Mittwoch, 27. Mai 2020
Ämne: Domosolala ,,,
... (klingt wie Domodossola, schöner Name, nicht?)
Datum: den 27 maj 07:47
Liebe Malou
Naja, ob mir diese Kunst (ein tot langweiliges Leben spannend zu empfinden) wirklich gelingt, das weiss ich selbst nicht so richtig. Aber ich glaube, dass das irgendwie mein zentrales Lebensproblem darstellt. Und wenn ich auf die eine Seite kippe, werde ich sehr unstet und unruhig, und auf die andere sehr ruhig und immobil. Man sagt doch, dass es in der Tierwelt zwei Reflexe gibt, einer Todesgefahr zu begegnen: da ist einerseits der Totstellreflex (einige Käfer stellen sich ganz einfach tot, bewegen sich nicht mehr und lassen alles mit sich geschehen), und andererseits der Bewegungssturm (vielleicht gibt es das ebenso bei Insekten, diesen Bewegungsüberschuss, der durch seine Vielfältigkeit vielleicht einfach die Chancen für einen Ausweg aus der gefährlichen Situation erhöhen soll). Ich glaube, ich habe beide Reflexe in mir. Ich war mal in einem Führungskurs mit einem sehr guten Kursleiter. Er hatte mich am Schluss des Kurses dazu ermuntert - als es irgendwie um grundsätzliche Fragen der eigenen Person ging - diese zwei Seiten nicht als Gegensätze, sondern als Ergänzungen zu sehen. Das war jener Kurs, in dem ich feststellen konnte, wie beliebt und anerkannt ich eigentlich unter den übrigen Kursteilnehmerinnen und -nehmern geworden war. Ich hatte mich selbst niemals für so wichtig genommen.
Wichtigkeit, kommt mir gerade in den Sinn, ist ein begrenztes Gut. Alle streben sie danach, und wenn der eine mehr davon erobert, dann verliert der andere. Man kann das vielleicht auch in der Schulklasse vis à vis Lehrperson so sehen. Es gibt sozusagen nur eine begrenzte Menge von „Wichtigkeit“. Und als Lehrer sollte man gut zusehen, wie man sie verteilt.
Im Lateinischen hatte Prof. Schnyder bei der Übersetzung von Texten immer wieder behauptet: VARIATIO DELECTAT. Die Abwechslungen sind es, die uns ergötzen. Und schon das Organische ist irgendwie nach diesem Muster organisiert. Wenn man viel Süsses gegessen hat, schätzt man ein kräftiges, pikantes Goulasch. Kein Essen schmeckt so gut wie jenes, das man nach einer langen Anstrengung einnimmt, die den Hunger hochgetrieben hat. Ruhe nach körperlicher Anstrengung ist ein Genuss. Sex nach langer Enthaltsamkeit ist so ähnlich wie der Himmel auf Erden. Am schönsten muss er daher für jene sein, die im Zölibat leben (:--))) kleiner Scherz).
Wenn man erhitzt ist, ist die kleine Abkühlung nicht bloss die Wiederherstellung des Normalzustandes, sondern eben in sich ein kleines Vergnügen.
Kurz und gut: Vergnügungen bestehen also, wenn man es sich genau überlegt, in der Abweichung vom Normalzustand.
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Ich habe letzte Woche 40 (vierzig) Bücher geholt, die ich rezensieren will. Das sind meine kleinen Eskapaden. Im Moment ist es eine kleine Biographie von Walter Benjamin, die ich lese. Oder muss ich sagen ‚überfliege’. Ich lese die meisten Bücher nicht durchgehend, sondern verschaffe mir einen Eindruck von Inhalt, Stil, Machart, graphische Darstellung etc. Dazu muss man nicht alles lesen, obwohl natürlich gewisse Romane ihren Reiz erst gewinnen, wenn man sie durchgehend und zu Ende liest. Aber vor allem auch Lexika, Sachbücher, Anthologien kann man sehr gut nach dem Prinzip ‚PARS PRO TOTO’ lesen. Ich habe eine zweite Biographie gefunden, jene über Schirin Ebadi. Allerdings hatte ich sie mir früher schon gekauft und habe sie auch gelesen. Aber ich werde sie nochmals anschauen. Die Autorin ist eine offenbar in Deutschland lebende Perserin, ‚Iranistin’, wie es heisst. Was ist eine Iranistin? Gibt es auch Schweizisten? Bist Du eine Schwedistin?
Nein, wir wollen uns das Leben nicht mit schwierigen Fragen versauern!
Ich wünsche Dir einen feinen Tag
Mit lG+hK
Ruedi
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