Freitag, 28. Februar 2020

Ist es nicht schön?

(R)
...  sich alternative Leben auszudenken?

Vielleicht wäre ich Künstler geworden. Denk Dir mal so was, Malou! Ich würde jetzt in einem dunkeln Atelier im Kreis 4 Zürichs unter Huren und Türken dahinvegetieren, würde mich notdürftig von Büchsenbohnen und kalten Buffets an Vernissagen ernähren, und mich an letzteren auch gelegentlich wieder mal richtig besaufen. Ich hätte vielleicht 2 oder 3 heisse Freundinnen, eine blonde, eine brunette und eine schwarze, wie ich wohl annehme, und ich würde mein kleines Harem notdürftig pflegen und zufrieden stellen mit viel Scherereien, zugegeben, und Streitigkeiten. Und daneben hätte ich in meinem Alter all meine Illusionen verloren über Kunst und den Idealismus. Ich würde mit Misstrauen beobachten, wie die jungen Künstler von den Behörden grosse Auftrage zugewiesen bekommen, und wie sie sich dann bei jenen bourgeoisen Ärschen noch mehr anbiedern und einschleimen. Widerlich! Vielleicht würde ich im Stillen immer noch nach meinem grossen Jahrhundertwerk gieren, jenem Bild, oder jener Statue, jenem Meisterwerk, welches endlich allen Menschen die Augen öffnen kann. Und von diesem zehrenden Leben wäre ich mit diesem Alter bereits heruntergekommen. Ich hätte meine Anfälle, meine Magenkrämpfe oder so, und trotzdem würde ich regelmässig meinen Dôle trinken und dazu Gitanes rauchen. Ach, ich würde mich langsam zugrunde richten und würde das alles noch geniessen. Ich wäre wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt.

Ist es nicht schön, sich alternative Leben auszudenken? Frisch hat sich in der ‚Biographie’ mit diesen Fragen beschäftigt. Man kann sich damit sehr glücklich, oder aber - zweifellos - auch unglücklich machen. Ich selbst bin darüber eher glücklich. Ich meine, ich erlebe dabei die Weite des Lebens. Ich empfinde, wie gross die Möglichkeiten der Existenz eigentlich wären, und wie viel anders mein Lebenslauf auch hätte ausgehen können. Ich glaube, es macht irgendwie zufriedener mit dem, was man hat. Man fühlt sich dann so ordentlich und zufrieden in der Mitte all dieser wilden und abenteuerlichen Spuren und Wegzeichen in der weiten Landschaft. Man weiss sich auf einem ordentlichen, gesicherten Wanderweg, der zwar nicht wirklich irgendwo hin führt, aber zumindest sich nicht allzu gefährlich ausgibt. Und dazu trifft man auf dieser kleinen, gut ausgebauten Avenue jede Menge netter Menschen, die auch unterwegs zu sein scheinen, die aber auch nicht wirklich wissen, wohin der Weg führt. Das ist der wesentliche Unterschied: bei den Menschen auf dem Weg entscheidet der Weg über die Gehrichtung. Bei jenen, die eigenmächtig durch die wilde Natur gehen, entscheidet jeder selbst. Das macht ihn wohl wacher für die Situation. Vielleicht kommt er nicht wirklich an einem selbst gewählten Ziel an, aber mindestens er hat seinen Weg selbst gewählt. Er fühlt sich heroisch, denn er hat immer wieder den Eindruck, in einer Krisensituation zu sein, in einer Situation, die über Tod und Leben entscheidet. Und gerade das macht, dass er sich so lebendig fühlt. Wir hingegen wandern ruhig auf dem Strässchen wie auf einem Sonntagnachmittagspaziergang. Und jedes Kind weiss doch, wie langweilig Sonntagnachmittagspaziergänge sein können!! Und so ist es nicht erstaunlich, dass wir ein bisschen schläfrig dahin gehen und nicht wirklich wach zu sein brauchen. Das einzige, was wir benötigen, ist die Motorik der Beine. Und sie arbeitet bekanntlich routinemässig und völlig automatisch. Wir brauchen bloss zusehen, dass sich an den Füssen keine Blasen entwickeln!!

Ich muss jetzt zurück auf mein langweiliges Strässchen und die Sitzung für Montag vorbereiten. Dann fahre ich nach Basel.
MlGuKusw
 ...





Mittwoch, 26. Februar 2020

Re: Vom Flüstern der Tauben ...


Subject: Stille


Liebe Malou

Ja, Schnee ist irgendwie schön. Man findet sich in einer verzauberten Welt wieder. Und zuhause geniesst man die warme Ecke, den duftenden Tee und die Lektüre im Schaukelstuhl. Jetzt hast du keinen Schneeschaufler mehr. Oder hast du einen neuen. Macht das K für dich? Das nehme ich doch wohl an.

Ich ein Haus-Hocker. Ich sitze gerne zuhause hinter dem Ofen. Aber im letzten Jahr habe ich mich gar nicht mehr richtig zuhause gefühlt. Ich hoffe, das wird dann in meinen vier Wänden anders werden. Ich bin jetzt bald zu Ende mit meiner Packerei. Man kann sich nicht vorstellen, wieviel dazu gehört. Soviel vom Geschirr über die Kleider bis zu den Möbeln. Die Bücher, das ist auch viel, aber das ist alles in allem noch die übersichtlichste Packung. Ich werde bestimmt die nächsten 2 Jahre in meinen 2 Zimmern voller Schachteln leben. Vielleicht muss ich sie bemalen, um die Wohnlichkeit zu erhöhen?  Oder Vorhänge finden, die die Landschaft aus Kisten und Schachteln etwas mildern?

Ja Malou, es wird ruhiger werden. Ich kann nicht lange ein solch turbulentes Leben führen und kreuz und quer durch die Schweiz fahren. Nein, das kann ich wirklich nicht. Die Vagabunderei ist der Traum des sesshaften Bürgers. Sie sagt vielleicht mehr über die Sesshaftigkeit und die Verstocktheit als über sich selbst aus. Aber ich bin doch wieder etwas lebendig geworden durch diese Vitalkur. Ich halte meine Augen wieder mehr offen als vorher. Mein Puls geht ab und zu in die Höhe bis in die Halsschlagader. Und vor allem, ich spüre ihn wieder. Irgendwie habe ich das Leben wiederentdeckt, Malou, und das ist schön. Es ist zwar voller Risiken. Man kann jeden Tag neu glücklich oder unglücklich leben. Und es ist nicht alles auf die goldene Mittellage eingestellt. ... wollest mit Freuden und wollest mit Leiden uns nicht überschütten, doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden ... lautet das Gedicht, ein Gebet von Mörike (glaube ich), eigentlich einem süddeutschen Pfarrer.

Es wird heute ein bedeckter und düsterer Tag werden. Schauen wir, was auf uns zukommt.

Mit lieben Grüssen und Küssen Qs ...
...




Dienstag, 25. Februar 2020

Gigeli-Ziischtag


Liebe Malou
Ach ja, ich erinnere mich daran, dass du mal ein Foto
geschickt hast, wo man dich solch ein semla essen sah.
Im Wallis nannte man diesen Tag Gigeli-Ziiischtag. In der
Deutschschweiz würde Gigeli eigentlich "unkontrolliertes
Lachen, Lustigsein, sich nicht mehr halten könen"
bedeuten. Aber was es bei den Wallisern bedeutet, weiss
ich nicht. Vielleicht haben sie den Namen aus der
Deutschschweiz übernommen.
Auf jeden Fall haben sie morgen auch Ascher-Mittwoch.
Dann gehen sie alle mit blassbleichen Gesichtern und
aufgewühlten Frisuren um und versprechen, bis Ostern
Diät halten zu wollen.
Ich habe ein paar lustige und schöne Erinnerungen an
Walliser Fasnachten. Doch jedesmal war auch viel Alkohol
im Spiel. Die Walliser trinken einfach in der Regel ziemlich
viel. Ich weiss gar nicht, wie ich jetzt noch dort leben
könnte. Die Männer treffen sich meist in
Restaurants, trinken eine Runde, gehen dann ins nächste
Restraurant. Und das geht weiter bis Mitternacht. An einen
erinnere ich mich speziell.  ...

Übrigens, weshalb liegt neben dieser Semla ein Löffel.
Isst man sie mit Löffel. Oder kann man auch einfach so
hineinbeissen, um nachher einen weissen Schnauz
herumzutragen?

---

Lieber ... ,


Ja, dein schönes Wallis. Das vergisst du nicht. Sind wir
nicht bescheiden, wir Schweden? Sitzen still und brav
vor unserer Semla, während die übrige Welt wilde Späss
 treibt.
 Diese Semmeln soll man eigentlich in warmer
Milch vom Teller Essen. Aber die meisten essen sie so,
genau wie du es erraten hast, mit nachher etwas Sahne
auf der Nase.

...

Montag, 24. Februar 2020

Semmeltag





Lieber ... ,

Heute ist Semmeltag bei uns. Jemand hat gesagt dieser
Tag sei  für Schweden so gross wie der Karneval für Rio.


"Es ist natürlich kein Zufall, dass der Semmeltag gerade
heute ist, denn morgen ist Aschermittwoch und die
Fastenzeit beginnt. Da man sich heute also nochmal
richtig den Magen vollhaut, heisst der Semmeltag auch
"fetter Dienstag", oder Fettisdag. Zum Glück ist meines
Wissens aber der christliche Ursprung des fetten Dienstag
und damit des Semmelessens den Schweden ziemlich egal
und ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch nächsten
Dienstag wieder Semmelesser antreffen wird. Manche
sehen den Tag sogar als Beginn der Semmelsaison. :-) "

Wenn du hier wärest, würde ich dich in eine kleine
Konditorei mitnehmen und dir einen solchen von Marzipan
gefüllten Leckerbissen anbieten. Ja, das würde ich heute
tun wollen.

Hier läuft das Leben seinen "wackeligen Gang", wie du es
zu nennen pflegst. Aber gerade schaut die Sonne zwischen
den Wolken hervor. Es kommt ein Frühling.

Ich wünsche dir einen schönen angenehmen Tag
mit lieben Gs und Ks
Malou



Vom Flüstern der Tauben ...



... zum Liebesschrei der Primaten. So könnte man
vielleicht die gigantische Veränderung in deinem
Leben bezeichnen.

Ja, ich vermisse sie, die harmonischen stillen Tage,
die wir einst miteinenader verbracht haben. Aber ich
glaube nicht, dass du dein Schreibtalent jetzt verloren
hast, wie ich schon befürchtet hatte. Deine letzten,
zwar kurzen aber doch spirituellen mails trösten mich,
dass es nicht so ist.
So warte ich geduldig auf deinen Bericht von den
Ereignissen, die du angedeutet hast.

Ich wünsche dir ein ganz wunderbares Wochenende.
Mit lieben Gs und Ks und Qs
Marlena









Zügelei und Wetter


25 January  20:55
subject: Das Liebesgeschrei der Primaten !


Liebe Malou

Ich weiss, ich bin sehr absorbiert. Und das ist nicht nur
wegen des Schnees, der gestern gefallen ist. Ich bin schwer
beschäftigt. Als du mich letzthin gescholten hast, dass ich
meine Zügelei so in die Länge ziehe, habe ich heute eine
Firma angerufen, um die Sache an die hand zu nehmen.
Ich kann das schon rascher machen, es bleibt dann einfach
ziemlich viel Unordnung hinter mir zurück. Und das wollte
ich irgendwie vermeiden. Aber einen gewissen Zeitdruck
durch einen Termin kann ich  - so glaube ich - gut gebrau-
chen. Kürzlich hat mich eine Bekannte angerufen, die ich
in R getroffen hatte. Als sie hörte, dass ich noch zuhause
sei, hat sie gelacht und gedacht, ich würde das nie schaffen.
Ich wäre noch zu sehr verknüpft mit S. Aber das glaube ich
nicht. Mein Problem ist wirklich die Zügelei. Ich wünschte
mir alles wäre hinter mir und ich würde dort in der Nähe
Affenhaus leben und nachts das Liebesgeschrei der
Primaten hören.
So wird es Ende dieses oder anfangs nächsten Monats sein.
Ab Mitte Februar kannst du mich besuchen Malou. Dann
ist alles bereit. ...
Und wenn du hier alles gesehen hast, wirst du ganz froh
und zufrieden zurück in dein schönes Einfamilienhaus
kehren. Und wirst vielleicht bloss mehr das Affengeschrei
vermissen.

Ja, du glaubst es kaum. Hier hat es ca. 10 bis 15cm
geschneit. Es sieht alles aus wie ein Weltwunder. Und man
fragt sich, wie sich der Himmel selbst überlistet hat, um uns
eine solche Pracht zu bescheren. Es ist wirklich lange her,
seit er das zum letzten Mal gemacht hat. Nur euch dort oben
berücksichtigt er bevorzugt. Aber hier lässt er bald Wüsten
entstehen.  Ich hoffe doch sehr, dass sich das ändern
wird..

Am Wochenende bin ich sehr beschäftigt. Ich erzähle dir
später davon.

Ich wünsche dir einen feinen Abend.
Mit lieben Grüssen und Küssen in Qs

...



Wann ist später?

Lieber ...,

Immer wieder deutest du Dinge an, die du vor dir hast und
beendest das ganze mit den Worten:
"Ich erzähle dir später davon".

Ich schreibe dir auch bald wieder ein anständiges Mail.

Bis dahin sei herzlich gegrüsst
nicht ohne Ks und Qs   

Marlena



"Tassen im Schrank"



Liebe Malou

Gestern habe ich schon mal ein bisschen Geschirr gezügelt.
Ich habe mir gedacht, dass ich mir dabei viel Packerei
erspare, wenn ich die Tassen und Gläser wie Pralinen ins
Köfferchen beige und so hintrage. Na ja, es ist ja nicht zu
Fuss zu machen, ca. 20 Minuten mit der S-Bahn. Aber jetzt
habe ich dort doch einige "Tassen im Schrank"..
Kennst du den Ausdruck Malou? Ich könnte dir jetzt ohne
weiteres einen Kaffee servieren. Es ist alles da: Tasse,
Untertasse, Löffelchen .... na ja, die Kaffeebohnen fehlen
noch. Eine Kleinigkeit! Und dazu serviere ich 2 Cantuccini.
Kennst du diese Mandelgebäcke. Passt gut zum Kaffee.

Und zuhause verlese ich immer noch Bücher. Ach, ich
weiss wirklich nicht genau, wohin damit. Es sind zuviele.
Und diejenigen, die ich zurücklasse, die liegen dann einfach
so herum. Und wenn ich eins suche, dann weiss ich niemals,
wo ich suchen sollte, in Basel oder hier.
Das Leben ist echt anspruchsvoll Malou, meinst du nicht?

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