Sonntag, 22. März 2020
Was ist los?
Liebe Malou
Dein Mail klingt nicht sehr zündend, eher nach dunkler Winternacht. Was ist los mit Dir? Ist das schon die Frühlingsdepression oder noch die Wintertraurigkeit, so könnte man fragen. Ähnlich wie Romeo seine Julia gefragt hat, ob das schon die Lärche sei, oder noch die Nachtigall?
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Ja, irgendwie habe ich den Eindruck, das Leben sei im Moment besonders monoton. Was ist los? Ist es das Wetter? Ist es die Jahreszeit? Ist es die Arbeit? Die Familie? Das Alter? Oder bin zum Schluss wieder ich ganz allein schuld? ;--))
Ich habe ein wenig Proust gelesen, nachdem Du mich mitten in sein Schlafzimmer geführt hattest. Nun, es ist nicht Proust direkt, sondern so genannte Sekundärliteratur. Ich habe vor einiger Zeit ein kleines Büchlein gefunden, das heisst „Proust für Eilige“. Genau richtig, habe ich mir gedacht, und das Ding in aller Eile gekauft. Die Autorin, eine junge „Ostdeutsche“, hat ihn offenbar eingehend gelesen und zusammengefasst. Und sie gibt ein paar lustige Ratschläge zur Lektüre. Manchmal bezieht sie sich auch auf de Botton. So siehst Du, habe ich eine Pause von meinem alten Preussen Kant gemacht. Das Buch ist ja auch unermesslich dick und langfädig. Und ist nicht mehr so neu, also ein bisschen altertümlich geschrieben, ziemlich ausführlich und nach allen Details Ausschau haltend. Ich habe in meinem Leben, na ja, sagen wir bis etwa 45 oder 50, jedes Buch ganz von vorne bis hinten gelesen. Erst in den letzten Jahren habe ich angefangen, zu üben, Bücher nur ausschnittweise zu lesen. Aber ich bin noch nicht so gewandt in dieser kleinen Kunst. Und immer, wenn ich einen kleinen Sprung gemacht habe, finde ich, ich verstünde nicht mehr richtig, weil mir alte Informationen fehlten. Aber ich glaube, das Ziel ist trotzdem löblich. Man soll wirklich selektiv lesen lernen. Man soll sich heute nicht mehr führen lassen, sondern autonom und selbständig zusammensuchen, was man brauchen kann.
So harre ich der Zeit, da die Sonne hinter dem Nebel hervorkommen wird, und da die Tauben wieder ihre Cocktailparty halten werden. Ach, gestern habe ich noch eine Filmpassage am Fernsehen angeschaut über Störche in Masuren. Das ist jenseits Königsberg, nicht wahr, schon an der Grenze zu Polen. Dort haben sie viele Störche, während sie hier ziemlich verschwunden sind. Im Elsass gibt es noch Störche, aber in der Schweiz kaum mehr. Störche - hast Du das gewusst, sind sehr zärtliche Partner. Aber sie sind nicht monogam. Sie sind ihrem Nest treu. Sie kommen jedes Jahr zurück zum alten Nest. Und sie lieben den Partner, den sie dort im Nest finden. Meist ist es natürlich der alte. Aber es kann auch ein neuer sein. Ich war fasziniert von diesen Vögeln mit den langen Schnäbeln. Sie sind dankbar zum Zeichnen. Ungerer hat sie oft dargestellt in seinen Ansichten aus dem Eslass.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag. Und irgend eine feine Aufhellung, meteorologisch oder anders.
Mit lGuK
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