Sonntag, 5. April 2020

Iran III (ein verlockendes Angebot)


Subject: Iran III

Liebe Marlena
Letztes mal habe ich, so glaube ich, die Anrede vergessen. Weißt du, ich habe teilweise zuhause geschrieben, und ich wollte nicht gleich allen zeigen, dass ich meiner Marlena schreibe. Und zum Schluss, beim hineinkopieren ins Hotmail, habe ich es wohl vergessen. Tut mir leid, meine Liebste. Nimm es nicht tragisch. Machst Du doch nicht, oder?

Heute ist mein zweiter Arbeitstag. Und ich bin immer noch nicht richtig im Geschäft. Ich bin zwar auch heute sehr früh erwacht und schon um 530h im Büro gewesen. Aber es geht alles noch ziemlich harzig. Das ist nicht so wie bei Dir. Wenn du die neuen Gesichter siehst, dann packt es dein Herz und du bist wieder Feuer und Flamme für Deinen Beruf. Ich sehe hier fast nur Papier, und das packt mir nicht das Herz.
Habe ich Dir schon erzählt, dass eine Tante von S mir einen Job in Teheran angeboten hat. Sie ist Professorin für Psychologie an der Universität Teheran und sie ist sehr bekannt im Land, weil sie oft an Radio und Fernsehen auftritt. Sie hat gesagt, von den 60 Millionen Persern würden sie mindestens 40 Millionen kennen. Aber du weißt ja, die Perser schneiden manchmal auch ein bisschen auf. Aber trotzdem hat sie mir das Angebot gemacht, zusammen eine Klinik namens Pasdaran zu führen. Pasdaran ist das bürgerliche Quartier, wo wir gewohnt haben. Sie meint, es gebe hier genug reiche Leute und es gebe auch genug Probleme. Ich habe zwar kleine Einwände gemacht, dass man ja doch schon ein bisschen die Sprache sprechen sollte als Psychologe, oder dass man die kulturellen Bedingungen bestens kennen müsste. Aber sie fand, dass sich das alles schon geben würde und dass wir sehr erfolgreich sein könnten. Gerade in Schulpsychologie hätten sie zur Zeit im Land einen grossen Bedarf. Man würde mich sicherlich auch als Berater beiziehen. Und weil sie selbst im Gremium sitzt, das Praxisbewilligungen erteilt, sieht sie überhaupt keine Probleme.

Du siehst, wie es läuft. Es ist schon verlockend, eine solche Möglichkeit zu haben. Schliesslich ist das Leben und vor allem die Arbeit machmal ein bisschen grau hier in Basel. Aber andererseits gibt es hier die Sozialversicherungen, die Krankenversicherungen und all die Dinge, die wir nun schon soviele Jahre bezahlt haben. Ich war ja nie ein allzu grosser Abenteuerer und ich bin auch nicht mehr unbedingt in einem Alter für sensationelle Abenteuer. So haben wir uns zwar sehr begeistert gezeigt, aber bedauert, dass unsere Kinder zuerst ihre Studien beenden müssten. Und das braucht noch 5 bis 7 Jahre. Das wäre ja dann bald einmal mein Pensionsalter. Dann sehen die Perspektiven wieder anders aus. Da würde ich ein solches Engagement schon wagen, mit einer guten Pension, in Schweizerfranken ausbezahlt. Man könnte sie ja praktisch mit 10 hochrechnen. Da hätte ich Leben wie ein Krösus in Teheran, mit meiner blossen Rente aus der Schweiz. Ich könnte damit noch einen ganzen Haushalt mit Gehilfen und Dienern unterhalten. Das wäre alles kein Problem.

Na ja, Marlena, du siehst, wie man so ins Träumen kommt. S weiss auch zu erzählen, dass viele UNO-Experten, mit denen sie damals zusammengearbeitet hatte, sagten, das Teheraner Klima wäre sehr angenehm. Viele von ihnen wollten sich nicht mehr versetzen lassen.
Es gäbe auch viele andere Möglichkeiten im Iran.
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Und bei Euch oben in Schweden,...



Samstag, 4. April 2020

"That´s Iran"


Subject: Iran III

Liebe Marlena
Unser Programm ist es, den Iran zu schmelzen, wie Du so schön gesagt hast. Lass mich noch ein bisschen schmelzen.
Eigentlich hätte ich gerne mit viel mehr Leuten im Iran geredet und diskutiert. Aber das ist nicht so leicht. Einerseits habe ich das Hindernis der Sprache, denn ich kann nur mit Leuten reden, die Englisch oder Französisch oder Deutsch reden. Und da gibt es nicht so viele. Die Kusine von S und ihr Mann haben zum Beispiel in Lausanne und Paris studiert. Aber ihr Französisch war wirklich kaum mehr verständlich. Und ob es meines war, kann ich Dir nicht so genau sagen. Ich habe auch gar keine Übung und die Worte kommen mir nicht ohne Anstrengung über die Zunge. Und neben der Sprache gibt es das Hindernis des Geschlechts. Ich kann nur mit Männern diskutieren. Mit Frauen kaum, vielleicht mit jenen aus der Verwandtschaft. Aber auch da ist es nicht so leicht. Sie sind es nicht gewohnt, so offen und direkt zu reden wie wir das tun. Und ganz allgemein reden sie so wenig über Politik, sondern meist ausschliesslich über private Dinge.
Aber immer wieder haben mich Männer angesprochen, weil sie gesehen haben, dass ich ein Ausländer bin. Und sie wollten mit mir reden. Einige konnten kaum ein paar Worte formulieren, andere waren ziemlich intelligent und ich hatte einige ausführliche Gespräche. Schon auf dem Flughafen, als ich am Förderband auf mein Gepäck wartete, wollte ein Perser mit mir plaudern. Da war ich noch nicht wirklich offen und bereit, und ich habe keine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Aber ich habe ihn beobachtet. Er war ziemlich gut gekleidet und bewegte sich selbstbewusst. Es gab Leute vom Flughafen, die ihn grüssten. Er musste also ein ziemlich bekannter Kopf gewesen sein. Ich sah ihn später, wie er mit einer älteren Frau in einem Rollstuhl eine lange Plauderei hatte.
In Isfahan war man besonders interessiert an den Fremden. Die Jungen wollten, so glaube ich, ein bisschen ihr Englisch üben. Manche haben wohl auch gedacht, es würde sich aus dem ganzen vielleicht ein Geschäft entwickeln. Einige waren im Tepichhandel tätig. Aber im allgemeinen war es irgendwie einfach Kontaktfreude. Sie wollten mit jemandem plaudern. Sie hätten auch mit einem Perser plaudern können. Aber ein Ausländer schien vielleicht ein bisschen interessanter. Doch im allgemeinen blieb die Diskussion auf einem einfachen Niveau. Sie wollten wissen, ob die Schweiz besser sei oder Iran. Ich war natürlich nicht so dumm zu behaupten, die Schweiz sei besser. Oft habe ich gesagt, die Schweiz sei zu teuer, oder sie sei zu klein. Das stimmt ja wohl auch.
Viele Gesprächspartner haben mir angedeutet, dass sie mit ihrem System nicht zufrieden sind. Mit dem Bademeister am Kaspischen Meer habe ich mich ziemlich lange unterhalten. Er schien mir ein gescheiter Mann von etwa 30, und nach den Gesichtszügen zu urteilen, wäre er in der Schweiz sicherlich eine Person mit einer höheren Ausbildung gewesen. Ich meinte, es sei doch schlecht, diesen Zaun am Strand aufzubauen, das sei doch läppisch. Und er gab mir zu verstehen, dass er das eigentlich auch finde. Aber es sei eben sein Job, das jetzt zu machen. That's Iran, so meinte er, und verwarf die Hände, um zu zeigen, dass man dagegen nichts machen kann.
Einen jungen Burschen aus der Verwandtschaft, etwa 20 Jahre, der soeben die Prüfung zur Universität bestanden hatte und deshalb sehr glücklich war, habe ich gefragt, warum er Khatamy gewält habe. Er konnte es mir nicht eigentlich sagen. Er meinte nur, Khatamy sei gut, er mache viel für die Jungen. Aber was er denn wirklich für die Jungen machte, das konnte er mir nicht sagen.
Die Leute sind natürlich nicht so genau informiert. Sie lesen kaum Zeitungen und hören wohl auch kaum Nachrichten. Meine Schwiegermutter hat sich Mühe gegeben, immer um 23h abends die englischen Nachrichten einzustellen. So konnte ich ein bisschen mitverfolgen, was los war. Die Nachrichten haben aber immer wieder über dieselben Dinge berichtet. Da war der Aussenminister aus Georgien, der zu Besuch war. Man wollte irgendwie die gegenseitigen Beziehungen pflegen, Handelsabkommen treffen. Aber was das wirklich sollte, wurde nicht gesagt. Man sah Rafsanjani, der offensichtlich immer noch sehr gerne redet. Es gibt Leute, die behaupten, er sei immer noch der mächtigste Mann im Land. In den Parlamentswahlen hätte er zwar fürchterlich wenig Stimmen gemacht. Deshalb wurden sie ja teilweise wiederholt. Aber man hatte ihm dann irgendwie einen Posten als graue Eminenz gegeben. Und in der sonnt er sich offensichtlich. Er spricht wirklich wie die Weisheit in Person. Und dabei kannst Du an seiner Mimik und an der Stimme bemerken, dass er nicht gerade eine Leuchte sein kann. Er ist vielleicht clever, aber nicht wirklich gescheit. Er ist ein Fuchs. Und man sagt, er sei steinreich. Er produziert Pistazien. Und seinem Sohn gehören die Anlagen auf der Insel Kish im persischen Golf.



Von Khatami hatte ich einen ziemlich positiven Eindruck. Schon im Flug habe ich seine Rede gelesen, die er in Weimar Deutschland gehalten hatte. Dabei sprach er vom Dialog der Kulturen und vom Austausch zwischen Traditionalität und Modernismus. Es war natürlich alles ein bisschen wolkig, wie die Perser gerne reden, wenn es um nichts direktes geht. Aber es war eine gute und versönliche Rede, und er forderte auch vom Islam, die bornierten Positionen aufzugeben. Später habe ich vernommen, dass Khatami zwei Jahre in Hamburg gelebt hatte und dort ein islamisches Zentrum geführt hat. Offensichtlich hatte er dort mit verschiedensten Leuten Kontakt und sie zu Diskussionen eingeladen. Er ist ein ziemlich offener Geist mit einem freundlichen Wesen, wenn man seiner Erscheinung glauben kann. Und, ich muss es sagen, er sieht mit seinem Turban und seiner Kleidung als Geistlicher ziemlich elegant aus. In den letzten Parlamentswahlen hatte er ja eine überwältigende Mehrheit für sich gewonnen. Aber im Justitzdepartement sollen seine konservativen Gegner schon die nächsten Gegenmassnahmen aushecken. Aber das Parlament steht mehrheitlich hinter ihm. Und auch das konnte aber nicht verhindern, dass die Diskussion um das neue Pressegesetz nicht hat stattfinden können, weil Khameney, der Staatspräsident dies verhindern wollte. Das Parlament habe sich eine Schlägerei geliefert, habe ich gehört. In den Zeitungen habe ich über Tätlichkeiten kein Sterbenswörtchen gelesen.
Ich denke, im allgemeinen meinen die Perser, im Ausland sei es besser. Es sind seit der Revolution auch wirklich viele Menschen emigriert. Aus S's Familie sind heute etliche in Amerika. Und sie haben grosse Entbehrungen und Mühen auf sich genommen, um in den USA ein neues Leben zu beginnen. Einige haben dabei auch viel von ihrem Besitz verloren. Sie haben das meist für ihre Kinder gemacht, damit sie einmal mehr Lebensmöglichkeiten hätten, als sie es ihnen im Iran hätten bieten können.
Es soll nicht leicht gewesen sein, aus dem Iran auszureisen und den Besitz mitzunehmen. Mein Schwiegervater hat seinem ehemaligen Chef, dem Direktor der UNO Niederlassung in Teheran geholfen, seinen Besitz ins Ausland zu bringen. Er konnte es tun, weil er ja oft Teppiche nach Europa geschickt hatte. Und natürlich ist er heute der Familie sehr dankbar und alle Familienmitglieder könnten jederzeit zu ihm nach Amerika, und er würde sie gastfreundlich in seinem Haus aufnehmen. Er ist überigens Jude.
Auffallend war, wie sehr sich die Fernsehnachrichten mit der PLO und den Palästinensern beschäftigt hat. Das war das wichtigste aussenpolitische Thema. Es war nicht offen aggressiv gegen die Juden, aber doch klar für die Palestinenser. Und daneben gab es noch Meldungen aus Afrika. Die Amerikaner haben sie links liegen lassen. Von ihnen war einfach keine Rede. Und auch von Europa hörte man praktisch nichts. Ich hatte wirklich den Eindruck, ich sei weit weg und auf einem anderen Planeten.
Als wir dort weilten, waren gerade die Aufnahmeprüfungen zur Universität. Es gibt sie jedes Jahr, und sie finden im ganzen Land am selben Tag statt. Hunderttausende von Persern und Perserinnen würden gerne an die Universität gehen, um zu studieren. Aber nur ein kleiner Prozentsatz kommt hin. Wer in Teheran studieren will, muss bessere Prüfungsresultate haben. Wer sein Fach auswählen will, muss bessere Resultate haben. Die zwei jungen Männer aus S's weiterer Familie, die die Prüfungen bestanden hatten waren zwar überglücklich. Aber sie hatten noch keine Ahnung, was sie denn wirklich studieren würden. Im Grunde ist es wohl nicht so wichtig, was man studiert. Denn auch nach dem Examen, wenn man eine Stelle sucht, wird man weniger aufgrund der Studienrichtung angestellt, sondern eher aus anderweitigen Motiven (Beziehungen wohl in der Regel). Bei diesen jährlichen Prüfungen gibt es auch viele Menschen im fortgesetzten Alter, die immer noch versuchen, ihren Wunsch nach einem Studium zu erreichen. Die Menschen dort haben wirklich noch Wünsche und Ambitionen. Und das Wissen liegt noch nicht auf der Strasse.
Ach Marlena, das hört sich wohl alles ein bisschen hölzig an. Hoffentlich habe ich dich nicht gelangweilt. Man sollte das ein bisschen spannender und farbiger schreiben.
Ich schicke Dir also dieses ausgetrocknete Mail und hoffe, dass Du dich dabei nicht verschluckst.
Ich küsse Dich ziemlich eingehend
 ...

Donnerstag, 2. April 2020

Blick durchs Fenster




heute





Jammerschade


Liebe Marlena
Es ist eine Schande. So ist mein ganzes Sonntags-Mail
irgendwo in der Ostsee niedergegangen? Der Gedanke
ist unerträglich. Ich war nämlich wirklich krank, bin aber
am Sonntag sozusagen auf allen Vieren ins Büro gekrochen,
weil ich ein paar Unterlagen brauchte, und hab eben in der
Eile und im Fieberrausch das besagte Mail geschrieben.

Und dann meint sie, sie könne sehr wohl zwischen, aber
nicht zwischen leeren Zwischenräumen lesen! So eine
Antwort auf mein wunderschönes, allerblumigstes und
wohlformuliertes und mit Poesie über und über besprühtes
Sonntags-Mail!! Ist wie eine Vandalen- Attacke aus dem
Hinterhalt und hat mich geradewegs zurück ins
Bett geworfen!
*
Und wo sind - by the way . denn Deine Zeilen?
Es gibt nichts, worauf zu antworten wäre. Nichts, woran
sich anschliessen liesse. Wie soll man denn einen
Nachsatz machen, wenn kein Vordersatz dasteht?
*
Da siehst Du nur, wie empfindlich man unter diesen
Fieberanfällen  wird! Der Kopf brennt, und das passt
ganz und gar nicht zum milden Wetter, das sich vor
dem Fenster anbahnt.

---


Re:

Lieber ...,
Ja, es ist wirklich jammerschade das mit dem verlorenen
Sonntags-mail. Und noch dazu ein so einmaliges.. von dir
selbst bezeichnet als dein "wunderschönes, allerblumigstes
und wohlformuliertes und mit Poesie über und über
besprühtes Sonntags-Mail!!"
Wie kannst du mich nur so foltern? Wo du doch weisst wie
sehr ich sogar um verlorene "Alltagsmails" von dir traure.

Aber vielleicht hat es mit einem meiner Gedankenmails
irgendwo auf der Ostsee Schiffbruch erlitten.. oder auch
schweben sie zusammen glücklich vereint über den
Wolken  ...  ja,  das gefällt mir besser..
Ich schreibe in der Tat meine schönsten Mails an dich
wenn ich mitten in der Nacht aufwache und nicht sofort
wieder einschlafen kann. Leider aber nur in Gedanken.
...




Dienstag, 31. März 2020

IRAN - private Einladungen

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Vielleicht noch ein Wort zu den privaten Einladungen. Wir sind ja da und dort eingeladen worden. Eine solche Einladung im Privaten hat einen standardisierten Ablauf. Perser gesetzeren Alters halten ihn minutiös ein, Jüngere machen da und dort heute kleine Abweichungen. Wenn du hereinkommst, servieren sie dir nach der Begrüssung ein Glas eiskalten Sirups, meist Kirschensirup. Obwohl du natürlich danach lechzst, weil du gerade über eine halbe Stunde im Auto geschwitzt, und nun endlich die staubigen Schuhe abgestreift und dich auf eine kühle Erfrischung gefreut hast, solltest du diesen Sirup dankend ablehnen. Sie mischen den Drink nämlich mit Hahnenwasser, und davor solltest du dich hüten. Du kannst darauf bestehen, dass sie dir einen mit Mineralwasser bringen. Aber meist haben sie kein Mineralwasser. Es ist hier sündhaft teurer, weit teurer als Benzin. Also lässt du den Sirup einfach stehen. Das ist auch insofern gut, also du dann auf keinen Fall gierig wirkst. Schnell zu trinken oder zu essen wäre ziemlich daneben. Etwas stehen zu lassen gilt eher als schick denn als unhöflich. Es zeigt, dass du sehr wählerisch bist, und dass sie sich sehr anstrengen müssen, um deine Wünsche zu erfüllen. Du lässt dich nicht mit dem Erstbesten abspeisen. Nach dem Sirup bringen sie dir einen Tee. Da kannst du jetzt getrost zugreifen. Er ist ohnehin brandheiss, so dass du ihn mit deinem Wüstendurst nicht gleich hinuntergiessen kannst. Du musst daran nippen wie im Damenkränzchen. Sie servieren den Tee in einem kleinen Glas. Heute sind sie etwas bequemer geworden und bringen manchmal für Männer ein grosses Glas. Und das Gläschen steht auf einer tiefen Untertasse, oft recht hübsches chinesisches Porzellan. Wenn der Tee zu heiss ist, darfst du die ersten Schlücke in die Untertasse giessen, damit er schneller kühlt. Diese Prozedur machst du aber sehr besonnen und mit unendlicher Langsamkeit. Sie zeigt trotzdem, dass du sehr durstig bist und nicht warten kannst, bis das Glas auf Genusstemperatur abgekühlt hat. Zum Tee nimmst du einen kleinen Zuckerbrocken und legst ihn auf die Zunge. Er ist ein bisschen unförmig und eckig, sperrig im Gaumen und sehr hart, damit er sich nicht schon beim ersten Schluck ganz auflöst. Der erste Schluck ist dann praktisch ohne Süsse, guter und etwas bitterlicher Schwarztee, wirklich meist ausgezeichnet und belebend. Der zweite Schluck ist schon etwas süsser, der dritte sehr süss, weil sich der Zucker mittlerweile aufgelöst hat. So schmeckt jeder Schluck ein bisschen anders. Und wenn du den Tee einmal so genossen hast, dann findest du einen Schwarztee aus dem Beutel, der einfach so gesüsst wird und von oben bis unten gleichermassen schmeckt, dann findest du das einfach so monoton und reizlos wie Büchsennahrung oder wie Unterwäsche aus dem letzten Jahrhundert.
Zum Tee oder nach dem Tee bringen sie einige Süssigkeiten, Gebäck, Schokoladestücklein oder sowas. Vielleicht zweifelst du jetzt an deiner Wahrnehmung und du bist nicht sicher, ob du in die richtige Einladung geraten bist. Denn eigentlich hast du dich auf ein Essen vorbereitet, und es scheint eine Teeparty geworden. Aber keine Bange. Du liegst schon richtig. Du musst jetzt einfach diese Süssigkeiten dankend ablehnen, weil du dir damit den Appetit versaust. Du kannst, wenn du äusserst höflich sein willst, einen kleinen Bissen naschen und den Rest liegen lassen. Diese Süssigkeiten gehören einfach dazu. Allah weiss warum. Sonst kaum jemand.
Und dann, irgendwann, wenn du schon lange nicht mehr daran glaubst, tragen sie auf und bitten zu Tisch. Meist stehen vier oder fünf verschiedene Speisen da, auf grossen Platten und schön arrangiert. Und dazu immer Reis und Brot und oft wieder Zwiebeln und Limetten, meist Mastchiar, die Yoghourt-Speise. Und natürlich Cola. Wenn du dir einen Sitzplatz gesichert hast, kannst du gleich loslegen. Jeder nimmt selbst, es wird nicht so förmlich serviert, einer nach dem andern, so dass nur noch der Allerletzte, nämlich der servierende Gastgeber, wirklich ein warmes Essen geniessen kann, wie wir dies in Europa machen. Jeder nimmt, was er mag und fängt gleich an zu essen. Es geht manchmal ziemlich wild durcheinander. Aber alle geniessen es so, und es ist sehr unkompliziert.
Nach dem Essen, wenn der Tisch aussieht wie ein Schlachtfeld, dann bringen sie die Melone. Sie ist kalt und in grosse Stücke geschnitten. Du kannst mit deiner Gabel gleich lospeilen und diesen Melonenbrocken, wenn du magst, direkt und nonstop zum Mund führen und abbeissen. Meist sind sie saftig und zuckersüss, genau das Richtige nach dem Essen. Du kannst sie auch, etwas ladylike, auf dem Teller mit der Gabel zerkleinern und die schwarzen Kerne der Henduné, der roten Wassermelone, herausstochern. Es gibt in Persien etwa 8 Melonensorten. Und jede hat einen eigenen Namen. Wenn sie nicht sehr reif sind, sind sie etwas fade. Aber man kann sie immer auch als Getränkersatz sehen und essen, anstatt Wasser zu trinken.
Nach dem Tisch gibt es sofort wieder Tee. Und nach ein paar Malen bist du so konditioniert, dass du darauf nicht mehr verzichten möchtest. Es gibt extravagante Leute, allermeist Westlerinnen, die fragen, ob sie einen Lindenblütentee oder einen Hagebuttentee haben können. Sie haben Angst, dass sie später nicht einschlafen könnten. Sie werden natürlich angesehen wie Extraterrestrians. Aber die Perser werden sich nichts anmerken lassen. Ich erinnere mich, S wollte bei ihrer Tante irgend so einen Tee. Und diese sagte, sie müsse in der Küche nachsehen, ob sie diesen Tee hätte. Ich hätte schwören können, dass sie keinen solchen Tee in der Küche hat. Sie hat auch wirklich keinen gehabt. Wenn ich richtig verstanden habe, wollte sie nicht einfach schon so zu Beginn nein sagen und die Hoffnung zerstören. Eine Schweizer-Hausfrau hätte wohl umgekehrt vorerst direkt die Hoffnung gemindert, indem sie Zweifel an der möglichen Erfüllung des Wunsches formuliert hätte. Oder sie hätte direkt gesagt, so ein Tee führe sie nicht in ihrer Küche. Klipp und klar und hart, wie wir in Europa sind. Aber das ist nicht Sache der Perser. Sie lassen dich lieber noch eine Zeitlang in deinen falschen Hoffnungen schwelgen. Es wird sich ja dann schon irgend eine Lösung finden. Weshalb also die Leute gleich frustrieren?

Montag, 30. März 2020

Iran I - Teheran



Subject: Iran I

Liebe Marlena
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Ich weiss gar nicht mehr, wie wir drauf gekommen sind, ich sollte irgendwelche Ähnlichkeiten mit Proust haben. Er ist doch wirklich von der anderen Seite, der Kerl. Aber ich muss sagen, seit ich ein bisschen mehr weiss von ihm, ist meine Wertschätzung gestiegen. De Botton hat ihn mir ziemlich gut vermittelt.
*
Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B. war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B. mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch sie hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es Simine immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Enghelab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht sosehr auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert und geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.

Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
...

Samstag, 28. März 2020

Wie Proust Ihr Leben verändern kann




Ich habe für mich - du wirst schmunzeln Marlena - ein kleines Taschenbuch für die nächste Zeit gefunden. Es heisst "Wie Proust Ihr Leben verändern kann", von einem Schweizer namens Alain de Botton. Du weißt ja sicher, wie Proust in der Vergangenheit gerührt hat. Nichts anderes hat er gemacht. Noch seine Madelaine hat er in der Vergangenheit gegessen. De Botton hat in Cambridge studiert und lebt in London. Er schreibt ein bisschen maniriert und intellektuell. Das mag ich. Das Buch fängt so an: 1. Wie man das Leben heute liebt
"Es gibt wenig, dem sich der Mensch mit grösserer Hingabe widmet als mit dem Unglücklichsein. Hätte ein böser Schöfper uns nur in die Welt gesetzt, damit wir leiden, dürften wir uns zu Recht damit brüsten, diese Aufgbabe mit Begeisterung erfüllt zu haben. Dabei gibt es wahrhaftig genug Gründe, untröstlich zu sein: die Vergänglichkeit des Fleisches, die Unbeständigkeit der Liebe, die Verlogenheit im Alltag, die Kompromisse zwischen Freunden, die lähmende Wirkung der Gewohnheit. Angesichts derartiger Misstände sollte man meinen, dass wir nichts sehnlicher herbeiwünschen müssten als unsere eigene Auslöschung."
Du siehst, ich bin auf dem Weg der Besserung.

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Jetzt habe ich mein de Botton zu Ende gelesen. Und nun, was kann ich zum Schluss sagen. Ich glaube, Marlena, alles in allem, könnte ich dir dieses Büchlein empfehlen. Sicherlich weißt du natürlich mehr über Proust als ich es gewusst habe. Doch ich finde, de Botton führt auf geschickte und leicht lesbare Art und Weise in das Denken und die Literatur Prousts ein, und erwähnt daneben biographische Aspekte, die ja zum Verständnis der Literatur nicht absolut notwendig sind, aber oft eben doch erhellend. Er hat sein Projekt einfach und gut angepackt. Er baut es wirklich fast wie ein Ratgeber auf und gibt dann Proust das Wort. Und die Kapitel hören sich auch an wie zentralen Fragen des Lebensberaters: Wie man das Leben liebt? Wie man richtig liest? Wie man sich Zeit nimmt? Wie man erfolgreich leidet? Wie man Gefühlen Ausdruck verleiht? Wie man Freundschaften pflegt? Wie man in der Liebe glücklich wird? Er hat nichts ausgelassen, dieser gute Proust. Und offenbar war er nicht nur der Unglücksrabe, als den ich ihn anfangs angesehen habe. Die Theorie sozusagen, die sich aus seinen Ausführungen ergibt, finde ich ziemlich intelligent und sie hat was an sich. Vielleicht könnte man sie so zusammenfassen: der Wert des Lebens entsteht durch die Art der Erinnerung. In der Erinnerung entsteht dieses vergoldete Lebenskunstwerk. Und nicht etwas das reale Leben wäre schon so ein Kunstwerk. Das reale Leben ist voller Kompromisse und Unvollkommenheiten und Grautöne und auch Leiden. Aber die Erinnerung kann dann alles ins rechte Licht rücken und das Leben als einzigartig und schön und ideal erstrahlen lassen. Und davon, Marlena, das muss ich zugeben, bin ich selbst nicht so weit entfernt. Ich könnte ja direkt Proustianer werden. Doch es gibt auch Aspekte an diesem Typen, die mir unsympathisch sind. Seine neurotische Lebensweise etwa, seine vielen Leiden, die er hatte. Es wimmelt offenbar in der Recherche von Leiden und Leidensgründen: seine Mutter, die Homosexualität, verhinderte Liebschaften, gescheiterte Theaterkarriere, Unverständnis der Freunde, Asthma, Nahrungsunverträglichkeiten, Verdauensprobleme, irgendwelche Komplikationen mit den Unterhosen, überempfindliche Haut, Angst vor Mäusen, Kälteempfindlichkeit, Höhenangst, Hustenanfälle, Angst vor Reisen, Flucht ins Bett, Lautempfindlichkeit. Es will gar nicht enden. Und Proust muss in dieser Hinsicht wirklich ein sehr eingeschränkter Mensch gewesen sein. Er erzählt offenbar in diesem Zusammenhang von Noah, der für ihn ein symbolisches Vorbild ist. Noah hat die Welt aus seiner Arche, also einem geschlossenen Raum wahrgenommen. Er hat sie in der Erinnerung wahrgenommen. Und Proust tut dasselbe von seinem Bett aus. Er hat offenbar meist im Bett gearbeitet. Das muss ziemlich unbequem gewesen sein.
Er war also absolut neurotisch und krankhaft. Und doch hat er seine Situation irgendwie intelligent genutzt und einige bemerkenswerte Erkenntnisse daraus gemacht. Virginia Woolf muss offenbar eine grosse Verehrerin Prousts gewesen sein. Sie habe ihn mit grossem Interesse gelesen, und sei ob dem Eindruck, den er auf sie gemacht habe, geradezu verstummt. Er muss ihr grosses Vorbild gewesen sein, und eigentlich wünschte sie zu schreiben wie Proust schreibt. Und offenbar treffen sie sich auch in der homosexuellen Ausrichtung, wenn ich bei Woolfe richtig orientiert bin.
Ich war froh, bei de Botton auch die Szene mit der Madeleine zu finden, denn darüber habe ich schon mehrmals gelesen, und ich wollte immer gerne wissen, was es damit auf sich hat. Ich kann dir die ganze Passage nochmals zitieren, dann kann ich sie gleich auch nochmals lesen:
"Was das Backwerk anbetrifft, so schildert Proust, wie sein erkälteter Erzähler an einem Winternachmittag zu Hause sitzt, als seine Mutter in sein Zimmer kommt und ihm vorschlägt, er solle, entgegen seiner Gewohnheit, eine Tasse Lindenblütentee zu sich nehmen. Er lehnt erst ab, besinnt sich aber aus unerfindlichen Gründen eines Besseren. Zum Tee lässt seine Mutter ihm eine Madeleine servieren, ein dickes, ovales kleines Sandtörtchen, das aussieht, als habe man es in der gefächerten Schale einer Jakobsmusschel gebacken (schön gesagt!!). Der verschnupfte Erzähler bricht, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, ein Stückchen ab, tunkt es in den Tee und trinkt einen Schluck, als etwas Seltsames geschieht:
,,In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack vermischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein Unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmolsen Missgeschicken, seine Kürze zu einem blossen Trug unserer Sinne geworden...Endlich fühlte ich mich nicht mehr mittelmässig, hilflos, sterblich. ,,
Um wleche Sorte Madeleine handelte es sich? Um dieselbe, die seine Tante Léoinie jeden Sonntag in ihren Tee tunkte und dem Erzähler anbot, wenn er das Schlafzimmer in ihrem Haus in dem Provinzstädtchen Combray betrat, wo er als kleiner Junge mit seiner Familie die Ferien zu verbringen pflegte, und ihr einen guten Morgen wünschte. Der Erzähler kann sich, wie an so vieles aus seinem Leben, nur undeutlich an seine Kindheit erinnern, und das, woran er sich entsinnt, erscheint ihm reizlos und uninteressant. Was nicht heisst, dass seine Kindheit tatsächlich trist und öde war, sondern dass er sie einfach nur vergessen hat - und diese Erinnerungslücke schliesst jetzt die Madeleine. Durch eine Laune der Natur versetzt ein Stück Gebäck, das er seit seinen Kindertagen nicht mehr gegessen hat und mit dem sich daher auch keine späteren Assoziationen verbinden, ihn in seine Zeit in Combray zurück und erschliesst ihm eine Fülle köstlicher und ganz persönlicher Erinnerungen. Mit einem Mal erscheint ihm seine Kindheit weitaus schöner als zuvor, und mit neu gefundenem Staunen erinnert er sich an das alte graue Haus von Tante Léonie und mit dem Haus an ganz Combray und seine Umgebung, den Platz, auf den man ihn vor dem Mittagessen schickte, die Kirche, die Strassen, die Blumen in Léonies Garten und die Seerosen auf der Vivonne. Und dabei erkennt er den Wert dieser Erinnerungen, die ihm zu dem Roman inspirieren, den er schliesslich erzählen wird und der in gewissem Sinne einen einzigen langen kontrollierten "Proustschen Moment" darstellt, weil er über dieselbe Sensibilität und dieselbe sinnliche Direktheit verfügt.
Das Erlebnis mit der Madeleine heitzt den Erzähler auf, weil es ihm zu der Erkenntnis verhilft, dass nicht sein Leben mittelmässig war, sondern das Bild, das er sich in der Erinnerung davon gemacht hat. Dies ist eine der zentralen Proustschen Unterscheidungen und für ihn von ebenso grosser therapeutischer Bedeutung wie für den jungen Chardin-Betrachter (hier referiert do Botton auf eine frühere Episode eines jungen Mannes, der durch die Betrachtung von Chardins Bilder seine bescheidene Situation seines Elternhauses zu schätzen gelernt hat).
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Soweit Proust. Ich glaube, ich bin diesem monumentalen Werk jetzt ein bisschen näher gekommen. Ich denke zwar nicht, dass ich es wirklich lesen werde - wann sollte ich auch - aber ich weiss jetzt besser, was es damit auf sich hat. Insofern war de Botton doch ziemlich informativ für mich. Wie ich vermutet habe. Der Anfang ist einnehmend, aber es hält sich einigermassen durch bis zum Schluss. Offenbar hat er sich eingehend mit Proust beschäftigt. Und er kann die zentralen Aspekte herausheben, das heisst klarer machen. Das ist ja nicht ganz einfach, angesichts der Tatsache, dass ich einer bin, der ich Proust noch nie gelesen habe. Das Büchlein de Bottons ist gehobene Unterhaltung. Walter hat schon sein Interesse angemeldet, und ich werde es ihm dann wohl ausleihen müssen. Oder soll ich es zuerst dir schicken, Marlena? Das würde ich so gerne, es dir geben, um dann mit dir darüber zu diskutieren und sehen, wie du es gelesen hast, was du daraus nehmen wirst. Das wäre doch echt schön. Und zur Diskussion würden wir einen Lindenblütentee trinken und eine Madeleine darin tunken, wie es sich für Proustianer gehört. Für einmal würden wir unseren Kaffee beiseite lassen, und in solch einen Lindenblütentee hineinbeissen wie in den sauren Apfel. ;--)
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