Liebe Marlena
"... und dich besitzen, nur ein Lächeln lang,
um dich an alles zu verschenken, wie einen Dank". (Rilke)
Ja, dieses Zitat habe ich gerne gehört. Es hat mich fast ein bisschen gekitzelt im Bauch. Ich mag das mehr als Rumi. Rumi muss ich noch entdecken. Aber ich glaube, Rilke kann man ebenso gut zitieren. Er hat nicht nur tiefsinnige Dinge gesagt, er hat sie auch besonders schön gesagt. Das finde ich bei Rumi nicht. Rumi hat vielleicht den Reiz des Exotischen. Na ja, ich werde suchen, ob da was dahinter ist.
Heute war ich über Mittag im Strand Buchladen am Broadway. Und ich habe mir ein Buch über Balthus angeschaut. Er hatte einige Jahre in der Schweiz gelebt, war übrigens ein polnischer Adeliger, wie ich irgendwo kurz gelesen hatte. Dennoch scheint er überall bekannter als in der Schweiz. Mein Bruder hat als Architekt ein kleines Museum im Dorf oberhalb Sierre für ihn gestaltet. Und in diesem Buch gab es ein Foto von Rilke mit einer Frau, ich weiss nicht mehr, wer sie ist. Da bist Du mir in den Sinn gekommen und unsere Rilke-Phase. Und heute abend zitierst Du einen sinnigen Gedanken.
Du wirst lachen, aber wenn ich an meinen Tod denke, dann wünsche ich mir auf meiner Todesanzeige ein paar Zeilen von Rilke. Ich habe sie mir zuhause irgendwo aufgeschrieben. Ich glaube, ich muss sie mal S. mitteilen. We never know. Sie sind wirklich schön und für die Ewigkeit gedacht. Aber vielleicht werde ich, bis es soweit ist, noch ein Rumi Gedicht finden??
Heute hatten wir den zweiten Tag mit der Frau unseres Kursleiters. Sie ist lustig, das habe ich wahrscheinlich schon gesagt, und sie ist schnell. Manchmal habe ich Mühe mit dem Verständnis. Sie hat eine etwas hohe Stimme, das mag ich nicht besonders. Aber sonst ist sie eine sympathische Frau. Sie macht lustige Scherze, wie ich das eigentlich in der Schweiz von Frauen nicht so gewohnt bin. Aber auch sie zieht sich für unseren europäischen Geschmack nicht so besonders gut an. Aber es ist akzeptabel. Am besten war im Kurs die Türkin angezogen. Ihre Wahl der Farben war perfekt. Sie hat eindeutig den ersten Preis verdient, wenn es denn für solches Preise gibt.
Wir haben heute eine sehr interessante Übung gemacht. Es geht darum, jemanden als Modell, als Vorbild zu wählen und in Trance mit ihm oder ihr in Verbindung zu treten, um so die vorbildlichen Eigenschaften als Geschenk übernehmen zu können. Klingt alles ein bisschen wild, nicht wahr? Aber es ist eigentlich eine ganz logische und praktische psychologische Operationalisierung, wie man sich bei einer anderen, meist etwas bewunderten Person gewisse Dinge abguckt, um sie vielleicht auch zu übernehmen. Das Merkwürdigste dabei ist vielleicht, dass das ohne Anstrengung geht. Normalerweise würden wir bei einer Person irgendeinen Charakterzug oder eine Eigenschaft sehen, uns entscheiden, sie für sich selbst auch anzustreben, um sich dann Mühe zu geben, sich anzustrengen, das zu erreichen. Mit Hilfe der Trance geht das ohne Anstrengung, unter Mitwirkung des Unbewussten. ich bin überzeugt, lernen mit dieser Methode geht sehr leicht. Aber es ist nicht Schullernen, nicht Schulstoff, sondern Lebenlernen, also Lebensstoff. Das ist wirklich faszinierend. Du wirst noch einmal Lachen. Ich habe Varlin als diese Person genommen. Dabei habe ich vor allem an ihn als Porträtisten und als Schreiber gedacht. Vielleicht lerne ich noch einiges von ihm. Er hat auch sehr witzig und gut geschrieben. Und seine Porträts mag ich, das weisst Du schon. Auch sie haben einen speziellen Witz.
Ach, es ist lieb Marlena, was Du schreibst vom Vergnügen, hier in NY dabei zu sein. Ich habe schon da und dort mal ein Mail geschrieben von hier. Und auch S. hat natürlich ihre Mails bekommen. Aber niemandem habe ich so viel erzählt wie Dir. Und es war auch für mich ein Vergnügen, aber auch eine schöne Möglichkeit, die Tage ein bisschen zu verarbeiten. Man muss ja doch aufpassen, dass man nicht viele Kleinigkeiten zu schnell wieder vergisst. Es ist schön, sie Dir zu erzählen. Und später, vielleicht in zwei oder drei Jahren, werden wir uns gegenseitig ansprechen und auf eine Erinnerung hinweisen, mit den Worten:
"damals, als wir zusammen in NY waren, weisst Du noch ...."
Ich gehe jeden Morgen über den Broadway zum Kurs. Letzthin wählte ich die Strasse mit den Antiquitätengeschäften. Sie hat etwas edles an sich und wirkt irgendwie sauberer. Der Verkehr hier in NY ist sehr diszipliniert. Letzthin bin ich bei rot über die Strasse gegangen. Die Autos halten an und niemand scheint sich darüber zu ärgern. Es ist erstaunlich, in dieser grossen Stadt. Ich glaube, es hängt viel an den Taxifahrern.
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Ämne: Re: Bei dir..
Datum: den 29 augusti 04:20
Liebe Marlena
jetzt ist mir gerade das ganze Mail abgestürzt. Oder hast Du es bekommen? Auf jeden Fall kam die Meldung, das Mail sei an Deine Adresse gegangen.
Ich repetiere rasch.
Dein Rilke Zitat hat mich berührt. Er gefaellt mir eigentlich besser als Rumi. Er sagt ebenso tiefsinnige Gedanken, und er sagt sie schöner. Na ja, vielleicht entdecke ich bei Rumi auch noch was.
Ich war heute über Mittag am Broadway im Strand Buchladen und habe mir ein Buch über Balthus angeschaut. Er hatte lange in Sierre gelebt, und mein Bruder hat als Architekt ein kleines Museum oberhalb Sieders gestaltet. Und darin gab es ein Bild von Rilke. Als ich es sah, bist Du mir in den Sinn gekommen. Stell Dir vor, mitten in dieser etwas unordentlichen und überall mit Büchern überstellten kleinen Halle warst Du plötzlich da. Dein Zitat hat mich ein bisschen im Bauch gekitzelt, eine Art Wehmut kam hoch.
Es ist lieb, was Du schreibst und wie Du mit dabei bist in NY. Du hast von allen meinen Bekannten und Verwandten und Allerliebsten am meisten mitbekommen. Und es war schön, es Dir zu schildern. Es war für mich sehr gut, die Tage mit Dir ein bisschen zu verarbeiten. Und später vielleicht, in zwei oder drei Jahren, werden wir sagen: "weisst du noch damals, als wir zusammen in NY waren ....". siehst Du, sowas hatte ich mir eigentlich mit Rom vorgestellt. Eine außergewöhnliche Zeit, in der man gemeinsam eine Stadt erobert und sich auch noch kennenlernt. Na ja, das sind tempi passati. Wir können das mal in Hamburg machen. Ist Hamburg eine aufregende Stadt?
Heute haben wir eine Übung gemacht, bei der man sich mit einer bewunderten Person identifiziert hat, um Eigenschaften oder Fähigkeiten als Geschenke zu bekommen. Der Aufbau dieser Übung ist ziemlich logisch und plausibel. Und es wirkt, da bin ich sicher. Vor allem wirkt es, weil alles in diesem Zustand der Trance geschieht. Normalerweise würde man eine Person bewundern, irgendwelche Eigenschaften nachzuahmen versuchen und sich dabei Mühe geben und es vielleicht nicht so erreichen. Hier geschieht es leichter. Es ist wie ein posthypnotischer Auftrag, den man sich selbst gibt. Du hast das sicherlich schon gesehen bei Hypnosen, bei denen die Leute später etwas gemacht haben, wozu sie in der Hypnose beauftragt worden waren, ohne dies aber zu wissen. Wenn man sie fragt, wissen sie nicht, weshalb sie dies oder jenes tun. Aber sie haben einen Drang, es zu tun. Ich glaube, hier funktioniert es ganz ähnlich.
Ich habe Varlin als mein Modell gewählt. Du weisst, dass er ein guter und scharfäugiger Porträtist war. Aber er war auch ein guter Schreiber und hat sehr pointierte Essays geschrieben, nicht häufig, aber gelegentlich. Ich will nun sehen, was er mir davon vermachen wird. Am liebsten hätte ich seine Originalität und seine Radikalität. Hast Du gewusst, dass Varlin mit bürgerlichem Namen Guggenheim hiess. Er hatte ihn abgelegt, weil man ihm sagte, das klinge zu jüdisch und zu wenig künstlerisch. Willy Guggenheim, so hiess er. Na ja, Willy finde ich auch nicht besonders. Ich hätte auch zu Varlin gegriffen. Ich weiss nicht mehr, woher der Name stammt. Er hat ihn irgendwo gefunden.
Liebe Marlena, ich schliesse hier mal ab, bevor die ganze Sache nochmals in die Tiefe stürzt, und ich wünsche Dir einen schönen Freitag und wenn, dann auch gleich ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüßen und Küssen
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Ämne: Gute Nacht!
Datum: den 29 augusti 20:55
Liebster Mausfreund,
Danke für dein wunderschönes Mail von heute Nacht. Ich komme im Moment nicht an den PC aber ich wünsche dir eine schöne Zeit, diese letzten Tage in NY. Nütze sie gut aus und pass gut auf dich auf.. :-)
Mit lieben Grüssen,
Marlena