Foto: Chris
Auf dem gegenüberliegenden Dach sind zwei Tauben. Die eine steht ziemlich still und schaut auf unsere geschäftigen Strassen herunter. Sie wirkt sehr gelassen und erhaben über all dem Getue. Und die andere Taube dreht sich, wippt mit dem Kopf auf und ab, macht einen echten Tanz zuoberst auf dem Dachgiebel, so dass einem Angst und Bange wird, sie könnte das Gleichgewicht verlieren und herunterfallen. Sie ist wirklich ständig in Bewegung, und man hat den Eindruck, sie sei wirklich ein bisschen in einem Wahn.
Natürlich, es muss der Liebeswahn sein. Und es ist auch nicht schwierig zu erraten, welches von beiden das Männchen und welches das Weibchen sei. Ich erinnere mich an die Antwort, die Anna gegeben hatte. Ist die Natur nicht komisch eingerichtet. Sie ist nicht nur grausam, sie ist auch urkomisch. Aber sie ist auch sehr schön, auf der anderen Seite. Und weil wir selbst auch teilhaben an dieser Natur, so finden wir das Naturschöne besonders schön und die hohen Berge besonders erhaben. Das war nicht immer so, noch im 17. Und 18. Jahrhundert wurden die Alpen als hässliche, formlose und Angst einflössende Gesteinsmassen wahrgenommen. Die Reisenden im 17. Jahrhundert wollten die Schweizer Alpen möglichst schnell hinter sich lassen. Der Reiseboom ins Gebirge kam erst im 18. Jahrhundert und Grund von Prozessen und Verschiebungen in der Wahrnehmung der Berge. Im Zeitalter der Aufklärung galten die Alpenlandschaften, dh. die als unberührt gesehene in der Höhe gelegene Natur, als Ort moralischer Reinheit. Damals brauchte es noch Pioniergeist, in die Alpen zu fahren, denn die Reiseumstände waren alles andere als kompfortabel. Goethe reiste 1779 zum zweiten Male durch die Schweiz. Es war nicht zuletzt auch eine Leistung der Maler, zB Turner oder Wolf, die Berge in Bildern dargestellt und so verewigt zu haben. Und später kamen die Engländer, allen voran Königin Viktoria, die die Schweiz als Reise und Bergsteigerland entdeckten. Die armen Schweizerbauern in den Bergen waren froh, eine kleine Nebenbeschäftigung zu haben, indem sie die Touristen auf ihren Kuhwagen in der Gegend herumführten. Siehst du, Marlena, sogar das könnte ein Reisegrund sein, die Schweiz mit ihren schönen Landschaften, mit ihren Bergen, mit Rilke und mit unseren Nationalhelden Frisch und Dürrenmatt. Du könntest das ganze ja geradezu als Studienreise begründen und von der Schule finanziern lassen. Wäre doch kein Problem. Und dann würden wir zusammen nach Solothurn zu Bichsel fahren und nach Tante Gunilla fragen.
*

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen