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Vielleicht noch ein Wort zu den privaten Einladungen. Wir sind ja da und
dort eingeladen worden. Eine solche Einladung im Privaten hat einen
standardisierten Ablauf. Perser gesetzeren Alters halten ihn minutiös
ein, Jüngere machen da und dort heute kleine Abweichungen. Wenn du
hereinkommst, servieren sie dir nach der Begrüssung ein Glas eiskalten
Sirups, meist Kirschensirup. Obwohl du natürlich danach lechzst, weil du
gerade über eine halbe Stunde im Auto geschwitzt, und nun endlich die
staubigen Schuhe abgestreift und dich auf eine kühle Erfrischung gefreut
hast, solltest du diesen Sirup dankend ablehnen. Sie mischen den Drink
nämlich mit Hahnenwasser, und davor solltest du dich hüten. Du kannst
darauf bestehen, dass sie dir einen mit Mineralwasser bringen. Aber
meist haben sie kein Mineralwasser. Es ist hier sündhaft teurer, weit
teurer als Benzin. Also lässt du den Sirup einfach stehen. Das ist auch
insofern gut, also du dann auf keinen Fall gierig wirkst. Schnell zu
trinken oder zu essen wäre ziemlich daneben. Etwas stehen zu lassen gilt
eher als schick denn als unhöflich. Es zeigt, dass du sehr wählerisch
bist, und dass sie sich sehr anstrengen müssen, um deine Wünsche zu
erfüllen. Du lässt dich nicht mit dem Erstbesten abspeisen. Nach dem
Sirup bringen sie dir einen Tee. Da kannst du jetzt getrost zugreifen.
Er ist ohnehin brandheiss, so dass du ihn mit deinem Wüstendurst nicht
gleich hinuntergiessen kannst. Du musst daran nippen wie im
Damenkränzchen. Sie servieren den Tee in einem kleinen Glas. Heute sind
sie etwas bequemer geworden und bringen manchmal für Männer ein grosses
Glas. Und das Gläschen steht auf einer tiefen Untertasse, oft recht
hübsches chinesisches Porzellan. Wenn der Tee zu heiss ist, darfst du
die ersten Schlücke in die Untertasse giessen, damit er schneller kühlt.
Diese Prozedur machst du aber sehr besonnen und mit unendlicher
Langsamkeit. Sie zeigt trotzdem, dass du sehr durstig bist und nicht
warten kannst, bis das Glas auf Genusstemperatur abgekühlt hat. Zum Tee
nimmst du einen kleinen Zuckerbrocken und legst ihn auf die Zunge. Er
ist ein bisschen unförmig und eckig, sperrig im Gaumen und sehr hart,
damit er sich nicht schon beim ersten Schluck ganz auflöst. Der erste
Schluck ist dann praktisch ohne Süsse, guter und etwas bitterlicher
Schwarztee, wirklich meist ausgezeichnet und belebend. Der zweite
Schluck ist schon etwas süsser, der dritte sehr süss, weil sich der
Zucker mittlerweile aufgelöst hat. So schmeckt jeder Schluck ein
bisschen anders. Und wenn du den Tee einmal so genossen hast, dann
findest du einen Schwarztee aus dem Beutel, der einfach so gesüsst wird
und von oben bis unten gleichermassen schmeckt, dann findest du das
einfach so monoton und reizlos wie Büchsennahrung oder wie Unterwäsche
aus dem letzten Jahrhundert.
Zum Tee oder nach dem Tee bringen sie einige Süssigkeiten, Gebäck,
Schokoladestücklein oder sowas. Vielleicht zweifelst du jetzt an deiner
Wahrnehmung und du bist nicht sicher, ob du in die richtige Einladung
geraten bist. Denn eigentlich hast du dich auf ein Essen vorbereitet,
und es scheint eine Teeparty geworden. Aber keine Bange. Du liegst schon
richtig. Du musst jetzt einfach diese Süssigkeiten dankend ablehnen,
weil du dir damit den Appetit versaust. Du kannst, wenn du äusserst
höflich sein willst, einen kleinen Bissen naschen und den Rest liegen
lassen. Diese Süssigkeiten gehören einfach dazu. Allah weiss warum.
Sonst kaum jemand.
Und dann, irgendwann, wenn du schon lange nicht mehr daran glaubst,
tragen sie auf und bitten zu Tisch. Meist stehen vier oder fünf
verschiedene Speisen da, auf grossen Platten und schön arrangiert. Und
dazu immer Reis und Brot und oft wieder Zwiebeln und Limetten, meist
Mastchiar, die Yoghourt-Speise. Und natürlich Cola. Wenn du dir einen
Sitzplatz gesichert hast, kannst du gleich loslegen. Jeder nimmt selbst,
es wird nicht so förmlich serviert, einer nach dem andern, so dass nur
noch der Allerletzte, nämlich der servierende Gastgeber, wirklich ein
warmes Essen geniessen kann, wie wir dies in Europa machen. Jeder nimmt,
was er mag und fängt gleich an zu essen. Es geht manchmal ziemlich wild
durcheinander. Aber alle geniessen es so, und es ist sehr
unkompliziert.
Nach dem Essen, wenn der Tisch aussieht wie ein Schlachtfeld, dann
bringen sie die Melone. Sie ist kalt und in grosse Stücke geschnitten.
Du kannst mit deiner Gabel gleich lospeilen und diesen Melonenbrocken,
wenn du magst, direkt und nonstop zum Mund führen und abbeissen. Meist
sind sie saftig und zuckersüss, genau das Richtige nach dem Essen. Du
kannst sie auch, etwas ladylike, auf dem Teller mit der Gabel
zerkleinern und die schwarzen Kerne der Henduné, der roten Wassermelone,
herausstochern. Es gibt in Persien etwa 8 Melonensorten. Und jede hat
einen eigenen Namen. Wenn sie nicht sehr reif sind, sind sie etwas fade.
Aber man kann sie immer auch als Getränkersatz sehen und essen, anstatt
Wasser zu trinken.
Nach dem Tisch gibt es sofort wieder Tee. Und nach ein paar Malen bist
du so konditioniert, dass du darauf nicht mehr verzichten möchtest. Es
gibt extravagante Leute, allermeist Westlerinnen, die fragen, ob sie
einen Lindenblütentee oder einen Hagebuttentee haben können. Sie haben
Angst, dass sie später nicht einschlafen könnten. Sie werden natürlich
angesehen wie Extraterrestrians. Aber die Perser werden sich nichts
anmerken lassen. Ich erinnere mich, S wollte bei ihrer Tante irgend so
einen Tee. Und diese sagte, sie müsse in der Küche nachsehen, ob sie
diesen Tee hätte. Ich hätte schwören können, dass sie keinen solchen Tee
in der Küche hat. Sie hat auch wirklich keinen gehabt. Wenn ich richtig
verstanden habe, wollte sie nicht einfach schon so zu Beginn nein sagen
und die Hoffnung zerstören. Eine Schweizer-Hausfrau hätte wohl
umgekehrt vorerst direkt die Hoffnung gemindert, indem sie Zweifel an
der möglichen Erfüllung des Wunsches formuliert hätte. Oder sie hätte
direkt gesagt, so ein Tee führe sie nicht in ihrer Küche. Klipp und klar
und hart, wie wir in Europa sind. Aber das ist nicht Sache der Perser.
Sie lassen dich lieber noch eine Zeitlang in deinen falschen Hoffnungen
schwelgen. Es wird sich ja dann schon irgend eine Lösung finden. Weshalb
also die Leute gleich frustrieren?
Dienstag, 31. März 2020
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