Donnerstag, 26. Juni 2025

Alltag ...

 Ämne: Alltag..

Lieber ...,
Ja, ich glaube du bist grosszügig aber naiv bist du ganz bestimmt nicht. Eher ein lieber Mensch, der es versteht zu schätzen, wenn sich Leute Mühe gegeben haben und ein Auge zudrückt, wenn nicht alles perfekt ist.
Und im Club? Wagt ihr nicht zu sagen, dass das Essen nicht mehr so perfekt ist? Vielleicht haben sie einen neuen Koch.
Das erinnert mich an eine Stelle in Südfrankreich. Da hatten sie in dem Hotel, wo ich die letzte Woche nach meinem Kurs wohnte, einen neuen, noch sehr jungen Koch. Wir sassen eine kleine Gesellschaft im Gartenrestaurant und hatten Forellen bestellt. Als sie endlich kamen, sahen sie sehr lecker aus, aber leider waren sie innen rot und blutig. So holte sie der arme Koch nochmals und kam dann nach einer Ewigkeit zurück mit kohlschwarzen, halb verbrannten Fischen. Jetzt kann man darüber lachen, aber damals.. Aber wir haben uns nicht lange geärgert. Die wunderschöne sonnige Côte d'Azur und der Strand von Juan les Pins haben uns dieses Malheur schnell wieder vergessen lassen.
*
So nahe hast du es nach Hause? Dann könntest du ja glatt in der Mittagpause zu Hause essen, oder? Ich habe 7 Minuten mit dem Rad und nur etwas weniger Zeit mit dem Auto zur Arbeit. Deshalb kann ich in der Mittagspause nach Hause fahren wenn ich Lust habe.
Heute habe ich übrigens mein Auto gewaschen. Das ist ein grosses und seltenes Ereignis. Na ja, ich habe es im Automaten waschen lassen, mit dem Luxusprogramm, das schwere Verschmutzungen gut entfernt und nachher auch das Auto wachst. Ich war ganz erstaunt was unter dem schmutz hervorkam. Ein schönes Auto, rot und glänzend wie ein Juwel. Fast fabrikneu sah es aus.

Dann habe ich gekocht. Zuerst ein Hähnchen im Ofen gebraten und dann noch Kalbsleber gemacht in einer guten Sauce. Jetzt habe ich Essen für die kommenden Tage und vier Portionen, die ich für Anna einfrieren werde. Es ist langweilig für sich selbst zu kochen.
(---)

Jetzt werde ich mir gleich alles Elend der Welt ansehen, das man uns täglich in die Stube bringt, und nachher wohl auch den Dokumentarfilm über die Vernichtung, "Die letzten Tage" von James Moll.

So grüsse ich dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag,
Marlena



Mittwoch, 25. Juni 2025

Uppsala 3

 


Ämne: Uppsala 3
Datum: den 15 januari  10:59


Lieber ...
Ich weiss eigentlich nicht, warum ich dir jetzt von Uppsala erzähle. Du wolltest es einmal hören, aber die Zeit ist wohl nun vorbei. Dann denke ich, dass ich es als eine Art Tagebuch schreiben kann und dass es Anna vielleicht einmal lesen wird, und es wird mich ihr nahe bringen, so wie auch für mich die sparsamen Briefe meiner Mutter nach ihrem Tode eine ganz andere Bedeutung bekamen. Ich habe sogar noch ein paar Briefe von meinem geliebten Grossvater, die mir meine Tante hier vor so einem Jahr schenkte. Ich weiss nicht, ob Du dir vorstellen kannst, wie es sich anfühlt, diese in der Hand zu halten und zu lesen, wie er über verschiedene Ereignisse dachte. Eigentlich ist ja diese Zeit vorbei, wo man einen handgeschriebenen Brief bekommt. Alles liegt am PC. Und es ist irgendwie schade.

Aber nun zurück nach Uppsala.
Die Deutschstudien legte ich ziemlich rasch hinter mich. Die Übersetzungsprüfung gelang mir beim ersten Versuch und das war ein wenig sensationell denn meisten musste man so 3 Jahre fleissig lernen um das höchste Zeugnis dafür zu erhalten. Unser Professor war ein richtiges Original. Irgendwie schien er nicht richtig in unser Zeitalter zu gehören. Er war gross und schmal und trug einen Stützkragen, über dem sein Kopf oft bedenklich hin und her wackelte. Er schien nicht richtig vertraut mit den irdischen Dingen. Wir wussten, dass er streng war und fürchteten ihn, aber sahen auch zu ihm auf.
Man sagte, Sprachgeschichte sei sein grosses Interesse und er gab uns schriftliche Prüfungen, die wir Mühe hatten, in 5 Stunden fertig zu kriegen. Damals lernte ich zu pauken. :-)
Dann kam der Augenblick, wo man ein Thema für seinen Aufsatz wählen musste. Für das höchste Zeugnis ist es wie eine Art kleine Abhandlung ein bisschen in Richtung Doktorarbeit. Viele wählten etwas sprachhistorisches, vielleicht weil sie glaubten, ihm damit einen Gefallen zu tun und es leichter zu schaffen. Ich wählte etwas ganz anderes: "Der Bergmann von Falun in deutscher Literatur". Ich hatte nie davon gehört. Es ging auf eine wahre Begebenheit zurück. Ein Bergmann war in der Grube in Falun verunglückt. 50 Jahre später fand man den Körper eines jungen Mannes in der Grube. Niemand wusste, wer es sein könnte. Erst als man eine alte 75-jährige Frau herbeigeholt hatte, wurde er identifiziert. Sie war seine Braut gewesen und er war kurz vor der Hochzeit verunglückt. Nun sah sie ihn wieder, ganz unverändert. Der Körper hatte in Kupfervitriolwasser gelegen und sah ganz wie damals aus.

Dieses Ereignis, das man in der schwedischen Literatur kaum wiederfindet, hat anscheinend in Deutschland Anklang gefunden * und mehrere grosse Schriftsteller wie z.B. Hugo von Hofmannsthal und Hebbel schrieben darüber. So sehr wie damals habe ich mich nie mehr in ein Thema vertieft. Ich fand ausserdem Literatur über das Thema, die mein Professor noch nicht kannte, und ich musste sie ihm bringen, um zu beweisen, dass sie wirklich existierte. Auch eine kleine deutsche Doktorarbeit über das Thema gab es. Man gab schliesslich seine Arbeit ab und musste später darüber vor den anderen Studenten sprechen, wobei sie Fragen stellen konnten. Professor H war sehr zufrieden und bat mich, ich solle doch weiterstudieren in Germanistik. Und vielleicht hätte ich es dann später getan, wenn nicht das kleine Formular von K gewesen wäre. :-)
Aber zuerst lockte mich das Französischstudium. Sicher bin ich ein wenig ungerecht, aber damals hatte ich das Gefühl, eine verstaubte alte Literatur hinter mir zu lassen, um mich nun in die philosophische Welt der französischen Schriftsteller zu begeben. Schon die Sprache lockte mich.
*
Du gehst nun gleich nach Hause, glaube ich.. vielleicht kriegst du das Mail, bevor du gehst, und so sende ich es nun ab.
 
Ich schreibe ein anderes Mal weiter.
GK
Marlena


*  http://www.humboldtgesellschaft.de/druck.php?name=falun




Montag, 23. Juni 2025

Buch der Unruhe

(R) 

Ämne: Oro   (Unruhe)

Lieber ...,

Immer wieder suche ich nach dir... aber du bist nicht .. wo du sein sollst.... Vielleicht hast du dich einen Tag frei gemacht und bist irgendwohin verschwunden zu einem fremden Abenteuer.

Ich habe gestern, du wirst staunen, das "Buch der Unruhe" in unserer Bibliothek gefunden. Das hat mich überrascht, denn ich hatte nicht damit gerechnet. Und noch dazu ganz neu war es. Niemand hat es vor mir geliehen. Nun bin ich glücklicher "Besitzer" dieser Unruhe bis zum 26 August. Und ich werde die Lücken, die du in meinem Leben lässt, mit Unruhe ausfüllen... was ich ohnehin schon tue.. auch ohne Pessoa.

Grüsse dich lieb. Bleib mir treu ;-))
Marlena

*

Re: Oro

Liebe Marlena

Es freut mich, dass Du unseren Pessoa doch noch gefunden hast. Und es scheint, Du bist die Avangarde Schwedens. Du wirst Aufsehen erregen, wenn Du über ihn sprichst. Und wenn die Leute fragen, wer denn dieser Pessoa sei, dann sagst Du, ganz Europa spricht über ihn. Und dass sie alle über ihn sprechen, das wird Dir einleuchten, wenn Du ein Teil des Buches gelesen hast. Es hat was an sich, das schwer zu beschreiben ist. Man hat gesagt, es sei ein Tagebuch ohne Handlung. Eine Biographie ohne Bio. So irgendwie. Und die Tonart sei fröhlich-melancholisch irgendwie. Na, klingt das nicht verlockend?   ...

Wunderbare Anekdote

 




 Liebe Marlena
...
Kennst du diese wunderbare Anekdote über Nils Bohr, den berühmten dänischen (so glaube ich) Atomphysiker?

Er hat Leute in sein Landhaus eingeladen. Und die Gäste haben sich gewundert, warum er über dem Eingang ins Haus das Hufeisen eines Pferdes angebracht hat. Solche Hufe gelten bekanntlich als Glücksbringer. Und sie haben Bohr gefragt, ob es denn wirklich so sei, dass er als Naturwissenschafter an solche Dinge wie ein Hufeisen glaube??
Und Nils Bohr, weise wie er war, hat gesagt: 
„Nein, ich selbst glaube natürlich nicht daran. Aber es gibt Leute, die sagen, es helfe auch bei jenen, die nicht daran glauben!".

Intelligent gesehen, nicht wahr? Ist eine meiner Lieblingsanekdoten, ganz einfach, weil sie mehrdimensional und vielstöckig ist. Sie ist wirklich sehr weise und köstlich zugleich!



(R)

Freitag, 20. Juni 2025

Midsommarafton

   

Glad midsommar!






Midsommar

.

 bei Tag


 und bei Nacht


Für dich ...


Das ist für dich Marlena, ...  Es ist für mich das
Sinngedicht unserer Freundschaft.

"Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.


Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit."



Rilke Berlin-Schmargendorf 1899




Mittwoch, 18. Juni 2025

Das Bild Bruegels



Das Bild Bruegels hat es mir sehr angetan. Ist es nicht eines der schönsten Bilder europäischer Kultur? Ich glaube, Bosch hat auch irgendwo so ein Riesending gemalt. Und es ist ästhetisch in diesem Zweifel zwischen Optimismus und Pessimismus. Ist es eine Ruine oder bloss eine Baustelle? Wird noch gebaut oder wird schon abgebrochen? Geht's hinauf in den Himmel oder geht's doch eher zur Hölle? --
Manchmal, wenn ich Zeit habe, zeichne ich gelegentlich Cartoons. Und eine meiner Ideen war es vor einiger Zeit, diesen Turm Bruegels zu zeichnen, den fast jeder kennt, und dahinter ein riesiges Hochhaus, das noch um Einiges höher ist und weit über die Wolken hinausragt, auf dem die Reklame leuchtet: CONSULTING. Das finde ich einen guten Einfall, und du? Ich habe das Bild damals einem Freund geschenkt. Er ist Professor an der Universität Zürich und hat ein eigenes Institut zur Integration der Fakultäten und fachlichen Perspektiven. Er war begeistert und hat meine Zeichnung auf einen Regenschirm kopieren lassen, um sie jetzt den Leuten zu verteilen. Ich muss zwar sagen, dass die Zeichnung auf dem Schirm wirklich nicht mehr gut aussieht. Aber seine Begeisterung hat mich doch gefreut.

Der Turm Bruegels ist schon ein Renaissance-Turm, gross und die Welt sprengend. Eine wahre Attacke gegen Gott, gotteslästerlich, wie die Aufklärung auch, in ihren letzten Konsequenzen. Die mittelalterlichen Türme der Gotik sind dagegen bescheiden und brav, sehr menschlich und subaltern, runde Türmchen meist, die den Anschein des endlosen gottergebenen Zerfalls haben. Sie sehen in unseren modernen Augen ziemlich romantisch aus. Die Türme der Renaissance dagegen sind wie Capes Canaverals, hybride Installationen, die die Welt aus den Angeln zu werfen gedenken. Eigentlich sind sie skandalös. Aber schön! Ich liebe das Bild sehr, denn es gibt den Eindruck einer göttlichen Übersicht. Vom Himmel schauen wir hinunter auf diese Welt (dieser Gesichtspunkt ist vielleicht noch mittelalterlich und traditionell). So muss die Sache für den lieben Gott ausgesehen haben, als der Montag morgens das Fenster öffnete, um sein Bettzeug zu durchlüften und sein Nachthemd auszuschütteln. Wahrscheinlich ist er ziemlich heftig erschrocken, eine solchen Backsteinhaufen vor seinem Schlafzimmerfenster vorzufinden. „Skandalös", muss er in den langen Bart gemurmelt haben, und irritiert nach Petrus geleutet haben. Die babylonische Sprachverwirrung kann man durchaus als Rache Gottes gegen die menschliche Hybris verstehen. Aus Sicht des Allmächtigen ist wirklich nicht einzusehen, warum die kleinen Dinger, die Menschen, jetzt plötzlich in den Himmel klettern sollten?
...

 (R)