Mittwoch, 27. Mai 2020

Domoineile


Datum: den 27 maj 08:16

Lieber ...,
Während ich dein mail lese halte ich ein Auge auf den Nistkasten. Dort ist es nun dramatisch. Ein kleines (ich glaube es muss das letzte sein) hat noch nicht den Sprung in die Welt getraut. Die Eltern tun ihr bestes indem sie sich zurückbeugen und das Futter weit von ihm halten. Manchmal ist sein kleines Körperchen mehr draussen als drinnen - und dann kommt er mir wieder vor, wie ein Kind das auf dem Sprungbrett steht und nicht den Sprung ins kalte Wasser wagt.
Ich war gerade eine Weile draussen, um zu sehen ob da eine Elster im Gebüsch lauert. Und dabei habe ich entdeckt, dass es ein himmlisch schöner Morgen ist. Ganz windstill und laue Luft. Auch herrlich barfuss über das taufrische Gras zu gehen.

So ich muss mich leider beeilen. Um 10.00 Uhr muss ich am Arbeitsplatz sein. Einige Klassen haben nun schon ihre letzte Stunde gehabt in diesem Schuljahr, aber einige habe ich noch so 2 Wochen.

Ich komme später nochmals vorbei.

Wünsche dir einen herrlichen Tag,
Mit lieben Gs und Ks,
Malou


Ämne: Domosolala ,,,


... (klingt wie Domodossola, schöner Name, nicht?)

Datum: den 27 maj 07:47

Liebe Malou
Naja, ob mir diese Kunst (ein tot langweiliges Leben spannend zu empfinden) wirklich gelingt, das weiss ich selbst nicht so richtig. Aber ich glaube, dass das irgendwie mein zentrales Lebensproblem darstellt. Und wenn ich auf die eine Seite kippe, werde ich sehr unstet und unruhig, und auf die andere sehr ruhig und immobil. Man sagt doch, dass es in der Tierwelt zwei Reflexe gibt, einer Todesgefahr zu begegnen: da ist einerseits der Totstellreflex (einige Käfer stellen sich ganz einfach tot, bewegen sich nicht mehr und lassen alles mit sich geschehen), und andererseits der Bewegungssturm (vielleicht gibt es das ebenso bei Insekten, diesen Bewegungsüberschuss, der durch seine Vielfältigkeit vielleicht einfach die Chancen für einen Ausweg aus der gefährlichen Situation erhöhen soll). Ich glaube, ich habe beide Reflexe in mir. Ich war mal in einem Führungskurs mit einem sehr guten Kursleiter. Er hatte mich am Schluss des Kurses dazu ermuntert - als es irgendwie um grundsätzliche Fragen der eigenen Person ging - diese zwei Seiten nicht als Gegensätze, sondern als Ergänzungen zu sehen. Das war jener Kurs, in dem ich feststellen konnte, wie beliebt und anerkannt ich eigentlich unter den übrigen Kursteilnehmerinnen und -nehmern geworden war. Ich hatte mich selbst niemals für so wichtig genommen.

Wichtigkeit, kommt mir gerade in den Sinn, ist ein begrenztes Gut. Alle streben sie danach, und wenn der eine mehr davon erobert, dann verliert der andere. Man kann das vielleicht auch in der Schulklasse vis à vis Lehrperson so sehen. Es gibt sozusagen nur eine begrenzte Menge von „Wichtigkeit“. Und als Lehrer sollte man gut zusehen, wie man sie verteilt.

Im Lateinischen hatte Prof. Schnyder bei der Übersetzung von Texten immer wieder behauptet: VARIATIO DELECTAT. Die Abwechslungen sind es, die uns ergötzen. Und schon das Organische ist irgendwie nach diesem Muster organisiert. Wenn man viel Süsses gegessen hat, schätzt man ein kräftiges, pikantes Goulasch. Kein Essen schmeckt so gut wie jenes, das man nach einer langen Anstrengung einnimmt, die den Hunger hochgetrieben hat. Ruhe nach körperlicher Anstrengung ist ein Genuss. Sex nach langer Enthaltsamkeit ist so ähnlich wie der Himmel auf Erden. Am schönsten muss er daher für jene sein, die im Zölibat leben (:--))) kleiner Scherz).
Wenn man erhitzt ist, ist die kleine Abkühlung nicht bloss die Wiederherstellung des Normalzustandes, sondern eben in sich ein kleines Vergnügen.
Kurz und gut: Vergnügungen bestehen also, wenn man es sich genau überlegt, in der Abweichung vom Normalzustand.

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Ich habe letzte Woche 40 (vierzig) Bücher geholt, die ich rezensieren will. Das sind meine kleinen Eskapaden. Im Moment ist es eine kleine Biographie von Walter Benjamin, die ich lese. Oder muss ich sagen ‚überfliege’. Ich lese die meisten Bücher nicht durchgehend, sondern verschaffe mir einen Eindruck von Inhalt, Stil, Machart, graphische Darstellung etc. Dazu muss man nicht alles lesen, obwohl natürlich gewisse Romane ihren Reiz erst gewinnen, wenn man sie durchgehend und zu Ende liest. Aber vor allem auch Lexika, Sachbücher, Anthologien kann man sehr gut nach dem Prinzip ‚PARS PRO TOTO’ lesen. Ich habe eine zweite Biographie gefunden, jene über Schirin Ebadi. Allerdings hatte ich sie mir früher schon gekauft und habe sie auch gelesen. Aber ich werde sie nochmals anschauen. Die Autorin ist eine offenbar in Deutschland lebende Perserin, ‚Iranistin’, wie es heisst. Was ist eine Iranistin? Gibt es auch Schweizisten? Bist Du eine Schwedistin?

Nein, wir wollen uns das Leben nicht mit schwierigen Fragen versauern!

Ich wünsche Dir einen feinen Tag
Mit lG+hK
Ruedi


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Sonntag, 24. Mai 2020

Ein psychologisches Meisterstück



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Ich habe gestern einen Film gesehen mit Nichelson (oder schreibt man Nicholson, vielleicht Nikolson, oder ähnlich?), und habe dabei oft an Dich gedacht. Es ist - weiss Gott - lange her, seit ich einen Film von Anfang bis Ende angeschaut habe. Nikolson spielte einen zwangsneurotischen Schriftsteller, der sich ein bisschen - eben soweit ein Zwangsneurotiker das überhaupt kann - ein bisschen in eine Serviererin verliebt. Und daneben lebt sein Nachbar, eine Tunte (homo) und Maler mit seinem Hündchen und seinem schwarzen Lover und Bodyguard.

Es war in der Tat eine extravagante Geschichte, ein psychologisches Meisterstück. Die Schauspieler, darunter eben Dein geschätzter Nikolson, haben ausgezeichnet gespielt, wirklich ausgezeichnet. Und auch die Kombination von Homosexualität und Zwangsneurose fand ich gut gewählt, denn die beiden Typen ergänzen sich bestens: während der eine seine Gefühle zuinnerst versteckt und gefangen hält, trägt sie der andere offen zur Schau. Der eine ist in jeder Hinsicht und immer wieder verletzend, weil er in seiner egomanen Manier keinen Zugang zu einem Sensorium für das Zwischenmenschliche findet, während der andere wie ein Seiltänzer jederzeit Harmonie und Balance sucht. Man konnte den Eindruck haben, Freud hätte das Stück gleich selbst geschrieben. Und bei aller Komik war der Film doch rundum traurig, zuzusehen, wie diese Personen an sich selbst und gegenseitig aneinander litten.

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Jetzt war gerade die junge Lehrerin nochmals hier. Ich hatte ganz vergessen, dass wir einen Termin haben. Sie kam, wie letztes Mal, eigentlich zu spät und lachte deswegen, als sie eintrat. Und weil sie noch etwas verschlafen aussah, habe ich ihr zuerst mal einen Kaffee gemacht. Das gehört auch zur Beratung. Man muss die Leute ein bisschen pflegen, damit sie wieder zu sich selbst kommen.

Und jetzt muss ich doch langsam an meine Arbeit. Beginnst Du auch montags wieder mit der Arbeit, oder habt ihr noch eine Woche frei?

Mit lieben Grüssen und Küssen
...

Samstag, 23. Mai 2020

"Ein Mausleben" - real life?




Mein lieber Mausfreund!

Vielleicht wartest du auf ein langes Mail von mir und weisst nicht dass ich mich schon seit Stunden mit dir unterhalte in meinen Gedanken. Ich spreche mit dir, erzähle dir alles Mögliche, stelle dir Fragen (die man nur einem Mausfreund stellen kann) und nun endlich sehe ich ein, dass du davon nichts wissen kannst wenn ich mich nicht wirklich an den PC setze. Diese kleine Geste aus dem realen Leben braucht es doch um ein Mausleben führen zu können
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Deine Mails sind so schön! Ich kann nicht genug kriegen davon. Immer wieder suche ich nach neuen, und manchmal komme ich mir vor wie eine Harroinsüchtige die fiebrig auf die nächste Droge wartet. Ich weiss, du hattest mich gewarnt..
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Es ist erstaunlich welche Macht Wörter haben. So bin ich dir z.B. dankbar dass du das Wort "Mausfreund/in" erfunden hast. Ein Mausleben kann doch nichts anderes als schön, leicht, unkompliziert und erlaubt sein.. Es ist wie ein Lieblingsbuch auf dem Nachttisch. Man kann hineinschlüpfen und den Alltag für eine Weile vergessen. Man kann ein Kapitel darin lesen und nachher gestärkt in das "real-life" zurückkehren. Ist es so auch für dich? 

Aber sag mir. Was ist mein wahres Leben? Wenn ich z.B. wäsche bügle und dabei in Gedanken mit dir die Champs-Elysées runtergehe, wer könnte dann behaupten mein Leben sei langweilig? Welche von den beiden Aktivitäten gilt?
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Liebe sonnige Grüsse
Marlena

     
     

Donnerstag, 21. Mai 2020

ABB - ein schwedisch-schweizerischer Tango


Liebe Marlena
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Na ja, vielleicht waren es nicht nur die Schweden, die unsere gute alte ABB zugrunde geritten haben. Aber gestern Abend habe ich doch bei Onkelchen eine ganze Zeitungsseite voller Infos über dieses Unternehmen gefunden. Du musst wissen, dass Lenzburg im gleichen Kanton liegt wie Baden, wo die ABB stationiert ist. Und natürlich nehmen die dortigen Regionalzeitungen regen Anteil am Schicksal dieses Unternehmens. Wenn man also die letzten Jahre überblückt, so waren es nur unaussprechlich schwedische Namen, die dieses Unternehmen geführt hatten und einige davon zum Schluss noch Millionen in 3-stelliger Höhe sozusagen als Pension mitgenommen haben. Ich kenne die Geschichte ja nicht so genau. Vielleicht haben sie die Schweizer bloss nicht genannt. In der Zeitung war nur einer genannt, nämlich Leutwiler, der offenbar damals die Fusion mit dem schwedischen Unternehmen initiiert hatte. Es war nun ja auch eine Regionalzeitung, und es ist sehr gut möglich, dass diese Perspektive nicht sehr objektiv, oder sagen wir gelassen war. Trotzdem musst Du mir erklären, was ein Kohlsäufer ist. Das scheint ja doch ein sehr hässliches Wort zu sein.

Aber ich hoffe, dass dieser schwedisch-schweizerische Tango in Zukunft etwas Musik und Rhythmus bekommen wird und aufwärts geht. Dass ich an meinem Geburtstag diese Aktien gekauft habe, berechtigt noch nicht, mich zu den Kapitalisten zu zählen, wo ich doch für die ABB eher einen äusserst barmherzigen Samariter darstelle. Ich bin im Grunde ein wohltätiger Idealist, was als soviel wie ein Antipode des Kapitalisten betrachtet werden sollte. Aber nun können wir ja gemeinsam auf die Himmelfahrt unserer Aktien warten. Ich habe dabei nicht so viel riskiert, während Du wohl schon einiges Geld verloren hast. Ich hoffe nicht, dass Du deswegen gleich Deine gesamten Pensionspläne in Südamerika aufgeben musst ;--)) Vielleicht kann ich Dir dann etwas aushelfen? Ich werde Dir jeden morgen um halb zehn einen kurzen Kaffee in der Dorfpinte am Rio Plata spendieren. Wenn man alt ist, geht nichts über einen regelmässigen Morgenkaffee mit viel warmer Milch, der zwar heiss, aber nicht zu früh in den Morgenstunden serviert werden sollte. Und wenn dazu noch etwas Tangomusik erklingt, umso besser.

...


Ach ...





Ach, mein lieber lustiger Mausfreund!

Da finde ich wieder ein so humoristisches Mail, das mir den Tag verschönert. Na ja, nicht nur humoristisch sondern auch ein wenig lästerlich. Aber wie du ja weisst, vertrage ich ziemlich gut auch Spass über solche Dinge (schon von K daran gewöhnt ;-)

So so, du steckst sie wirklich ins Gefrierfach, deine heissen Briefe.. und nachher legst du sie wohl in die Microwelle? Ich schliesse meine ein, in ein kleines Schmuckkästchen, das ich in mir trage. Dort sind sie gut geschützt gegen alle Angriffe der Zeit. Der Inhalt bleibt intakt. Klingt das nicht schön? Eine Liebe die nie verdirbt?

Ja, wir haben schon wieder Feiertage. K kommt heute nach Hause. Wenn das Wetter etwas besser wird, werden wir uns im Garten zu tun machen. Sonst haben wir nichts Besonderes vor.
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Ich muss mich jetzt ein wenig hier beschäftigen. Wenn mir Zeit übrig bleibt, schicke ich dir noch ein paar Zeilen.

Bis dahin alles Liebe,
Malou









Mittwoch, 20. Mai 2020

Gespräch mit - einem Auto


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Ich erzähle dir auch eine kleine Geschichte, Marlena, die sich mir selbst zugetragen hat. Hör mal zu meine kleine Patientin: Vor Jahren hatten wir ein Auto, das nicht mehr das neueste Modell war. Es war schon über 10 Jahre alt, hatte einen guten Motor und recht viel Platz. Eigentlich waren wir damit zufrieden. Zudem war dieser Audi silbergrau, was in jenen Tagen wirklich eine ziemlich aktuelle Farbe war. Dieser unser Audi hatte nur ein kleines Handicap. Wenn man den Zündschlüssel hineinsteckte und drehte, so gab es Zeiten, wo der Schlüssel klemmte. Irgend etwas im Schloss ragte dann so gegen den Schlüsselbart, dass man nicht drehen und den Motor starten konnte. Anfangs war das weiter nicht schlimm. Man drehte ein zweites oder ein drittes Mal und dann sprang der Motor an. Doch dieser Makel verschlimmerte immer mehr. Es konnte jetzt schon 3 oder gar 5 Minuten dauern, bis es gelang, den Schlüssel zu drehen. Schon wenn man in den Wagen stieg, spürte man einen leichten Ärger hochkommen, besonders wenn man in Eile war. Später ging es soweit, dass man vielleicht 10 Minuten mehr berechnete, weil jeder wusste, dass der Motor nicht sofort starten würde. Kurz und gut, es wurde immer schlimmer und ärgerlicher. Und ich ärgerte mich schon, wenn ich nur daran dachte, das Auto zu nehmen. Ich ärgerte mich sosehr, dass ich irgend einmal dachte, etwas dagegen unternehmen zu müssen. Den Schlüssel ölen? Ein neues Zündschloss?
Ein neues Auto?

Irgend einmal in der Not fing ich an, den Audi zu bitten, doch bitte so gut zu sein und anzuspringen. Ich begann vorsichtig, seine bisherigen guten Dienste und seine Zuverlässigkeit zu loben. Ich sprach mit ihm in beruhigenden und zärtlichen Worten. Und siehe da: der Motor sprang an. Irgendwie hatte ich die Seele meines Audis getroffen. Und fortan stellte ich mich von Anbeginn darauf ein, die alte Karre mit Respekt, mit Ehrfurcht und mit Liebe zu behandeln. Und jedesmal, wenn ich starten wollte, redete ich ihm zuerst gut zu. Und siehe da, der Motor sprang meist ziemlich rasch und zuverlässig an. Im Nu hatte dieser Audi seine schlimmsten Spleens und schlechten Launen verloren. Sicherlich, manchmal hatte er noch Mühe und zeigte einen Moment des Unwillens. Aber jeder konnte sehen, dass das nur ein Anflug war, wie man es bei pubertierenden Jugendlichen manchmal beobachtet, und dass sich dieser alte Audi wirklich Mühe gab und anzuspringen bereit war, wann immer ich es wollte. Es wurde eine ziemlich treue Kameradschaft, die wir zusammen hatten. Plötzlich hatte ich mich mit der Seele dieses alten und teilweise schon etwas rostigen Wagens verstanden. Und er fühlte sich – so muss ich annehmen – schlussendlich respektiert.

So haben wir es beständig mit den Seelen zu tun, mit den unseren und mit den anderen. Und manchmal fliessen sie ineinander und vollführen einen wahren Seelentanz.

Ich wünsche Dir gute Besserung und viel heissen Tee, und deinem lieben kleinen Manual einen herzlichen Dank.


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