ein Thema schon damals..
(2008)
Liebe Marlena
(...)
Gestern Abend spät, nachdem ich noch
rasch meine Einkäufe beim Bahnhof gemacht hatte, schaute ich mir die
Gesprächssendung am Schweizer Fernsehen an. Es ging um die Frage, ob man
sich und unsere Kinder vor allem gegen Masern impfen sollte. Eine solch
hitzige Diskussion habe ich lange nicht mehr gesehen. Man kann es sich
kaum vorstellen. Und einer der hitzigsten war ein Professor der
Immunologie, der notabene in Visp aufgewachsen war. Ich habe ihn damals
zwar nicht persönlich gekannt. Aber ich weiss genau, wo er wohnte und
seine jüngere Schwester war eine zeitlang ein ziemlich beachtetes Wesen.
Er hat die Skeptiker der Impfung (Homöopathen und Antroposophen) schwer
abgekanzelt. Ich würde sagen, er war absolut unhöflich. Das würde er
vielleicht sogar bestätigen, weil, wie er begründen würde, die Sache so
wichtig sei. Im Wesentlichen meint er, eine Impfung sei ein Akt der
Solidarität. Man impft sich, um nicht andere Menschen anzustecken. Man
impft, um nicht die Erreger in Südamerikanische Länder einzuschleppen,
die die Krankheit mittlerweile im Griff hätten. Nichtimpfer sei eine
elitäre kleine Gruppe von Selbstauserwählten, die sich das leisten
können, weil alle andern die Imfpung auf sich nehmen.
Die Skeptiker sehen in der Krankheit
mehr als bloss ein Übel. Sie haben aus eigenen Erfahrungen festgestellt,
dass sich bei jungen Menschen mit den Masern ein echter
Entwicklungsschub ergebe, dass sich eine solide Immunität erst mit
Überwindung der Krankheit einstelle. Kurz und gut, die zwei Lager waren
unversöhnlich. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt anfange mich zu
sorgen, ob ich mich impfen lassen soll oder nicht.
Es hat geschneit letzte Nacht. Eine
feine Schneedecke liegt auf den Wäldern rund um Liestal. Wenn man es
nicht besser wüsste, könnte man annehmen, es sei November. Das Wetter
macht, was es will. Aber im Moment ist es noch egal. Wichtig wird es um
Ostern. Hoffentlich kommt bis da etwas Frühlingsstimmung auf. Wir haben
im Sinn, ins Tessin zu fahren. Du weisst, das ist die Sonnenstube der
Schweiz, wie man so sagt, vielleicht die älteren Menschen sagen. Peter
und Norma haben uns eingeladen, bei ihnen zu wohnen. Ich hoffe, dass das
alles klappen wird.
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