Der Turm, an dem wir bauen, wie du mit Rilke sagst, ist nun auch wieder ein Symbol für dieses Versagen. Der Turm ist ein Symbol für die Vergänglichkeit und die Tatsache, dass unsere Absichten nicht verwirklicht werden können. In der Malerei gibt es im Mittelalter den Turm. Dort ist er aber noch klein und bescheiden, eben mittelalterlich. Und dann in der Renaissance kommen die monströsen und grossen Türme, wie ihn Bruegel (ich glaube, es war Pieter, nicht Jan) gemalt hat, diesen fantastischen Turm, dem man einfach ansieht, dass er nie fertig werden kann. Ein Jahrhundertwerk, eine riesige Absicht einer Generation, und die nächste wird noch weiterbauen und die übernächste vielleicht auch noch, aber nicht mehr allzu zielbewusst, und schliesslich wird die Idee sich verlieren, sie wird aufgegeben und nur noch ein paar komische Spinner werden versuchen, weiter zu bauen, bis schliesslich keiner mehr hinaufsteigt und die ganze Pracht zu verfallen beginnt. Das ist das Schicksal der Türme! Sie werden nie ihre Vollendung erreichen. Sie werden immer Ruinen sein, die Türme!
Und bei Rilke. Ist bei ihm der Turm nicht Symbol für das Göttliche? Da muss ich dich fragen, die Germanistin. Er hat selbst in einem Turm gewohnt. Das Haus in Muzot ist ein alter Wohnturm, sieht ganz einfach und kompakt aus, mit einer kleinen Terrasse auf der Ostseite. Es gibt ein Foto, die Rilke auf diesem angeklebten Balkon zeigt, herausgeputzt und elegant gekleidet, wie er das immer war.
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