Lieber ...,
Ich
habe ein wenig im Internet herumgesucht und schau hier, was ich
gefunden habe. Von diesem Film hast du mir doch gerade erzählt, oder?
...
Varlin
Varlin,
der Clown, Varlin, der zornige Kerl, Varlin der Querschläger. Varlin,
der Vagabund, der es mit knapp zwanzig Jahren nicht mehr aushält in der
Schweiz, der nach Berlin und Paris geht, um Maler zu werden, später dann
lange Jahre in Zürich lebt und arbeitet, ohne sich zugehörig zu fühlen.
Varlin, der im Alter erst zur Ruhe und aus den finanziellen Nöten
kommt. In VARLIN porträtiert Friedrich Kappeler, der sich mit
Dokumentarfilmen wie «Der schöne Augenblick», «Adolf Dietrich,
Kunstmaler» und «Gerhard Meier Die Ballade vom Schreiben» den Ruf eines
begnadeten Dokumentar-Porträtisten holte, den Schweizer Maler, dessen
Bilder von zurückgehaltener Energie bisweilen zu zerplatzen scheinen.
Die gutbürgerlich geprägte Schweizer Kunstszene kann zu Lebzeiten des
Künstlers mit dem figurativ malenden Juden, der zudem noch freche
Sprüche klopft, nicht viel anfangen. Freunde findet er vor allem unter
Aussenseitern und Schriftstellern. In den Nachkriegsjahren macht sich
Varlin, stets malend, auf ausgedehnte Reisen. Der Zürcher Szene immer
überdrüssiger werdend, wird nach seiner Heirat mit Franca Giovanoli das
Dorf Bondo im bündnerischen Bergell zum bevorzugten Wohnsitz. Hier
schafft Varlin von 1963-1977 sein qualitativ und quantitativ
herausragendes Spätwerk.
In
seinem Film VARLIN lässt Regisseur Friedrich Kappeler den 1900
geborenen und 1977 verstorbenen Maler in Begegnungen mit dessen
Bekannten und Verwandten, in seinen Bildern und Schriften wieder zu Wort
kommen. Und was man da nebst bekannten Werken wie «Die Heilsarmee» und
den Porträts von Hulda Zumsteg, Max Frisch, Hugo Loetscher oder
Friedrich Dürrenmatt entdeckt, ist ein Mann voller Widersprüche. Ein
mutiger und scharf denkender Künstler einerseits, ein unsicherer und
verletzlicher Gefühlsmensch andererseitsñein Maler, der mit Pinsel und
Farbe die Pracht von Alltagsgegenständen, aber auch die Brüchigkeit der
menschlichen Existenz einfing.
*
In
Dürrenmatts unmittelbarer künstlerischer Nähe gab es eine prominente
Inspirationsfigur, die ihn in seinen eigenen dunklen Visionen bestärkte:
der Künstlerfreund Varlin, dessen böse Bilder und Abbilder der
Gesellschaft (so z. B. "Die Völlerei" und "Die Heilsarmee") zweifelsfrei
ihre - schwarzen - Spuren in Dürrenmatts Malerei hinterliessen.
Dürrenmatt
lernte Willy Guggenheim, genannt Varlin, 1961 in der Zürcher
"Kronenhalle" kennen und blieb ihm bis zu dessen Tod 1977
freundschaftlich verbunden. Künstlerisch verkörperte Varlin für ihn den
Typus des hartnäckig um und mit Realität ringenden figurativen Malers,
der die Welt so (finster) sah, wie er sie porträtierte. Nicht weniger
wichtig war für Dürrenmatt die Art und Weise der materiellen Realisation
der Varlinschen Porträts und Geschichten auf dem Bildträger: wilde,
zuweilen pastos-zerklüftete, zuweilen weiche, flächige Bildhäute;
beschränkte Tonvariationen, dominiert von Schwarz, das seinen Schatten
auch auf alle anderen Farben wirft - alles in allem die totale Absage an
jegliche Ästhetik und Vollkommenheit.
Varlins
Malerbrief aus Neapel aus dem Jahr 1963 beginnt mit einer Hymne auf die
Farbe Schwarz als Zeichen für moderne, ungeschminkte Wirklichkeit:
"Schwarz,
diese noble Farbe, die schon seit Plato Erkennen und Vergessen
bedeutet, wurde von den modernen Malern in Reaktion auf sinnlich
verlogene bourgeoise Farbensymphonien zur führenden Farbe erhoben. Ganz
Kühne vermischen auf unpräparierten Kohlensäcken mit der Farbe noch
Schutt und Dreck. Wundert man sich da, dass ausländische Maler im
patinalosen Zürich nur zum Inkasso erscheinen und nach ein paar
Gesprächen in der "Kronenhalle" sofort wieder verschwinden?"
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