Freitag, 31. Oktober 2025

Mein Höllensturz



"Nachempfindung von Rubens' Höllensturz"

Liebe Marlena
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Habe ich Dir erzählt von meinem grossen Bild 'Höllensturz'? Na ja, es ist eine Nachempfindung - so würden die Leute heute sagen - eine Nachempfindung von Rubens' Höllensturz. Auf dem Bild stürzen Hunderte von nackten Menschen und unglücklichen, wohl irgendwie schuldigen Kreaturen durch graue Wolkengebilde und blaue Wolkenfenster hindurch in die Tiefe. Es ist eine bodenlose Situation. Man weiss wirklich nicht, wo sie schliesslich landen werden. Und dabei versuchen einige dieser Sünder, sich an sehr weltlichen Dingen festzuklammern, an einem Lampenschirm, an Tüchtern, an Papieren usw. Sie schaffen neben soviel Fleisch einige Farbtupfer im Bild. Und durch das ganze Bild weht ein steifer Wind. Man sieht das an den Körpern, deren Dynamik sich als grosse Bewegung durchs Gewölk zieht. Die menschlichen Leiber wirken wie abgefallene Blätter im Herbstwind.
Die Komposition hat mir damals sehr gefallen. Und ich habe tagelang an der Komposition der Wolken  gearbeitet. Das war vielleicht das schwierigste. Es sieht auf dem Bild eher wie zufällig aus, aber es ist sehr viel Kalkulation dahinter.
Solche oder ähnliche Bilder würde ich gerne malen. Aber es fehlt mir ein bisschen die Zeit. Man muss da wochenlang dahinter sein, damit es vorwärts geht und damit man den Anschluss nicht verpasst. Denn wenn das Zeug mal trocken ist, ist es sehr schwer, wieder anzufangen. Die Farbpalette stimmt nicht mehr, und auch die Striche im Bild wirken plötzlich wie Fremdkörper. Es ist, wie wenn man eine alte Liebe wieder aufwärmen wollte. Das geht selten gut.
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Das wäre ein Traum: selbstvergessen in irgend einem atelier-ähnlichen Raum tagelang zu werken, bei Musik, bei ab und zu einem Espresso. Früher hätte ich gesagt, bei einer Gauloise ab und an. Aber heute würde ich den Tabak mit einem kleinen Besuch einer Person eintauschen. Aber es wäre schön, wenn die Situation offen wäre, wenn also Leute zufällig oder gewollt vorbeikommen zu einem kleinen Schwatz oder zu einer längeren Unterhaltung. Das wäre schön.
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Ach, Marlena, wie gerne würde ich Dir mal meine Dinge zeigen, an denen ich hänge: Bilder, Bücher, Ideen, Zeichnungen, Projekte, kleine und grössere Träumchen. Weshalb können wir das nie in jener sinnlichen und RL Form, in der es so schön und einsichtig wäre? Wir bewegen uns - notgedrungen - immer auf dem abstrakten VL-Niveau von Ronda.

Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag.
Mit lieben Grüssen
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Donnerstag, 30. Oktober 2025

Herbst im Wallis

 

Liebe Marlena

(...)

Das schöne Herbstlied oder Herbstgebet von Rilke. ist so schön und bekannt, dass man es kaum mehr zitieren darf. Ich habe mir dazu immer die Landschft Rarons vorgestellt, obwohl das Gedicht eigentlich 1902 in Paris entstanden ist. Aber es gibt in Raron und Umgebung alles, was hier beschrieben wird: die Fluren mit dem Wind, die Rebberge mit dem Wein (der zwar im Wallis nicht allzu schwer ist) und vor allem die Allee. Die Alleen sind eine kleine Spezialität im Wallis. Es gibt sie sonst nicht mehr oft in der Schweiz. Hier stammen sie noch aus der Zeit Napoleons, als das Tal als Département Simplon für kurze Zeit zu Frankreich gehörte.

Und wenn Du Marlena einmal einen Herbst im Wallis erleben wirst, dann weißt Du schnell, was es ist, das mich sosehr an diese Landschaft bindet. Man kann es nicht mit Worten beschreiben, aber ich habe all diese Sensationen noch in meinem Körper, zusammen mit der Erinnerung an jene Sehnsüchte, unter denen man als junger Mensch zu schmachten pflegt. Das Wallis ist die Provence der Schweiz. Und eigentlich müsste ich Dir dieses Goldgelb der Lärchen beschreiben, das um diese Zeit unter der warmen Herbstsonne langsam an den Berghängen heranreift. Es ist die Zeit, da man an den Wochenenden unter blauem Himmel an irgend ein hübsches Plätzchen fährt, um eine Raclette zu geniessen. ---





Raclette ist eine Käsespeise. Man lässt einen halben Käse am Stück an der Glut eines Holzfeuers schmelzen und streicht nach und nach mit einem grossen Messer die Portionen direkt auf den Teller. Dazu gibt es Pellkartoffeln, Cornichons und natürlich jede Menge weissen Weines. Weil man immer wieder warten muss, bis man die nächste Portion Käse bekommt, gibt es genug Zeit zu plaudern oder die Ameisen, die einen in den Hintern beissen, zu vertreiben.


...

Es ist Zeit ..


Herbstlied

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. 

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 

Rainer Maria Rilke

Mittwoch, 29. Oktober 2025

Real life .. und Traum

 

Liebe Marlena

Hurrah, ich hab es gefunden. Im artchive,
 wie du mir es angegeben hast, habe ich das Bild von Rubens gefunden. Es heisst dort „Allegory on the blessings of peace", ist 1629-30 entstanden und hängt in der National Gallery in London. Du kannst es Dir anschauen und Dir vorstellen, Du würdest mitten in unserem Wohnzimmer stehen. Dazu kann ich Dir sagen, dass unser Wohnzimmer sehr gross ist. Wir haben eine alte Scheune umgebaut und das Wohnzimmer nimmt die ganze Grundfläche ein. Es ist vielleicht 10 x 15 m, ich weiss es nicht so genau. Auf jeden Fall kann ich, wenn ich ein Problem zu lösen habe, eine halbe Nacht lang diagonal in diesem Wohnzimmer (dh. vielleicht 12 m eine Länge) auf und ab gehen und so viele Kilometer zurückzulegen, dass es gut und gerne einmal rund um den Erdball reichen würde. - - Allerdings ist die Küche auch ins Wohnzimmer hinein gebaut, so dass es aussieht wie eine Theke. Das ist einerseits gut, weil meine Frau dann nicht isoliert in der Küche stehen muss. Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass die Gäste bis in die Pfanne hinein sehen, und auch, dass es manchmal Lärm macht oder nach irgendwelchen Gewürzen riecht. Aber insgesamt hat es wahrscheinlich mehr Vorteile.



Also, in diesem grossen Raum hängt meine Rubens-Kopie über einem Glasschrank und in einem dicken, barocken Goldrahmen. Und darüber hängt ein anderes Bild, das ich selbst entworfen habe, aber auch etwas rubens-ähnlich ist. Es gleicht dem „Höllensturz" von Rubens. Vielleicht kennst du das Bild, worauf die vielen nackten Menschen hinunter in die glühende und brennende Hölle fallen. Es sieht aus wie eine barocke Grill Party. Meine Variante ist natürlich nicht soooo dramatisch und sooooo perfekt wie die von Rubens. Aber in die Nähe komme ich schon damit. Es ist ein grosses Bild, etwa 1.5 x 2 m. Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Gefühle man hat, wenn man vor einer weissen Leinwand mit den Massen 1.5 x 2 m steht. Das Herz fällt dir in die Halsgrube, wie du in schwedisch zu sagen scheinst. Man hat einfach Angst, den ersten Pinselstrich zu machen und man verschiebt ihn immer wieder, indem man noch einen Schluck Wein trinkt oder eine neue Pfeife stopft.

Manchmal denke ich, ich hätte nicht studieren und heiraten und Kinder haben und ein bürgerliches Leben führen sollen. Ich hätte besser Maler werden können. Das wäre ein Ding! In meinem Alter wäre ich jetzt sicherlich bekannt, vielleicht berühmt. Ich hätte ein freies Leben und könnte Nächte lang vor der Leinwand stehen und gegen sie Krieg führen. Ich könnte die Leute beleidigen und meine Leber mit Alkohol ruinieren. Ich könnte immer noch Gauloises rauchen und bei Parties mit einen leeren Whiskyglas in der Hand auf den Tischen tanzen. Natürlich hätte ich eine bildhübsche, gutproportionierte Freundin mit unwiderstehlichen Lippen und einem sensationellen Haarschopf als inspirative Muse, als inspirierende Modell und als konspirative Geliebte. Und ich würde nach Belieben in der Welt umher reisen und mal im Atelier in New York, und dann wieder in jenem in Basel arbeiten, oder vielleicht doch besser in Berlin? Leider nicht so schnell in Paris, denn Paris ist zur Zeit nicht mehr die Weltmetropole der Kunst. Das war es im 19. Jahrhundert zur Zeit der Impressionisten. Aber natürlich ist das eine sehr romantische Vorstellung des Künstlers. Die modernen Künstler sind nicht mehr romantisch. Sie arbeiten mit Video und hochtechnischen Installationen und sie verkaufen sich der Wirtschaft und machen Werbung. Sie sind nicht mehr die wirtschaftskritischen Künstler, die es noch in unserer Jugendzeit gegeben hatte.

In unserem Haus habe ich einen Raum, so etwas wie ein Atelier. Dort habe ich meine Staffelei und die Farben. Ich habe schon ziemlich lange zwei grosse Leinwandformate, wo ich meine beiden Töchter porträtieren will. Die Grösse der Leinwände ist wie die einer normalen Zimmertüre. Und ich möchte, wenn sie gelingen, nebeneinander aufhängen. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen. Ich habe noch keinen Pinselstrich angefangen! Wie gesagt, es braucht ziemlich Mut. Beim ersten Pinselstrich fühlt man die Verantwortung der totalen Freiheit. Und je mehr Striche man macht, desto enger wird es, desto unfreier wird man, und am Schluss ist man Gefangener seines eigenen Bildes, absolut verstrickt in die eigenen visuellen Konstruktionen. Das ist ein echtes Abenteuer, ein ästhetisches natürlich, ich sag es Dir. Und die Mädchen sagen mir andererseits, sie hätten absolut keine Zeit, mir Modell zu stehen, absolut keine!

Ich gebe es ja zu, ich bin ein bisschen verrückt!

Verzeih mir und schreib mir, Marlena

Gruss und Kuss

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Dienstag, 28. Oktober 2025

Wenn die Blätter treiben

 

den 17 oktober 07:43
Re: müde...nicht eigentlich erklältet

Liebe Marlena
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Ich hatte eine enorm strenge Woche. Na ja, sie ist nicht ganz vorbei. Gestern liess ich sogar das Weekly sausen um meine Ruhe zu haben. Ich habe den Eindruck ich sei mindestens schon drei Wochen wieder unterwegs. Dabei ist es noch nicht mal eine Woche sei den Ferien. Solchen Druck mag ich überhaupt nicht. Und am Samstag hat der Chef gleich auch noch zu einer Tagung eingeladen. Ziel: 100 Millionen sparen. Das wird ein Fest werden!!

Einziger Trost ist das schöne Herbstwetter, das uns die Seele erhellt. Der klare, blaue Himmel und die abgeklärten Farben der Wälder sind wunderhübsch. Man sollte jetzt in den Alleen wandern, wenn die Blätter treiben. Ich mag Rilkes Bild der Allee, das immer wieder kommt. Es erinnert an Frankreich und das Departement Simplon, jene hübsche französische Provinz, die heute zur Schweiz gehört. Lustig, der Onkel meines Freundes und Schulkameraden, ein eloquenter Jurist und Journalist, hatte stets gefordert, dass sich das Wallis von der Schweiz trennen und mit Hilfe eines grossen Casinos sich die nötigen Steuereinnahmen beschaffen sollte. 'République Valais' nannte er das Gebilde. Alle lächelten natürlich über diese Ideen, während sein Bruder als Gouverneur eben dieser Republik tätig war und sich vielleicht eher ein bisschen ärgerte. Aber für uns jungen Leute war der Mann eine Vorbildfigur. Ich bewunderte ihn und las regelmässig seine Kolumnen . Und wie er eines Tages im Spätsommer im Haus gegenüber sein Büro geräumt hatte und seine Aktenordner im kleinen 2CV verstaute, das habe ich Dir einmal im Detail erzählt. Er war ein eleganter Mann und hatte viele weibliche Bewunderer, die um ihn alles hergegeben hätten. Er war auch wirklich ein Charmeur, grossgewachsen, bilingue, ein Causeur mit einem grossen historischen Überblick, dazu aus einer adeligen Familie. Er hat Rilke ins Walliserdeutsche übersetzt. Ich glaube das weisst Du schon, und darüber warst Du schon einmal entrüstet. Vielleicht schaffe ich es ein zweites Mal??

Ich bin gespannt, ob Du heute früh erwacht bist. Werde mal sehen, ob schon etwas von Dir da ist. Na ja, so früh wirst Du wohl auch nicht am PC sitzen?

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
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Freitag, 24. Oktober 2025

Anfang des Teenager Kultes

 




den 11 september  08:05
Wer weiss, was morgen ist ...


Liebe Marlena
Vielleicht kennst Du dieses Foto: "James Dean on Times Square". Es stammt von 1955. Das ist auch das Jahr des Todes von James Byron Dean, als er an einem Septemberabend mit seinem Porsche Speedstar auf der Highway 466 mit einem Ford Sedan zusammenprallte. Das Ereignis erinnert ein bisschen an Camus.
Nun habe ich persönlich mit James Dean eigentlich ganz und gar nichts am Hut. Ich habe nie ganz begriffen, weshalb man ihn hochstilisiert hat, wo er doch bloss 173 gross und Brillenträger war. Wahrscheinlich war er wirklich sehr kurzsichtig, und schaute deshalb in die Welt mit einer Mischung aus jugendlichem Missmut und Aufsässigkeit. Aber wird man damit schon zum Giganten, zum Rebellen? Tatsache ist, dass Dean zum Vorläufer unserer Jugendbewegung gemacht worden ist, zum 68er avant la lettre. In seinem dunkeln Mantel schleicht er hier über den leeren Times Square. Und die späteren Generationen finden in dieser Zufälligkeit eine jugendliche Gebärdensprache, einen baudelairschen Helden, der die ganze juvenile Ungeduld und Aggressivität, diese moderne Mischung aus Nervosität und Schüchternheit in die Welt schreit.
Auf dem Foto sieht er unscheinbar aus. Es ist regnerisch und unklar. Bei seinem dunkeln Mantel hat er den Kragen hochgeschlagen. Eine Chesterfield steckt zwischen seinen Lippen. Weshalb eigentlich Chesterfield? Es muss Morgen sein, denn der Times Square ist mehr oder weniger leer. Und wir alle wissen, dass die New Yorker ungefähr viertel vor zehn für ihren ersten Starbucks Kaffee anstehen. Und hier hat der junge Kerl schon eine Zigarette im Mund! Hinten erscheint die grosse Reklamewand, das Markenzeichen des Times Square. Sie verschwindet im Grau des Nebels und des Regens. Und die Eisengitter rechts, die den Verkehr regeln, entsprechen mit den provisorischen Abschrankungen links. Es sieht alles nach purer Zufälligkeit aus. Und im grauen Asphalt reflektiert sich der missmutige Jüngling, der zum Vorreiter der Teenager werden soll. Es gibt ein ähnliches Foto von Cartier-Bresson, das Giacometti in Paris zeigt. Doch mindestens war damals Giacometti ein bekannter Mann. Hier ist aber auf dem morgendlichen Broadway nur ein kleiner Narziss unterwwegs, der noch selbst kaum weiss, wer er ist. Und vielleicht ist er zu diesen nassen Morgenstunden auch noch nicht ganz wach. Er hat Theater und kleine Rollen im Fernsehen gespielt. Berühmt wird er im Kino werden. Ein Film ist bereits abgedreht: "Rebel without cause". Das ist sozusagen sein ästhetisches Programm. Im Kino Astor, das man auf dem Foto linkerhand sieht, wird seine Uraufführung stattfinden.
Alles kann zum Mythos werden. Auch ein junger, zerknitterter Mann auf dem morgendlichen Broadway, der sich irgendwo einen faden und überzuckerten Kaffee sucht. Ein Mythos ist eine Botschaft. James Dean wurde zum Mythos gemacht, das den Nerv der Zeit traf. Eine Botschaft des jugendlichen Aufbegehrens. Es blieb ihm, dem jungen Narziss, erspart, alt, hässlich und ungeschickt zu werden. "Lebe schnell, sterbe jung und habe einen schönen Leichnahm", soll er oft aus dem Film "Knock on Any Door" zitiert haben. Es ist wie eine Regieanweisung für seine Selbststilisierung.
Offenbar war er eitel, was man doch von einem Rebell nicht direkt erwartet. Einmal, so wird erzählt, soll er versucht haben, als Fotopose Michelangelos David einzunehmen. Ein David des 20. Jahrhunderts? Auf jeden Fall waren bisher Brando und Presley die noch etwas unentschiedenen Idole. Und jetzt wird es Dean, der Jugend nicht als Unreife, sondern als eigentlichen und wahren Seinszustand deklariert. James Dean ist der Anfang des Teenager Kultes. Und dabei war er zum Zeitpunkt dieses Fotos längst ein purer Twen. Dazu war er längst tot. Aber Tote, so weiss man, leben eben etwas länger!
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Gruss




Donnerstag, 23. Oktober 2025

Argumente für Englisch


Liebe Marlena
Vielen lieben Dank für Dein barockes Mail. Sie sind in der Tat wunderschön geworden, Deine Mails in letzter Zeit. Ich geniesse sie wie ein Festschmaus, jedes von ihnen.
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Ein bisschen unfair bist Du darin, dass Du Dich nicht zwischen mir und meinem Chef entscheiden willst. Du sagst, klar, alle müssen Frühenglisch haben. Aber auch Französisch. Was jetzt nun, beides?? Das ist wohl nicht gut möglich, mit den Grundschülern schon mit zwei Fremdsprachen anzufangen, schliesslich müssen sie auch noch Hochdeutsch lernen, was sie im Alltag ja auch nicht brauchen. Das wären sozusagen drei fremde Sprachen, wie einige behaupten.
Nein, ich glaube, es geht wirklich um die harte Entscheidung: Französisch oder Englisch ab 2. Klasse? Ich bin, wie gesagt, für Englisch. Und ich habe gute Argumente:
Erstens: Englisch bietet, wie Du sagst, Anschluss zur Welt, zur Welt des Kommerzes, des Computers.
Zweitens: Kinder haben mehr Motivation, Englisch zu lernen als Französisch.
Drittens: Englisch ist leichter als Französisch, vor allem in der Anfangsstufe.
Viertens: Schüler auf dem praktischen Bildungsweg erreichen in 7 Jahren eine Kompetenz in Englisch, die ihnen im Beruf nützlich sein kann. In Französisch kommen sie kaum soweit, dass sie praktisch sprechen könnten.
Fünftes: Mein Chef behauptet, Sprache sei mehr als ein Verständigungsinstrument weltweit, mehr als eine lingua franca. Klar, hat er recht, aber auch das moderne Englisch ist Teil einer Kultur, der postmodernen, internationalistischen, übernationalen Kultur. Es ist ja nicht ein Queens-Englisch, das hier zur Diskussion steht, sondern eine Art Strassenvariante in hunderten von Akzenten. Wie nennt man dieses neue Englisch, das man überall spricht, mit einem sehr reduzierten Wortschatz? Es hat doch irgendwie einen Namen, den ich schon gehört habe?
Sechstens: Der Kulturstreit in der Schweiz wird nicht so heiss werden, wie mein Chef prognostiziert, weil auch die Romands Englisch lernen, und dann können wir mit ihnen Englisch reden, wenn es denn sein muss. Das geschieht schon heute gelegentlich im Militär beispielsweise.
Siebtens: Der Kulturstreit könnte sogar gemildert werden dadurch, dass wir uns nicht mehr zwischen Italienisch oder Französisch entscheiden müssen. Es wäre doch denkbar, dass die Tessiner enttäuscht sind, wenn wir Französisch wählten, und dass die Romands enttäuscht sind, wenn wir Italienisch wählen. Mit Englisch sind wir von beiden gleich weit entfernt, oder gleich nah respektive.
Achtens: Und die Romands und Tessiner können sich auch auf die Weltsprache Englisch konzentrieren, und müssen nicht zuerst noch Deutsch lernen, einfach, weil man in der Schweiz ohne Deutsch keine Karriere machen kann. In Zukunft wird man auch in der Schweiz die Karriere in Englisch machen.
Neuntens: Wenn alle Englisch können, wird es wieder geschätzt und exklusiv werden, Französisch auch noch zu können. Dann wird der Wert von Französisch bestimmt wieder steigen, vielleicht nicht für alle, aber für diejenigen, die sich auf Marktlücken vorbereiten.
So:
Findest Du denn nicht, Marlena, mein Chef sei längst k.o.? Seine Argumente sind doch ideologischer Natur, ein wenig nostalgisch. Und unter uns gesagt, ich vermute, dass er selbst kein Englisch kann. Aber das weiss ich nicht. Er ist sonst sehr kompetent und intelligent. Auf jeden Fall muss man doch konstatieren, dass, wenn man ein wenig herumreist, zu aller erst auf das Englische fällt, und kaum je auf Französisch. Sogar mit meiner belle soeur aus Paris spreche ich Englisch, wobei es bei ihr ja sünd und schade ist. Ich könnte nämlich viel von ihr lernen.
Also, meine liebe Marlena, ich hoffe doch sehr, dass Du Deine Pflicht tust und das Match entscheidest Er oder ich, das müssen wir jetzt wissen ;--))
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Nein, wenn ich regressive Trance sage, meine ich nicht, dass ich es bereue. Ich fand bei der Lektüre bloss, es wäre sehr schlecht formuliert, nachlässig und undiszipliniert. Vielleicht so, wie man auf der Couch des Psychiaters spricht? Nein, es ist keine Reue, eher etwas unwohl Dir gegenüber, wo Du doch immer perfekte und korrekte Sätze schreibst.
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Ja, wenn Du Dich richtig erinnerst, habe ich den Begriff Internet-Ehe erfunden und Dich damit ziemlich erschreckt! Kannst Du Dich erinnern? Damals warst Du noch sehr "korrekt" und als ich erzählte, ich träumte, mit Dir in Paris zu sein, hast Du Dich etwas indigniert gewundert, was den meine Frau dazu denke und dass sie sowas bestimmt nicht möge. Du hast mich praktisch zurechtgewiesen. Remember?? Es war köstlich. Es war wohl noch vor Deiner feinen und vorsichtigen Liebeserklärung, die ich immer noch in schönster Erinnerung habe. Und Du warst es, die das Symbol des Turmes erkannt und thematisiert hast. Das fand ich auch sehr schön, nun ja, ist es immer noch.

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