Liebe Marlena
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Tut mir leid um Deinen kleinen Vogel. Ja, sowas erinnert uns immer an die Vergänglichkeit und an die Tatsache, dass wir nicht ewig leben. Das ist, wie die Philosophen sagen, der Skandal unseres Lebens. Was sollen wir tun? Die Lebenskunst scheint eine angemessene Antwort auf diese Anforderung zu sein, das Bemühen also, aus dem Leben das meiste an Möglichkeiten und Erleben zu gewinnen. Ach, das versuchen wir ja doch mit allen Mitteln. Ich habe kürzlich ein paar interessante Gedanken über das Lebensglück gelesen. Ich weiss nicht mehr, wo es war. Aber es hat mich doch verblüfft. Man hat Menschen befragt über ihre Zufriedenheit im Leben. Und zwar hat man zwei Menschengruppen verglichen. Die einen hatten durch einen schweren Unfall ein hartes Schicksal zu tragen. Sie waren querschnittgelähmt und damit behindert, wie wir sagen würden. Die anderen Menschen waren Glückspilze, hatten kürzlich einen grossen Gewinn an einer Lotterie gemacht. Und verblüffend dabei ist, dass die beiden Gruppen sich nach einer gewissen Zeit (nach dem Unfall, nach dem Lottogewinn) sich in ihrer Lebenszufriedenheit nicht mehr wesentlich unterscheiden. Mit anderen Worten: ein Lottogewinn macht nicht glücklich, ein schwerer Unfall mit Lebensbehinderung macht nicht unglücklich. Der Mensch ist sehr flexibel, sein Schicksal zu bewerten. Und er kann sich in einer relativ kurzen Zeit an einen Zustand gewöhnen, und ihn als normal empfinden. Jede Abweichung davon ist dann erst ein Glücks- oder ein Unglücksmoment.
Und es gibt doch dieses hübsche Gedicht von Theodor Storm, wenn ich mich nicht irre, welches als Gebet gestaltet ist, wo er Gott bittet "ihn mit Freuden und mit Leiden nicht zu überschütten ... sondern in der Mitten liegt holdes Bescheiden". Hat mir in meiner Jugend immer imponiert, dieser Wunsch nach einem bescheidenen Durchschnitt. Später habe ich diese Einstellung als Quintessenz bürgerlicher Lebensphilosophie genommen. Ich glaube wirklich, dass darin eine tiefe Lebenserkenntnis der europäischen Kultur liegt. Und ich glaube nicht, dass S auch so denken würde. Ich glaube, dass die persische Oberschicht wirklich denkt, oder immer gedacht hat, dass sie das Recht auf ein Maximum an Glück hätten. Es gelingt zwar nicht, aber das Recht ist unbestritten. Nun ja, sie führen ihre Verhandlungen ja auch nicht mit dem lieben Gott, sondern mit Allah. Und sie haben es nicht mit der Erbsünde zu tun, die uns Europäern alle am Rücken klebt. Sie haben wirklich keinen Grund, Schuldgefühle mit sich herumzutragen. Und damit sind sie uns in Sachen Lebensglück doch einen Schritt voraus. Und dies alles bloss, weil damals diese Eva einen Apfel angebissen hatte. Ich stelle mir diesen Paradiesapfel übrigens als Granatapfel vor, also diese merkwürdige Frucht, die es im Iran gibt, mit vielen kleinen Beeren im Innern. Hier bei uns gibt es davon einen Sirup. Und als Gymnasiasten haben wir oft ein Bier grénadine bestellt, ein rot leuchtendes Bier, das ziemlich süss war, und welches den Alkohol praktisch verdoppelte.

