Montag, 24. Juni 2013
Es interessiert mich ...
Dem Leben auf den Mund geschaut ...
Wed, 23 Feb 2000 07:05:14 GMT
Liebe Marlena
Vielleicht ist es Telepathie, wer weiss das schon so genau? Auf jeden Fall habe ich mich über Dein Mail sehr gefreut, endlich etwas von Dir zu hören. Ich hatte schon gedacht, du wärst ein richtiger Eisberg.
So, wie du deine Jugend und Vergangenheit beschreibst, muss ich annehmen, dass sie sehr untypisch, interessant aber vielleicht nicht immer ganz leicht gewesen sein mag. Hast du selbst den Eindruck, du hättest eine schwierige Jugend gehabt? Ich nehme an, du hast deine Mutter manchmal sehr vermisst ...
Weißt du, Marlena, ich bin jetzt in einer richtig verzwickten Lage. Dein Leben interessiert mich, aber ich möchte dich nicht einfach so ausfragen. Du bist ein etwas reservierter Mensch, und darum möchte ich dich nicht zwingen, verführen oder wie auch immer. Aber es interessiert mich. Leben, das ist meine Spezialität. Jeder hat sein eigenes Leben und steht in einem je eigenen Verhältnis zu ihm. Es interessiert mich, wie die Menschen in ihrem Leben Sinn finden. Der Sinn ist ja nicht einfach da, vielmehr muss man ihn irgendwie erschaffen mit den eigenen Händen und dem eigenen Geist. Es fällt mir immer wieder auf, wie alte Leute über ihr Leben reden. Es muss ja damals ein ziemlich hartes Leben gewesen sein, sagen wir während des zweiten Weltkrieges. Und trotzdem erzählen sie darüber, als ob es die schönsten Jahre, praktisch das Paradies gewesen sein. Sie sagen schon, es wäre schwer gewesen. Aber gleichzeitig leuchten ihre Augen. Und ich denke, der Grund für diese „Beschönigung“ sozusagen muss im Bedürfnis, vielleicht sogar in der Notwendigkeit liegen, darin einen Sinn zu finden.
Also, dein Leben interessiert mich auf jeden Fall, denn dein Leben, das bist du, das ist dein Hintergrund, deine Tiefendimension, deine Koloratur oder wie kann man das sagen? Und wir leben ja nicht so nahe beieinander, dass du Angst haben müsstest wegen der Diskretion. Ich kann es ja nicht deinen Nachbarn oder deinen Lehrerkollegen weitererzählen. Es ist wie ein Tagebuch, mein Ehrenwort. Das war doch unsere Abmachung. Und das hat mich gefreut und bestätigt, wie du das auch so verstanden hast.
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