeschichte). Und zur Mitte hin wird die Szenerie immer
nervöser und unruhiger. Du hast den Eindruck, der Stein ist
elektrisiert, und dann nach rechts, zum wunderschönen Wagen
Medeas hin, beruhigt sich alles wieder. Es ist wirklich ein
wunderbares Stück. Ich weiss nicht, woher die Basler sowas haben.
Natürlich ist darin der spätgriechische Einfluss sehr sichtbar,
helenistisch heisst das. Es ist also für ein römisches Stück schon
sehr fein, eine Spätentwicklung. Da waren die Römer schon ziemlich
verweichlicht und verzärtelt, hat man den Eindruck. Das ist schon ihr
fin de siecle, ihr langsamer Niedergang nach Augustus.
Wenn du mal nach Basel kommst, würde ich dir dieses Stück zeigen.
Ich hätte noch anderes, aber das würde ich dir zeigen. Es ist einmalig
schön und fast ohne Beschädigungen erhalten.
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