Montag, 9. September 2024

Bei dir ...


Ämne:  Bei dir..
Datum: den 29 augusti  03:58

Liebe Marlena

"... und dich besitzen, nur ein Lächeln lang,
um dich an alles zu verschenken, wie einen Dank". (Rilke)

Ja, dieses Zitat habe ich gerne gehört. Es hat mich fast ein bisschen gekitzelt im Bauch. Ich mag das mehr als Rumi. Rumi muss ich noch entdecken. Aber ich glaube, Rilke kann man ebenso gut zitieren. Er hat nicht nur tiefsinnige Dinge gesagt, er hat sie auch besonders schön gesagt. Das finde ich bei Rumi nicht. Rumi hat vielleicht den Reiz des Exotischen. Na ja, ich werde suchen, ob da was dahinter ist.

Heute war ich über Mittag im Strand Buchladen am Broadway. Und ich habe mir ein Buch über Balthus angeschaut. Er hatte einige Jahre in der Schweiz gelebt, war übrigens ein polnischer Adeliger, wie ich irgendwo kurz gelesen hatte. Dennoch scheint er überall bekannter als in der Schweiz. Mein Bruder hat als Architekt ein kleines Museum im Dorf oberhalb Sierre für ihn gestaltet. Und in diesem Buch gab es ein Foto von Rilke mit einer Frau, ich weiss nicht mehr, wer sie ist. Da bist Du mir in den Sinn gekommen und unsere Rilke-Phase. Und heute abend zitierst Du einen sinnigen Gedanken.
Du wirst lachen, aber wenn ich an meinen Tod denke, dann wünsche ich mir auf meiner Todesanzeige ein paar Zeilen von Rilke. Ich habe sie mir zuhause irgendwo aufgeschrieben. Ich glaube, ich muss sie mal S. mitteilen. We never know. Sie sind wirklich schön und für die Ewigkeit gedacht. Aber vielleicht werde ich, bis es soweit ist, noch ein Rumi Gedicht finden??

Heute hatten wir den zweiten Tag mit der Frau unseres Kursleiters. Sie ist lustig, das habe ich wahrscheinlich schon gesagt, und sie ist schnell. Manchmal habe ich Mühe mit dem Verständnis. Sie hat eine etwas hohe Stimme, das mag ich nicht besonders. Aber sonst ist sie eine sympathische Frau. Sie macht lustige Scherze, wie ich das eigentlich in der Schweiz von Frauen nicht so gewohnt bin. Aber auch sie zieht sich für unseren europäischen Geschmack nicht so besonders gut an. Aber es ist akzeptabel. Am besten war im Kurs die Türkin angezogen. Ihre Wahl der Farben war perfekt. Sie hat eindeutig den ersten Preis verdient, wenn es denn für solches Preise gibt.

Wir haben heute eine sehr interessante Übung gemacht. Es geht darum, jemanden als Modell, als Vorbild zu wählen und in Trance mit ihm oder ihr in Verbindung zu treten, um so die vorbildlichen Eigenschaften als Geschenk übernehmen zu können. Klingt alles ein bisschen wild, nicht wahr? Aber es ist eigentlich eine ganz logische und praktische psychologische Operationalisierung, wie man sich bei einer anderen, meist etwas bewunderten Person gewisse Dinge abguckt, um sie vielleicht auch zu übernehmen. Das Merkwürdigste dabei ist vielleicht, dass das ohne Anstrengung geht. Normalerweise würden wir bei einer Person irgendeinen Charakterzug oder eine Eigenschaft sehen, uns entscheiden, sie für sich selbst auch anzustreben, um sich dann Mühe zu geben, sich anzustrengen, das zu erreichen. Mit Hilfe der Trance geht das ohne Anstrengung, unter Mitwirkung des Unbewussten. ich bin überzeugt, lernen mit dieser Methode geht sehr leicht. Aber es ist nicht Schullernen, nicht Schulstoff, sondern Lebenlernen, also Lebensstoff. Das ist wirklich faszinierend. Du wirst noch einmal Lachen. Ich habe Varlin als diese Person genommen. Dabei habe ich vor allem an ihn als Porträtisten und als Schreiber gedacht. Vielleicht lerne ich noch einiges von ihm. Er hat auch sehr witzig und gut geschrieben. Und seine Porträts mag ich, das weisst Du schon. Auch sie haben einen speziellen Witz.

Ach, es ist lieb Marlena, was Du schreibst vom Vergnügen, hier in NY dabei zu sein. Ich habe schon da und dort mal ein Mail geschrieben von hier. Und auch S. hat natürlich ihre Mails bekommen. Aber niemandem habe ich so viel erzählt wie Dir. Und es war auch für mich ein Vergnügen, aber auch eine schöne Möglichkeit, die Tage ein bisschen zu verarbeiten. Man muss ja doch aufpassen, dass man nicht viele Kleinigkeiten zu schnell wieder vergisst. Es ist schön, sie Dir zu erzählen. Und später, vielleicht in zwei oder drei Jahren, werden wir uns gegenseitig ansprechen und auf eine Erinnerung hinweisen, mit den Worten:   
"damals, als wir zusammen in NY waren, weisst Du noch ...."
Ich gehe jeden Morgen über den Broadway zum Kurs. Letzthin wählte ich die Strasse mit den Antiquitätengeschäften. Sie hat etwas edles an sich und wirkt irgendwie sauberer. Der Verkehr hier in NY ist sehr diszipliniert. Letzthin bin ich bei rot über die Strasse gegangen. Die Autos halten an und niemand scheint sich darüber zu ärgern. Es ist erstaunlich, in dieser grossen Stadt. Ich glaube, es hängt viel an den Taxifahrern.

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Ämne: Re: Bei dir..
Datum: den 29 augusti  04:20

Liebe Marlena
jetzt ist mir gerade das ganze Mail abgestürzt. Oder hast Du es bekommen? Auf jeden Fall kam die Meldung, das Mail sei an Deine Adresse gegangen.
Ich repetiere rasch.
Dein Rilke Zitat hat mich berührt. Er gefaellt mir eigentlich besser als Rumi. Er sagt ebenso tiefsinnige Gedanken, und er sagt sie schöner. Na ja, vielleicht entdecke ich bei Rumi auch noch was.
Ich war heute über Mittag am Broadway im Strand Buchladen und habe mir ein Buch über Balthus angeschaut. Er hatte lange in Sierre gelebt, und mein Bruder hat als Architekt ein kleines Museum oberhalb Sieders gestaltet. Und darin gab es ein Bild von Rilke. Als ich es sah, bist Du mir in den Sinn gekommen. Stell Dir vor, mitten in dieser etwas unordentlichen und überall mit Büchern überstellten kleinen Halle warst Du plötzlich da. Dein Zitat hat mich ein bisschen im Bauch gekitzelt, eine Art Wehmut kam hoch.

Es ist lieb, was Du schreibst und wie Du mit dabei bist in NY. Du hast von allen meinen Bekannten und Verwandten und Allerliebsten am meisten mitbekommen. Und es war schön, es Dir zu schildern. Es war für mich sehr gut, die Tage mit Dir ein bisschen zu verarbeiten. Und später vielleicht, in zwei oder drei Jahren, werden wir sagen: "weisst du noch damals, als wir zusammen in NY waren ....". siehst Du, sowas hatte ich mir eigentlich mit Rom vorgestellt. Eine außergewöhnliche Zeit, in der man gemeinsam eine Stadt erobert und sich auch noch kennenlernt. Na ja, das sind tempi passati. Wir können das mal in Hamburg machen. Ist Hamburg eine aufregende Stadt?

Heute haben wir eine Übung gemacht, bei der man sich mit einer bewunderten Person identifiziert hat, um Eigenschaften oder Fähigkeiten als Geschenke zu bekommen. Der Aufbau dieser Übung ist ziemlich logisch und plausibel. Und es wirkt, da bin ich sicher. Vor allem wirkt es, weil alles in diesem Zustand der Trance geschieht. Normalerweise würde man eine Person bewundern, irgendwelche Eigenschaften nachzuahmen versuchen und sich dabei Mühe geben und es vielleicht nicht so erreichen. Hier geschieht es leichter. Es ist wie ein posthypnotischer Auftrag, den man sich selbst gibt. Du hast das sicherlich schon gesehen bei Hypnosen, bei denen die Leute später etwas gemacht haben, wozu sie in der Hypnose beauftragt worden waren, ohne dies aber zu wissen. Wenn man sie fragt, wissen sie nicht, weshalb sie dies oder jenes tun. Aber sie haben einen Drang, es zu tun. Ich glaube, hier funktioniert es ganz ähnlich.

Ich habe Varlin als mein Modell gewählt. Du weisst, dass er ein guter und scharfäugiger Porträtist war. Aber er war auch ein guter Schreiber und hat sehr pointierte Essays geschrieben, nicht häufig, aber gelegentlich. Ich will nun sehen, was er mir davon vermachen wird. Am liebsten hätte ich seine Originalität und seine Radikalität. Hast Du gewusst, dass Varlin mit bürgerlichem Namen Guggenheim hiess. Er hatte ihn abgelegt, weil man ihm sagte, das klinge zu jüdisch und zu wenig künstlerisch. Willy Guggenheim, so hiess er. Na ja, Willy finde ich auch nicht besonders. Ich hätte auch zu Varlin gegriffen. Ich weiss nicht mehr, woher der Name stammt. Er hat ihn irgendwo gefunden.

Liebe Marlena, ich schliesse hier mal ab, bevor die ganze Sache nochmals in die Tiefe stürzt, und ich wünsche Dir einen schönen Freitag und wenn, dann auch gleich ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüßen und Küssen
...

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Ämne: Gute Nacht!
Datum: den 29 augusti  20:55

Liebster Mausfreund,
Danke für dein wunderschönes Mail von heute Nacht. Ich komme im Moment nicht an den PC aber ich wünsche dir eine schöne Zeit, diese letzten Tage in NY. Nütze sie gut aus und pass gut auf dich auf.. :-)
Mit lieben Grüssen,
Marlena


"Ich habe das Passwort"

 

Ämne: Bei dir..
Datum: den 28 augusti  17:10


Lieber ...,
Ach wie schön, noch ein mail von dir zu finden. Ich hatte mir vorgenommen so gegen 13.00 Uhr zu Hause zu sein und bin dann erst drei Stunden später hier gelandet. Und dabei hatte ich sogar vergessen, dass ich noch keinen lunch bekommen hatte. Jetzt habe ich gerade meinen Hunger gestillt.. meinen körperlichen.. meinen seelischen stillst du jeden Tag mit deinen Mails. Ich kann es kaum fassen, dass diese Zeit, die ich glaubte, in der Wüste verbringen zu müssen, wo ich mich auf eine lange Hungerkur eingestellt hatte, so anders geworden ist.
Ich merke, dass du freier bist. Du bist auch nicht mehr geizig mit dem süssen Nachtisch. Ich glaube, ich habe noch nie eine so schöne Woche mit dir verbracht. Und obwohl ich fast in Arbeit ertrinke (glaube unsere Chefs sind wahnsinnig geworden, denn sie legen immer mehr Aufträge auf unsere Schultern) so habe ich fast den Eindruck, dass ich auf Urlaub bin mit dir. Ich danke dir dafür. Du bist wirklich so lieb, dass man dich nicht für sich beanspruchen sollte..

"... und dich besitzen, nur ein Lächeln lang,
um dich an alles zu verschenken, wie einen Dank". (Rilke)

Ja, ich habe genau wie du reagiert auf die Bilder zu Rumis Gedichten. Sie sind nicht anstösslich und zeigen schöne Körper aber sie reduzieren die Texte. Ich habe auch noch nicht alle Gedichte gelesen und ich werde sie mir, so wie du, ohne Bilder zusammenstellen. Das kann ich auch für dich tun, wenn du willst. Meine Mailüberschrift "Ich habe das Password" bezog sich auf dieses kleine Gedicht:

Ich kann die Rätsel alle dir
der Schöpfung sagen;
denn aller Rätsel Lösungswort
ist mein, der Liebe.

Oder dieses:

Liebende sehen die Dinge so,
wie sie wirklich sind.
Denn sie sehen mit der Klarheit
des göttlichen Lichts,
und ihre Liebe spricht die Mängel frei.

Ist das nicht ein wunderschöner Gedanke, fern von unserer Einstellung, dass Liebe blind macht. Was meinst du?

*
Ich muss mich um das Haus kümmern. In den letzten Tagen ist alles hier liegengeblieben und in den Papierhaufen komme ich vorwärts mit der Geschwindigkeit einer Schnecke. Warum muss es so schwer sein, sich zu entscheiden ob man etwas wegwerfen soll oder nicht? Aber du bist im Moment fern von diesen Problemen und ich will dich eigentlich garnicht daran erinnern, dass es sie gibt.
*
So nun lasse ich dich (jedenfalls für eine Weile) und wünsche dir noch einen schönen Abend. Ich denke du wirst mein Mail erst nach dem Kurs finden.. oder gar noch später. Falls ich dich nicht mehr erreiche so möchte ich dir nur schnell noch einen kleinen Rat geben: Schlaf bitte nicht ein bei dem Musical. ;-)

Mit lieben Grüssen,
Marlena



Sonntag, 8. September 2024

Re: Rumi


Ämne: Re: Rumi ...
Datum: den 28 augusti  15:21

Liebe Marlena
Ja, irgendwie habe ich gewusst, welches Rumis Motivation war, solche Gedichte zu schreiben. Aber gleich noch diese Bilder zu sehen, das finde ich doch ein bisschen zu fleischig, wo er doch eigentlich so ätherisch schreibt.
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Gestern habe ich mich verlaufen auf dem Heimweg. In der Tat bin ich an unserer Hausnummer vorbeigeschlendert. Und dann bin ich am Park angelangt, wo ich schon morgens war. Dort gibt es im Park einen kleinen Unterpark, ein Gehege, wo die Hundebesitzer ihren Liebling morgens um 9 Uhr austoben lassen können. Das geniessen die Vierbeiner offensichtlich. In übermütigen Gruppen tollen sie herum und beissen sich zum Spass in den Hintern. Die Meister sitzen auf den Bänken und lutschen an ihrem Starbucks Becher. Und über der ganzen Szenerie liegt eine feine Staubwolke, denn der Hunderasen ist eigentlich eine kleine Staubwüste. Auf jeden Fall hatte ich mich gefragt, ob Hunde eigentlich auch Asthma kriegen könnten. Und gleich nebenan gibt es noch ein kleineres Gehege. Das ist gedacht für die Hündchen, die man nach ihrem Tod ins Fotoalbum kleben kann. Ich meine, auf den Bänken sitzen etwas feinere Damen, die ihre Fingernägel behandeln. Und ihre Hündchen sind klein. Aber sie gehen los wie Raketen. Sogar die vielen Hörnchen, die rundum die Stämme auf und ab gehen, schauen interessiert zu und denken sich ihre Sache über diese Marsmenschen.

Auf Coney island hatte ich bedauert, dass ich nicht meine grosse Kamera mit hatte. Ich habe sie in der Schweiz gelassen. Es hätte dort viele nostalgische Sujets gegeben, von verlotterten Gebäuden, heruntergekommenen Buden, lotterigen Anlagen. Diese rostige Welt wäre doch eine perfekte Kulisse für ein Modejournal mit eleganten Kleidern! Die Fahrt zurück war ein bisschen lang. Es gab im Wagen zwei Familien mit kleinen Buben. Und auch für sie war es etwas zu lange. So sind sie unruhig geworden, haben gelärmt und sind herumgeturnt. Das mag ich als alter Herr - zum Teufel - nicht mehr. Ich habe versucht, mich in den Touristenführer zu vertiefen.

Ich habe mich ein bisschen verschlafen und bin erstmals mit dem Wecker aufgewacht.  ... Den Kaffee habe ich schon hinter mir. Er geht beim Schreiben hinunter, fast ohne dass ich es merke. Das ist der Stil Bölls. Weisst Du das? Er hat immer eine Thermosflasche voller Kaffee gebraucht beim Schreiben. Und natürlich hat er geraucht wie ein Kamin. Daran ist er dann auch gestorben.

Heute ist schon der zweitletzte Tag des Kurses. Es geht wirklich schnell. Na ja, es sind eigentlich nur 6 Stunden je. Aber es war gut, auch wenn das Englische manchmal ein bisschen schwierig war. Ich glaube, in Deutsch fühlte ich mich sicherer. Und natürlich ist es auch gut, wenn man gewisse Redewendungen und Formulierungen aufnehmen kann. Das kann ich nun weniger, weil ich nicht daran denke, in Englisch zu arbeiten.

Ich danke Dir für die Rumi Gedichte. Ich glaube, ich muss sie in der Schweiz mal aussortieren. Und die Fotos lasse ich wohl besser bei Seite. Ich hatte mir unter Rumis Beziehung eine Männerfreundschaft vorgestellt, wie es sie im Orient sicherlich gibt. Die braucht aber nicht wirklich homo zu sein. Na ja, vielleicht ist schon homoerotisches dabei. Aber ich glaube, orientalische Männer können sich sehr nah sein, und es muss nicht homo sein. Das gleiche bei den Frauen. Es dünkt mich, diese Homosexualisierung ist ein westliches Phänomen.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag, der ja nun schon zur Hälfte vorbei ist.
Liebe Grüsse und Küsse

...


Rumi

 

Ämne: Ich habe das Password
Datum: den 28 augusti  09:29

Liebster Mausfreund,
Wieder ein so schönes Mail von dir. Wie du weisst, finde ich deine Mails früh am Morgon und dann habe ich es oft schon eilig zu Arbeit. So auch heute. Aber damit du schon beim Aufwachen etwas von mir findest, schicke ich dir Gedichte von Rumi auf deutsch. Sie sind schön und eines davon wollte ich besonders für dich reservieren.
Wenn du die Bilder betrachtest kannst du noch besser verstehen warum er gerade in NY geschätzt ist. So viel ich verstehe war Rumi verliebt in einen Derwisch und seine Gedichte sind aus dieser Liebe entsprungen.
Viel Spass beim lesen und ansehen. Und ich wünsche dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
Marlena

Re: OK - nochmals..

Datum: den 28 augusti  04:21

Liebe Marlena
Ach, ist das so? Ich hatte einfach Deine Stimme vermisst. Das ist alles. Es ist schön von Dir zu hören und natürlich bin ich im Moment ein bisschen "egoman" und erzähle nur von mir. Du bist eben auch eine feine Zuhörerin. Ich meine, neben der Tatsache, dass Du eine Verkäuferin bist, auf hohem Niveau, um genau zu sein!

Ja, die Archetypen sind nicht ganz so einfach zu verstehen. Man muss sie vielleicht ein paar mal in Gedanken durchspielen. Und auf keinen Fall ist ein Typ besser als der andere. Und auf keinen Fall kannst Du mir den Magician ganz überlassen. Das kann ich nicht akzeptieren. In der Klasse bist Du bestimmt eine Queen. Schon allein deshalb lernst Du die Namen auswendig. Damit hast Du einen Respektvorsprung. Ich habe den Lehrern immer gesagt, sie sollen vor den Schülern im Klassenzimmer sein. Das ist ihr Territorium. Und das muss man als erster in Besitz nehmen. Und dann natürlich die Plätze verteilen und für Ordnung sorgen. Ich sehe es irgendwie so: Die Queen sorgt für Stabilität durch ihren Segen, den sie verteilt; der Magician bringt das irgendwie durcheinander, indem er Leute und Verhältnisse in Bewegung bringt. Der Warrior kämpft für ein Ziel und nimmt Territorium in Besitz, setzt Grenzen und der Lover überwindet die Grenzen, indem er Beziehungen setzt. Rachel, das ist die Frau des Kursleiters, hat heute diese vier Typen lustig durchgespielt, indem sie viermal ein Buch vorgestellt hat, jedesmal aus der anderen Position. Man muss diese Typen auch nicht so exakt nehmen. Sie sind Landkarten, nicht Landschaft.

Heute habe ich über Mittag einen kleinen Spaziergang gemacht. Wenn wir so lange sitzen, brauche ich das. Und da bin ich an ein Blumengeschäft geraten, das bestimmt jenes der Miss Dalloway ist. Ich konnte schwören! Aber als ich dann hineinschaute, und mich der Verkäufer mit grossen und etwas misstrauischen Augen angesehen hat, da habe ich diese weisshaarige Dame nicht gefunden, die Miss Dalloway bedient hat. Und auch der Laden sah nicht gleich aus. Im Film gab es doch in der Mitte des Ladens viele Pflanzen und Blumen, so dass man rundum gehen und auswählen konnte.
Das NLP Institut ist hier gleich am University Place. Und dabei handelt es sich um die NY University. Es gibt - so glaube ich - noch zwei weitere Universitäten in NY. Und heute über mittag ist mir aufgefallen, dass es hier auch eine Konzentration an Antiquitätenläden gibt. Das macht eine gewisse Atmosphäre in dieser Ecke. Ich will nicht sagen, sie sei englisch. Aber es ist so etwas ähnlich , ein Gemisch wie englisch und vielleicht holländisch?

Stell Dir vor, ich glaube, ich könnte hier leben. Na ja, ich möchte dann natürlich schon im East Village leben, nicht irgendwo weit draussen in New Jersey oder Queens. Schon Brooklyn finde ich etwas abseits. Und Harlem habe ich gar nicht gesehen. Es heisst, man sollte dort vorsichtig sein. Aber hier, im Zentrum zu leben, das ist eigentlich ganz angenehm. Nur vielleicht im Winter kann es sehr kalt sein, hat mir B. erzählt. Er ist jetzt 12 Jahre hier. Und anfangs konnte er kaum aus dem Haus im Winter. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass ab und zu ein kalter Wind durch die geraden Strassen fegt, dass es sehr unangenehm werden kann. Man hört doch ab und zu in der Zeitung, dass es in NY geschneit hat und alles zusammengebrochen sei.

Jetzt ist unsere Nachbarin im Bett. Auf jeden Fall brennt das Licht in der Küche nicht mehr. Sie ist alt, vielleicht 80, und sie ist nicht besonders freundlich. Ich begrüße sie im Gang, wenn sie ihre Türe offen hat, freundlich mit : good evening madam. Und sie sagt bloss: Hey. Na ja, sie weiss auch, dass sie von mir nichts hat in ihrem Leben. Manchmal läuft der TV laut. Und die Türe in den Gang, den alle im Haus begehen, ist weit offen. Es ist wirklich eine lustige Atmosphäre.

Und jetzt kommt langsam meine Müdigkeit auf. Ich danke Dir, meine Liebste, für dieses "ok - nochmals". Du bist einfach ein Schatz, und ich bin der Lover.
Mit lieben Grüßen und Küssen
...

Jetzt sitze ich hier und habe mir einen Kaffee gemacht, obwohl es eigentlich für ein Aufputschmittel dieser Art zu spät ist. Aber ich habe nur ein bisschen Zucker hineingetan, keine Milch. Ich habe gehört, Kaffee ohne Milch putscht nicht auf. Hast Du das auch gehört? Meine Gastgeber gehen immer mittwochs Sushi essen. Letzte Woche hatte ich sie dazu eingeladen. Es hat gut geschmeckt, aber auch alles ein bisschen ähnlich an dieser einen einzigen Sauce. Und so wollte ich dieses Mal nicht mehr mitgehen. Übrigens beneide ich Dich, Marlena, um Deinen Kaviar auf dem Eiersandwich. Das klingt wirklich nach königlicher Mahlzeit. Dass meine Brötchen bis Mittag ein bisschen welk werden, stört micht nicht. Es fühlt sich dann an im Mund wie normales Brot. Ich bin wirklich ganz vernarrt in diese Eiersandwiches. Und was die Folgen sein könnten, auf die Du hingewiesen hast, das weiss ich nicht. Aber jeden Tag zwei Eier, das ist schon eine geballte Ladung. Zuhause mache ich das kaum.

Ich war heute Abend nach dem Kurs auf Coney Island. Das ist die Beach vor Brooklyn. Man kann mit der U-Bahn direkt dorthin fahren. Es dauert eine gute halbe Stunde. Erst geht es unter dem Boden, dann über die riesige Brooklyn-Bridge, und allmählich wird die Bahn zum normalen Vorortszug. Coney Island ist ein bisschen heruntergekommen. Sicherlich war das um 1900 auf der Höhe der Zeit. Es gibt noch ein paar Karussells, Schaukeln, Riesenrad und solche Dinge. Irgendwo konnte man sogar auf einen Menschen schiessen. Er hatte dafür einen Helm auf und eine spezielle Kleidung, und er hat fürchterlich geschwitzt darunter, wie ich sehen konnte. Sowas Geschmackloses findet man wohl nur in Amerika. Und dann gibt es eine lange Beach und einen Holzsteg die ganze Länge, wo man spazieren kann, wo sogar die New Yorker Polizei mit dem Streifenwagen kursiert. Es ist nicht besonders sauber, und es hat jede Menge dieser Buden, wo man Burgers, Süsses oder Salziges kaufen kann. Und rund um die Abfallkörbe flattern riesige Möwen, die ziemlich scharfe Schnäbel zu haben scheinen. Sie sind mindestens doppelt so gross wie die Möwen bei uns. Vielleicht habt ihr in Skandinavien am Meer auch solche XL-Grössen? Sie können unmöglich mehr "Emma" heissen.

Der Kurs geht schon langsam seinem Ende entgegen. Heute, wie gesagt, hatten wir Rachel. Sie ist eine lustige Person, viel aktiver und lebendiger als ihr Mann. Sie ist wirklich ein Magician, macht manchmal Witze und reagiert sehr schnell. Sie spricht auch viel schneller, was mir manchmal etwas Mühe macht. Bei Steve ging immer alles sehr langsam und er hat die Dinge zwei- oder gar dreimal gesagt. Wir haben übrigens Schmerzbehandlung gemacht. Ich weiss nicht, wieviel ich Dir erzählen soll, aber was ich hier von beiden Kursleitern gehört habe, machen sie gute Resultate bei Schmerzen, bei denen man keine somatische Ursache findet. Das ist viel häufiger, als man denkt. Und als Rachel im Kurs gefragt hatte, wer denn regelmäßig mit irgendwelchen Schmerzen geplagt sei, hat mindestens ein Drittel der Leute die Hand gehoben. Die meisten gaben Kopfweh an, aber auch sonst Schmerzen irgendwo im Körper, postoperative Schmerzen.
Es gibt ja schon im Alltag spezielle Arten, wie man mit Schmerz umgehen kann. Ich erinnere mich, wie ich beim Zahnarzt in früheren Jahren mir immer irgendwelche pricklichen Situationen mit Mädchen vorgestellt habe, um dem Schmerz auszuweichen. Das ist eigentlich Ablenkung. Man kann auch das schmerzhafte Glied durch psychische Vorstellungen abkühlen. In einem kalten Körperteil fühlt man bekanntlich wenig. Allerdings muss man, wenn ich das Vorgehen richtig verstanden habe, zuerst prüfen, ob der Schmerz nicht ein Zeichen oder Signal des Körpers ist für irgendetwas. Das fragt man hier die Person in Trance, und man nimmt an, dass das Unbewusste das weiss. Wenn der Schmerz ein Signal für irgendeine psychologische Problematik dahinter ist, dann ist das Vorgehen etwas anders. Dann sollte man nicht den Schmerz entfernen, sondern durch Reorganisation des Selbst integrieren. Das sind dann sozusagen Systemschmerzen. Aber offenbar gibt es oft auch Schmerzen, deren Ursprung man überhaupt nicht kennt und nicht erklaeren kann. Und sie sind bestimmt nicht selten.

Ich habe hier zwei Bücher von Rumi gefunden. Du erinnerst Dich, wir haben mal von den Sufis gesprochen und er islamischen Mystik. Im Kurs wird Rumi ab und zu zitiert. Eigentlich hätte ich Lust, die Bücher zu kaufen. Aber das sind Gedichte, und sie sind natürlich ins Englische übersetzt. Ich weiss noch nicht, ob ich zugreifen soll. In Deutsch habe ich noch nie etwas von ihm gesehen, habe allerdings auch nicht danach gesucht. Offenbar ist Rumi in Amerika ziemlich populär. Na ja, vielleicht nicht gerade bei Bush und seinen Co-Boys!!

OK - nochmals

 

Ämne: OK - nochmals..
Datum: den 27 augusti  18:58


Lieber ...,
Du wartest auf ein zweites mail von mir? Aber ich hatte es doch schon gestern abgeschickt.. zwei am selben Tag ist doch  keine Vernachlässigung..
Und du fragst, warum dich niemand liebt, du Schlauer. Sei vorsichtig ..! Liebe ist ein zerbrechliches Ding. ...

Als ich Psychologie studierte, hatten wir ganz andere Typen. Und ich war sehr hart in der Beurteilung meiner selbst. Wir studierten u.a. Sjöbrings Persönlichkeitstypen. Und schliesslich kam ich zu dem Schluss, (oh Schreck!) dass ich mich eigentlich als Verkäuferin eignen würde.. oder einen ähnlichen Beruf, in dem man schnelle spontane Kontakte hat mit anderen Menschen, wo man seinen Charme spielen lässt, aber die man dann schnell wieder vergessen kann. Du siehst, eigentlich nicht besonders geeignet für meinen jetzigen Beruf. Na ja, so dachte ich damals.. aber ich glaube ich kannte meine Schwächen ziemlich gut.

Queen, dachte ich zuerst für mich. Aber es darf nicht so weit gehen, dass man irgendwie servil ist.. und dann das zweite.. wie das nun hiess... aber dabei dachte ich, dass ich zwar Grenzen setzen kann, aber trotzdem immer bereit bin sie zu überschreiten, wenn mir mein gesunder Verstand das bietet. Warrior? Jadoch, ich kann wirklich meine Meinung verfechten und besonders wenn ich sehe dass man jemanden ungerecht oder schlecht behandelt. Dann kann ich diese Person wie eine Furie verteidigen.. *lacht*

Das künstlerische habe ich gleich für dich reserviert... ein klein wenig auch für mich. Und das letzte? Du müsstest mir erst erklären, was man damit meint. In der Liebe bin ich monogam und total hingebungsvoll. Ich bin blind für alles andere. Bis eben.. ;-))

Ha, wie lustig eigentlich einen Moment so "egotrippad" (weiss nicht auf deutsch) zu sein. Vielleicht ist es auch der Sinn eures Kurses, dass man sich an seine eigene Vortrefflichkeit erinnert.. *s* Tut doch ganz gut, oder?

*
Ich habe meinen langen schweren Tag hinter mir, aber alles ist gut gelaufen. Jetzt geniesse ich, dass ich es hinter mir habe und bin ganz froh, dass ich so effektiv war. Wenn es gut ist, bin ich ein ausgezeichneter Dompteur. Es gibt andere Tage.
*
Spüre, dass ich hungrig bin. So werde ich mir eine Kleinigkeit zu essen machen. Ich habe heute in der Kantine gegessen und mich gut unterhalten mit einem jüngeren Kollegen, den ich bisher kaum gekannt habe. Er hat mir imponiert, weil er dieselben klugen Ansichten wie ich hatte. ;-)

Ich komme vielleicht später nochmals vorbei. Bis dahin alles Gute,
mit einem lieben Gruss,
Marlena


Samstag, 7. September 2024

Später dran heute


Datum: den 27 augusti  13:33

Liebe Marlena

Heute bin ich etwas später dran. Die Eier sind schon gekocht. Jetzt kommt der Kaffee dran. Hast Du die Archetypes studiert und herausgefunden, in welchem Zustand Du am meisten bist? Bei mir ist es ohnehin klar, dass ich in die Ecke des Magicians und Healers abgerutscht bin. Und ein Lover bin ich auch noch, kein schlechter zumal. King bin ich manchmal im Büro, wenn ich das Gefühl habe, ich muss Chef sein. Und Warrier bin ich in den Diskussionen, ein bisschen wenig im Alltagsleben vielleicht. Ich habe von diesen 4 Archetypen nie gehört.

Gestern Abend war hier in der Strasse ein ziemlicher Lärm. Ich glaube, sie hatten ein Fest. Für einen Moment hatte ich mir überlegt, nochmals aufzustehen und eine Runde zu machen, um mir das alles mal anzuschauen. Aber dann fühlte ich mich doch müde und blieb.Aber heute bin ich dann erst vor 7 h aufgewacht. Normalerweise war es ziemlich genau 6h. Und heute finde ich nicht mal ein Mail in meinem Briefkasten. Niemand liebt mich? Was habe ich bloss getan, dass mich niemand liebt?

Ch hat gestern ein wunderbares Essen gemacht. Es gab einen Fleischbraten gefüllt mit Feigen, dazu Gemüse. Das schmeckt wunderbar. Werde ich S. auch empfehlen. Dieses Schweinefleisch zusammen mit dem süßen Geschmack der Feigen ist wunderbar. Normalerweise benutzen wir Pflaumen in Enten oder anderem Geflügel. Aber dies hier war wirklich sehr vorzüglich. Es ist lange her, seit ich abends soviel gegessen habe. Vielleicht hatte ich darum etwas Mühe mit dem Einschlafen. Während Ch kochte, hatte mir B gezeigt, welche Arbeiten er bisher gemacht hatte. Er ist von Beruf eine Mischung aus Musiker und Computer-Spezialist. Er kann Websites machen. Aber er kann auch drei Blasinstrumente spielen. So hat er schon bei verschiedenen CD Produktionen mitgemacht, hat die Musik arrangiert, hat hier in seiner kleinen Stube den Gesang der Sängerin aufgenommen und dazugetan auf einer zweiten Spur. Er ist ein Music Freak. Heute hat er einen kleinen Auftrag und muss um 11 Uhr aufgestanden sein, hatte er mir gesagt. Aber sonst sind seit dem 11. September die Geschäfte sehr schlecht. Sie kommen jetzt bloss langsam wieder.

Seine Eltern in der Schweiz machen sich Sorgen um die beiden. Ich hatte sie in meinem Mail beruhigt. Und offenbar hat ihnen gefallen, was ich geschrieben habe. Auf jeden Fall haben sie B. davon erzählt, und er hat es vorgestern erwähnt. Aber er hat sich auch gefragt, was ich bloss geschrieben habe. Na ja, ich habe ein paar hübsche Sachen und Gedanken herausgepickt, die ich gesehen oder mir selbst gemacht habe. Das genügt. Sie müssen sich wirklich keine Sorgen um die beiden hier machen. Sie leben gut, obwohl sie nicht viel haben.

Heute ist das Wetter feucht. Jetzt nach dem Kaffee bin ich ziemlich heiss. Ich muss noch mein Sandwich machen und dann unter die Dusche.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag, respektive einen guten Rest davon. Ihr habt ja wohl schon Mittag dort drüben.
Liebe Grüsse und Küsse
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