Sonntag, 6. März 2022

subject: Turnschuhe und ähnliche Dinge

 

Visp
 

Liebe Malou

Merci für die Fortsetzung. Du beschreibst deinen Alltag, so detailliert und  abgerundet, wie nie vorher. Inklusive P1 am Morgen. 
Merci Malou.

Liest du Zeitungen nur online? Das versuche ich auch, aber ich mag es nicht recht. Meist drucke ich die Artikel aus, damit ich dann etwas Papier in der Hand habe. Dieses Papier passt doch dann besser zum Morgenkaffee. Diese Variante finde ich atmosphärisch besser. Aber ich gebe gerne zu, dass sie auch Nachteile hat. Insbesondere liegen bei mir, im Büro wie zuhause, unzählige solcher Artikel und Reportagen und Studien herum.  Ich versuche zwar, jene Texte, die ich besonders gut finde, rot mit "sic" zu markieren. "Sic" ist ein altes Bettler- und Hausiererzeichen. Damit haben sie Haustüren braver Bürger mit Kreide markiert, um ihren  Mitbettlern zum signalisieren, dass man an dieser Adresse wohl ein warmes Süppchen und einen Bissen harten Brotes bekommen kann. Und die übrigen, dh. all jene ohne 'sic', die müsste ich dann eigentlich wegwerfen. Und das tue ich eben nur sehr inkonsequent. Voilà!
(...)
K hat einen Lieblingssessel. Finde ich auch lustig. Nun ja, jeder hat vielleicht seine bevorzugte Ecke in einem Wohnraum. Aber es erinnert mich an die alten Witze, die man im Zusammenhang mit dem Haushund gemacht hat. Jedem neuen Gast musste man signalisieren, welches der Stuhl, auf den er sich auf keinen Fall niederlassen sollte, weil es ja nun eben der Platz des Hunde sei. Dieses Privileg hatten Haushunde und Grossväter, notabene.

Und ihr macht jeden Tag einen 45 Minuten Spaziergang? Finde ich prima. Ist es immer diesselbe Runde, oder wechselt ihr. Es geht durch den Wald und über Feld, nicht? Das ist ja schon ein bisschen kantianisch? Weisst du, was ich damit meine? Der grosse Philosoph Kant war bekannt dafür, täglich um dieselbe Zeit seinen Spaziergang durch die Strassen von Königsberg und hinaus vor die Stadt zu machen. Die Leute, sofern sie denn eine hatten, stellten ihre Uhren danach. Und - wie mir gerade einfällt - Sigmund Freud war auch ein solcher städtischer Wanderer. Ich dagegen habe mir in den letzten Wochen angewöhnt, abends noch rasch einkaufen zu gehen. Der Laden beim Bahnhof schliesst um 22h. So gehe ich zwischen 21h und 22h. Es ist ein 10 Minuten Spaziergang. Das Walken mit den Stöcken habe ich in der kalten und nassen Jahreszeit unterlassen. Es ist schlecht für meine Lunge. Ich kaufe Joghurt, vielleicht Käse und Brot, Früchte etc. Was man eben so braucht.

Ich gratuliere zu den neuen Joggingschuhen. Klar, gute Schuhe sind wichtig. Und heute gibt es soviele Modelle zur Wahl, alle mit diesen modernen Textilien. Man kann sich kaum mehr vorstellen, wie schwer und unbequem Schuhe einmal gewesen waren. Hallo, und da kommt mir gerade eine uralte Erinnerung hoch. In der Sekundarschule in Visp pflegten wir in der alten Turnhalle der Gemeinde zu turnen. Sie war uralt und stand auf der anderen Seite des Dorfes. Um sie zu erreichen, musste man durch die alten Gassen gehen. Ich erinnere mich gut an dieses befremdliche Gefühl, das ich immer wieder hatte, wenn ich durch diese ärmliche Gegend ging. Beidseitig des Weges standen Steinmauern. Sie schützten die Gärtchen der Visper. Die Gassen selbst waren eng und ein bisschen düster. Man ging beim Schuhmacher vorbei. Dessen geistig behinderter kleiner Sohn sass vor dem Laden auf dem Mäuerchen in der Sonne und lallte vor sich hin. Gleich ein paar Schritte weiter der Schreiner, der eine alte Scheune zur Werkstatt umgebaut hatte. Dazwischen und daneben kleine Ställe. Darin hörte man das unbestimmte Geräusch von Schafen, oder vielleicht da und dort ein Kühlein. Verschiedenste Gerüche lagerten in diesen Gassen. Auf dem Asphalt Kuhdreck. Ein bisschen Unordnung, aber nicht zuviel. Frauen mit hochgekrempelten Ärmeln, Kopftuch und Schürze kamen einem entgegen. Sie machten offensichtlich die Arbeit im Stall, während ihre Männer in der Lonza arbeiteten. Oben dann bei der 'Müüra' der Brunnen, wo sie die Tiere zu tränken pflegten. Und dahinter der Platz, der heute ein Autoparkplatz ist. Damals war er nicht asphaltiert gewesen. Und irgendeinmal an einem Markttag im Herbst, vielleicht ist es Martini? - fand dort der grosse Schafmarkt statt. Die Walliser sind grosse Schafliebhaber. Und sie haben eine eigene Rasse, die Walliser Schwarznase.
 

 
 Nun aber, dort oben, bei der Müüra stand diese alte Turnhalle gleich neben dem Pausenplatz der katholischen Schule. Sie wirkte verwittert und düster, eine Mischung aus Theatersaal und Kaserne. Und gleich im Eingangsraum, also im Gang gab es links und rechts ein Bänklein und Haken, wo man sich umziehen musste. Dort war es kalt im Winter, denn jedesmal, wenn sich die schwere Eingangstüre öffnete, ging ein frischer Luftzug durch den Raum. Die Bänke waren kalt. Der Boden war kalt. Und eben, meine sperrigen Turnschuhe waren ebenso kalt. Ich hasste diese Situation und dieses Gefühl der kurzen Turnhose und des kühlen Lüftleins rund um die nackten Beine. Es war mir alles so fremd und ärmlich und eckig und düster. Ich hatte auch  dort den Eindruck, in einen falschen Schwarzweiss-Film geraten zu sein. Siehst du Malou, all diese Erinnrungen und Gefühle hängen mit einem dünnen Faden an meinen damaligen Turnschuhen. Die waren ein bisschen zäh, passten nur so ungefähr an die Füsse und sahen bei allen genau gleich aus. Es hatte damals vielleicht zwei Modelle gegeben. Und eines davon war völlig unmöglich. Schuhe kaufte man in Visp beim Zerzuben, gleich vor dem Bahnhof. Er hatte alles, was Füsse sich wünschten. Aber damals waren Füsse eben noch fast wunschlos. Ich betrachtete lieber die Schaufenster von Zerzuben. Dort sah man diese schönen glänzenden Eishockey-Schlittschuhe. Daneben ganze Ausrüstungen in den besten Farben: Schienbein-Schoner, Tiefschutz, Brustschutz, Handschuhe. Und natürlich jede Menge Eishockey-Stöcke. Das waren unsere Wünsche. Aber die Stöcke, die waren nun mal das allerwichtigste und kamen vor all den Ausrüstungssachen, die waren teuer. Ich glaube, ich habe bei Zerzuben nie einen Stock gekauft. Ich habe sie immer von Kollegen bekommen. Und sie hatten sie von den Spielern der ersten Mannschaft. Es gab Stöcke für Links- und solche für Rechtshänder. Ich war als Rechtshänder, wie Richard Truffer von der damaligen ersten Mannschaft, ein Exot. Richard Truffer - nebenbei gesagt - war ein einfaches Gemüt. Er kam mit seinen Brüdern, alle in der 1. Mannschaft, aus einem kleinen Nachbardorf und wurde schliesslich Polizist. Das war schon eine beachtliche Karriere. Es kursierte der Witz, dass Richard bei der Aufnahmeprüfung in Sitten hätte rechnen müssen. Er sei dann vom Unterwallis zurückgekehrt und habe gross angegeben, weil er die Prüfung bestanden habe. Sie sei nicht allzu schwer gewesen. In Mathematik hätte man ihm die Aufgabe 4 + 3= ? gestellt. Sofort hätte er natürlich 8 gesagt. Die Kollegen lachten und meinten, 4+3 mache doch niemals 8. Richard brüstete sich noch eine Spanne mehr und meinte, das möge schon sein, aber er sei mit seinem Resultat dem richtigen Ergebnis am nächsten gekommen.
Soweit der Rechtshänder Richard Truffer, Mittelstürmer der ersten Mannschaft des EHC Visp, die damals sogar Schweizermeister geworden waren. Insider behaupteten zwar, Richard hätte kaum das Schlittschuhlaufen beherrscht. Und das ist richtig. Oft ist er auf dem Eis wie ein Handballer herumgelaufen, mehr gerannt als wirklich gegleitet. Ach ja Malou, schau mal die alten Zeiten.  Es kommt mir alles hoch.
Und weisst du, was ich sehe. Auf dem Dach gegenüber ein Taubenpaar. Sie tänzeln in der Sonne, drehen sich um die eigene Achse. Das muss das Vorspiel sein. Stelle dir vor Malou, auf dieser Höhe über der Strasse, in luftiger Höhe, Liebe zu machen. Na ja, sie machen eigentlich nur Quickies, wie man so sagt!
Nun sind meine Gedanken völlig vom Weg abgekommen. Ich muss an die Arbeit.
Wünsche dir einen schönen Tag.
Liebe Gs und Ks

Samstag, 5. März 2022

Fortsetzung ...

Lieber ...,

Eine Fortsetzung wollte ich dir schreiben. Leider ist es schon wieder spät geworden ehe ich dazu komme. Vielleicht sollte ich warten bis morgen. Erstens bin ich schon müde und zweitens ist die Tastatur hier oben so laut, dass es im ganzen Haus hallt.

K sitzt unten und sieht sich einen grausamen blutigen Krimi an. Ich nehme ihn hier oben auf Video auf, um ihn vielleicht später einmal zu sehen. Ich sage vielleicht, denn ich habe unendlich viele Programme eingespielt, die ich gern sehen möchte. Das meiste ist wirklich sehenswert und so gut, dass ich es auch nachher nicht löschen möchte. Ich bilde mir ein, dass wir Schweden das beste Fernsehen der Welt haben. Und weisst du warum? Weil wir die besten Programme, die in der Welt gemacht werden, importieren. Sie werden alle in der in der Originalsprache gezeigt mit Untertext. Ich glaube du bist ein ähnlicher Sammler, nur tust du es mit Zeitungsartikeln, die dich interessieren. Was Zeitungsartikel betrifft, so bin ich noch nicht so weit gekommen. Ich überfliege jeden Tag schnell die Kulturbeilage unserer grossen Tageszeitung, und hebe sie dann auf, um sie später nochmals in Ruhe zu lesen. Auch Anna liest sie mit grossem Interesse und das freut mich besonders. Ihre humanistische Seele braucht auch etwas Nahrung.

Abends komme ich oft erst gegen zwölf Uhr ins Bett. Etwas spät, das gebe ich zu, aber ich kann ja morgens ausschlafen. Das tue ich auch und stehe meist erst gegen neun Uhr auf. Vor kurzem war es dann noch stockdunkel, aber jetzt scheint meist schon die Sonne herein. Manchmal ist K schon aufgestanden und ich spüre den herrlichen Duft von Kaffe und kann auch, wenn ich gut hinhöre, das Küchenradio hören.

Meistens bin ich aber die erste und braue den Kaffee. Während er fertig wird schaue ich nach ob ich mails bekommen habe. Dann frühstücke ich in Gesellschaft mit klein Pojki. Er freut sich über etwas Gesellschaft und singt mir kleine Frühlingslieder vor. :-) Dabei höre ich mir die Morgensendung im Radio an. Immer P1, das beste und interessanteste von allen.
Nach dem Frühstück lese ich noch die Zeitungen online und gehe dann hinauf und beschäftige mich zur Zeit mit meinem Ummöblieren, oder wie man es nennen soll. Annas Zimmer, das ich bisher als Abstellraum für alles mögliche benutzt habe, wird langsam wieder bewohnbar. Es gibt noch Papiere aus meiner Berufszeit, die ich durchgehen muss. Das schiebe ich vor mich hin. Aber mit den Büchern  beschäftige ich mich gern. Ich denke, dass ich diesen Genuss mit dir teile.

K hat inzwischen auch gefrühstückt und verbringt einen Teil des Vormittags in seinem Lieblingssessel mit den zwei Tageszeitungen.. Dann will er eine Runde gehen.. unsere übliche, die so rund 45 Minuten dauert und danach ist es Zeit für Lunch.

Gestern sind wir in ein grosses Kaufzentrum gefahren. K wollte unbedingt, dass ich mir ein paar gute Joggingschuhe kaufe. Und das habe ich auch getan. Er meint schlechte Schuhe belasten zu sehr die Gelenke beim Gehen und damit kann er Recht haben. 

***
Soweit war ich gestern Abend gekommen.
Heute scheint die Sonne wieder ganz herrlich. Ein richtig schöner warmer Frühlingstag ist es. Und ich habe gerade die neuen Schuhe ausprobiert. Man geht wie auf Wolken. :-)

Das obige ist also mein normaler Tagesablauf. Dann gibt es die kleinen Extras, die Perlen an meiner Lebenskette, über die ich mich gern mit dir unterhalte. Sie sind in dieser Periode etwas seltener geworden.

So, ich muss wieder los.
Wünsche dir einen feinen Tag und sende dir wie üblich
liebe Gs und Ks
Malou
...
 

Samstag, 26. Februar 2022

"Ich habe das Password"

 

Lieber ...,
Ach wie schön, noch ein mail von dir zu finden. Ich hatte mir vorgenommen so gegen 13.00 Uhr zu Hause zu sein und bin dann erst drei Stunden später hier gelandet. Und dabei hatte ich sogar vergessen, dass ich noch keinen lunch bekommen hatte. Jetzt habe ich gerade meinen Hunger gestillt.. meinen körperlichen.. meinen seelischen stillst du jeden Tag mit deinen Mails. Ich kann es kaum fassen, dass diese Zeit, die ich glaubte in der Wüste verbringen zu müssen, wo ich mich auf eine lange Hungerkur eingestellt hatte, so anders geworden ist.
Ich merke, dass du freier bist. Du bist auch nicht mehr geizig mit dem süssen Nachtisch. Ich glaube, ich habe noch nie eine so schöne Woche mit dir verbracht. Und obwohl ich fast in Arbeit ertrinke (glaube unsere Chefs sind wahnsinnig geworden, denn sie legen immer mehr Aufträge auf unsere Schultern) so habe ich fast den Eindruck, dass ich auf Urlaub bin mit dir in New York. Ich danke dir dafür. Du bist wirklich so lieb, dass man dich nicht für sich beanspruchen sollte..

"... und dich besitzen, nur ein Lächeln lang,
um dich an alles zu verschenken, wie einen Dank". (Rilke)

Ja, ich habe genau wie du reagiert auf die Bilder zu Rumis Gedichten. Sie sind nicht anstösslich und zeigen schöne Körper aber sie reduzieren die Texte. Ich habe auch noch nicht alle Gedichte gelesen und ich werde sie mir, so wie du, ohne Bilder zusammenstellen. Das kann ich auch für dich tun, wenn du willst. Meine Mailüberschrift "Ich habe das Password" bezog sich auf dieses kleine Gedicht:
..
Ich kann die Rätsel alle dir
der Schöpfung sagen;
denn aller Rätsel Lösungswort
ist mein, der Liebe.

..


Oder dieses:
..
Liebende sehen die Dinge so,
wie sie wirklich sind.
Denn sie sehen mit der Klarheit
des göttlichen Lichts,
und ihre Liebe spricht die Mängel frei.

..


Ist das nicht ein wunderschöner Gedanke, fern von unserer Einstellung, dass Liebe blind macht. Was meinst du?

*
Ich muss mich um das Haus kümmern. In den letzten Tagen ist alles hier liegengeblieben und in den Papierhaufen komme ich vorwärts mit der Geschwindigkeit einer Schnecke. Warum muss es so schwer sein, sich zu entscheiden ob man etwas wegwerfen soll oder nicht? Aber du bist fern von diesen Problemen im Moment und ich will dich eigentlich garnicht daran erinnern, dass es sie gibt.
*
So nun lasse ich dich (jedenfalls für eine Weile) und wünsche dir noch einen schönen Abend. Ich denke du wirst mein mail erst nach dem Kurs finden.. oder gar noch später. Falls ich dich nicht mehr erreiche so möchte ich dir nur schnell noch einen kleinen Rat geben: Schlaf bitte nicht ein bei dem Musical. ;-)

Mit lieben Grüssen,
Marlena

 

Samstag, 19. Februar 2022

Re:

 Liebe Malou

Ist schon ein bisschen merkwürdig, dass du gerade jene Mails deiner kleinen Tochter zu lesen gibst, die absolut nicht jugendfrei sind. Pass auf, dass du sie nicht verdirbst.Und ich rate dir auch ab, dieses Mail herumzureichen. Das kommt nicht gut heraus, und die Leute würden denken, du korrespondierst vielleicht mit einem südeuropäischen Pornospezialisten.
Ich habe mir nämlich die Idee mit den Sexboxes noch weiter ausgemalt. Ich meine schon der Begriff Sex-Box klingt genial, nicht war. Schon beim Wort steigt der Adrenalinspiegel ein bisschen. Aber ich habe mir auch vorgestellt, dass man in einer solch engen Box - sie ist ja nicht viel grösser als ein Sarg - dass man sich darin auch verkeilen kann. Für solche Situationen sollte ein Alarmknopf angebracht sein, den man vielleicht mit der grossen Zehe irgendwie erreichen kann, damit der Boxenmanager die Feuerwehr alarmiert und die beiden verkeilten und verklemmten Menschlein heraus schweisst. Der Aktionsradius ist einfach begrenzt. Man müsste vielleicht an der Aussenwand eine Anweisung anbringen, die zeigt, dass gewisse Stellungen darin sehr riskant und damit mehr oder weniger verboten sind.  Man sollte sich in einer Sexbox wirklich nicht auf Sex-Extravaganzen hinauswagen.
 
Vielleicht ist es das schöne Wetter, das meine Fantasie hochtreibt. Es war eine recht ruhige Nacht. Na ja, ich muss sagen, ab 2.00 war es ungefähr ruhig. Vorher war im Nebenzimmer die Hölle los. Ein Mann hat herumgealbert, geschrieen und getan. Ich dachte, es wäre ein Volksfest mit einer Menge von Personen. Und als ich ungefähr um halb zwei mal hinausging, weil der Lärm wirklich ungeheuerlich war, lag da bloss ein Männlein auf dem Bett und die Schwester war irgendwie damit beschäftigt, ihn zu betten. Ich sah nicht mal das Männlein, sondern bloss zwei dünne Beine. Na, ich durfte mir ja doch nicht erlauben, einfach einzutreten. Aber die Schwester hat mein Problem begriffen. Und ich habe die Zimmertür geschlossen. Und dann bin ich wohl bald mal eingeschlafen. Mit der Morgenschwester hatte ich ein längeres Gespräch. Sie ist ein philosophischer Typ und plaudert gerne, hatte ich den Eindruck. Und ein bisschen hatte ich bei ihr herausgehört, welchen Eindruck wir hier als Familie beim Spitalpersonal machen.
 
Und jetzt bin ich auf dem Heimweg. Zwischenhalt im Büro. Ich hätte jetzt Lust auf einen kleinen, kühlen Apero. Aber das spare ich mir für später mal auf. 
 
 

 
 Bei uns sind die Rosen in vollem Gange, sozusagen. Nein, so kann man es natürlich nicht sagen. Sie sind in Blüte. Sie sind in voller Pracht. Oder so. Ich habe kürzlich einen Film gesehen über englische Rosenzüchter. Das hat mich fasziniert, und irgendwie spiele ich mit dem Gedanken, in der Pension einen hübschen Rosengarten anzulegen. Einen schönen englischen Garten, mit diesem feinen Rasen und dem üppigen Grün rundum, das schaffe ich vielleicht nicht. Wir haben weniger Regen und etwas wilderes Klima als die Engländer. Aber annähernd wäre das schon möglich. Sie machen dort drüben jede Menge Wettbewerbe und Gartenausstellungen und Fotobände usw. Und das Schöne dabei ist, dass die Rosen in einer natürlichen Umgebung blühen. Es sind nicht diese steifen, hoch designten Blüten, die man hier kaufen kann, Baccara-Rosen oder wie sie heissen. Nein, sie wachsen in Gruppen wie Schafe und leben mitten im Grün des Gartens. Wirklich sehr schön. Da war eine Frau. Sie hat ihr gesamtes Vermögen in diesen Garten gesteckt. Ihr Mann schneidet täglich den Rasen und arbeitet nachts als Taxichauffeur, um das Vergnügen zu finanzieren. Ist das nicht faszinierend? Faszinierend nicht solche Rosen, aber einen solchen Mann ???
 
MLG

 

Zzzzzz ...

19 Jun, 03:31

Lieber ...,

Eigentlich sollte ich wohl noch schlafen.. schau mal auf die Uhrzeit. Aber weisst du, nach diesem sonnigen Tag ist es oben so warm, dass ich jetzt die Balkontür weit aufstellen musste um die frische Nachtluft hereinzulassen und während dessen kann ich dir ein kleines Nachtmail schreiben.

Ich habe mich sehr über deine Mails heute gefreut. Das erste war so lustig, dass ich es Anna lesen liess. Auch sie hat sich köstlich amüsiert über deine "Gedankenkette" betr.. der "Verrichtungsboxen". Welch ein Wort! *s*

Ich war heute (na eigentlich gestern) sehr effektiv und bin fertig geworden mit dem Aufräumen im "storehouse" und Carport. Jetzt sieht es auffällig ordentlich und sauber aus dort und ich war nach verrichteter Tat ganz zufrieden.

Hier wächst es, "dass es knackt", wie wir es nennen. Bald hat man den Eindruck in einem Djungel zu leben. Auch die Disteln auf dem Feld des Bauern sind schon ziemlich gewachsen - aber erst im Herbst werden wir darüber fluchen.

Es ist übrigens ganz hell draussen und man sieht das saftige Grün durchs Fenster hier. Bald werden auch die Rosen anfangen zu blühen. Die Knospen sind schon ziemlich gross. Es ist eine wunderschöne Zeit.

...

 

 

Mittwoch, 16. Februar 2022

Studentenzeit in Zürich

 ...

Irgend einmal - nach 2 Semester und einem Praktikum in einem grossen Zürcher Büro - bin ich von meinem Architektur-Studium abgekommen. Die Ausbildung war mir einfach viel zu technisch.  Und die ETH war mir eine zu trockene Anstalt. Natürlich mag da auch der Zeitgeist mitgewirkt haben. Ein Umbruch lag in der Luft. Die Studenten an der Uni haben viel diskutiert. In den Zürcher Strassen gab es Demos. Die gesellschaftliche Situation wurde immer heisser. Studienrichtungen wie Psychologie, Sozialpsychologie, Philosophie und Soziologie waren enorm populär. Alles, was in der Gesellschaft und in der Welt draussen geschah, wurde unter dem Aspekt dieser Sozialwissenschaften erklärt. Wenn man in diesen Fächern studierte, fühlte man sich im Zentrum des Hurrikans.

Und dabei war es ursprünglich mal Prof. Staiger gewesen, der mich an die Uni gelockt hatte. Noch zu meiner ETH Zeit ging ich jeweils montags 10-12h hinüber in seine Vorlesung. Er las anfangs gerade über Rilke, und da fühlte ich mich in diesem fremden Zürich beinahe ins Wallis zurückversetzt. Ich hatte an der ETH von 8-10 Vorlesung in perspektivischem Zeichnen, allerdings konstruiertes Zeichnen, so wie die Architekten das tun. Gegen 10h gab Prof Hess jeweils eine Übung, die man dann bis 17h abends abzuliefern hatte. Ich ging also, mit dieser Übung im Hinterkopf, hinüber in die Universität, die gleich über die Strasse liegt, in die grosse helle Aula voller entspannter und vergnügter junger Studentinnen und Studenten, mit einigen älteren Fachhöhrern - wie sie damals genannt wurden - und liess mich von Staiger in höhere Gefilde versetzen. Staiger war damals so etwas wie der deutsche Literaturpapst. Er hat irgendwie eine eigene Schule der Literaturinterpretation begründet. Aber er war eigentlich ein Idealist, ein spezialist für deutsche Klassik.
1968 hat Staiger den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Die Feier fand im Schauspielhaus statt. Und dort schimpfte Staiger in seiner Dankesrede über die moderne Literatur, die sich mit Bordellen und Kloaken und Trinkern etc beschäftige. Seine Worte kulminierten in der rhetorischen Frage, in welchen Kreisen sich die Künstler denn aufhalten würden! Das war ein Skandal. Frisch, Dürrenmatt, Loetscher - alles was Rang und Namen hatte protestierte. Ein Jahr später erhielt Varlin den Kunstpreis der Stadt Zürich. Und an seiner Stelle hat 1969 Dürrenmatt die Rede gehalten. Sie führt den Titel "Varlin schweigt". Und es ist in weiten Teilen eine Abrechnung mit Staiger. Dürrenmatt war ein guter Redner. Er konnte markante Gedankengänge finden, die ebenso kritisch wie komisch wirkten. Und seine Sprache klang mit dem berndeutsch eingefärbten Deutsch fast unbeholfen, aber auch sehr treffend. Er hatte stets die Lacher auf seiner Seite.
 
Ich habe Dürrenmatts Rede gerade vor ein paar Wochen unter meinen Papieren wieder gefunden und nach so langer Zeit nochmals gelesen. Sie war in der Tat eine würdige Antwort auf die idealistisch-klassische Position Emil Staigers. Eigentlich hätte ich schon seit Jahren Staigers Rede gerne gefunden und gelesen. ich hatte davon immer nur in der Zeitung gelesen. Aber das ist mir bisher - auch nicht im Netz - nicht gelungen.
 
Du siehst Malou, ich gleite ab in die Erinnerung meiner alten Zürcher Studentenzeiten. Und natürlich romantisiere ich sie sehr. Ich erinnere mich nämlich auch, wie ich mich damals in Zürich eher verloren fühlte. Ich war unglücklich in diesem Architektur-Studium. Die ETH an der Rämistrasse ist ein schweres, ernstes Gebäude mit grossen Hallen so dunkel wie ein Kuhmagen. Die Studenten waren - wie mir schien - technisch interessierte Menschen. Ich kannte noch kaum Leute. Alle meine Schulkameraden studierten in Fribourg oder in Bern. Nur einige wenige waren ebenso an der ETH, aber, wie sich später herausstellen sollte, auch nicht sehr lange. Hans wollte damals noch Elektroingenieur, Amadé Agraringenieur lernen. Beide haben ihr Studium abgebrochen und keinen Abschluss gemacht.
 
Aber jetzt lass ich dich mit meinen Gedanken zurück in die Jugend. Warum bloss läuft mir das alles sosehr nach? Weshalb bloss finde ich das alles so romantisch, wo ich doch weiss, dass es auch eine ziemlich schwierige Zeit war mit viel Unsicherheiten, Einsamkeit, Desorientiertheit. Du weisst ja, wie mir letztes Jahr dieses Zürich wie eine Spritze Heroin ins Blut gegangen ist!
 
Ich schicke dir liebe Gs und Ks

 

Montag, 14. Februar 2022

Varlin



Lieber ...,
Ich habe ein wenig im Internet herumgesucht und schau hier, was ich gefunden habe. Von diesem Film hast du mir doch gerade erzählt, oder?
...

Varlin
Varlin, der Clown, Varlin, der zornige Kerl, Varlin der Querschläger. Varlin, der Vagabund, der es mit knapp zwanzig Jahren nicht mehr aushält in der Schweiz, der nach Berlin und Paris geht, um Maler zu werden, später dann lange Jahre in Zürich lebt und arbeitet, ohne sich zugehörig zu fühlen. Varlin, der im Alter erst zur Ruhe und aus den finanziellen Nöten kommt. In VARLIN porträtiert Friedrich Kappeler, der sich mit Dokumentarfilmen wie «Der schöne Augenblick», «Adolf Dietrich, Kunstmaler» und «Gerhard Meier Die Ballade vom Schreiben» den Ruf eines begnadeten Dokumentar-Porträtisten holte, den Schweizer Maler, dessen Bilder von zurückgehaltener Energie bisweilen zu zerplatzen scheinen. Die gutbürgerlich geprägte Schweizer Kunstszene kann zu Lebzeiten des Künstlers mit dem figurativ malenden Juden, der zudem noch freche Sprüche klopft, nicht viel anfangen. Freunde findet er vor allem unter Aussenseitern und Schriftstellern. In den Nachkriegsjahren macht sich Varlin, stets malend, auf ausgedehnte Reisen. Der Zürcher Szene immer überdrüssiger werdend, wird nach seiner Heirat mit Franca Giovanoli das Dorf Bondo im bündnerischen Bergell zum bevorzugten Wohnsitz. Hier schafft Varlin von 1963-1977 sein qualitativ und quantitativ herausragendes Spätwerk.

In seinem Film VARLIN lässt Regisseur Friedrich Kappeler den 1900 geborenen und 1977 verstorbenen Maler in Begegnungen mit dessen Bekannten und Verwandten, in seinen Bildern und Schriften wieder zu Wort kommen. Und was man da nebst bekannten Werken wie «Die Heilsarmee» und den Porträts von Hulda Zumsteg, Max Frisch, Hugo Loetscher oder Friedrich Dürrenmatt entdeckt, ist ein Mann voller Widersprüche. Ein mutiger und scharf denkender Künstler einerseits, ein unsicherer und verletzlicher Gefühlsmensch andererseitsñein Maler, der mit Pinsel und Farbe die Pracht von Alltagsgegenständen, aber auch die Brüchigkeit der menschlichen Existenz einfing.

*

In Dürrenmatts unmittelbarer künstlerischer Nähe gab es eine prominente Inspirationsfigur, die ihn in seinen eigenen dunklen Visionen bestärkte: der Künstlerfreund Varlin, dessen böse Bilder und Abbilder der Gesellschaft (so z. B. "Die Völlerei" und "Die Heilsarmee") zweifelsfrei ihre - schwarzen - Spuren in Dürrenmatts Malerei hinterliessen.

 
Die Völlerei

 
Dürrenmatt lernte Willy Guggenheim, genannt Varlin, 1961 in der Zürcher "Kronenhalle" kennen und blieb ihm bis zu dessen Tod 1977 freundschaftlich verbunden. Künstlerisch verkörperte Varlin für ihn den Typus des hartnäckig um und mit Realität ringenden figurativen Malers, der die Welt so (finster) sah, wie er sie porträtierte. Nicht weniger wichtig war für Dürrenmatt die Art und Weise der materiellen Realisation der Varlinschen Porträts und Geschichten auf dem Bildträger: wilde, zuweilen pastos-zerklüftete, zuweilen weiche, flächige Bildhäute; beschränkte Tonvariationen, dominiert von Schwarz, das seinen Schatten auch auf alle anderen Farben wirft - alles in allem die totale Absage an jegliche Ästhetik und Vollkommenheit.

Varlins Malerbrief aus Neapel aus dem Jahr 1963 beginnt mit einer Hymne auf die Farbe Schwarz als Zeichen für moderne, ungeschminkte Wirklichkeit:

"Schwarz, diese noble Farbe, die schon seit Plato Erkennen und Vergessen bedeutet, wurde von den modernen Malern in Reaktion auf sinnlich verlogene bourgeoise Farbensymphonien zur führenden Farbe erhoben. Ganz Kühne vermischen auf unpräparierten Kohlensäcken mit der Farbe noch Schutt und Dreck. Wundert man sich da, dass ausländische Maler im patinalosen Zürich nur zum Inkasso erscheinen und nach ein paar Gesprächen in der "Kronenhalle" sofort wieder verschwinden?"