Mittwoch, 6. Mai 2020
Geschimpfe und ein Imponiergehabe.
Liebe Malou
Heute Morgen habe ich auf dem Weg zum Bahnhof ein wenig auf die Vögel geachtet. Sie pfeifen gegen den kalten Wind an. Es klingt noch nicht so friedlich und fröhlich, wie es bei blauem Himmel klingen würde. Aber wie wir ja wissen, ist das Gepfeife eher ein Kampfruf als etwas anderes. Jeder kleine Kerl will bloss sein Revier verteidigen und warnt all seine aufsässigen Nachbarn mit den übelsten Pfiffen, was passieren würde, wenn einer es wagen könnte. Man muss sich das vorstellen wie ein wilder Rap. Es ist ein Geschimpfe und ein Imponiergehabe, dass die Vögel unter sich erbleichen und sich verlegen an den Kopf greifen. Nur für die Ohren von uns Sterblichen, wir Fremdsprachler, für uns klingt das alles so romantisch und harmonisch. Und wir können uns kaum vorstellen, dass das alles wahres Kriegsgeschrei sei.
Aber darüber habe ich mich ja mehrmals schon ausgelassen. Doch musst du verstehen, Malou, ich suche eigentlich bloss neue Worte für alte Dinge.
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