Subject: Iran I
Liebe Marlena
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Ich
weiss gar nicht mehr, wie wir drauf gekommen sind, ich sollte
irgendwelche Ähnlichkeiten mit Proust haben. Er ist doch wirklich von
der anderen Seite, der Kerl. Aber ich muss sagen, seit ich ein bisschen
mehr weiss von ihm, ist meine Wertschätzung gestiegen. De Botton hat
ihn mir ziemlich gut vermittelt.
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Ich will Dir ein bisschen über
unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres
Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt
in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und
hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen
Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden,
unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr
"bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir
haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans,
an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in
die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem
letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in
ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus.
Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden
wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir
waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in
Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran.
Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte
man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident.
Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine
ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt,
dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in
heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses
hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl
an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist
es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt
im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel
höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr
geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere
unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein
völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die
grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die
ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild
einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete,
wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke.
Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse
Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht,
wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt
stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht
vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber
hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr
schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für
unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und
kontrolliert und höflich. Unsere B. war auf diesem Hintergrund geradezu
frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich
machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es
war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube,
sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat
Todesängste ausgestanden, wenn sich B. mit jemandem getroffen hat und
sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine
Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in
der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit
ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte
diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja
sonst nicht viel zu machen. Doch sie hat mir erklärt, dass sich die
Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel
- doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau
studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und
was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön
aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse
gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr
Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich
den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie
zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie
Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran
insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung
wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in
den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen
Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens.
Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt
wirklich, warum es Simine immer dort hinunter nach Andalusien zieht:
Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als
Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis
1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht
also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km
verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger
wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich
befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit
riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde
ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig
Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher
gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad
deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den
Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten.
Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen
Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage.
Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne
Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind
wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen
im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum
Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut,
wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Enghelab
gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich
grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6
Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen
Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert
ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste
bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen,
damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine
Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit
Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt
in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern,
den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt
es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie
haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See -
mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge
sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und
Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den
Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in
der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat
ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig -
bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert,
den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch
nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum
Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert
abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das
ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also
nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht
verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am
Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das
Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der
Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt,
voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein
Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat
registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive
Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung
ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben
sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches
Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge
Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten
mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen
sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir
haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise
gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun
schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein
Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten
haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich
aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig.
Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz
mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das
Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im
Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das
man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist
also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme
bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister
war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt
per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur
vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie
interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind
nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es
vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg
hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im
Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt
rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er
eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen
sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du
spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene,
wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es
gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht sosehr
auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz,
dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf
den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5
Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert und
geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm,
weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit
der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten
ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen,
die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet
schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass
sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder
trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus
wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken
wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine
solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden
lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die
Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben
Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld
trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich
den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan
Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach
und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im
Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen
verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie
waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus
wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den
Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen
verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron,
auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und
milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir
die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das
alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem
lieben Gruss
...