Dienstag, 30. Dezember 2025

Restaurierung der Sixtinischen Kapelle

 



Liebe Marlena

Gerade habe ich gelesen, dass die Restaurierung der Cappella Sistina in Rom nach über 20 Jahren abgeschlossen worden sei. Das ist eine enorm lange Zeit, aber für den Vatikan natürlich ein kleiner Moment in seiner langen Geschichte.

Zuerst hat man offenbar die Eingangswand restauriert, dann die Lunetten mit den Sibyllen und Propheten von Michelangelo. Dann kam 85-89 die grossartige Decke an die Reihe, und schliesslich das jüngste Gericht.
Es ist erstaunlich, wie intensiv die Farben sind, die man hier zum Vorschein brachte. Alle, die schon einmal in der Kapelle gewesen waren, mussten nochmals gehen, weil sie nun ja ganz anders und neu wirkte. Und diese starken Farben standen nun in grossem Kontrast zu den tieferen Zonen, den seitlichen Fresken aus dem 15. Jahrhundert. Deshalb hat man seit 95 zum Schluss auch diese Seitenwände restauriert.
Diese seitlichen Fresken sind von den bedeutendsten Meistern der Zeit (Quattrocento) gemalt, Botticelli, P. Perugino, Ghirlandaio, Rosselli, die alle ein ein umbrisch-toskanisches Ambiente entwickeln. Es sind zwei Zykeln, die sich gegenüber stehen. Links sind es 6 Szenen aus der Moses-Vita, rechts aus der Vita Christi.
Vasari, das grosse Tratschmaul der Renaissance, der erste Sensationsjournalist (ein "Wortscheisser" würdest du sagen) seiner Zeit, berichtet darüber. Es soll sich in diesem engen Raum rasch eine grosse Konkurrenz unter diesen Malern entwickelt haben. Der Wettbewerb wurde noch verschärft durch die Tatsache, dass Papst Sixtus IV dem besten eine Siegesprämie in Aussicht gestellt hatte.
Vasari berichtet, der schwächste sei Cosimo Rosselli gewesen, der bei der "Anbetung des goldenen Kalbes", "der Bergpredigt" und "des Abendmahls" mit dem Format nicht gut zurecht gekommen sei, und seine Schwierigkeiten mit teurem Material zu kaschieren und zu kompensieren versucht habe. Er brauchte viel Ultramarin, Gold und kräftige Farben, "so dass kein Baum, kein Kraut, kein Gewand, keine Wolke war, die nicht leuchtete" (so Vasari kritisch).
Doch offenbar ist Rosselli, entgegen dem Urteil Vasaris, schliesslich von Papst Sixtus die Prämie zugesprochen worden. Diese kleine Anekdote lässt sich heute, nach der Restaurierung, besser nachvollziehen.
Roselli verwendet offenbar bei seinen Malereien Neapelgelb, während Botticelli Rauch- oder Königsgelb benutzte. Letzteres war eine spezielle Farbe, über die sich schon Plinius geäussert hatte. Jener hatte empfohlen, sie auf Kreidegrund und nicht auf nassen Grund (al fresco) zu verwenden. Und tatsächlich fand man im unteren Bereich der Fresken einen Malgrund aus Kalk und Pozzolanerde. Hier wurde neben "al fresco" auch "mezzo fresco" gemalt, was der Tafelmalerei näher kommt. Rosselli tat sich dagegen mit reichem Einsatz von Goldhöhungen hervor. In seinem Bild vom goldenen Kalb reicht das Gold hinauf bis in den Himmel und zur einzig leuchtenden Wolke des Zyklus.
Nach der Reinigung der zwei Zyklen zeigen sich die Fresken in neuer, kristalliner Klarheit (so mein Zeitungsbericht), wie sie auch die die Tafelmalerei jener Zeit auszeichnet. Zwei Arten von Schäden sind beseitigt worden. Einerseits Wasserschäden von den Fenstern. Andererseits mechanisch verursachte Schäden, die dadurch entstanden waren, dass man an liturgischen Festtagen immer wieder die Teppichserie Raffaels aufhängte und dazu Leitern an die Wand gestellt hatte.
So ist ein harmonischer Gesamteindruck neu entstanden. Er verleiht der Zone einen Eigenwert und eine Eigenständigkeit gegenüber den Fresken Michelangelos, welche mit viel stärkeren Effekten arbeiten (und insofern irgendwie moderner wirken). Im neuen Licht vermögen sich auch die Quattrocento-Malereien durchaus gegenüber den oberen Zonen behaupten.

Bist du mal in der Sixtina gewesen, Marlena? Wir waren vor - ich weiss nicht mehr so genau - vielleicht vor mehr als 10 Jahren in Rom. Der Vatikan hat mich absolut beeindruckt. Und natürlich war ein Höhepukt die Kapelle des Papst Sixtus. Erstaunlich, wie eng der Raum war. Ich hatte ihn mir immer viel grösser vorgestellt. Und dann natürlich die Dunkelheit. Es ist ein dunkler und enger Raum, diese Sixtinische Kapell. Und man darf sich vorstellen, dass hier die Papstwahlen stattfinden. Es ist nicht erstaunlich, dass es meistens nicht allzu lange dauert, bis der weisse Rauch aufsteigt. Länger halten es die Kardinäle hier einfach nicht mehr aus. Die seitlichen Fresken, von denen hier die Rede ist, waren mir damals gar nicht besonders aufgefallen. Auf jeden Fall hatte ich sie nicht mehr in Erinnerung. Was mir im Gedächtnis geblieben ist: alle Leute schauten zur Decke hinauf, ähnlich wie bei einer Sonnenfinsternis. Und das war sehr anstrengend, man wurde rasch müde im Nacken. Am liebsten hätte man sich auf den Boden gelegt. Aber das war nun auch nicht möglich, denn mit den vielen Leuten entstand eine enge Situation, die Himmelgucker hätten einen glattweg zertrampelt, und immerhin befand man sich in der Sixtinischen Kapelle. Erheiternd empfand ich, dass alle 2 bis 3 Minuten ein Priester, der mit der Aufsicht betraut war, hervortrat und laut in die Hände klatschte, um die vielen Touristen aus aller Welt zur Ruhe und zum Respekt vor diesen heiligen Räumen zu ermahnen. Eine halbe Minute sank jeweils der Geräuschpegel, und stieg dann wieder zu normalem mitteleuropäischem Niveau an. Das fand ich sehr sympathisch und sehr katholisch, diese immerwährende Anstrengung gegen die menschlichen Schwächen, die aber stets mit einem guten Mass an Nachsicht einhergeht.

(---)


Ich wünsche dir eine gute Zeit, das Wochenende ist bereits in Sicht.
Mit einem lieben Gruss
..

Montag, 29. Dezember 2025

RE: Early morning tea

 

Subject : Re: early morning tea
Date : Thu, 19 Oct

Lieber ...,
Ja, ich habe Gondo im Fernsehen gesehen, und es tut mir schrecklich leid um alle Menschen, die von einer solchen Naturkatastrophe betroffen sind. Sogar um die schöne Landschaft bange ich. Es hängt sicher mit der Erwärmung der Erde zusammen und wird immer häufiger vorkommen. Du kannst dich sicher an die furchtbaren Überschwemmungen bei uns diesen Sommer erinnern, wo Häuser, Landstrassen und Brücken weggeschwemmt wurden. Sowas hatten wir noch nie erlebt. Es hat ungefähr so ausgesehen wie in der Sendung aus dem Wallis.
Heute bin ich zu Hause. Mein Kopf schmerzt und mein Hals ist geschwollen. Mit anderen Worten, ich habe eine richtige Erkältung erwischt. Nun wirst du mich wieder beneiden, glaube ich. Aber ich würde viel lieber arbeiten. Wir haben ausserdem eine wichtige Konferenz auf der Europalinie, die ich eigentlich nicht verpassen sollte, da man erwartet, dass ich die nächste grosse Reise organisieren soll. Nun, ich kann nichts dafür, dass es so ist und werde mich eben nachher informieren müssen.

Es klingt sehr dramatisch, wenn du sagst, ich soll schweigen und nichts andeuten. Es gibt doch nichts zu verheimlichen. Manchmal wundert es mich, dass du mich so wenig kennst.
Nun, falls du Mats vergessen haben solltest, so ist er der Lehrer, mit dem ich deine Tochter in Prag gesucht habe. Wir waren zusammen Klassenlehrer in der Klasse, die im Juni ihr Abitur gemacht hat. Er ist sehr froh, nun an der Universität zu arbeiten und erzählt mir ganz offen davon, wie wenig er dort tun muss im Verhältnis zu hier. Aber er ist doch kein Verehrer von mir ;-) Er ist vielleicht ein guter Freund geworden mit der Zeit. Jetzt, wenn ich so an Prag zurückdenke, muss ich zugeben, dass wir eine ziemlich gemütliche Woche dort verbracht haben und es war schön, ihn etwas näher kennenzulernen. Und dann diese "secret mission",  deine Tochter zu treffen, hat das ganze noch ein bisschen spannend, ich möchte sagen, fast surrealistisch gemacht. Es scheint schon Ewigkeiten her..
*
Wie schön du von diesem Alois erzählst. Ich hätte mich wahrscheinlich blitzschnell in ihn verliebt. Denn ich habe immer eine Schwäche gehabt für diese Sorte *lacht* Das mit dem Sohn, erinnert mich an unseren Nachbarn oben in Norrland. Als er nach zwei Mädchen endlich einen Sohn bekam, nahm er sein Gewehr und schoss Salut, sodass es über die ganze Gegend schallte und jeder wusste, dass es nun die richtige Sorte war. :-) Und der arme Mann musste die Welt verlassen, als der Sohn kaum 10 Jahre war. Er starb an Krebs und es war wirklich sehr traurig.
*
Gerade heute morgen habe ich im Radio gehört wie es den Kindern in Schweden immer schlechter geht und von den Psychologen die viel zu wenige sind (einer kann 6.000 Schüler haben) und von denen 90% mit Kindern in Kontakt gekommen sind, die mit Selbstmordgedanken umgehen. Ich glaube, es hängt mit dem neuen Lebensstil zusammen. Die frühen Paarbildungen, die ihnen schon als Kind Probleme geben, für die sie noch nicht reif genug sind. Wie ist es denn bei euch in der Schweiz? Ich denke, ein so katholisches Land müsste noch nicht diese Probleme in so grossem Ausmass haben.

Ach, mein Schatz, von Wachsein war doch nicht die Rede. Die Sehnsucht nach einem tiefen Schlaf hat mich in die Höhle gelockt. Und wenn ich dazwischen einmal aufwachen sollte, dann wäre es schön, deine warme Nähe zu spüren und zu wissen dass alles gut ist.
Das schöne Liebesgeflüster möchte ich gern jeden Abend vor dem einschlafen mit dir austauschen. Dann wäre die Welt schön.
Ich mache mir nun noch einen warmen Tee und krieche wieder unter die Decke. Schreib mir, wenn du eine Weile Zeit hast. Deine Mails sind besser als Alvedon, Curadon und Echinagard..

Ich will dich nicht anstecken. Deshalb umarme ich dich nur..
mit viel S und H
Marlena





Sonntag, 28. Dezember 2025

Early morning tea


Ämne: Early morning tea
Datum: den 19 oktober  07:01

Liebe Marlena
Die Woche war bisher ziemlich streng. Und ich muss zusehen, dass nicht zuviel auf dem Pult liegenbleibt. Heute Nachmittag hatten wir einen Kurs über Neuropsychologie. Das ist ein ziemlich weites Feld, und man fühlt sich mehr oder weniger unsicher, weil nie klar ist, ob die Störungen somatisch, dh. neurologisch oder psychisch bedingt seien. Nun ja, sie sagen, es gäbe da eine Interaktion zwischen den beiden Bereichen. Aber eben, es ist nie ganz klar. Aber bei den Kindern ist auch das neurologische System noch einigermassen elastisch und kann etliche Ausfälle, die sich vor, während oder nach der Geburt ergeben haben, wieder kompensieren. Immerhin haben die Kinder manchmal schon erhebliche Probleme im Lernen und in der Schule insgesamt. Aber die kommen wohl nicht bis zur Dir ins Gymnasium.
*
Und jetzt sitze ich noch ein wenig im Büro und sollte noch einen Bericht schreiben. Ich bin so faul und bequem, dass ich zuerst Dir schreibe und dazu ein Gläschen Wein trinke. Ich habe die Hoffnung, dass mich das ein wenig stimulieren könnte.
Hast Du die Bilder aus dem Wallis gesehen? Es ist eine riesige Katastrophe, und die Leute sind dort schon ziemlich bescheiden und leben bloss mit dem Nötigsten. Gondo ist das Dorf, das am schlimmsten betroffen wurde. Das ist das Dorf gleich vor der italienischen Grenze jenseits des Simplonpasses. Ich hatte im Gymnasium eine zeitlang einen Schulkameraden aus Gonde. Er ist ein sehr begabter und lustiger Kerl. Ich glaube, er hat etwas italienisches Blut, denn er kann Arien singen wie ein Italiener, kann reden und flunkern wie ein Italiener, kann handeln und geschäften wie ein Italiener. Ich glaube, sein Name ist das einig Schweizerische an ihm. Er ist dann Jurist geworden und war eine zeitlang im Walliser Kantonsparlament als Abgeordneter. Und daneben hat er grosse und kleine Geschäfte gemacht, dafür hatte er schon immer eine Nase, schon im Gymnasium. Immer, wenn er mit der Cravatte in die Schule gekommen ist, wusste man, dass er abends noch eine Versicherung abschliessen wird. Er war wirklich ein lustiger Kerl und hat viel gemogelt in der Schule. Oft hat er von mir abgeschrieben. Denn zum Lernen hatte er kaum Zeit. Aber er hatte immer ein grosses Maul, unser Alois. Man hat mir erzählt, dass er, als seine Frau einen Sohn geboren hatte, hupend durch Brig gefahren sei, um es allen und jedem zu erzählen.
Und jetzt, als man im Fernsehen einige Leute von Gondo zeigte, konnte ich seinen Bruder sehen. Er war ganz niedergeschlagen. Es war das erste mal, dass ich ihn gesehen habe. Aber er gleicht dem Alois aufs Haar.
Das zweite Dorf im oberen Teil des Wallis ist Baldschieder, gleich ein Nachbardorf von Visp. Auch dort sind etliche Häuser verwüstet worden, wenn es dort auch keine Tote gab.
Nun ja, die Bergbevölkerung ist sich an ein hartes Leben gewohnt. Und die Leute sind ja oft noch sehr katholisch und so irgendwie in der Lage, auch schwere Schicksalsschläge zu ertragen. Es gab ja vor eineigen Jahren einen harten Winter mit vielen Lawinen und grossen Schäden. Und diesmal ist es das Wasser gewesen. Man weiss noch nicht genau, was denn die Gründe sind. Es hat für eine lange Zeit ziemlich viel geregnet. Aber dass gleich ganze Schuttlawinen den Berg herunterkommen, das habe ich doch in meinem Leben noch nie so gesehen. Das scheint mir irgendwie neu.
*
Du schreibst von M, Marlena. Wer ist denn M, der Dich irgendwo hin locken will? Sollte ich ihn kennen? Hast Du ihn mir mal vorgestellt? Ist er auch einer Deiner Verehrer? Ist doch beineidenswert, rundum Verehrer zu haben. Das behält das Herz jung und warm!
*
Im Moment höre ich Chopin valses, das ist schön, aber es ist eigentlich Sommermusik für mein Gefühl. Sowas sollte man in lauen Sommernächten anhören, wenn die Fenster weit offen stehen und wenn man draussen den Brunnen plätschern hört. Habe ich Dir mal erzählt, dass wir vor dem Haus einen Brunnen haben, wo sie früher die Kühe getränkt haben. Jetzt braucht man ihn nicht mehr für Kühe, aber er steht immer noch vor dem Haus. Und im Sommer, wenn ich tief in der Nacht noch gelesen habe, habe ich sein Plätschern immer sehr genossen. Ein so alter Brunnen gibt einem das Gefühl, an einer grossen und langen Zeit teilzuhaben. Man hat das Gefühl, da waren früher Leute, da sind jetzt Leute, und da werden in Zukunft wieder andere Leute sein. Ach ja, es ist ein wenig melancholisch.
*
Es geht Dir im Moment nicht gut, Marlena. Aber Du erzählst Deinem Mausfreund kein Sterbenswörtchen. Aber das kennen wir ja. Und ich will Dich auch warnen, mir auch nur die leisesten Andeutungen zu machen. Ich warne Dich, Marlena, mach sowas nicht. Es würde viel zu viel herausbrechen. Also schweig mein Schätzchen, schweige wie das Grab.
*
Aber ich stelle mir gerne vor, mit Dir zusammen in einer warmen Höhle zu liegen und Liebesgeflüster auszutauschen. Es gibt hier keine Pritsche, die ächzt. Es ist alles in der warmen Erde. Und wenn man genau hinhört, kann man die Tiefe ahnen.
*
Ich küsse Dich, meine Liebste, und ich wünsche Dir morgen einen frohen Tag.
...
PS Gestern war das Netz blockiert. Deshalb dieses Mail erst heute Morgen, zum Frühstück.

Freitag, 26. Dezember 2025

Urbi et orbi

Datum : Wed, 26 December 

Liebe Marlena
Beinahe habe ich bei Euch mitgegessen. Vom Schinken habe ich bestimmt mehrmals gekostet, und die Haut, deren Produktion Du so detailliert beschrieben hast, esse ich bestimmt fürs Leben gern. Und nachher einen Malteser Reis, der die restlichen Luftlöcher im Magen endgültig schliesst. Ach ja, und dies dopp i grytan, kann ich mir auf der Zunge wirklich sehr plastisch vorstellen. Muss in der Kälte, die Ihr habt, wie Götterspeise munden.
Aber dass Ihr mit Heringen und Schnaps vorher Préludes spielt, das hatte ich nicht erwartet. Das ganze klingt ziemlich opulent. Zum Schluss des Essens ist man, wie ich vermute, ziemlich geschafft?
*
Ja, das schwedische Haus zur Weihnachtszeit hast Du mir stimmungsvoll geschildert. Das Licht ist nicht heimlich (das Wort kommt von "geheim" = secret) sondern heimelig. Vielleicht ist das schon beinahe Umgangssprache. Aber ich kann mir das alles ziemlich gut vorstellen. Es ist besonders eindrücklich, wenn man von der Winterkälte draussen in die Fenster hineinschaut. Das erinnert mich an meinen Militärdienst. Auf Märschen und Verschiebungen habe ich abends, in der Dämmerung, stets in die Häuser hineingeschaut und habe mich in Sehnsucht nach dieser heimeligen und warmen Atmosphäre verzehrt. Ich habe die Menschen wirklich mit all meinen Fasern benieden, die im gemächlichen zivilen Leben sich frei in einer gemütlichen Wohnung bewegen konnten, während ich hier schwitzend oder frierend mit meinen Soldaten unterwegs war. Aber es war - alles in allem - doch eine ziemlich nützliche Erfahrung.
Den Papa habe ich im TV nur kurz gesehen. Er hat auf Deutsch die Weihnachtsgrüsse Urbi et Orbi ins Mikrophon gehaucht. Und alles hat sich angehört wie bei mittlerer Trunkenheit. Entschuldige mich, ich bin grässlich. Aber seine Sprache ist wirklich sehr verwaschen. Aber lustig war, dass ich in jenem Moment dachte, dass Du zur gleichen Zeit ihn auch sehen würdest. Ich musste schmunzeln. Den choreographischen Trick, den Du beschreibst, finde ich gut und elegant. Meine Sorge betraf nicht so sehr seine Lektüre, sondern ich habe mir überlegt, ob er denn wirklich genügend warm angezogen ist, um die beissende Kälte auf der Arkade vor St. Peter zu ertragen. Wahrscheinlich haben sie ihn mit Infrarotstrahlern nur so eingekesselt.
*
Ja, unser Onkelchen ist ein grosser Diplomat. Das merke ich immer wieder. Ich kenne das bei Männern hier sonst nicht sehr. Onkelchen beweist immer wieder, dass der soziale Kontakt eine Realität eigener Würde ist. Die Geselligkeit ist eine Kunst, deren Bedeutung die pure und sachliche Wahrheit in vielen Aspekten bei weitem übersteigt. Es ist eine Art Respekt für die Menschen, der jenem für die Dinge vorgeht. Das kann ich manchmal sehr gut und manchmal sehr schlecht.
*
Ach, Du willst nach 2 Jahren herausfinden, wer ich wirklich bin. Finde ich goldig! Das klingt nach Aufbruch und nach einer neuen Aufklärung. Ich bin enorm gespannt auf diese Renaissance. Und ich bitte Dich, mich zu benachrichtigen, wenn Du es dann WIRKLICH weißt! Ich glaube, ich weiss im Moment nicht viel mehr als Du. Und manchmal bin ich überrascht, was da noch alles hervor kommt.
Es könnte ja doch sein, dass ich ziemlich undefinierbar und wechselhaft bin. Manchmal ahne ich das selbst. Ich habe zum Beispiel immer wieder Lust, Dinge völlig anders zu machen, als ich sie bisher - und durchaus erfolgreich - gemacht hatte. Ich liebe diese Abwechslung sehr. Vielleicht nicht überall, aber in den alltäglichen Pflichten, die mir sonst zu tödlich vorkommen. Und dann schaue ich mir etwa meine Bilder an, die ich vor etwa 10 Jahren gemalt hatte. Und ich muss sagen, sie schauen alle so ähnlich aus. Die Innensicht und die Aussensicht sind wirklich zwei verschiedene Aspekte. Und ihr Kontrast macht diesen grossen Riss quer durch die Welt aus, der uns so rätselhaft erscheint.
*
Mit einem lieben Gruss 
..

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Schön weiss ...

 



Ämne : Schön weiss..
Datum : Wed, 25 Dec 

Lieber ...,
Es ist der 25. und eigentlich ist der "grosse" Weihnachtstag schon vorüber. Wenn ich an diesem Tag Gäste habe, mache ich normalerweise einen Truthahn, der mit Blaukraut und vielen anderen Zutaten serviert wird. Und als Nachtisch kommt dann noch Ris à la Malta. Kennst du es? Reis mit Apfelsinenstücken vermischt und dann viel Schlagsahne mit Vanillezucker gesüsst. Oh, es schmeckt ganz einfach herrlich!  ...

Diesmal haben wir keine Gäste und so kann man es ein bisschen nach seinem eigenen Kopf machen. Das, was niemand besonders mag, lässt man weg und konzentriert sich auf solches, was einem gut schmeckt (Rosenkohl u.a.). Und der Schinken ist die Hauptsache. Wir machen immer "dopp i grytan" wie es sich gehört. :-) . Man nimmt tunnbröd (eine Art ganz dünnes Knäckebrot) und lässt die Scheiben eine Weile in Schinkenbrühe weich werden. Es schmeckt ganz wunderbar und man isst es so nur am Weihnachtsabend. Vorher gibt es natürlich verschiedene Sorten von eingelegten Heringen, dazu Schnaps.

Heute war ein schöner, fauler Ruhetag. Anna ist im Moment in einen Krimi von Mankell vertieft. Sie meint, die Sprache ist nicht so besonders, aber die Handlung ist sehr spannend. K sieht einen Film und auch ich mache, was mir am meisten Spass macht.

Ein schwedisches Haus in der Weihnachtszeit ist wirklich ein Genuss fürs Auge. Alles geht in rot und verbreitet ein warmes heimliches Licht. Auch draussen ist es schön.Wenn ich zum Fenster hinaus schaue, sehe ich tiefen Schnee. .ganz weich sieht er aus. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir das vorige mal so schöne weisse Weihnachten hatten. Und im Fernsehen gab es heute so viel zu sehen, dass es einem schwer fällt zu wählen. U.a. zeigte man einen Dokumentarfilm "Astrid Lindgren in Småland", in dem sie selbst von ihrem Leben erzählt. Man zeigt die Stellen wo sie aufgewachsen ist und bekommt den Hintergrund zu vielen ihrer Erzählungen. Ich wünsche sehr, dass man diesen Film auch in anderen Ländern zeigen würde, denn es zeigt eine idyllische Welt (für Ausländer sicher sehr exotisch), die man heute nur selten findet. Aber sie existiert, wenn auch für die meisten nur als ein schöner Traum in ihrem Herzen.
---
Übrigens habe ich heute Nacht die Messe von Rom gesehen und es war eine gute humane Choreographie. Immer wenn der Papst eine Weile gesprochen hatte, ersetzte man seine Stimme mit der eines einheimischen Speakers. Ich denke man hat in allen Ländern dasselbe getan
*
Gestern Abend bin ich noch einmal ins Internet gegangen und habe dabei deinen schönen langen Brief gefunden. Es war eine wirkliche Überraschung und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass es mein bestes Weihnachtsgeschenk war in diesem Jahr.  Der Absender deiner Karte war auch überraschend.. ich hätte übrigens dieselbe gewählt.. :-)
*
Du erzählst so schön von deinem Onkelchen und es erinnert mich sehr an meinen lieben Schwiegervater. Auch er hörte im hohen Alter nicht mehr gut (er war ja auch fast 90) und hatte einen Hörapparat. Und wenn ich nachmittags von der Arbeit nach Hause kam, drehte er ihn an. Es fiel ihm immer etwas schwer, denn seine Finger waren steif und die Dinger sind ja nicht leicht zu hantieren. Und Anna, die noch ganz klein war.. vielleicht drei Jahre alt.. machte ein köstliches Bild von ihm, wo sie gerade diese Geste festgehalten hat. Wir mussten sehr lachen. Manchmal machte er etwas falsch und es piepste ganz schrecklich sodass wir uns die Ohren zuhalten mussten
Du hast es wirklich ganz wunderbar beschrieben .. Genau so war es. Ich erinnere mich, wenn wir uns beim Essen gegenüber sassen und unterhielten.. Ich musste sehr laut sprechen, fast schreien.. und es tat mir sehr leid, denn man kann nicht lieb mit jemandem sprechen, wenn man schreien muss. Und manchmal, wenn er wirklich nicht hörte, was ich sagte, griff ich zu Papier und Bleistift und schob ihm den Zettel zu. Dann lachte er verlegen und sah mich etwas spitzbübisch an.. ich sehe noch genau sein Gesicht vor mir. Und es ist ein wenig verrückt, aber ich glaube die Erinnerung an ihn ist was mich am meisten mit K verbindet. Vielleicht sind wir alle Gefangene unserer Vergangenheit.
Übrigens frage ich mich, ob dein Onkelchen nicht ein guter Diplomat ist. Vielleicht waren es doch Kartoffeln... oder Reis.. :-)
*
Ich habe auch gelacht über deine Reaktion auf die geplante OFFENHEIT.. Es ist schön, dass du mitmachst.. aber Vorsicht ... ;-) Und natürlich bin ich schon sehr gespannt zu erfahren, wer du nun wirklich bist..

Ja, bald beginnen wir unser drittes Jahr zusammen. Hattest du dir das vorstellen können? Und du hast mein Leben bereichert mit deinen wunderbaren Briefen und bist in dieser Zeit fast ein Teil von mir geworden. ... Es fällt mir nicht leicht zu sagen, was ich denke, ohne gegen ein paar §§§ zu verstossen. Aber ich muss nichts sagen.. du weißt es schon.

Auch dieses Mail muss ein Ende haben.. und ich mache es rasch,
Mit einem lieben Gruss,
Marlena



Unsere Weihnachten - ein interkultureller Mix




Liebe Marlena
---
Das Julbord sieht fein aus. Es ist ja auch eine besonders festliche Atmosphäre, wenn jedes Jahr dieselben Köstlichkeiten auf den Tisch kommen. Und das beginnt schon in der Küche und mit dem Geruch, der durch die Wohnung zieht, wie Du und Deine Tochter argumentiert haben.

Unsere Weihnachten ist ein interkultureller Mix. Wir sind uns nicht schlüssig, ob wir am 24. Oder am 25. Dezember feiern sollten. Der 25. ist doch eigentlich eher die katholische Variante. Das Glöcklein, das Du nennst, ist unspezifisch. Ich kann mich erinnern, dass bei uns, als wir Kinder waren, immer ein Glöcklein das Signal und die Erlaubnis gegeben hat, in die Stube einzutreten. Und die Eltern wollten dann stets noch einen Vorhang gesehen haben, durch den eine Bewegung, das heisst das Christkind gegangen sei. Ich habe diesen Vorhang und den Windhauch, der ihn bewegt haben soll, nie wirklich gesehen. Aber ich kann diese Szenerie in meinem Kopf sehr plastisch beobachten. Man sieht nur, wie sehr man den jungen Menschen das VL einreden kann, so dass sie RL wird. Die Grenzen sind ziemlich unbewacht. Vor allem bei den Engeln.

Was die Moslems und Weihnachten betrifft, so ist das so, dass S an der UNO damals natürlich jede Menge Weihnachten und Menschen, die sich um Weihnachten kümmern erlebt hat. Es war offensichtlich auch so, dass die vielen Armenier im Iran festlich Weihnachten feiern, und dass sie dann wahllos Freunde, sowohl Moslems wie Juden dazu einladen. Und gerade letztes Wochenende habe ich in einem Interview mit einem Vetter der berühmten Anne Frank gehört, dass seine Familie, eine jüdische offensichtlich, dasselbe in Basel gemacht hat. Sie fanden das Fest einfach schön, ohne dessen religiöse Bedeutung mitzunehmen. Aber ich muss gestehen, dass in unserer Familie das Weihnachtsfest kein sehr eingeprägtes und konstantes Ritual ist. S wechselt, verziert einmal so, kocht einmal anders, mal ohne Baum mal mit. Die Kinder sind ja auch nicht mehr so, dass sie mit grossen Augen unter dem Baum sitzen. Sie haben oft ihre eigenen Anlässe und wollen bald wieder gehen.

(---)

Ich muss Dich lassen und wünsche einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...

Montag, 22. Dezember 2025

Der gute alte Muff

  

 Berthe Morisot  Frau mit Muff

Liebe Malou
Ja, es ist auch bei uns kälter geworden. Und im Radio haben sie heute morgen schon in der früh vom alten Muff erzählt, diesem Pelzding, in das die Damen von beiden Seiten her ihre Hände stecken konnten. Sogar schlittschuhgelaufen sind sie mit diesen Dingern. Das - so denkt man heute - kann doch nicht ungefährlich gewesen sein. Aber die Sprecherin ergänzte rasch, dass damals eben, um 1900, immer ein hilfreicher Kavalier in Reichweite gewesen wäre. So haben die Damen mittlerweile den (oder vielleicht das??) Muff und den Kavalier verloren!
Sagt man hier, sich französisch verabschieden. Und man weiss nicht genau, ob das besonders diplomatisch oder besonders unhöflich sei. Es ist vielleicht beides zugleich. Wenn man an einem Kiwanis Essen früh wieder auf dem Heimweg gehen will, ist es doch besser, dies zu tun, ohne diese grosse Runde mit Händeschütteln und Abschiedsküsschen zu drehen. Das führt ja doch zur Nachahmung und zu einem Zug der Lemminge. Also ist der französische Abschied ganz elegant und eben diplomatisch. Andererseits ist ein solcher Abschied gelegentlich doch auch wieder hässlich.

Du sagst, du lebst ziemlich planlos. Na ja, ich glaube sowas spüre ich irgendwie. So wärst du im Grunde die ideale Partnerin, die sich gut auf ihren 'Kavalier' einstellen kann. "Ein liebes Seelchen" vielleicht, wie Heidegger offenbar seine Frau in den vielen Briefen genannt hat. Und heute hat eine ihrer Enkelinnen diesen Briefwechsel veröffentlicht und damit den grossen Philosophen in seinem Machogebaren öffentlich blamiert. Er hatte - so wird publik - neben Hannah Arendt noch andere Freundinnen. Geradezu beneidenswert, denn Hannah war mal eine sehr schöne und doch betsimmt zugleich sehr gescheite Frau. Aber einer solchen Disponibilität fehlt doch irgendwie auch die Attraktivität?



RE:


Lieber ...,
...

Ja, der gute alte Muff. Ich erinnere mich noch. Meine Tante hatte einige. Und wenn wir zum sonntäglichen Spaziergang gingen mit meiner anderen Tante und meinen Kusinen, dann liehen wir Mädchen uns manchmal so ein Ding aus und schritten wie kleine Damen durch die Gegend. Meist geschah das auf dem Weg zur Kirche, die in dem Nachbarort lag. Also doch ein paar Kilometer zu gehen. Und du sagst sie sind von Beginn des vorigen Jahrhunderts?


...